Ge­teil­tes Leid

Bietigheimer Zeitung - - Sport -

Skispringe­n Wenn am 7. De­zem­ber die Welt­cup-Sai­son star­tet, quä­len sich Olym­pia­sie­ge­rin Ca­ri­na Vogt und An­na Rupp­recht in der Re­ha. Ein Be­such in Bad En­dorf. Von Alex­an­der Haag

Ich hab noch nie je­man­den mehr jam­mern hö­ren...

Ca­ri­na Vogt

zu Team­kol­le­gin An­na Rupp­recht

Es ist kurz nach 8 Uhr an die­sem neb­li­gen No­vem­ber­tag. Der knall­ro­te Au­di A5 fährt aufs Ka­ser­nen­ge­län­de in Bad En­dorf. Ca­ri­na Vogt kommt über­pünkt­lich bei der Bun­des­po­li­zei-Sport­schu­le an. Auch An­na Rupp­recht steht schon mit ge­pack­tem Ruck­sack be­reit. Die bei­den Ski­sprin­ge­rin­nen des SC De­gen­feld ha­ben kei­ne Zeit zu ver­lie­ren. Denn bei­de ha­ben ein gro­ßes Ziel: Sie wol­len end­lich wie­der hoch auf die Schan­zen und skispringe­n.

Be­vor die bei­den Na­tio­nal­sprin­ge­rin­nen aus dem Ost­alb­kreis al­ler­dings wie­der auf Wei­ten­jagd ge­hen kön­nen, ist viel Ge­duld nö­tig. Sehr viel Ge­duld. „Das ist ge­fühlt mei­ne 793. Re­ha-Wo­che“, scherzt Vogt. Rupp­recht ist so­gar noch län­ger da­bei.

Vogt: Kreuz­band­riss im Ju­li

Wäh­rend sich die Olym­pia­sie­ge­rin am 1. Ju­li im Trai­ning in Stams ei­nen Kreuz­band­riss zu­ge­zo­gen hat, hat sich ih­re Team­kol­le­gin be­reits am 3. Ju­ni den Knor­pel im Knie be­schä­digt und den Me­nis­kus „zer­fetzt“, wie die 22-Jäh­ri­ge selbst sagt. Und auch wenn kei­ne ih­rer Kon­kur­ren­tin ei­ne Ver­let­zung wünscht, so sagt Rupp­recht klar, dass sie froh ist, nicht al­lei­ne sein zu müs­sen: „Da­durch, dass wir die gan­ze Zeit Spaß ha­ben, macht es das Trai­ning viel leich­ter.“Mit an­de­ren Re­ha-Pa­ti­en­ten kön­ne sie nicht so lo­cker um­ge­hen. „Es ist viel ein­fa­cher, wenn ich mein ge­wohn­tes Um­feld und mei­ne Freun­din bei mir ha­be.“Ca­ri­na Vogt sieht’s ge­nau­so: „Im Kraft­raum ist stän­dig gu­te Lau­ne. Das hilft mir wahn­sin­nig.“

Wie wich­tig die­se Un­ter­stüt­zung ist, zeigt der Blick auf den

Trai­nings­plan an die­sem Mon­tag­mor­gen. Dau­er: 2:15 St­un­den. Auf­wär­men: Rad und Lauf­band je 10 Mi­nu­ten. Und bei Be­grif­fen wie Stand­waa­ge, Mi­ni-Kreuz­he­ben, ein­bei­ni­ge Knie­beu­ge oder Bein­pres­se (kon­zen­trisch ho­her Im­puls) wird klar: Gu­te-Lau­ne-Pro­gramm sieht an­ders aus.

Am An­fang geht’s noch lo­cker zu. Auf dem Fahr­rad-Er­go­me­ter wird viel ge­lacht. Vogt lobt Rupp­recht für de­ren per­fekt ab­ge­stimm­te Op­tik. „Oh, die Söck­chen pas­send zum Ober­teil in lachs ...“, sagt die Olym­pia­sie­ge­rin von 2014. Auch da­nach auf dem Lauf­band wird noch an­ge­schwitzt, be­vor Ma­nu­el Behr sei­ne bei­den Mä­dels zum nächs­ten Pro­gramm­punkt holt. „Zu­sam­men­rei­ßen! Ich will nichts Schlech­tes se­hen“, sagt der Re­ha­trai­ner. Ca­ri­na Vogt be­ginnt ihr in­di­vi­du­el­les Pro­gramm mit Aus­fall­schrit­ten samt Seit­nei­gung. Das Gan­ze gar­niert mit ei­nem Me­di­zin­ball in den Hän­den. Der 27-Jäh­ri­gen treibt es die Schweiß­per­len auf die Stirn. Vor al­lem bei der Be­las­tung des erst vor we­ni­gen Wo­chen ope­rier­ten Kreuz­ban­des. An­na Rupp­recht er­geht es nicht bes­ser. Die 22-Jäh­ri­ge ist zwar schon viel wei­ter und steht kurz vor der Rück­kehr ins ski­sprung­spe­zi­fi­sche Trai­ning, leicht ge­hen ihr die letz­ten Wo­chen in der Re­ha aber auch nicht vor Hand. Bei­spiels­wei­se die elast­dy­na­mi­schen Sprün­ge. „Wel­co­me to Leis­tungs­sport ...“, scherzt Vogt.

Rück­kehr nicht vor Ju­ni 2020

Wo­bei auch ihr das La­chen schnell ver­geht. Mit ver­zerr­tem Ge­sicht quält sich die Welt­meis­te­rin an der Bein­pres­se. Ein­bei­nig. „Müs­sen die Un­ter­schen­kel wirk­lich so zit­tern ...?“, foppt dies­mal Rupp­recht ih­re Freun­din. Nach fast zwei­ein­halb St­un­den ist es ge­schafft. „Ich bin völ­lig fer­tig“, sagt Rupp­recht – und be­kommt den nächs­ten Spruch von Vogt ge­drückt: „Ich hab’ noch nie je­mand mehr jam­mern hö­ren ...“. Wo­bei es ihr kaum bes­ser er­geht. „Auch wenn’s an­ders aus­sieht, das ist je­des Mal so bru­tal an­stren­gend. Manch­mal muss ich mit­tags erst ein­mal schla­fen.“Fünf­mal pro Wo­che geht’s für die bei­den in die „Fol­ter­kam­mer“in Bad En­dorf. Und sie ma­chen es trotz al­ler An­stren­gung ger­ne, „weil die Be­din­gun­gen hier bei der Bun­des­po­li­zei-Sport­schu­le ein­fach per­fekt sind. Bes­ser geht’s nicht“. Bei An­na Rupp­recht ist ein En­de der Re­ha in Sicht: „Die Ärz­te ha­ben grü­nes Licht ge­ge­ben, dass ich im Ja­nu­ar wie­der an­fan­gen kann mit dem Sprin­gen.“Für Vogt da­ge­gen ist die Sai­son ge­lau­fen. Ei­ne Rück­kehr ist erst für Ju­ni 2020 ge­plant. „Bis da­hin ha­be ich noch viel Ar­beit vor mir“, sagt Ca­ri­na Vogt.

Har­te Ar­beit, bei der ihr An­na Rupp­recht als Spaß­vo­gel bald schon feh­len wird.

Sta­bi-Übun­gen fürs Knie: Ca­ri­na Vogt trai­niert für ihr Schan­zen-Come­back.

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