Zwi­schen Traum und Thril­ler

Bietigheimer Zeitung - - Feuilleton -

Aus­stel­lung Das Kunst­mu­se­um Ra­vens­burg spannt in „Mond­jä­ger“As­ger Jorn mit Nat­ha­lie Djur­berg und Hans Berg zu­sam­men und ent­deckt ei­ne ge­ra­de­zu un­heim­li­che Ver­wandt­schaft. Von Le­na Grund­hu­ber

Ei­gent­lich be­ginnt al­les ganz wohl­er­zo­gen: „Am I al­lo­wed to step on this nice car­pet?“– „Darf ich auf die­sen schö­nen Tep­pich tre­ten?“, fragt das Vi­deo höf­lich. Es führt in ei­nen Raum vol­ler bun­ter, flau­schi­ger Kis­sen, der nach und nach von lus­ti­gen Tie­ren aus Knet­mas­se ge­en­tert wird.

Um zum Schau­platz ei­ner Kin­der­zim­mer­or­gie zu mu­tie­ren. Kro­ko­dil, Ele­fant, Pan­ther, Teu­fel rei­ben sich lust­voll bis ver­zwei­felt an Pols­tern, ver­wan­deln sich un­ab­läs­sig, ver­an­stal­ten ei­nen se­mi-ob­szö­nen Rin­gel­piez, der al­lein den Ge­set­zen des Traums zu fol­gen scheint. Al­bern, exis­ten­zi­ell, bunt, ab­grün­dig. Groß­ar­tig.

Gar nicht so leicht, sich los­zu­rei­ßen von Nat­ha­lie Djur­bergs Kis­sen-Schlacht, die Hans Berg mit sei­ner sug­ges­ti­ven Mu­sik un­ter­malt hat. Doch kaum hat man sich um­ge­wen­det, fin­det man sich im nächs­ten Zwi­schen­reich aus Traum und Thril­ler wie­der. As­ger Jorns Bil­der an der Wand sind zwar im Un­ter­schied zu den Vi­de­os nicht be­wegt, son­dern ge­malt. Aber auch aus Ge­mäl­den wie „Ei­ne Co­BrA-Grup­pe“– Jorn war Grün­dungs­mit­glied der be­rühm­ten Künst­ler­grup­pe der Nach­kriegs­zeit – krie­chen ei­nem un­de­fi­nier­ba­re We­sen ent­ge­gen.

Wun­der­bar son­der­bar

„Mond­jä­ger“heißt die wun­der­bar son­der­ba­re Aus­stel­lung im Kunst­mu­se­um Ra­vens­burg, die mit die­sem Jorn’schen Bild­ti­tel gleich drei Künst­ler be­schreibt. Ei­ner­seits Ani­ma­ti­ons­künst­le­rin Djur­berg und ih­ren kom­po­nie­ren­den Kom­pli­zen Hans Berg. Bei­de kom­men sie aus Schwe­den, bei­de sind sie 1978 ge­bo­ren, zu­sam­men ma­chen sie Ani­ma­ti­ons­fil­me, in de­nen Knet-We­sen selt­sam sur­rea­le Sze­nen be­völ­kern, alo­gisch wie Träu­me, amo­ra­lisch wie das Le­ben in sei­ner tie­ri­schen Tie­fe.

Dar­in sind sie fast un­heim­lich we­sens­ver­wandt mit dem Drit­ten im Bunde, dem Dä­nen As­ger Jorn (1914-1973), der schon fünf Jah­re tot war, als die bei­den an­de­ren zur Welt ka­men. Sei­ne Wer­ke aus der Samm­lung Se­lin­ka bil­den den Aus­gangs­punkt die­ser in je­dem Sin­ne tol­len Aus­stel­lung, die den Be­su­cher an der Ima­gi­na­ti­on packt, ans Un­be­wuss­te will, da­hin, wo die ver­dräng­ten Wün­sche und Ängs­te sit­zen, wo Kon­ven­tio­nen und ver­läss­li­che Be­deu­tun­gen au­ßer Kraft ge­setzt, Rol­len, Hier­ar­chi­en und Iden­ti­tä­ten per­ma­nent im Fluss sind.

„Wir dür­fen nicht das mensch­li­che Tier be­schrei­ben. Wir müs­sen uns selbst als mensch­li­che Tie­re be­schrei­ben“, schreibt As­ger Jorn fünf Jah­re nach dem Zwei­ten Welt­krieg. So wie sei­ne Misch­ge­stal­ten in Trans­for­ma­ti­on sind, so än­dern auch die We­sen in Nat­ha­lie Djur­bergs Fil­men lau­fend ih­re Gestalt oder fin­den sich in Si­tua­tio­nen wie­der, die sich ei­nem han­dels­üb­li­chen Sinn­zu­sam­men­hang of­fen­siv ver­wei­gern. Da ist man dann plötz­lich ge­fan­gen in ei­ner Ho­tel-Halb­welt aus weih­rauch­schwen­ken­den Bi­schö­fen, Glit­zer­pu­deln und leich­ten Mäd­chen, stol­pert durch ein un­ent­rinn­ba­res La­by­rinth aus Kor­ri­do­ren, das wirkt, als wä­re Ta­ran­ti­no auf ei­nem schlech­ten Trip.

Un­ter­des­sen zeigt As­ger Jorns „King­dil­do of Scot­land“sei­ne gel­ben Zäh­ne, und der Mond­jä­ger hetzt durch die Nacht – un­ter­wegs in ei­ne wil­de Welt aus bei­ßen­den Ber­gen und spre­chen­den He­xen­häu­sern. So geht es ein­mal nach Jen­seits von Gut und Bö­se und wie­der zu­rück, tie­risch gro­tesk und schreck­lich mensch­lich zu­gleich.

Fo­to: Cour­te­sy die Künst­ler, Gió Mar­co­ni, Mi­lan/VG Bild-Kunst, Bonn

He­xen­häu­ser kön­nen spre­chen in der gro­tes­ken Mär­chen­welt des schwe­di­schen Künst­ler­du­os Nat­ha­lie Djur­berg und Hans Berg – ein Film­still aus „Dark Si­de of the Moon“.

Fo­to: Do­na­ti­on Jorn, Sil­ke­borg/VG Bild-Kunst/Wyn­rich Zlom­ke

Jorns „Ei­ne Co­BrA-Grup­pe“.

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