Ei­ne Fra­ge des Ver­trau­ens

Hua­wei Spio­na­ge und Sa­bo­ta­ge: Die Be­den­ken, den chi­ne­si­schen Kon­zern die deut­sche 5G-In­fra­struk­tur mit auf­bau­en zu las­sen, sind groß. Der Bund will aber kei­nen Aus­schluss. Von Ste­fan Ke­gel

Bietigheimer Zeitung - - Themen Des Tages / Politik -

Es war ein sel­te­nes Bild, als die drei Aus­lands-Ge­heim­dienst­chefs Deutsch­lands, Groß­bri­tan­ni­ens und Frank­reichs bei der Münch­ner Si­cher­heits­kon­fe­renz im Fe­bru­ar ne­ben­ein­an­der sa­ßen. Und sie wa­ren sich ei­nig in der Ana­ly­se, dass ei­ne der größ­ten Ge­fah­ren im Cy­ber­raum von staat­li­chen Ak­teu­ren aus­geht. „Welt­weit sinkt die Hemm­schwel­le, Cy­ber-An­grif­fe zur Er­lan­gung von po­li­ti­schen, mi­li­tä­ri­schen oder wirt­schaft­li­chen Vor­tei­len ein­zu­set­zen“, sag­te BND-Chef Bru­no Kahl da­mals.

Dar­an hat sich nichts ge­än­dert. Ih­re Sor­ge gilt auch dem chi­ne­si­schen Kon­zern Hua­wei, der in Deutsch­land am Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­netz der Zu­kunft 5G mit­bau­en will. Das Schre­ckens­sze­na­rio: Chi­na könn­te spio­nie­ren – oder das Land lahm­le­gen.

Der fünf­ten Ge­ne­ra­ti­on der mo­bi­len Kom­mu­ni­ka­ti­on wer­den wah­re Wun­der­din­ge vor­her­ge­sagt. Über ih­re Mas­ten sol­len ne­ben der di­gi­ta­len Kom­mu­ni­ka­ti­on un­ter an­de­rem solch sen­si­ble An­wen­dun­gen wie das au­to­no­me Fah­ren ge­steu­ert oder ärzt­li­che Be­hand­lun­gen ab­ge­wi­ckelt wer­den, Un­ter­neh­men und auch Kraft­wer­ke wer­den ih­re Ab­läu­fe dar­über re­geln. 5G wird zum Her­zen der künf­ti­gen Wirt­schaft.

Wis­sen­schaft­ler war­nen, wel­che Fol­gen ei­ne Sa­bo­ta­ge der 5G-In­fra­struk­tur ha­ben könn­te. Wür­den wich­ti­ge Da­ten ver­nich­tet, ver­än­dert oder das Sys­tem so­gar ganz aus­ge­schal­tet, be­ste­he die Ge­fahr, „dass ei­ne gan­ze Na­ti­on oder ein gan­zer Kon­ti­nent un­ter Um­stän­den taub, stumm und blind wer­den kann“, er­klärt Ha­rald Görl, Professor für Be­triebs­sys­te­me und Rech­ner­ar­chi­tek­tu­ren an der Uni­ver­si­tät der Bun­des­wehr in Mün­chen.

Kon­trol­lie­re Hua­wei die In­fra­struk­tur, sei ein chi­ne­si­scher An­griff um­so leich­ter mög­lich. Dem kön­ne man vor­beu­gen, in­dem man meh­re­re Un­ter­neh­men mit dem Auf­bau des 5G-Sys­tems be­auf­tra­ge und nicht nur auf ei­nes set­ze. Ne­ben Hua­wei ste­hen mit No­kia aus Finn­land und Erics­son aus Schwe­den auch zwei eu­ro­päi­sche Her­stel­ler be­reit, die US-Ame­ri­ka­ner ha­ben Cis­co.

Re­gie­rung setzt auf Gü­te­sie­gel

Um den Be­den­ken ent­ge­gen­zu­wir­ken, ha­ben die Bun­des­netz­agen­tur und das Bun­des­amt für Si­cher­heit in der In­for­ma­ti­ons­tech­nik in die­sem Jahr be­reits ei­nen „Si­cher­heits­ka­ta­log“ver­öf­fent­licht. Dar­in wird ei­ne Art Gü­te­sie­gel vor­ge­stellt, um die Ver­läss­lich­keit der An­bie­ter zu be­wer­ten. Tech­ni­sche Tei­le wür­den zer­ti­fi­ziert, zu­dem müss­ten Lie­fe­ran­ten ei­ne Selbst­ver­pflich­tung zur ei­ge­nen Ver­trau­ens­wür­dig­keit ab­ge­ben.

Doch den Ge­heim­diens­ten ist das zu we­nig. Man kön­ne den Auf­bau der kri­ti­schen In­fra­struk­tur der Zu­kunft nicht ei­nem Un­ter­neh­men über­las­sen, „dem man nicht voll ver­trau­en kann“, be­ton­te BND-Chef Kahl kürz­lich.

Hier setzt auch die Kri­tik von Nor­bert Rött­gen (CDU) an, der den Aus­wär­ti­gen Aus­schuss des Bun­des­tags lei­tet. „Dem Ka­ta­log liegt der An­satz zu Grun­de, wir könn­ten durch tech­ni­sche Kon­trol­le Si­cher­heit er­lan­gen“, sagt er. „Wir re­den aber nicht über Si­cher­heit, son­dern über Gra­de von Un­si­cher­heit.“Eu­ro­pa-Po­li­ti­ker Gun­ther Krich­baum (CDU) ap­pel­liert an den Bund, „mit den eu­ro­päi­schen Part­nern“ein „ko­or­di­nier­tes Ver­fah­ren zu su­chen“.

Die Bun­des­re­gie­rung steckt in der Klem­me. Zum ei­nen will sie an­ge­sichts der an­ge­spann­ten La­ge auf den Welt­märk­ten um kei­nen Preis ei­nen Han­dels­krieg mit Chi­na ris­kie­ren. Und ein Aus­schluss von Hua­wei beim 5G-Auf­bau wür­de mit gro­ßer Si­cher­heit Ge­gen­maß­nah­men Pe­kings aus­lö­sen. An­de­rer­seits kennt auch die Bun­des­re­gie­rung das chi­ne­si­sche In­ter­net-Si­cher­heits­ge­setz von 2017, wo­nach al­le Bür­ger und Un­ter­neh­men zur Zu­sam­men­ar­beit mit dem Staat ver­pflich­tet sind. Auch An­bie­ter wie Hua­wei oder ZTE könn­ten al­so von der Staats­macht zur Her­aus­ga­be von Da­ten oder zum Bereitstel­len von Zu­gän­gen ver­pflich­tet wer­den.

Zwar ver­sucht der Hua­wei-Ver­tre­ter in Deutsch­land zu be­schwich­ti­gen: „Es ist wich­tig, dass kri­ti­sche In­fra­struk­tur frei ist von äu­ße­ren staat­li­chen Ein­flüs­sen“, sagt Da­vid Wang. Hua­wei sei zu 100 Pro­zent in der Hand sei­ner An­ge­stell­ten. „Wir füh­ren un­ser Ge­schäft un­ab­hän­gig.“Das Un­ter­neh­men ver­kau­fe zwar das Netz. „Aber wir be­sit­zen die In­fra­struk­tur nicht, und wir be­trei­ben sie auch nicht.“Hua­wei sei in Deutsch­land ein Auf­trag­neh­mer der Te­le­kom und ha­be kei­nen Zu­griff auf Da­ten. Die Si­cher­heits­pro­zes­se von Hua­wei wür­den zu­dem zu­sam­men mit in­ter­na­tio­na­len Part­nern ve­ri­fi­ziert, auch Zu­lie­fe­rer wür­den die­sen Re­geln un­ter­wor­fen. Von staat­li­cher Sei­te ha­be Re­gie­rungs­chef Li Ke­qiang im März er­klärt, dass die chi­ne­si­sche Re­gie­rung „nie ein Un­ter­neh­men dar­um bit­ten“wer­de, Da­ten zu sam­meln. Ei­nen Aus­schluss Hua­weis sieht Wang da­her kri­tisch: „Es ist kei­ne gu­te Lö­sung, Au­tos zu ver­ban­nen, um Un­fäl­le zu ver­hü­ten.“

Martin Schall­bruch von der Eu­ro­pean School of Ma­nage­ment and Tech­no­lo­gy Ber­lin ist den­noch skep­tisch. Er sagt, ei­ne Zer­ti­fi­zie­rung, wie sie das Bun­des­amt für Si­cher­heit in der In­for­ma­ti­ons­tech­nik vor­schla­ge, daue­re lan­ge. Wenn ein drin­gen­des Si­cher­heits­up­date installier­t wer­den müss­te, kön­ne man es in der kur­zen Zeit gar nicht prü­fen. „Man kann ei­nen Se­cu­ri­ty Patch nicht mal eben so zer­ti­fi­zie­ren.“Dann ste­he man vor der Wahl, ob man es so­fort ein­spie­len oder lan­ge ab­war­ten sol­le. Sei­ne Quint­es­senz: „Ich bin der Mei­nung, dass wir al­lein durch tech­ni­sche Kon­trol­le kei­ne aus­rei­chen­de Si­cher­heit er­hal­ten.“Des­halb wirbt auch der SPD-Ab­ge­ord­ne­te Chris­toph Mat­schie, dass es nicht nur um tech­ni­sche Aspek­te ge­hen dür­fe: „Die Fra­ge des Ver­trau­ens muss ins Zen­trum der Ent­schei­dung ge­rückt wer­den.“

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