Odys­see im Zwi­schen­raum

Stutt­gar­ter Bal­lett Drei Urauf­füh­run­gen, drei Auf­trags­wer­ke, drei Nach­wuchs­hoff­nun­gen: Der Tanz-Abend „Crea­ti­ons I-III“im Schau­spiel­haus ist be­son­ders in der Mit­te stark. Von Wil­helm Trie­bold

Bietigheimer Zeitung - - Feuilleton -

In Stutt­gart hat man ein Händ­chen und ein gu­tes Au­ge für rei­fen­de Ta­len­te.

Das Lieb­lings­wort von Tanz­schaf­fen­den und Mo­de­schöp­fern lau­tet: „kre­ieren“. Da schwingt be­reits die gan­ze Krea­ti­vi­tät mit, die­ser göt­ter­glei­che Gestal­tungs­wil­le: und sie­he, es war gut! Kein Schau­spiel- oder Opern­re­gis­seur kre­iert Ins­ze­nie­run­gen – nur die Kol­le­gen vom Bal­lett, hei­li­ger John Cran­ko, die tun‘s an­dau­ernd.

Zum spä­ten Pre­mie­ren­auf­takt in der Pa­ra­de­dis­zi­plin der Stutt­gar­ter Staats­thea­ter stel­len gleich drei Nach­wuchs­hoff­nun­gen ei­nen im­men­sen Schaf­fens- und Schöp­fer­drang auf die Büh­ne des Schau­spiel­hau­ses. Fol­ge­rich­tig ist der Abend mit „Crea­ti­ons I-III“über­schrie­ben. Die Fort­set­zung IV-VI folgt im kom­men­den Fe­bru­ar – dann mit ei­ner Ar­beit von Gott­va­ter Mar­tin Schläp­fer. Von die­sem zu er­war­ten­den Ka­li­ber sind die Cho­reo­gra­fi­en von Ro­man No­vitz­ky, Andre­as Heise und Fa­bio Ado­ri­sio vi­el­leicht nicht. Doch sie zei­gen, dass man am Stutt­gar­ter Bal­lett auch wei­ter­hin ein Händ­chen und gu­tes Au­ge für rei­fen­de Ta­len­te hat.

No­vitz­ky und Ado­ri­sio ge­hör­ten be­reits zu den „Fan­tas­ti­schen Fünf“, die dem lang­jäh­ri­gen In­ten­dan­ten Reid An­der­son vor bald zwei Jah­ren den Abschied auch cho­reo­gra­fisch ver­süß­ten. Ge­mes­sen an den da­ma­li­gen Fin­ger­übun­gen ha­ben sich bei­de wei­ter­ent­wi­ckelt. Fa­bio Ado­ri­sio schafft es mit sei­nem Bei­trag „Cal­ma ap­pa­ren­te“so­gar, den Bo­gen zur Kli­ma­ka­ta­stro­phe zu schla­gen. Und wenn man will, kann man in Tho­mas Mi­kas im­po­san­tem Büh­nen­bild, in dem auf­ge­türm­te Tuch­de­cken wie schmel­zen­de Glet­scher­fron­ten in sich zu­sam­men­sin­ken, den Be­zug zur be­droh­ten Schöp­fung wie­der­fin­den.

Da­vor ent­fal­tet „Cal­ma ap­pa­ren­te“(über­setzt: „schein­bar ru­hig“) den sug­ges­ti­ven Sog von ori­gi­nel­len Dre­hun­gen, Wen­dun­gen und Be­we­gungs­ab­läu­fen, de­nen bei Ado­ri­sio al­ler­dings et­was Ex­al­tier­tes an­haf­tet. An­ders sein Tän­zer­kol­le­ge Ro­man No­vitz­ky. Auch er stellt sei­ne Krea­ti­on „Im­puls“in ein im­po­nie­ren­des Büh­nen­bild, in dem Schein­wer­fer­bal­ken schwe­ben und ein wan­dern­der Licht­kreis den Trom­mel­so­lis­ten Marc Stro­bel um­schließt. No­vitz­kys Tanz­vo­ka­bu­lar ist hin­ge­gen kon­trol­lier­ter, syn­chro­ni­sier­ter, un­ter­ge­ord­ne­ter – das hat man als Ver­satz­stü­cke al­les schon mal ge­se­hen, bloß in an­de­ren Zu­sam­men­hän­gen.

Trotz­dem er­gibt sich, aus­ge­hend von dem Takt, den der

Rhyth­mus­ge­ber an der gro­ßen Rah­men­trom­mel vor­gibt, ei­ne en­er­gie­ge­la­de­ne Tanz-Batt­le, an­spruchs­voll und for­dernd fürs ge­wohnt fit­te En­sem­ble. Bei­de, No­vitz­ky wie Ado­ri­sio, sind ja be­währ­ter Teil der Com­pa­gnie, wes­halb man be­son­ders ge­spannt auf den Drit­ten im Bun­de war, den Gast­cho­reo­gra­fen Andre­as Heise. Heise hat in Leip­zig und am Nor­we­gi­schen Na­tio­nal­bal­lett ge­tanzt, be­vor er sich jetzt als Cho­reo­graf (auch in Opern­in­sze­nie­run­gen) ei­nen Na­men macht.

Sei­ne Stutt­gar­ter Ar­beit „La­men­to“nimmt die halb­stün­di­ge De­kon­struk­ti­on ei­ner drei­mi­nü­ti­gen Mon­te­ver­di-Arie zur Grund­la­ge, die satt­sam be­kann­te Ge­schich­te

von Kriegs­held Odys­seus und der sehn­süch­tig auf ihn war­ten­den Gat­tin Pe­ne­lo­pe auf min­des­tens drei Zeit­ebe­nen neu an­zu­rei­ßen. Das führt zu über­schnei­den­den Paar- und Grup­pen­bil­dun­gen zwi­schen den sie­ben Ak­teu­rin­nen und Ak­teu­ren, wo­bei Heise ei­ne ganz ei­ge­ne in­ten­si­ve, ver­in­ner­li­chen­de Tanz­spra­che ent­wi­ckelt. Drei Far­ben Rot set­zen in ent­spre­chen­den See­len­la­gen ih­re ab­stu­fen­den Ak­zen­te, und das Re­sul­tat ist die letzt­lich far­bigs­te, auf­re­gends­te und, wenn man so will, auch „schöp­fe­rischs­te“Cho­reo­gra­fie un­ter den drei­en. Egal, ob nun „kre­iert“oder ein­fach nur krea­tiv er­son­nen und er­ar­bei­tet.

Foto: Stutt­gar­ter Bal­lett

Der Cho­reo­graf Fa­bio Ado­ri­sio schlägt mit sei­nem Bei­trag „Cal­ma ap­pa­ren­te“den Bo­gen zur Kli­ma­ka­ta­stro­phe: Die De­cken im Hintergrun­d sin­ken wie schmel­zen­de Glet­scher in sich zu­sam­men.

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