Ei­ner der ganz Gro­ßen sei­ner Zunft

Mu­sik Star­di­ri­gent Ma­riss Jan­sons führ­te das BR-Sym­pho­nie­or­ches­ter zu Welt­ruhm. Jetzt ist er ge­stor­ben.

Bietigheimer Zeitung - - Feuilleton -

Mit der Be­zeich­nung „Ma­e­s­tro“konn­te er nie et­was an­fan­gen. Da­bei war der let­ti­sche Di­ri­gent Ma­riss Jan­sons ei­ner der ganz Gro­ßen sei­ner Zunft. Als er zeit­wei­se mit dem Sym­pho­nie­or­ches­ter des Baye­ri­schen Rund­funks und dem Ams­ter­da­mer Con­cert­ge­bou­wor­kest zwei Klang­kör­per gleich­zei­tig lei­te­te, wur­de er als welt­bes­ter Di­ri­gent ge­han­delt. Im Al­ter von 76 Jah­ren ist Ma­riss Jan­sons jetzt ge­stor­ben.

In jüngs­ter Zeit hat­te er mit ge­sund­heit­li­chen Pro­ble­men zu kämp­fen. Im Ju­ni 2019 sag­te Jan­sons Kon­zer­te für meh­re­re Wo­chen ab, un­ter an­de­rem bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len. Be­reits 1996 hat­te der Di­ri­gent bei ei­ner Auf­füh­rung von „La Bo­hè­me“in Os­lo ei­nen Herz­in­farkt er­lit­ten. In der nor­we­gi­schen Haupt­stadt hat­te Jan­sons den Grund­stein für sei­ne Kar­rie­re ge­legt. Von 1979 bis 2000 wirk­te er als Chef­di­ri­gent der Os­lo­er Phil­har­mo­ni­ker, die er mit sprü­hen­der Ener­gie zum in­ter­na­tio­na­len Spit­zen­or­ches­ter form­te. Da­bei war Jan­sons nie der Pro­to­typ des in Emo­tio­nen schwel­gen­den Orches­ter­lei­ters. Er för­der­te viel­mehr De­tails zu­ta­ge, die be­kann­te Stü­cke in neu­em Licht er­schei­nen lie­ßen.

1997 über­nahm er von Lo­rin Maa­zel die Lei­tung des Pitts­burgh Sym­pho­ny Orches­tra. 2003 wech­sel­te er zum Sym­pho­nie­or­ches­ter des Baye­ri­schen Rund­funks, dem er ei­nen bis heu­te an­dau­ern­den Hö­hen­flug be­scher­te. Die 2004 zu­sätz­lich über­nom­me­ne Lei­tung des Con­cert­ge­bou­wor­kest in Ams­ter­dam gab er 2015 ab. Im sel­ben Jahr hät­te er vi­el­leicht die Mög­lich­keit ge­habt, Chef der Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker zu wer­den. Doch er blieb sei­nem Münch­ner

Orches­ter treu, mit dem ihn ei­ne Art Lie­bes- und Le­bens­be­zie­hung ver­band. 2018 wur­de sein Ver­trag bis 2024 ver­län­gert.

Ma­riss Jan­sons wur­de 1943 im Ghet­to von Ri­ga ge­bo­ren. Sein Va­ter Ar­vid Jan­sons war eben­falls Di­ri­gent, sei­ne jü­di­sche Mut­ter Irai­da Mez­zo­so­pra­nis­tin. Nach Stu­di­en bei Hans Swa­row­sky und Her­bert von Ka­ra­jan mach­te der rus­si­sche Di­ri­gent Jew­ge­ni Mra­win­ski Jan­sons zum As­sis­ten­ten. Der Chef der Le­nin­gra­der Phil­har­mo­ni­ker präg­te den jun­gen Di­ri­gen­ten ent­schei­dend, auch Jan­sons’ Vor­lie­be für Schosta­ko­witsch rühr­te da­her.

Jan­sons galt als Wor­kaho­lic, den nur Ehe­frau Iri­na hin­ter sei­nen Par­ti­tu­ren her­vor­zu­ho­len ver­moch­te. Da­bei pfleg­te er ein brei­tes Re­per­toire von Ba­rock über Klas­sik und Ro­man­tik bis zur Mo­der­ne, was man­che In­ter­pre­ta­tio­nen et­was aus­wech­sel­bar er­schei­nen ließ. Oft be­kann­te der Di­ri­gent, dass ihm Oper am meis­ten lie­ge. Doch seit sei­nem Herz­in­farkt 1996 wur­den sei­ne Opern­auf­trit­te zu ra­ren Er­eig­nis­sen.

Jan­sons wur­de viel­fach ge­ehrt, war Trä­ger des Ernst von Sie­mens Mu­sik­prei­ses und des Opus Klas­sik für das Le­bens­werk, Eh­ren­mit­glied der Ge­sell­schaft der Mu­sik­freun­de in Wi­en und der Roy­al Aca­de­my of Mu­sic in London. 2017 er­hielt er die Gold­me­dail­le der Roy­al Phil­har­mo­nic So­cie­ty, ei­ne der höchs­ten Aus­zeich­nun­gen für klas­si­sche Mu­sik. Der BR er­in­nert die­ser Ta­ge in meh­re­ren Sen­dun­gen an den Künst­ler.

Der Di­ri­gent Ma­riss Jan­sons wur­de 76 Jah­re alt.

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