Dia­be­ti­ker und Sport­ler: Voll­gas trotz Krank­heit

Bietigheimer Zeitung - - Vorderseit­e -

Ju­li­an Kemm­ler ist seit 2011 Dia­be­ti­ker-Typ-1. Trotz­dem oder ge­ra­de des­we­gen be­treibt er Leis­tungs­sport, er schwimmt und nimmt an Moun­tain­bike-Ren­nen teil.

Dia­be­tes-Welt­tag Ju­li­an Kemm­ler ist seit 2011 Dia­be­ti­ker-Typ-1. Trotz­dem oder ge­ra­de des­we­gen be­treibt er Leis­tungs­sport, er schwimmt und nimmt an Moun­tain­bike-Ren­nen teil. Von Ga­b­rie­le Sz­c­ze­gul­ski

Man darf sich nicht über die Krank­heit är­gern, ein­fach Blut­zu­cker mes­sen und gut ist.

Ju­li­an Kemm­ler aus Vai­hin­gen-Klein­glatt­bach war elf Jah­re alt, als er die Dia­gno­se Dia­be­tes be­kam. „Das war schon ein gro­ßer Schock“, sagt der heu­te 19-Jäh­ri­ge. Er war im Lei­tungs­team des Schwimm­ver­eins Bie­tig­heim, mach­te viel und ger­ne Sport. „Zu­erst denkt man, das ist nun al­les zu En­de.“Doch, so er­in­nert er sich, er sei zu­erst ein­mal froh ge­we­sen, dass der Grund für die Sym­pto­me, an de­nen er litt, klar war.

Sechs Ki­lo we­ni­ger

Denn Ju­li­an Kemm­ler hat­te in­ner­halb ei­ner Wo­che sechs Ki­lo ab­ge­nom­men, wog nur noch 32 Ki­lo. Im Fried­rich-Abel-Gym­na­si­um Vai­hin­gen schlief er im Un­ter­richt ein, er­zählt er, oh­ne Vor­war­nung. Er trank mehr als sechs Li­ter Was­ser pro Tag, hat­te ein dau­ern­des Durst­ge­fühl. Für den Arzt wa­ren die­se Sym­pto­me so­fort das Zei­chen, ei­nen Blut­test zu ma­chen. Er wur­de nach der Dia­gno­se so­fort ins Lud­wigs­bur­ger Kran­ken­haus zur In­su­lin-Ein­stel­lung ein­ge­wie­sen.

Dort be­kam der Jun­ge nicht nur ge­zeigt, wie er sich selbst spritzt und den Blut­zu­cker misst, er wur­de auch ge­nau auf­ge­klärt. „Am An­fang war das al­les sehr ver­wir­rend, wie­viel muss ich mehr sprit­zen, wenn ich mehr Koh­le­hy­dra­te zu mir neh­me?“, so der 19-Jäh­ri­ge. Und es wur­de ihm ge­sagt, dass er wei­ter schwimmen darf, wenn er ei­ne In­su­lin­pum­pe trägt.

Seit­her hat er ei­ne Art Gür­tel mit Ta­sche, aus der je nach Be­darf In­su­lin durch ei­ne Na­del in­ji­ziert wird. Ob Be­darf be­steht, er­fährt

Ju­li­an Kemm­ler Kemm­ler durch die Blut­zu­cker­mes­sung, die er ma­chen kann, wenn er denkt, es sei not­wen­dig. Denn ihm wur­de ei­ne Art Chip na­mens Free­style Li­bre 2 auf den Ober­arm „ge­näht“, wie er sagt. Mit­hil­fe sei­nes Han­dys kann er je­der­zeit die Da­ten ab­fra­gen und ma­nu­ell bei Be­darf die In­su­lin­pum­pe ak­ti­vie­ren. „Man lernt sei­nen Kör­per viel bes­ser ken­nen, man lernt, was man sich zu­trau­en kann und was nicht“, sagt er.

Zwar war er schon im­mer sehr sport­lich, auch mit dem Schwimmen hat­te er schon lan­ge vor der Krank­heit an­ge­fan­gen, doch „jetzt ma­che ich erst Recht Sport, denn mein Blut­zu­cker­spie­gel ist viel bes­ser und ich be­nö­ti­ge beim und nach dem Sport viel we­ni­ger In­su­lin“, sagt er. Es ist wis­sen­schaft­lich be­legt, dass Sport bei Dia­be­tes von Vor­teil ist. „Ich muss­te zwar pla­nen, wenn ich ein Ren­nen schwamm, dass ich recht­zei­tig In­su­lin pump­te, aber das lernt man“, sagt er.

Nach dem Abitur muss­te er mit dem Leis­tungs­schwim­men auf­hö­ren, weil es in sei­nem Stu­di­en­ort Tutt­lin­gen kei­nen Schwimm­ver­ein gibt. Aber er geht auch dort zwei­mal die Wo­che schwimmen und drei Ta­ge ins Fit­ness-Stu­dio. Zu­dem war er Mit­glied in ei­nem Moun­tain­bike-Team des Dia­be­ti­ker-Bun­des Ba­den-Würt­tem­berg, das bei Stra­ßen­ren­nen an den Start ging. „Un­ser Trai­ner sag­te im­mer, je­des Team, das hin­ter euch ins Ziel fährt, ist ge­sund, al­so seht ihr, was ihr leis­ten könnt“, sagt Kemm­ler. Das Pro­jekt soll si­gna­li­sie­ren, dass Dia­be­ti­ker auch Sport, so­gar Leis­tungs­sport, ma­chen kön­nen.

Das Steiner-Prin­zip

Für ihn sei Dia­be­tes „kei­ne Krank­heit, nur ein klei­nes Han­di­cap“. „Was kann ich ma­chen, ich muss da­mit le­ben, mein Le­ben lang, al­so ver­su­che ich, mich zu ar­ran­gie­ren.“Ge­hol­fen hat ihm, so sagt er, das Bei­spiel des Ge­wicht­he­bers Mat­thi­as Steiner, eben­falls Dia­be­ti­ker. Steiner hat ein Buch, „Das Steiner-Prin­zip“ge­schrie­ben. „Das hat mir sehr ge­hol­fen“. Es brau­che schon Dis­zi­plin und Selbst­kon­trol­le, um nicht ge­sund­heit­lich in Ge­fahr zu kom­men. „Man darf sich nicht im­mer über Dia­be­tes är­gern, son­dern ein­fach den Blut­zu­cker mes­sen und gut ist“, sagt er.

Ju­li­an Kemm­ler hat auch in Bie­tig­heim ei­ne Freun­din, die wie er im Schwimm­ver­ein Bie­tig­heim ist. „Sie kennt mich schon lan­ge, hat mei­nen In­su­lin­gurt schon oft ge­se­hen, es macht ihr nichts aus und mir auch nicht“, sagt der 19-Jäh­ri­ge.

Er hat aber ein Stu­di­um er­grif­fen, das mit sei­ner Krank­heit zu tun hat: Als er ein Prak­ti­kum bei der Fir­ma Ro­che in Mann­heim mach­te, der Fir­ma, die auch sei­ne In­su­lin­pum­pe her­stellt, ent­schied er sich da­zu, Me­di­zin­tech­nik zu stu­die­ren, in Tutt­lin­gen, dem Zen­trum für die­sen Stu­di­en­gang. „Dia­be­ti­ker wie ich pro­fi­tie­ren von der Wei­ter­ent­wick­lung der Tech­nik, das war schon ein An­reiz für mich, das zu ler­nen und zu hel­fen, dass Kran­ke es ein­fa­cher ha­ben“, so Ju­li­an Kemm­ler.

Fo­to: Ni­na Kemm­ler

Ju­li­an Kemm­ler aus Klein­glatt­bach ist seit sechs Jah­ren Dia­be­ti­ker und macht trotz­dem Leis­tungs­sport wie Moun­tain­bi­king oder Schwimmen. Das ist kein Pro­blem mit ei­ner In­su­lin­pum­pe.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.