Deutsch­land im Pi­sa-Test schlech­ter

Bietigheimer Zeitung - - Vorderseit­e -

Bil­dung Le­se- und Re­chen­fä­hig­kei­ten der schwächs­ten Schü­ler las­sen merk­lich nach.

Nach dem Auf­wärts­trend bis 2013 er­lebt Deutsch­land nun den zwei­ten Pi­sa-Knick in Fol­ge. Die deut­schen Schü­ler ha­ben sich in al­len drei Be­rei­chen der in­ter­na­tio­na­len Ver­gleichs­stu­die – Le­sen, Ma­the­ma­tik und Na­tur­wis­sen­schaf­ten – leicht ver­schlech­tert. Sie er­ziel­ten je­weils et­was we­ni­ger Punk­te als bei der Un­ter­su­chung von 2016. Auch da­mals wa­ren die Wer­te in zwei Be­rei­chen schon ge­sun­ken.

Die Or­ga­ni­sa­ti­on für wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (OECD) wies aber dar­auf hin, dass die deut­schen Schü­ler wei­ter­hin über dem OECD-Durch­schnitt und da­mit auf ei­nem gu­ten Ni­veau lä­gen. In Ma­the­ma­tik und Na­tur­wis­sen­schaf­ten sei Deutsch­land so­gar deut­lich bes­ser als der Durch­schnitt der OECDLän­der. „Ei­ner der Fak­to­ren hin­ter dem Leis­tungs­rück­gang kön­nen die seit der Flücht­lings­kri­se ge­stie­ge­nen An­sprü­che an das Bil­dungs­sys­tem sein“, hieß es von der OECD. Der An­teil von Schü­lern „mit ei­ge­ner Mi­gra­ti­ons­er­fah­rung“sei seit 2016 deut­lich ge­stie­gen.

Ba­den-Würt­tem­bergs Kul­tus­mi­nis­te­rin Su­san­ne Ei­sen­mann (CDU) be­ton­te, es kom­me mehr denn je auf kon­se­quen­te Sprach­för­de­rung an. Die Grund­schu­len im Land hät­ten be­reits zu­sätz­li­che Pool­stun­den für die För­de­rung in Deutsch und Ma­the­ma­tik er­hal­ten. Zu­dem sol­le die Ar­beit mit leis­tungs­schwa­chen Schü­lern wei­ter ver­bes­sert wer­den.

Pi­sa-Stu­die An­ja Kar­lic­zek re­agiert mit Sor­ge auf die neu­en Er­geb­nis­se. Bund und Län­der müss­ten an ei­nem bes­se­ren Bil­dungs­sys­tem ar­bei­ten, da­mit Deutsch­land zur Spit­ze ge­hört.

Der Ju­bel fiel ver­hal­ten aus bei der Vor­stel­lung der neu­en Pi­sa-Er­geb­nis­se. Zwar hal­te man sich sta­bil über dem OECD-Durch­schnitt, be­ton­te Bun­des-Bil­dungs­mi­nis­te­rin An­ja Kar­lic­zek (CDU). Die Pi­sa-Stu­die wer­fe aber kein gu­tes Licht auf Deutsch­lands Schul­sys­tem: Je­der fünf­te 15-Jäh­ri­ge kann dem­nach nicht ein­mal auf Grund­schul­ni­veau le­sen.

In der ak­tu­el­len Stu­die ging es zum drit­ten Mal schwer­punkt­mä­ßig um die Le­se­kom­pe­tenz. Die deut­schen Schü­ler er­ziel­ten da­bei 498 Punk­te – und lan­den da­mit im OECD-Län­der-Ran­king auf Platz 15 von 37. Ins­ge­samt be­le­gen sie Rang 20 von 79. Die Leis­tun­gen be­we­gen sich da­mit auf ei­nem ähn­li­chen Ni­veau wie 2009, als Le­sen eben­falls Schwer­punkt war. Auch da­mals hat­te Deutsch­land den Sprung in die Spit­zen­klas­se ver­passt.

Es brau­che ei­ne „na­tio­na­le Kraft­an­stren­gung“, sag­te Kar­lic­zek: „Wir wol­len ein ex­zel­len­tes Bil­dungs­ni­veau. Wir wol­len in die Spit­ze auf­stei­gen.“Auch der Prä­si­dent der Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz, Hes­sens Kul­tus­mi­nis­ter Alex­an­der Lorz (CDU), sieht struk­tu­rel­len Hand­lungs­be­darf: „Wir müs­sen den päd­ago­gisch-di­dak­ti­schen Be­reich ver­stärkt in den Blick neh­men. Wir müs­sen den Fo­kus auf die Lehr­er­bil­dung le­gen, Leh­rer bes­ser ma­chen.“

In Deutsch­land hän­ge der schu­li­sche Er­folg stark vom so­zia­len Um­feld ab, sag­te OECD-Vi­ze­ge­ne­ral­se­kre­tär Lud­ger Schuknecht. Auch dar­auf müss­ten Leh­rer bes­ser ein­ge­hen. Be­son­ders die Skan­di­na­vi­er, aber auch Ita­li­en und die Nie­der­lan­de wür­den es bes­ser schaf­fen, durch das El­tern­haus be­ding­te Un­ter­schie­de aus­zu­glei­chen, sag­te die deut­sche Pi­sa-Ko­or­di­na­to­rin Kris­ti­na Reiss, die Deutsch­land ei­ne an­hal­ten­de „ho­he Un­ge­rech­tig­keit des Bil­dungs­sys­tems“at­tes­tier­te.

Bil­dungs­rat vor dem Aus

Bund und Län­der sol­len nun das Bil­dungs­sys­tem wei­ter ver­bes­sern, kün­dig­te Kar­lic­zek an, „je­der in sei­nem Ver­ant­wor­tungs­be­reich“. Ei­ne na­tio­na­le Kraft­an­stren­gung be­deu­te aber auch, dass man „al­le 16 Län­der an Bord“brau­che, sag­te die Bil­dungs­mi­nis­te­rin mit Blick auf Ba­den-Würt­tem­berg und Bay­ern. Nach dem Aus­tritt der bei­den Bun­des­län­der steht der ge­plan­te Na­tio­na­le Bil­dungs­rat nun vor dem Aus.

Ei­ne ge­mein­sa­me Bil­dungs­stra­te­gie von Bund, Län­dern, Kom­mu­nen und So­zi­al­part­nern for­dert auch die Vi­ze-Che­fin des Deut­schen Ge­werk­schafts­bunds (DGB), El­ke Han­nack, die im Na­tio­na­len Bil­dungs­rat ei­ne Chan­ce sieht, ei­nen Bau­plan zu ent­wi­ckeln. „Wir ha­ben kei­ne Dy­na­mik mehr in der Bil­dung“, sag­te Kar­lic­zek in Rich­tung der für die Schu­le ver­ant­wort­li­chen Län­der, „die Leis­tungs­sche­re öff­net sich, die Schwa­chen las­sen nach und die Star­ken sta­gnie­ren.“

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