Mein Le­ben als Zuc­chi­ni

Blu-ray Magazin - - Blockbuster - FAL­KO THEUNER

Dass Ani­ma­ti­ons­fil­me schon lan­ge nicht mehr nur et­was für Kin­der sind, dürf­te in­zwi­schen auch bei dem letz­ten Mei­der die­ses Me­di­ums an­ge­kom­men sein. Vie­le die­ser Fil­me be­han­deln so­gar recht er­wach­se­ne The­men, wie et­wa den Tod oder auch die Ein­sam­keit und ver­pa­cken dies in fas­zi­nie­ren­den Ge­schich­ten über das Le­ben. Fil­me wie Pix­ars „Oben“, Ga­b­ri­ell Vin­cents „Er­nest & Cé­lesti­ne“, Tomm Moo­res „Die Me­lo­die des Mee­res“und auch Adam El­li­ots tra­gisch-me­lan­cho­li­sches „Ma­ry & Max“wid­men sich die­sen To­poi aus ganz au­ßer­ge­wöhn­li­chen und oft so­gar über­ra­schend un­ge­schön­ten Per­spek­ti­ven, oh­ne die ei­gent­li­che, le­bens­be­ja­hen­de Bot­schaft aus den Au­gen zu ver­lie­ren. Nun reiht sich Clau­de Bar­ras‘ Os­car-no­mi­nier­ter Stop-Mo­ti­on-Film „Mein Le­ben als Zuc­chi­ni“eben­falls in die­se Grup­pe aus fast schon phi­lo­so­phi­schen Ani­ma­ti­ons­klas­si­kern ein, de­ren Bild­spra­che Wun­der­schö­nes mit All­täg­li­chem ver­bin­det. In „Mein Le­ben als Zuc­chi­ni“muss sich der neun­jäh­ri­ge Ica­re nach dem plötz­li­chen Un­fall­tod sei­ner al­ko­hol­kran­ken Mut­ter als Wai­se durch­schla­gen und fin­det in dem Po­li­zis­ten Ray­mond ei­nen wert­vol­len Ver­bün­de­ten und Freund, der ihm ei­ne Per­spek­ti­ve gibt. Un­ter der Auf­sicht von Ma­dame Pa­pin­au be­ginnt für den Jun­gen mit dem Ge­mü­se-Spitz­na­men ein neu­er Le­bens­ab­schnitt im Wai­sen­haus „Haus der Spring­brun­nen“, in dem er zu­nächst gro­ße Schwie­rig­kei­ten hat, An­schluss un­ter den Kin­dern zu fin­den. Je mehr Zeit Zuc­chi­ni al­ler­dings mit den an­de­ren ver­bringt, des­to stär­ker wird ihm be­wusst, dass je­des die­ser Kin­der ein Trau­ma mit sich her­um­trägt. Ins­ge­heim ist al­len be­wusst, dass sie im sel­ben Boot sit­zen und bes­se­re Chan­cen ha­ben wür­den, wenn sie sich mit­ein­an­der ver­bün­den und die fa­mi­liä­re Lü­cke mit Freun­den fül­len. Doch erst als mit Ca­mil­le ei­ne wei­te­re Wai­se zur Grup­pe stößt, taut das Eis voll­stän­dig und die Zu­ge­hö­rig­keit steigt. Da Zuc­chi­ni ei­nen ers­ten An­flug von Lie­be ver­spürt, schmerzt ihn ihr bal­dig dro­hen­der Fort­gang zur un­be­lieb­ten Tan­te um so mehr. Doch wo­zu hat man Freun­de, wenn man mit die­sen kei­ne Pfer­de steh­len könn­te? Oder wie in die­sem Fall … ei­ne Ca­mil­le?

Die Wahl des Me­di­ums

Wenn man sich die klei­nen, blas­sen Ge­sich­ter mit ih­ren blut­un­ter­lau­fe­nen Au­gen so an­schaut, lie­gen Ver­glei­che zu Tim Bur­tons „Corp­se Bri­de“, „Fran­ken­weenie“oder auch Hen­ry Selicks „Night­ma­re Be­fo­re Christ­mas“und „Cora­li­ne“na­he. Doch statt ei­ner mor­bi­den Fan­ta­sy-Ge­schich­te ser­viert Clau­de Bar­ras dem Pu­bli­kum hier ei­ne sehr ge­er­de­te Hand­lung mit cha­rak­ter­lich aus­ge­präg­ten, alt­klu­gen Wai­sen­kin­dern, die viel zu früh er­wach­sen wer­den muss­ten. Ih­re Mi­mik bleibt ver­hal­ten, emo­tio­nal nu­an­ciert und äu­ßerst viel­schich­tig, ih­re Ge­sichts­aus­drü­cke trotz ih­rer car­toon­haf­ten Gestal­tung rea­lis­tisch. Frei nach Gil­les Paris’ Ro­man „Au­to­bio­gra­phie d’une cour­get­te“(„Au­to­bio­gra­phie ei­ner Zuc­chi­ni“) wid­men sich die jun­gen Prot­ago­nis­ten der Ver­ar­bei­tung ih­rer Ver­gan­gen­heit, der sehr frü­hen Kon­fron­ta­ti­on mit dem Tod und dem Mut, um ih­re An­er­ken­nung und Lie­be zu kämp­fen. Doch kei­ne Sor­ge, statt ei­nes tod­trau­ri­gen Dra­mas er­war­tet den Zu­schau­er trotz der erns­ten The­men ei­ne recht aben­teu­er­li­che, hu­mor­vol­le und groß­ar­ti­ge Abend­un­ter­hal­tung. Dreh­buch­au­to­rin Cé­li­ne Sciam­ma konn­te be­reits bei ih­ren Re­al­film­pro­jek­ten wie et­wa „Tom­boy“oder auch „Girlhood“Er­fah­run­gen mit der kind­li­chen Per­spek­ti­ve sam­meln. In­zwi­schen hat sie auch als Re­gis­seu­rin ei­ne ganz ei­ge­ne Bild­spra­che ge­fun­den, in­dem sie Kin­der und Ju­gend­li­che ganz na­tür­lich vor der Ka­me­ra agie­ren lässt und so­mit auch für die er­wach­se­ne Zu­schau­er­schaft ein Fens­ter öff­net, das ei­nen Blick durch die Au­gen der ge­gen­wär­ti­gen, her­an­wach­sen­den Ge­ne­ra­ti­on er­mög­licht. In ih­ren Fil­men geht es häu­fig um Kin­der, die ih­ren Platz in der von Er­wach­se­nen ge­präg­ten Ge­sell­schaft su­chen, wo­bei sie sich in ei­ner ganz ei­ge­nen Kin­der-Ge­sell­schaft be­we­gen.

Clau­de Ba­ras wie­der­um ist zwar ein Neu­ling im Be­reich abend­fül­len­der Ki­no­fil­me, kennt sich je­doch auf­grund jah­re­lan­ger Kurz­fil­mer­fah­rung her­vor­ra­gend mit der Stop-Mo­ti­on-Ani­ma­ti­on aus, ein Me­di­um, das per­fekt scheint, um die Ge­schich­te Zuc­chi­nis zu er­zäh­len. Viel­leicht ist es auch der Vor­ur­teil an sich, dass so vie­le Stop-Mo­ti­on-Ani­ma­ti­on mit un­schul­di­ger Hei­le-Welt-Un­ter­hal­tung für Kin­der gleich­set­zen, was den Kon­trast zur un­ge­schön­ten, rea­li­täts­kon­for­men Hand­lung ver­stärkt. Schließ­lich wer­den in Zuc­chi­nis Welt durch­aus sol­che Sa­chen wie Dro­gen, Al­ko­hol, Flü­che und an­de­re Din­ge nicht aus­ge­blen­det, da sie nun ein­mal zur rea­len Welt ge­hö­ren und Din­ge sind, mit de­nen auch Kin­der im ei­ge­nen All­tag kon­fron­tiert wer­den kön­nen. Die Blu-ray zum Ani­ma­ti­ons-Meis­ter­werk er­scheint am 25. Au­gust.

Mit Freun­den ist alles bes­ser: Zuc­chi­ni taut trotz Schnee auf

Der klei­ne Ica­re, der am liebs­ten Zuc­chi­ni ge­nannt wird, ist ein lie­bens­wer­ter Held

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