The Hand­maid’s Ta­le (1. Staf­fel)

Test des Mo­nats

Blu-ray Magazin - - Aktuelles - FE­LIX RIT­TER

In ei­ner fik­ti­ven Par­al­lel­rea­li­tät, in der die Mensch­heit durch nu­klea­re Ka­ta­stro­phen, Um­welt­zer­stö­run­gen und Ge­schlechts­krank­hei­ten na­he­zu un­frucht­bar ge­wor­den ist, hat die to­ta­li­tä­re und re­pres­si­ve Re­pu­blik Gi­lead die Macht in den USA über­nom­men. Das neue Re­gime hat ei­ne pa­tri­ar­cha­li­sche Stän­de­ge­sell­schaft eta­bliert, in der Frau­en zum Be­sitz der Män­ner de­gra­diert und nach ei­ner fa­na­ti­schen und wort­wört­li­chen Aus­le­gung der Bi­bel vor al­lem als ei­nes be­trach­tet wer­den: als Ge­bär­ma­schi­nen. Frau­en dür­fen kei­nen Be­sitz ha­ben und wer­den den Män­nern als Ehe­frau­en, Haus­häl­te­rin­nen und Mäg­de zu­ge­spro­chen. Als ei­ne der we­ni­gen noch frucht­ba­ren und ge­bär­fä­hi­gen Frau­en wird Ju­ne (Eli­sa­beth Moss) dem hoch­ran­gi­gen Kom­man­dan­ten Fred Wa­ter­ford (Jo­speh Fi­en­nes) zu­ge­teilt. In ih­rer Funk­ti­on als Magd muss sie vor ih­rem „Herrn“re­gel­mä­ßig die Bei­ne breit ma­chen, um sich schwän­gern zu las­sen. Das bis ins kleins­te De­tail durch­struk­tu­rier­te Pro­ze­de­re wird als die „Ze­re­mo­nie“be­zeich­net, bei der auch die hö­her ge­stell­te Ehe­frau (Yvon­ne Stra­hov­ski) an­we­send sein muss. Als Zei­chen ih­res Skla­ven­stan­des wird Ju­ne nur noch „Des­fred“ge­nannt. Doch sie kann sich noch gut an ihr Le­ben vor der Re­pu­blik Gi­lead er­in­nern. Mit ih­rem Mann Lu­ke hat­te sie ei­ne Toch­ter, die ihr bei ei­ner miss­glück­ten Flucht weg­ge­nom­men wur­de. Ihr Mann wur­de da­bei er­schos­sen. Ju­ne schwört sich, für ih­re Toch­ter durch­zu­hal­ten und hofft, dass sie sie ei­nes Ta­ges wie­der se­hen kann. Von ei­ner an­de­ren Magd, die „Des­g­len“(Al­exis Ble­del) ge­nannt wird, er­fährt sie von ei­ner Wi­der­stands­be­we­gung, aber auch dass sich ein Spit­zel des Re­gimes in ih­rem Haus be­fin­det. Könn­te es der nie­de­re Hau­s­an­ge­stell­te und Chauf­feur Nick (Max Ming­hel­la) sein?

Die „schö­ne, neue Welt“

An­hand der Be­liebt­heit und Ver­brei­tung von dys­to­pi­schen Sze­na­ri­en in Li­te­ra­tur, Film und Fern­se­hen kann man durch­aus Rück­schlüs­se auf die Ge­gen­wart zie­hen. An­dau­ern­de po­li­ti­sche Kri­sen, öko­no­misch in­sta­bi­le Ver­hält­nis­se und ei­ne zu­neh­men­de Ra­di­ka­li­tät und La­ger­bil­dung in ge­sell­schaft­li­chen De­bat­ten ha­ben zum ei­nen ein ver­ängs­ti­gen­des, aber gleich­zei­tig auch an­re­gen­des Po­ten­zi­al für krea­ti­ve Au­to­ren und Fil­me­ma­cher. Schon zu den Zei­ten der in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on ha­ben die ra­san­ten tech­ni­schen und so­zia­len Ve­rän­de­run­gen in der Ge­sell­schaft die ers­ten be­kann­ten, dys­to­pi­schen Ro­ma­ne, wie zum Bei­spiel H.G. Wells „Die Zeit­ma­schi­ne“nach sich ge­zo­gen. Aber vor al­lem Al­dous Hux­leys „Schö­ne neue Welt“(1932) und Ge­or­ge Or­wells „1984“(1948) ha­ben be­drü­cken­de Vi­sio­nen to­ta­li­tä­rer Un­ter­drü­ckung und Über­wa­chung ge­zeich­net. Auch Ma­ga­ret At­woods Ro­man „The Hand­maid’s Ta­le“(zu deutsch „Der Re­port der Magd“) von 1985 lässt sich in die­se Tra­di­ti­on ein­ord­nen, ist aber in meh­re­rer Hin­sicht ein­zig­ar­tig. Ihr Bild ei­nes fa­na­tisch christ­li­chen Staats­ap­pa­ra­tes greift eben je­ne be­ste­hen­den, frau­en­feind­li­chen Res­sen­ti­ments auf, die ins­be­son­de­re in den Krei­sen re­li­giö­ser Fun­da­men­ta­lis­ten da­mals wie heute un­ver­än­dert schei­nen. So wirkt ihr Ent­wurf ei­ner schlei­chen­den und durch po­li­ti­sche und öko­lo­gi­sche Kri­sen be­güns­tig­ten Macht­über­nah­me eben je­ner re­ak­tio­nä­ren und fa­schis­ti­schen Kräf­te er­schre­ckend rea­lis­tisch und be­droh­lich. Be­reits 1990 ver­film­te Vol­ker Sch­lön­dorff („Die Blech­trom­mel“, 1979) At­woods Buch als „Die Ge­schich­te der Die­ne­rin“. Doch im größ­ten­teils ne­ga­ti­ven Pres­se­echo gab er selbst zu, dass er mit dem Stoff nie rich­tig warm wur­de und es vor al­lem ei­ne Auf­trags­ar­beit war. Sel­bi­ges kann man von den Ma­chern der ak­tu­el­len Se­rie de­fi­ni­tiv nicht be­haup­ten.

Ei­ne star­ke Iden­ti­tät

„The Hand­maid’s Ta­le“hat be­reits kurz nach sei­ner Erst­aus­strah­lung meh­re­re Em­mys und zwei Gol­den Glo­bes ab­ge­räumt, dar­un­ter in bei­den Fäl­len die Ka­te­go­rie „Bes­te Dra­ma­se­rie“so­wie Eliz­a­beth Moss als „Bes­te Darstel­le­rin“. Be­rech­tig­te Grün­de da­für gibt es vie­le. Mit ver­schie­de­nen äs­the­ti­schen wie dra­ma­tur­gi­schen Mit­teln wird ei­ne per­ma­nen­te At­mo­sphä­re der Pa­ra­noia und Be­dro­hung ge­schaf­fen. Die Se­rie lebt vor al­lem von den Be­zie­hungs­kon­stel­la­tio­nen zwi­schen den Fi­gu­ren. Je­der Dia­log und je­der Blick por­trä­tiert auf sub­ti­le Wei­se die of­fe­nen wie auch ver­steck­ten Macht­ver­hält­nis­se zwi­schen den Fi­gu­ren und de­ren dy­na­mi­sche Ver­schie­bun­gen. Hier spricht vor al­lem das Un­aus­ge­spro­che­ne, so­wohl in Ges­tik und Mi­mik, aber auch im De­sign der un­ter­schied­li­chen Uni­for­mie­run­gen der Mäg­de, Ehe­frau­en und Haus­häl­te­rin­nen bzw. der Ku­lis­sen. Je­des De­tail der Welt, in der sich Ju­ne ali­as „Des­fred“be­wegt – sei­en es die be­waff­ne­ten Sol­da­ten an je­der Ecke, die Gal­gen­lei­chen, die na­he­zu je­den Stra­ßen­zug säu­men oder die kli­nisch sau­be­ren Su­per­markt­gän­ge, in de­nen je­der Schritt be­ob­ach­tet wird – zeich­net ein be­klem­men­des und be­drü­cken­des Ge­fühl und ist Aus­druck ei­ner fa-

schis­ti­schen und to­ta­li­tä­ren Ideo­lo­gie. Und doch schafft es die Se­rie, die­se be­ängs­ti­gen­de und per­ma­nent an­ge­spann­te At­mo­sphä­re in gut ge­wähl­ten Mo­men­ten mit ei­nem tro­cke­nen und in­sze­na­to­risch ver­spiel­ten Hu­mor für kur­ze Zeit zu un­ter­wan­dern. Das ge­lingt nicht zu­letzt durch den Sound­track, der in die me­lan­cho­li­schen Strei­ch­er­klän­ge im­mer wie­der be­kann­te Pop­songs mischt, wie zum Bei­spiel Sim­ple Minds’ „Don’t You (For­get about me)“, das durch den Bruch, den es im Ge­fü­ge die­ser Welt ver­ur­sacht, eben­so ko­mö­di­an­tisch und gleich­sam im Kon­text des Emp­fin­dens von Ju­ne re­bel­lisch wirkt. An die­ser Stel­le muss man auch die Leis­tung der Haupt­dar­stel­le­rin Eli­sa­beth Moss wür­di­gen. Ihr ge­lingt es, un­ter der Fas­sa­de, die sie sich in der Rol­le ih­rer auf­ge­zwun­ge­nen, per­ver­sen Funk­tio­na­li­tät als „Des­fred“an­eig­nen muss­te, eben­so die ver­zwei­fel­ten und ver­letz­li­chen Fa­cet­ten ih­rer Fi­gur zu zei­gen, als auch das Durch­hal­te­ver­mö­gen und ih­re Wi­der­stands­kraft. Ge­ne­rell wird hier ei­ne weib­li­che Iden­ti­tät ge­zeich­net, die ge­ra­de in ih­rer Un­ter­drü­ckung in vie­ler­lei Hin­sicht ei­gen­stän­di­ger, viel­schich­ti­ger und auch be­stimm­ter zum Vor­schein tritt, als man es sonst ge­wohnt ist. So fes­selt „The Hand­maid’s Ta­le“von der ers­ten Mi­nu­te an. Die­se dys­to­pi­sche Welt ist so er­schre­ckend und auf rea­lis­ti­sche Wei­se be­droh­lich ge­zeich­net, dass man sich ein­fach nur wünscht, dass sich Ju­ne ir­gend­wie aus ei­ge­ner Kraft in ihr be­haup­ten und schließ­lich aus ihr ent­kom­men kann. In Zu­sam­men­ar­beit mit der Au­to­rin Ma­ga­ret At­wood ist so ei­ne ori­gi­nel­le wie span­nen­de Se­rie ent­stan­den, die ver­stört, be­rührt und ei­nen manch­mal auch zum La­chen bringt, aber vor al­lem zum Nach­den­ken an­regt über ei­ne düs­te­re und un­heim­li­che Ge­sell­schafts­vi­si­on, die gar nicht so weit von der Rea­li­tät ent­fernt ist, wie man es ger­ne hät­te.

Mat­tes Bild, im­mer­si­ver Sound

Tech­nisch bie­tet die Blu-ray ei­ne pro­fes­sio­nel­le Qua­li­tät. Der mat­te Schwarz­wert und die har­ten Kon­tras­te pas­sen gut zur düs­te­ren Stim­mung. Ssti­lis­tisch do­mi­nie­ren Grau- und Braun­tö­ne. Die ro­ten, blau­en und schwar­zen Uni­for­men ste­chen be­wusst dar­aus her­vor, be­son­ders das schwe­re und dunk­le Rot der Magd­klei­der. Lo­ben muss man aber vor al­lem die Au­di­o­qua­li­tät. Ge­ra­de in den häu­fi­gen Dia­lo­gen glei­tet der Klang dy­na­misch flie­ßend vom lei­sen Hauch ei­nes Flüs­terns zum laut­star­ken Schrei­en. Ge­ne­rell ist die Dy­na­mik zwi­schen Dia­log, Sound­track und Um­ge­bungs­ge­räu­schen per­fekt aus­ta­riert. Für ein im­mer­si­ves Ge­fühl sorgt auch der de­zen­te, aber tech­nisch hoch­wer­ti­ge Raum­sound mit ei­ner sehr prä­zi­sen Si­gna­lor­tung.

Die Klei­dung der Mäg­de, die sie als sol­che so­fort kennt­lich macht und ih­ren Stand ver­mit­telt, funk­tio­niert gut zur Ver­deut­li­chung der Un­ter­drü­ckungs­me­cha­nis­men Se­re­na Joy Wa­ter­ford (Yvon­ne Stra­hov­ski) ist die Frau von „Des­freds“Ge­bie­ter. Auch für die Ehe­frau­en kann die „Ze­re­mo­nie“ei­ne schwie­ri­ge An­ge­le­gen­heit wer­den

Al­exis Ble­del ge­wann für ih­re Rol­le als „Des­g­len“ei­nen Em­my. Das fa­mi­li­en­freund­li­che Image der aus Gil­mo­re Girls be­kann­ten Schau­spie­le­rin gibt ei­nen ef­fek­ti­ven Kon­trast zu dem, was ihr hier wi­der­fährt

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.