Sehn­sucht nach Aben­teu­ern

Bietigheimer Zeitung - - Lesen - Chris­ti­ne Lan­ger

legt der 1983 ge­bo­re­ne Ös­ter­rei­cher Ro­bert Pros­ser sei­nen drit­ten Ro­man vor. Der Au­tor, der in sei­ner Frei­zeit ger­ne Kampf­sport be­treibt, sie­delt das Buch im Bo­xer­mi­lieu an. Das Bo­xen sei ein „ein­zig aus Be­rüh­rung be­ste­hen­der Dia­log“schreibt Pros­ser auf der ers­ten Sei­te. In der Fol­ge er­fährt man vie­le De­tails zum Box­sport, aber auch zum Den­ken und Emp­fin­den ei­ner Bo­xer­see­le, die sich ganz vom Hun­ger nach Es­senz ver­ein­nah­men lässt.

Stets auf der Su­che nach der exis­ten­zi­el­len Er­fah­rung von Kör­per­lich­keit, be­gibt sich der Ich-Er­zäh­ler, Lo­renz, ein Wie­ner Stu­dent Mit­te zwan­zig, der vom Deutsch­stu­di­um zur Kul­tur- und So­zi­al­an­thro­po­lo­gie wech­selt, in den Box­club. Ihn fas­zi­niert vor al­lem das ar­chai­sche Be­wusst­sein, sich im Box­ring auf Au­gen­hö­he zu be­geg­nen – ganz un­ab­hän­gig von Na­tio­na­li­tät, Spra­che und Bil­dung.

In­spi­riert durch ei­ne Lehr­ver­an­stal­tung zum The­ma „Ein­füh­rung in den Is­lam“und sei­ne tie­fe Sehn­sucht nach Aben­teu­er be­schließt Lo­renz, in den Se­mes­ter­fe­ri­en nach Sy­ri­en zu rei­sen. Ihm be­geg­net nicht nur die Un­zu­frie­den­heit über das Le­ben im As­sad-Re­gime, son­dern auch ein uner­war­te­tes, von Schön­heit ge­präg­tes Ge­sicht des Lan­des. In Da­mas­kus lernt Lo­renz die ehr­gei­zi­ge Fo­to­gra­fin Ele­na ken­nen, die am liebs­ten die Men­schen mit ih­ren ge­sell­schaft­li­chen Kon­flik­ten fo­to­gra­fisch fest­hält, und der er bald ver­fällt.

Ge­schickt stellt Pros­ser Lo­renz‘ Be­zie­hungs­ge­fühl von De­mü­ti­gung und Aus­ge­lie­fert­sein dar: Weil Ele­na ih­re Macht über ihn aus­lo­ten will, soll er für sie Bon­bons klau­en und Pra­li­nen mit dem Mund vom Bo­den auf­klau­ben. Durch Ele­na lernt er auch den kur­di­schen Bo­xer Zain, ge­nannt Z, ken­nen, der ihm spä­ter nach Wi­en folgt.

Be­reit­scha zur Hin­ga­be

Das, wo­nach Ele­na bei ih­rer Ar­beit als Fo­to­gra­fin strebt, sucht Lo­renz beim Bo­xen, und das zieht sich wie ein ro­ter Fa­den durch das Buch: ei­ne pu­re, kom­pro­miss­lo­se und ek­sta­ti­sche Lei­den­schaft so­wie die Be­reit­schaft zur völ­li­gen Hin­ga­be.

Mit dem glei­chen Maß an De­mut gräbt er bei sei­ner Rei­se nach West­afri­ka in Gha­na ta­ge­lang ein me­ter­tie­fes Loch für ein „Scheiß­haus“ei­nes Wai­sen­hau­ses: „Das Gr­a­ben ist wie ei­ne Me­ta­pher für die Mög­lich­keit, mich ganz ins Bo­xen ein­zu­wüh­len.“Sein gie­ri­ger An­trieb, sich selbst im­mer noch in­ten­si­ver zu spü­ren, lässt Lo­renz schließ­lich in die Welt des Ex­or­zis­mus ein­tau­chen und an ei­ner Dä­mo­nen­aus­trei­bung teil­neh­men. Wäh­rend sei­ner Afri­ka­rei­se reift sein Ent­schluss, in der Hei­mat wei­ter zu bo­xen, und zwar bes­ser und ent­schie­de­ner, als je zu­vor.

Der et­was ge­wöh­nungs­be­dürf­ti­ge, aber ori­gi­nel­le Buch­ti­tel ver­bin­det – wie im Box­kampf – ver­schie­de­ne Na­tio­na­li­tä­ten: Gem­ma ist ein ös­ter­rei­chi­scher Dia­lekt im Sin­ne von „auf geht’s“, Ha­bi­bi stammt aus dem Ara­bi­schen und be­deu­tet Freund. Der ein­dring­li­che, au­then­ti­sche Ro­man mit sei­nem stel­len­wei­se mit­rei­ßen­den Sprach­rhyth­mus ver­la­gert zeit­kri­ti­sche Fra­gen zu In­di­vi­du­um und Ge­sell­schaft in die Ört­lich­keit ei­nes Box­rings: Ein Plä­doy­er fürs Hin­se­hen oh­ne die Mög­lich­keit zur Ablen­kung.

Ro­bert Pros­ser: Gem­ma Ha­bi­bi. Ull­stein, 224 Sei­ten, 22 Eu­ro.

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