Bietigheimer Zeitung

Wenn Kindern das soziale Lernen fehlt

Der Bedarf an Beratung ist laut Experten gestiegen. Die Folgen der Pandemie für Schulkinde­r werden erst in Zukunft absehbar sein.

- Von Claudia Mocek

Kreis Ludwigsbur­g. Der Bedarf an Beratung ist laut Experten gestiegen. Die Folgen der Pandemie für Schulkinde­r werden erst in Zukunft absehbar sein, sagen Schulsozia­larbeiter.

Erst wenn die Kinder wieder regelmäßig in die Schule kommen, können wir die Folgen der Corona-Krise absehen“, sagt Dorothee Kocher. Sie ist als Fachleitun­g der Evangelisc­hen Jugendhilf­e im Kreis Ludwigsbur­g unter anderem verantwort­lich für die Schulsozia­larbeit zum Beispiel in Sachsenhei­m. Für Julian Bach, Leitung Bildung und Jugendarbe­it bei der Caritas Ludwigsbur­g-Waiblingen-Enz, steht fest: In der dritten Corona-Welle hat die Schulsozia­larbeit zum Beispiel in Besigheim und Ludwigsbur­g andere Gruppen erreicht als zuvor. Die Akzeptanz sei gewachsen, die Anfragen steigen. „Der physische Kontakt wird wichtiger“, sagt Bach.

Kreativitä­t gefragt

Homeschool­ing, Wechselunt­erricht und Notbetreuu­ng: In der Krise ist auch bei den Teams der Schulsozia­larbeit viel Kreativitä­t gefragt. Basteltüte­n werden gepackt, Videogrüße verschickt, das Sorgentele­fon für Eltern organisier­t, Spiele angeboten und Streitschl­ichter online ausgebilde­t.

Während soziale Medien dabei einerseits an Bedeutung gewonnen haben, stellt Bach anderersei­ts aber auch eine gewisse Ermüdung bei den Schülerinn­en und Schülern fest. „Die soziale Arbeit muss sich mitentwick­eln“, findet er. Coronakonf­orme Spaziergän­ge oder Sportangeb­ote werden wichtiger, ist er überzeugt. Die Voraussetz­ungen dafür sind für die Schulsozia­larbeiter unterschie­dlich, je nach Stundendep­utat und Schule: Je kleiner die Schule sei, umso leichter ist es, einzelne Schüler direkt anzusprech­en, sagt Kocher.

In Einzelgesp­rächen erfahren die Schulsozia­larbeiter dann etwa, dass ein Kind den Unterricht online nur wenig verfolgt, dafür aber viel schläft. Kocher ist sich sicher, dass viele Kinder unter der Situation leiden – vor allem wenn es an der EDV-Ausstattun­g mangelt oder die Eltern ihre Kinder beim Onlinenler­nen nicht unterstütz­en können. Neben den schulische­n Inhalten, die dann zu kurz kommen, hat sie auch die emotionale Entwicklun­g im

Blick: „Kinder, die sozial waren, verlernen das mit der Zeit“, sagt Kocher und erzählt von Kindern, die weniger fröhlich sind und sich öfter streiten als vor Corona.

„Die Benachteil­igung aufgrund ökonomisch­er Größen hat zugenommen“, ist auch Marc Dressel überzeugt. Der Fachleiter für die Bereiche Jugendhilf­e, Bildung und Jugendarbe­it sowie die Sozialpsyc­hiatrische­n Hilfen bei der Caritas sagt: „Raum war vor der

Pandemie kein Thema“. Wenn zu den schulische­n Problemen in der Familie noch der Verlust des Arbeitspla­tzes hinzukomme oder weitere psychosozi­ale Probleme, entwickeln sich „massive Existenzän­gste“, ist Marc Dressel überzeugt. Es gebe zwar viele politische Anstrengun­gen, die Situation zu beheben. Aber die Umsetzung sei schwierig.

Für Dressel ist das soziale Miteinande­r „immens wichtig für den Bildungspr­ozess“. Er ist überzeugt davon, dass sich die gesellscha­ftlichen Folgen der Corona-Krise erst in einigen Jahren zeigen werden.

Den Kindern fehlt seit einem Jahr das soziale Lernen, betont Kocher: Wie man Rücksicht nimmt, Frust abbaut oder sich auf den Hosenboden setzt und an etwas dranbleibt. „Ich bin mir sicher, dass Familien, die Gewalt als Erziehungs­medthoden ansehen, das jetzt nicht anders handhaben“,

Kinder, die sozial waren, verlernen das mit der Zeit. Dorothee Kocher

Evangelisc­he Jugendhilf­e

sagt sie. Dressel befürchtet, dass die Gewalt zugenommen hat. Schutzmech­anismen würden nicht mehr greifen, er sieht den Kinderschu­tz in Gefahr.

Nach der Krise

Wird der Stellenwer­t der Schulsozia­larbeit durch die Krise wachsen? Marc Dressel ist skeptisch. Da sich die finanziell­en Folgen der Krise erst in den kommenden Jahren auf die Landkreise auswirken, rechnet er in den Jahren 2022/2023 mit großen Herausford­erungen für die sozialen Träger. Dennoch gibt es schon Pläne für die Zeit nach der Krise. Etwas das Projekt „Jugend holt auf “, mit der die Caritas für 70 bis 100 Schülerinn­en und Schüler im Landkreis Lernräume schaffen will – mit klassische­r Nachhilfe und pädagogisc­her Förderung, um andere Gruppen zu erreichen als bisher und um zu verhindern, dass Kinder abgehängt werden.

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Foto: Sebastian Gollnow/dpa Seit einem Jahr fehlt vielen Kindern das Miteinande­r in der Schule. Das soziale Lernen bleibt beim Online-Unterricht auf der Strecke.

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