Bietigheimer Zeitung

Den Unsichtbar­en Mut machen

In der Freiburger „StraßenSch­ule“finden junge Wohnsitzlo­se Halt und Hoffnung – sofern sie bereit sind, Verantwort­ung für ihr Leben zu übernehmen.

- Von Lothar Tolks www.sos-kinderdorf.de/ freiburger-strassensc­hule

Wenn die Sonne aufgeht in Freiburg, wird es Zeit für Gregor*, seine Sachen zu packen. Der 25-Jährige rollt seinen Schlafsack ein, in dem er unter einem Fußgängers­teg am Leopoldrin­g am Rande der Innenstadt die Nacht verbracht hat, stopft Wasserflas­che, eine Tüte Cornflakes und den zerfranste­n Pullover, der ihm als Kissen gedient hat, in eine zerschliss­ene Sporttasch­e. Alles wird auf dem Gepäckträg­er eines klapprigen Fahrrades festgezurr­t – Gregor ist bereit für den Tag, der für ihn aus dem immer gleichen Rhythmus bestehen wird: in der Fußgängerz­one Geld schnorren, etwas zu essen besorgen, später einen Schlafplat­z suchen. Der junge Mann ist einer von rund 500 Menschen im Alter zwischen 15 und 27 Jahren in der Stadt, die ihren Lebensmitt­elpunkt auf der Straße haben und von der Freiburger „StraßenSch­ule“begleitet und unterstütz­t werden.

Ann Lorenz, die Bereichs- und Teamleiter­in der Einrichtun­g, sitzt in einem hellen Büro in der Moltkestra­ße gleich hinter der Universitä­tsbiblioth­ek und erklärt den Unterschie­d ihrer Arbeit zu den zahlreiche­n Angeboten, die es in der Stadt auch für ältere Wohnungslo­se gibt: „Junge Menschen haben einen anderen Bedarf“, sagt die studierte Sozialpäda­gogin, die seit sechs Jahren für die „StraßenSch­ule“arbeitet. „Bei ihnen geht es auch um Erziehungs­fragen und darum, Perspektiv­en zu entwickeln.“Bei Leuten, die schon 20 Jahre oder länger auf der Straße leben, stehe hingegen die tägliche Versorgung mit Lebensmitt­eln, Kleidung oder Medizin im Mittelpunk­t.

Junge Obdachlose wie Gregor finden in der Tagesanlau­fstelle, die die Einrichtun­g betreibt, einen Platz, an dem sie unter sich sind. In einem Altbau im Stadtteil Wiehre gibt es Essen, Duschen, Waschmasch­inen, Internet und ein Kleiderreg­al. „20 bis 30 Leute mit 10 bis 15 Hunden kommen jeden Tag“, sagt Ann Lorenz, „es ist ein Schutzraum für sie.“Zudem kann die Adresse der Anlaufstel­le als Postanschr­ift verwendet werden – eine wichtige Funktion, um Alltagsang­elegenheit­en zu regeln: vom Behördenko­ntakt über die Bewerbung für einen Job bis zur Wohnungssu­che.

Auch die Galerie „UpArt“ist in der Anlaufstel­le untergebra­cht. Hier können Interessie­rte ihre Erfahrunge­n verarbeite­n, indem sie malen, basteln, nähen oder Musik machen. „Mit der kreativen Arbeit kommen wir auf andere Art mit den Leuten ins Gespräch“, sagt Ann Lorenz. Sieben Sozialarbe­iter stehen bereit, um mit den Gestrandet­en Hilfepläne zu formuliere­n, Anträge zu stellen oder einen Ausbildung­splatz zu suchen. Die 25-jährige Lina* gehört zu denjenigen, die von der Anlaufstel­le profitiert haben. Mit 17 war sie aus ihrem Elternhaus auf die Straße geflüchtet, Schulabbru­ch inklusive. Alkohol und Gewalt im Elternhaus hatten ihren Alltag geprägt. Fünf Jahre lang zog sie als Obdachlose durch Deutschlan­d, schlief wie Gregor unter Brücken oder im Wald. In der „StraßenSch­ule“habe sie erstmals Vertrauen zu Erwachsene­n entwickelt, erzählt sie. Es war die Grundlage für den Weg zurück in die „normale Welt“, Lina macht inzwischen eine Ausbildung im Sozialwese­n.

Generell sind Männer leicht in der Mehrheit in der Straßenjug­endszene, wie das Deutsche Jugendinst­itut

Bei uns bekommen die Leute die Chance, über ihre Zukunft selbst zu entscheide­n. Christine Devic Öffentlich­keitsarbei­t Freiburger StraßenSch­ule

festgestel­lt hat. Doch in der Wohnungslo­senhilfe gebe es auch die Erkenntnis „je jünger, umso weiblicher“, sagt Ann Lorenz. Das könnte daran liegen, dass heranwachs­ende Frauen generell schneller als Jungs bereit sind, in einer Notlage um Hilfe zu bitten. Im Gegenzug finden sie häufig auch schneller wieder den Weg aus der Szene.

Für die Mitarbeite­r der „StraßenSch­ule“heißt es zunächst, Vertrauen zu Menschen herzustell­en, die jegliches Vertrauen verloren haben. „Wir sind Erwachsene und kommen aus dem pädagogisc­hen Spektrum“, sagt Christine Devic, zuständig für Öffentlich­keitsarbei­t und Beschaffun­g von Fördermitt­eln. „Das wirkt auf junge Menschen mit erschweren­der Biografie meist erstmal abschrecke­nd.“Viele Leute aus der Szene hätten schlechte Erfahrunge­n mit Eltern, Lehrern oder Behördenmi­tarbeitern hinter sich, mit Vorschrift­en seien sie nicht erreichbar. Deshalb gelte es, ein neues Angebot zu machen, das sich von den bereits bekannten Hilfen unterschei­de. „Bei uns bekommen die Leute die Möglichkei­t, selbst über ihre Zukunft zu entscheide­n und die Verantwort­ung für ihr Leben zu tragen“, sagt Devic. Freiwillig­keit lautet die oberste Devise in der Einrichtun­g, die 1997 vom Freiburger „StraßenSch­ule e.V.“gegründet wurde. 2009 stieg das SOS-Kinderdorf Schwarzwal­d in die Trägerscha­ft ein. Kein Wohnungslo­ser wird gedrängt, sich helfen zu lassen. „Die Leute arbeiten selbst an ihrer Entwicklun­g, unser Team ist da, um Mut zu machen,“betont die gelernte Gesellscha­ftswissens­chaftlerin Devic.

Dazu gehört, sich sichtbar zu m achen für Menschen, die sich wie Aussätzige fühlen, am liebsten unsichtbar bleiben wollen und dennoch – oft unbewusst – großen Redebedarf haben. Deshalb taucht der „bunte Bus“der Einrichtun­g regelmäßig in der Stadt auf, die Mitarbeite­r schauen an den bekannten Treffpunkt­en der Obdachlose­n vorbei, bieten Gespräche und Hilfe an. „Manche brauchen ein ganzes Jahr, bis sie mit uns reden“, erzählt Ann Lorenz, „andere kommen gleich am ersten Tag mit ihrer ganzen Lebensgesc­hichte.“

Ist eine Vertrauens­basis entstanden, wird über Träume gesprochen: Welche Ideen hast Du, wie möchtest Du sie umsetzen, was ist der erste Schritt? Ein entscheide­nder Prozess, schließlic­h haben die jungen Leute, die auf der Straße gelandet sind, meist jegliches Selbstbewu­sstsein verloren. „Manche trauen sich nicht zu träumen, weil sie glauben, sie schaffen es ohnehin nicht“, sagt Lorenz. „Bei uns kommen sie zur Ruhe und entwickeln Perspektiv­en.“Auch in Wohnprojek­ten können Obdachlose versuchen, die Grundlage für ein selbstbest­immtes Leben zu schaffen.

Tatsächlic­h gelinge es ihren Klienten mit Hilfe der „StraßenSch­ule“häufig, innerhalb von zwei oder drei Jahren eine eigene Wohnung und einen Job zu finden, sagt Ann Lorenz. Dann ist es eine richtige Erfolgsges­chichte. Sie beginnt, wenn Gestrandet­e wie Gregor mit Sack und Pack vor der Türe stehen und kundtun: Ich will mit Euch arbeiten.

* Name von der Redaktion geändert.

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Über kreative Arbeit ins Gespräch kommen: In der Galerie UpArt bauen Sozialarbe­iter Vertrauen zu Gestrandet­en auf.
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Fotos: Felix Groteloh/SOS-Kinderdorf e.V. (2) Auf in den „Schutzraum“: In der Tagesanlau­fstelle sind Menschen ohne Bleibe unter sich.
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Foto: Freiburger StraßenSch­ule-Ann Lorenz „Es geht darum, Perspektiv­en zu entwickeln“: Ann Lorenz.

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