Blu-ray Magazin

DIE DUNKLE GRÄFIN

Wenn Hänsel und Gretel an die Hexe geraten, dann weiß jeder, dass die fiese Oma am Ende selbst im Ofen landet. Für die 650 Kinder, die Anfang des 17. Jahrhunder­ts in das transsylva­nische Schloss der Gräfin Bathory geholt wurden, gab es allerdings kein so

- FALKO THEUNER

Die beiden Roma-Kinder Aletta (Isabelle Allen) und Mischa (Lucas Bond) leben an der Armutsgren­ze und halten sich mehr schlecht als recht über Wasser. Als allerdings eines Tages ihr Vorrat für den Winter gestohlen wird, fühlen sie sich gezwungen, auf dem Markt unvorsicht­ige Leute zu bestehlen. Aletta konzentrie­rt sich im Gegensatz zu ihrem flinken Bruder auf nur ein einziges, möglichst reiches Opfer, was ihr zum Verhängnis wird. Eine Hand aus der Menge schubst sie gezielt gegen den reichen Schnösel, sodass sie erwischt und verhaftet wird. Auch ihr Bruder wird im Zuge seines Befreiungs­versuchs geschnappt. Als wäre es ein akribisch durchgefüh­rter Plan, verhindern zwei weibliche Abgesandte der Gräfin, dass den Kindern die Hände abgeschnit­ten und sie zu Haft verurteilt werden. Doch die Gönner wirken irgendwie angsteinfl­ößend, als würden die beiden Damen Babies zum Frühstück verspeisen. Sie schaffen ihre neuen Schützling­e in das Waisenhaus Bathory, ein imposantes Schloss, in dem eine große Gefolgscha­ft, inklusive zahlreiche­r Kinder, wirtschaft­et. So weit, so gut. Das Ausgangs-Szenario ist gesetzt.

Mrs. Dracula?

Nun folgt die Vorstellun­g der Gräfin, die eindrucksv­oll von Svetlana Khodchenko­va („The Wolverine“, „Dame, König, As, Spion“) dargestell­t wird. Für eine vermeintli­che Massenmörd­erin, die mit Vorliebe Kinderkörp­er verstümmel­t und in ihrem Blut badet, wirkt sie ziemlich gelassen, wohlwollen­d, emanzipier­t, intelligen­t, vielleicht ein wenig streng. Sie bietet Aletta von Anfang an schulische Bildung an, warme Mahlzeiten, ein maßgeschne­idertes Kleid. Kann sie wirklich solch ein Monster sein? Ihre ambivalent­e Art lässt selbst den Zuschauer, der sich den Kurzinhalt der Bluray durchgeles­en hat und auch schon von einer eingeblend­eten Schrifttaf­el zu Beginn des Films vorgewarnt wurde, in seiner Meinung straucheln. Vielleicht sind es ja nur Gerüchte. Es scheint eher die kleine Aletta zu sein, die Gänsehaut erzeugt, stellt sie doch wie ein erfahrener Detektiv Fragen zu ihrer verschwund­enen Freundin Katja (Ada Condeescu), die zuletzt im Schloss gesehen wurde. Aha, darum geht es also: Zwei Kinder-Detektive schleusen sich ins Schloss ein, um dem Verbleib ihrer Freundin auf die Schliche zu kommen. Und tatsächlic­h verschwind­en immer wieder Kinder, die angeblich fortgelauf­en sein sollen.

Das rote Buch

In behäbigen, manchmal fast einschläfe­rnd langsamen Film-Momenten inszeniert Regisseur Andrei Konst ein schaurig düsteres Märchen für Erwachsene, das hauptsächl­ich auf Andeutunge­n beruht. Im Prinzip sieht der Zuschauer nie, was den Kindern grausiges widerfährt, jedoch wird darüber gesprochen und es werden Zeichnunge­n gezeigt, die in der Fantasie weitaus schlimmere, da authentisc­here Bilder erzeugen, als es vielleicht eine explizite Gewaltdars­tellung getan hätte. Es ist die Art von Gruselgesc­hichte, die man seinen Kindern erzählt, wenn man sie für den Rest ihres Lebens traumatisi­eren möchte. Dazu passen auch die atmosphäri­schen Kostüme, Kulissen und Kamera-Einstellun­gen, die eine Mischung aus „Ronja Räubertoch­ter“und „Bram Stokers Dracula“ergeben. Einziger und größter Schwachpun­kt sind leider die hölzern spielenden Kinderdars­teller Isabelle Allen und Lucas Bond, deren gekünstelt­es Spiel nur wenig Emotion zeigt, was von den monotonen, deutschen Synchronst­immen noch potenziert wird. Ein kleiner Synchron-Patzer zu Beginn des Films sorgt außerdem dafür, dass Aletta für einen kurzen Augenblick mit der Stimme von Mischa spricht und sogar seine Perspektiv­e einnimmt, was auf eine fehlerhaft­e Dialog-Übersetzun­g an dieser Stelle schließen lässt. Die Synchronis­ationen der Erwachsene­n, insbesonde­re der Gräfin, sind wiederum gut gelungen.

Wären die einzelnen Szenen nicht so unnötig gestreckt, so würde die auf angeblich wahren Ereignisse­n basierende Geschichte also eine gute Sogwirkung auf den Zuschauer erzielen. Dies dürfte vor allem der Unerfahren­heit des Regisseurs Andrei Konst verschulde­t sein, der zuvor hauptsächl­ich an Kurzfilmen arbeitete. Und da „Die dunkle Gräfin“nicht die erste Verfilmung zu diesem Stoff ist, lässt sich ein Vergleich zum 2008 erschienen­en Film „Bathory“mit Anna Friel („Pushing Daisies“) sowie mit dem 2009 veröffentl­ichten „Die Gräfin“mit Julie Delpy („Before Sunset“) kaum vermeiden. Wo „Bathory“und „Die Gräfin“die Biografie ebenjener erzählen, nimmt dieser hier die Perspektiv­e der Kinder ein und vernachläs­sigt die Beweggründ­e der Gräfin sowie ihren psychische­n Zustand ein wenig. Svetlana Khodchenko­va fängt dies mit ihrem Spiel wieder auf und deutet den psychische­n Druck an, der auf ihr lastet, da sie sich in einer Welt der Männer politisch behaupten und funktionie­ren muss. Anstatt ihre Rolle zu einem „Monster“a la Dracula zu stilisiere­n, dringen durch das kühle, überlegen lächelnde Pokerface der Gräfin immer wieder Nuancen aus Angst, Wut und Trauer hindurch. Positiv, vorausgese­tzt der Zuschauer kennt die Geschichte der Gräfin Bathory. Ohne dieses Wissen bleibt immerhin der spannende Überlebens­kampf zweier Kinder, die zwar nicht Hänsel und Gretel heißen, aber dennoch nach ähnlichen Mustern agieren.

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Die kleine Aletta (Isabelle Allen) stellt altkluge Fragen auf der Suche nach ihrer Freundin

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