Ein Mann für al­le Fäl­le

Na­tio­nal­mann­schaft In sei­nem ers­ten Spiel als Ab­wehr­chef sorgt Mat­thi­as Gin­ter beim 4:0 ge­gen Weiß­russ­land mit ei­nem Ha­cken­tor für Fu­ro­re. Von Ge­rold Kn­ehr

Bietigheimer Zeitung - - Sport -

Sie sind seit vie­len Jah­ren un­fall­frei mit Ih­rem Au­to un­ter­wegs, ha­ben auch heu­te auf Ih­rem Weg zur Ar­beit sou­ve­rän je­de Kur­ve ge­nom­men und Ih­ren Wa­gen vor­bild­lich-mit­tig ge­parkt. Fra­ge: Sind Sie je­mals für solch ei­ne „All­täg­lich­keit“ge­lobt wor­den?

Die deut­sche Fuß­ball-Na­tio­nal­mann­schaft hat sich in Düs­sel­dorf mit dem 4:0 ge­gen Weiß­russ­land nach ei­ner mehr oder min­der sou­ve­rä­nen Run­de für die Eu­ro­pa­meis­ter­schaft 2020 qua­li­fi­ziert – so wie im­mer seit 1972. Die­ses Mal war es kein Kunst­stück. Schließ­lich neh­men zum zwei­ten Mal 24 Teams am Tur­nier teil, halb Eu­ro­pa al­so.

Grund zum Über­schwang be­steht al­so nicht. Die deut­sche Mann­schaft hat ge­gen die Weiß­rus­sen ab­ge­lie­fert, was von ihr der­zeit er­war­tet wer­den kann. „Wir ha­ben gut ge­spielt und un­ser Ziel er­reicht. Si­cher­lich war nicht al­les per­fekt, aber un­ter dem Strich bin ich zu­frie­den“, ur­teil­te Bun­des­trai­ner Joa­chim Löw.

Er und sei­ne Spie­ler wis­sen, dass Sie nach ih­rem Crash bei der WM 2018 in Russ­land Wie­der­gut­ma­chung be­trei­ben müs­sen. Die er­folg­rei­che EM-Qua­li­fi­ka­ti­on war nur ein ers­ter Schritt.

So sieht es auch To­ni Kroos. „Aktuell zäh­le ich uns nicht zu den Fa­vo­ri­ten für die EM“, sagt der Mit­tel­feld­re­gis­seur, der nach ei­ner schöp­fe­ri­schen Pau­se die Zü­gel wie­der in die Hand nahm. Zwei To­re er­ziel­te der 29-Jäh­ri­ge selbst, das 2:0 durch Le­on Go­retz­ka be­rei­te­te er als Eck­ball­schüt­ze vor. „To­ni ist top-pro­fes­si­onnell und in sei­ner gan­zen Art und Wei­se ein Vor­bild für die jun­gen Spie­ler“, sagt Löw.

Auch Mat­thi­as Gin­ter war in Bra­si­li­en 2014 schon da­bei, wenn auch oh­ne Ein­satz. Auch er war an drei Tref­fern be­tei­ligt. Das 1:0 kurz vor der Pau­se er­ziel­te der neue Ab­wehr­chef sel­ber – spek­ta­ku­lär per Ha­cke! „Ei­gent­lich stand ich ein biss­chen zu weit vor­ne und ha­be in­stink­tiv ver­sucht, den Ball aufs Tor zu be­kom­men“, be­schrieb der ge­bür­ti­ge Frei­bur­ger sei­nen Pre­mie­ren­tref­fer im 29. Län­der­spiel, bei dem der Schieds­rich­ter al­ler­dings ei­ne Ab­seits­po­si­ti­on über­sah.. „Bei ihm gibt es kei­ne gro­ßen Leis­tungs­schwan­kun­gen“, lobt Löw den Mön­chen­glad­ba­cher, der sich vor al­lem in der ers­ten Halb­zeit oft in das Of­fen­siv­spiel ein­schal­te­te und zeit­wei­se im Ne­ben­job als rech­ter Mit­tel­feld­spie­ler agier­te. „Das war so ge­wollt. Es war klar, dass wir in der geg­ne­ri­schen Hälf­te viel den Ball ha­ben wer­den. Des­halb war es wich­tig, dass man als In­nen­ver­tei­di­ger nicht hin­ten ir­gend­wo parkt.“

Durch die­se of­fen­si­ve Aus­rich­tung kam Weiß­russ­land al­ler­dings zu ei­ni­gen Tor­chan­cen, bei­spiels­wei­se kurz vor Gin­ters 1:0. Zu­dem muss­te Ma­nu­el Neu­er ei­nen von Gin­ters Ne­ben­mann Ro­bin Koch ver­schul­de­ten Foul­elf­me­ter ab­weh­ren. „Wir ha­ben die ei­ne oder an­de­re Chan­ce zu viel zu­ge­las­sen, die wir ei­gent­lich durch ei­ne bes­se­re Gr­und­ab­si­che­rung ver­mei­den hät­ten kön­nen“, kri­ti­sier­te Gin­ter.

Auch Jos­hua Kim­mich, der hin­ter To­ni Kroos agier­te und an die­sem Tag in des­sen Schat­ten stand, sieht An­halts­punk­te für Ver­bes­se­run­gen. „Wir ha­ben Po­ten­zi­al. Aber das al­lein reicht nicht. Wir müs­sen es kon­stan­ter auf den Platz bringen und ei­nen Geg­ner auch mal 90 Mi­nu­ten lang do­mi­nie­ren. Das war in die­sem Jahr zu sel­ten der Fall.“

Ge­le­gen­heit, dies nach­zu­ho­len, be­steht am Dienstag (20.45 Uhr/ RTL) im letz­ten Grup­pen­spiel ge­gen Nord­ir­land. Da­bei geht im Fern­du­ell mit den eben­falls qua­li­fi­zier­ten Nie­der­län­dern um Platz eins in der Grup­pe C, der ei­ne güns­ti­ge­re Grup­pen­aus­lo­sung für die EM 2020 und lo­gis­ti­sche Vor­tei­le bringen wür­de.

Feh­len wird nicht nur bei die­ser Par­tie Lu­ca Wald­schmidt. Der kurz zu­vor ein­ge­wech­sel­te Frei­bur­ger Stür­mer zog sich bei ei­nem Zu­sam­men­prall mit dem geg­ne­ri­schen Tor­hü­ter ei­ne Mit­tel­ge­sichts­frak­tur, ei­ne Ge­hirn­er­schüt­te­rung so­wie Ver­let­zun­gen im rech­ten Knie und Sprung­ge­lenk zu. Ganz un­fall­frei ging es in Düs­sel­dorf al­so nicht ab.

In der Halb­zeit woll­te es tat­säch­lich nicht je­der glau­ben, ob ich das war oder ein Ei­gen­tor.

Mat­thi­as Gin­ter zu sei­nem spek­ta­ku­lä­ren Tor.

Fo­to: Bernd Thissen/dpa

Mit der Ha­cke er­zielt Mat­thi­as Gin­ter (rechts) sein ers­tes Län­der­spiel­tor.

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