An­spre­chen und hof­fen

Bietigheimer Zeitung - - Zusammen Leben - Ot­to Lapp geht Be­zie­hungs­fra­gen auf den Grund

Ein Be­woh­ner in ei­nem Miets­haus, ein tier­lie­ber Rent­ner, füt­tert ganz­jäh­rig Vö­gel auf sei­nem Bal­kon. Mit schmut­zi­gen Fol­gen für die ge­sam­te Nach­bar­schaft. Wie kön­nen die Mit­be­woh­ner ihm ih­re Nö­te ein­fühl­sam bei­brin­gen?

Wenn man über je­man­den sagt, „der ist ei­gent­lich ganz nett“, schwingt lei­ses Miss­trau­en mit. So wie bei Klaus und sei­ner Frau (bei­de 45). Sie woh­nen in ei­nem Miets­haus und es wä­re toll, wä­re der ältere Nach­bar nicht. Der Rent­ner füt­tert auf sei­nem Bal­kon das gan­ze Jahr wie ver­rückt Vö­gel – mit Fol­gen für al­le Bal­ko­ne. Klaus über­legt, wie er sich ein­fühl­sam bei ihm be­schwert, zu­mal er ihn doch „ei­gent­lich ganz nett“fin­det.

Das al­te Pro­blem: Wie plat­zie­re ich Bot­schaf­ten so, dass sie a) an­kom­men, b) nicht be­lei­di­gen und c) dass sich Ver­hal­ten auch wirk­lich än­dert.

„Ei­gent­lich nett“schützt lei­der nicht vor un­durch­dach­ten Ak­tio­nen, sagt Lin­da Kai­ser, die Vi­ze-Vor­sit­zen­de der Knig­ge-Ge­sell­schaft. Wenn Klaus sich vom Ver­hal­ten sei­nes Nach­barn ge­stört oder be­ein­träch­tigt fühlt, führt lei­der nichts an ei­nem per­sön­li­chen Ge­spräch vor­bei. Zet­tel hin­hän­gen ist fei­ge. An­de­re Nach­barn vor­schi­cken? Auch fei­ge. Wer et­was än­dern will, braucht Mut.

„Nut­zen Sie die Ge­le­gen­heit, den Nach­barn an­zu­spre­chen, wenn Sie ihm oh­ne­hin be­geg­nen“, sagt Kai­ser. Im Haus­flur, in der Wasch­kü­che, auf dem Park­platz. Das ist we­ni­ger of­fi­zi­ell oder be­droh­lich als ein un­an­ge­kün­dig­ter Be­such in der Woh­nung. Sie rät, den Small-Talk be­wusst auf die heik­le The­ma­tik hin­zu­steu­ern und sein „An­lie­gen ge­nau zu adres­sie­ren“. Das heißt auf Deutsch: nicht um den hei­ßen Brei her­um­re­den!

Wer sich be­schwe­ren will, hat ein Recht da­zu. Al­ler­dings kein Recht auf den ver­ba­len Dampf­ham­mer. „Spre­chen Sie bit­te von Ih­ren Emp­fin­dun­gen und Ih­ren Be­den­ken“, sagt Kai­ser, „und ver­all­ge­mei­nern Sie nichts“.

Sind al­ler­dings meh­re­re Personen vom Fehl­ver­hal­ten be­tro en, soll­te Klaus sich vor­her ab­stim­men und ei­nen Spre­cher zum net­ten Nach­barn schi­cken. Je nach An­lass kön­nen wei­te­re Be­tro ene für die Ar­gu­men­ta­ti­on hilf­reich sein.

Und wenn der Nach­bar völ­lig un­ein­sich­tig ist? Dann ist die Kom­mu­ni­ka­ti­on in die­ser Form ge­schei­tert. Und Klaus weiß we­nigs­tens, dass er gar nicht so nett ist, wie es aus­sieht.

Wer et­was än­dern will, braucht Mut.

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