Über­schwem­mung über­all

Bietigheimer Zeitung - - Blick In Die Welt -

Un­wet­ter Re­kord-Hoch­was­ser in Ve­ne­dig reißt Gon­deln fort, zer­stört Ge­bäu­de und flu­tet den Mar­kus­platz. Bis­lang ist ein To­des­op­fer zu be­kla­gen. Von Bet­ti­na Gab­be

Kurz vor Mit­ter­nacht wur­den die schlimms­ten Be­fürch­tun­gen wahr, als die Flut 187 Zen­ti­me­ter über dem Mee­res­spie­gel er­reich­te. Nur beim ver­hee­ren­den Hoch­was­ser von 1966 war der Was­ser­stand mit 194 Zen­ti­me­tern noch hö­her. Bis zu ei­ner Hö­he von 140 Zen­ti­me­tern rei­chen die Vor­keh­run­gen ge­gen das vor­drin­gen­de Was­ser aus. Doch das Was­ser stieg so hoch, dass auf dem Mar­kus­platz kein Tou­rist in Gum­mi­stie­feln die sich im Was­ser spie­geln­den Pa­läs­te be­wun­der­te, son­dern nur noch Po­li­zei­boo­te über die rie­si­ge Was­ser­flä­che vor dem welt­be­rühm­ten Dom fuh­ren.

Auf der zu Ve­ne­dig ge­hö­ren­den La­gu­n­en­in­sel Pel­le­stri­na kam ein Rent­ner im Kampf ge­gen die an­drän­gen­de Flut um, als er ver­zwei­felt ver­such­te, die Pum­pe zu re­pa­rie­ren, die sein Haus von den Was­ser­mas­sen be­frei­en soll­te. Der 78-Jäh­ri­ge lös­te ver­se­hent­lich ei­nen Kurz­schluss aus. Ein zwei­ter Be­woh­ner der idyl­li­schen Fi­scher­insel am En­de der La­gu­ne wur­de tot in sei­ner Woh­nung auf­ge­fun­den. Der Rent­ner starb ver­mut­lich ei­nes na­tür­li­chen To­des.

Selbst in Ve­ne­digs Haupt­at­trak­ti­on, dem Mar­kus­dom, stand das Was­ser mehr als ei­nen Me­ter hoch. „Wir ver­su­chen, die Schä­den in Gren­zen zu hal­ten“, ver­si­cher­te Pier­pao­lo Cam­postri­ni, der für die Ba­si­li­ka zu­stän­di­ge In­ge­nieur. In der tau­send­jäh­ri­gen Ge­schich­te des Mar­kus­doms drang das Was­ser nur sechs Mal in das Ge­bäu­de ein, zu­letzt im Ok­to­ber ver­gan­ge­nen Jah­res.

Nicht nur Pri­vat­häu­ser son­dern auch Lu­xus­ho­tels wie das di­rekt am Ca­nal Gran­de ge­le­ge­ne Grit­ti Pa­lace wur­den über­schwemmt. Bür­ger­meis­ter Lu­i­gi Brug­na­ro for­der­te Be­woh­ner und Tou­ris­ten des­halb auf, ih­re Woh­nun­gen und Ho­tel­zim­mer nicht zu ver­las­sen. Schu­len und Kin­der­gär­ten blie­ben ge­schlos­sen.

„Das sind die Fol­gen des Kli­ma­wan­dels“, be­klag­te Brug­na­ro. Ge­mein­sam mit dem Pa­tri­ar­chen von Ve­ne­dig, Fran­ces­co Moraglia, stand er nicht in fei­er­li­chem Or­nat son­dern in Re­gen­man­tel und Gum­mi­ho­sen bis über die Knie im Was­ser des Mar­kus­plat­zes,

um sich ein Bild von den Schä­den zu ma­chen. Das ge­sam­te Aus­maß der Zer­stö­rung ist noch nicht ab­zu­se­hen. „Aber wir re­den von hun­dert­tau­sen­den Eu­ro“, ist sich der Bür­ger­meis­ter si­cher. Un­ter dem Ein­druck der Über­flu­tun­gen reis­te auch Mi­nis­ter­prä­si­dent Gi­u­sep­pe Con­te nach Ve­ne­dig.

Ge­ken­ter­te Fähr­boo­te

Auf dem Ca­nal Gran­de und in der La­gu­ne riss der starke Sturm Gon­deln und Boo­te aus den Ver­an­ke­run­gen. Drei Fähr­boo­te ken­ter­ten, die am Ca­nal Gran­de als Ver­kehrs­mit­tel die­nen. Auch die Ste­ge konn­ten nichts aus­rich­ten, über die Be­woh­ner und Tou­ris­ten bei Ac­qua al­ta tro­cke­nen Fu­ßes ans Ziel ge­lan­gen, da ih­re Stel­zen kaum ei­nen Me­ter hoch sind. In Ge­schäf­ten rund um den Mar­kus­platz stand den Be­sit­zern das Was­ser bis zu den Kni­en, ob­wohl sie vor­sorg­lich die in Ve­ne­dig üb­li­chen Flut­tü­ren ein­ge­setzt hat­ten. Wa­ren, die nicht früh ge­nug aus den Re­ga­len ge­nom­men wur­den, gin­gen in den Flu­ten un­ter, wäh­rend La­den­be­sit­zer mit Schau­feln ver­such­ten, das Was­ser hin­aus­zu­be­för­dern. Weil auch das La­ger hin­ter ih­rem Ge­schäft über­flu­tet war, ret­te­ten Ge­schäfts­in­ha­ber ih­re Wa­ren, in­dem sie sie auf der La­den­the­ke auf­türm­ten.

Wäh­rend die Strom­ver­sor­gung und Te­le­fon­ver­bin­dun­gen teil­wei­se zu­sam­men­bra­chen, frag­ten vie­le Be­woh­ner sich ban­ge, ob der Was­ser­pe­gel wei­ter stei­gen wür­de, denn ei­ne Be­ru­hi­gung der Wet­ter­la­ge war in ganz Ita­li­en nicht ab­zu­se­hen. Auch bei der ver­hee­ren­den Flut von 1966 wur­den ne­ben Ve­ne­dig auch an­de­re Städ­te über­flu­tet.

Um der­ar­ti­ge Zer­stö­run­gen zu ver­hin­dern wird in Ve­ne­dig seit Jah­ren an ei­nem mo­bi­len Däm­me-Sys­tem ge­baut. Ob­wohl das Mil­li­ar­den­pro­jekt na­mens „Mo­se“längst funk­tio­nie­ren soll­te, ist es noch im­mer nicht fer­tig. Da­bei zwei­feln vie­le Ve­ne­zia­ner, ob die oran­ge­far­be­nen Me­tall­wän­de über­haupt die ge­plan­te Funk­ti­on er­fül­len. Schon vor Jah­ren mach­te das Pro­jekt mit ei­nem Kor­rup­ti­ons­skan­dal Schlag­zei­len.

Hel­fer ver­su­chen, das Was­ser vom Mar­kus­dom fern­zu­hal­ten.

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