| Wun­der

An­spruch

Blu-ray Magazin - - Service - TORS­TEN FRÖHLICH

Dem­nach wird es ei­ne kniff­li­ge Zer­reiß­pro­be für Au­gust „Aug­gie“Pull­mann (Ja­cob Trem­blay), der mit dem Tre­acher-Col­lins-Syn­drom oder auch Dys­os­to­sis man­di­bu­lo­f­acia­lis in die Welt ent­las­sen wur­de und nun eben erst­mals in ei­ner rich­ti­gen Schu­le un­ter­rich­tet wer­den soll. Die Erb­krank­heit ver­schaff­te ihm seit sei­ner Ge­burt qua­si ei­nen Dau­er­auf­ent­halt im Kran­ken­haus und gan­ze 27 Ope­ra­tio­nen, um die De­for­ma­tio­nen des Ge­sich­tes zu be­he­ben. Nach vie­len Jah­ren des Pri­vat­un­ter­rich­tes durch sei­ne Mut­ter Isa­bel (Ju­lia Ro­berts) scheint die Zeit jetzt reif, den Be­schu­lungs­ver­such zu wa­gen. Da­bei er­hält Aug­gie warm­her­zi­ge Un­ter­stüt­zung sei­ner lie­be­vol­len Fa­mi­lie um Va­ter Na­te (Owen Wil­son) und Schwes­ter Via (Iz­a­be­la Vi­do­vic).

Aus­gren­zung vs. In­te­gra­ti­on

Ei­gent­lich wirkt er wie ein nor­ma­ler zehn­jäh­ri­ger Jun­ge, der sich für das Wel­tall und „Star Wars“in­ter­es­siert. Den­noch ver­steckt sich Aug­gie un­ter ei­nem NASA-As­tro­nau­ten-Helm. Bei ei­ner Schul­ein­ge­wöh­nung sorgt sein An­blick für Be­frem­den bei drei aus­ge­wähl­ten Schü­lern sei­ner bal­di­gen Klas­se, die ihm ei­gent­lich den Ein­stieg er­leich­tern sol­len. Schul­di­rek­tor Po­mann ist es je­doch ei­ne Her­zens­an­ge­le­gen­heit, den jun­gen Ele­ven un­ter die Fit­ti­che zu neh­men und ihm die best­mög­li­che Ba­sis zur In­te­gra­ti­on zu ge­wäh­ren. Den­noch kann Po­mann nicht ver­hin­dern, dass noch am ers­ten Schul­tag die An­fein­dun­gen an­de­rer Schü­ler be­gin­nen. Um­ge­hend er­öff­net sich ei­ne Pha­se des Lei­dens für Aug­gie, der sich in ei­nen Traum und die Vor­stel­lung, wie er ge­se­hen wer­den möch­te, flüch­tet. Doch kann die ge­dank­li­che Aus­flucht nicht ver­hin­dern, dass er sich ein­sam, ge­hasst und den ge­sam­mel­ten Grau­sam­kei­ten sei­ner Mit­schü­ler aus­ge­lie­fert fühlt. So­gleich durch­lebt Schwes­ter Via ih­re ei­ge­nen Kon­flik­te, wird sie doch seit de­ren Be­such im Som­mer­camp von ih­rer einst­mals bes­ten Freun­din ge­mie­den. Da sich zu Hau­se schein­bar al­les um ih­ren klei­nen Bru­der dreht und ih­re ver­trau­te Groß­mut­ter zu früh ver­schie­den ist, wähnt sie sich in ei­ner ähn­li­chen Ein­sam­keit wie ihr klei­ner Bru­der­spross und wünscht sich mehr fa­mi­liä­re Auf­merk­sam­keit. Ei­nen Halt fin­det sie in Jus­tin, ei­nem Schü­ler, der sie für ei­nen Schau­spiel­kurs mo­ti­vie­ren kann. Mut­ter Isa­bel hat sich stets dem Woh­le ih­res klei­nen Sor­gen­kin­des ge­wid­met, ih­re Ab­schluss­ar­beit nie zu En­de ge­schrie­ben und da­bei ist auch Via auf der Stre­cke ge­blie­ben. Wie las­sen sich nun die Her­aus­for­de­run­gen und Kon­flik­te al­ler in Fa­mi­lie und Schu­le lö­sen?

Ste­phen Ch­bo­s­ky, der durch die Ro­man­ver­fil­mug von „The Perks Of Being A Wall­f­lower“(dt. Ti­tel „Viel­leicht lie­ber mor­gen“) vie­le Lor­bee­ren beim ge­neig­ten Film­pu­bli­kum sam­meln durf­te, wid­me­te sich in „Wun­der“aber­mals ei­nem emo­tio­nal kon­flikt­ge­la­de­nen Ro­man. So avan­cier­te R.J. Pa­la­ci­os´ Werk über ei­nen schein­bar von der Au­ßen­welt iso­lier­ten Jun­gen 2012 zu ei­nem ame­ri­ka­ni­schen Best­sel­ler. Den­noch ze­le­briert Ch­bo­s­ky kei­nen rein­weg hei­te­ren Fa­mi­li­en­film. Es ge­stal­tet sich viel mehr ein Fa­mi­li­en­dra­ma, wel­ches di­rekt auf das Herz zie­len und zum Nach­den­ken an­re­gen soll. Die un­ter­schied­li­chen Ge­dan­ken- und Hand­lungs­strän­ge der ein­zel­nen Ak­teu­re wer­den hier­bei epi­so­den­haft er­zählt und sor­gen da­für, sich bes­ser in die Cha­rak­te­re ein­füh­len zu kön­nen. Oft­mals wird durch die Ge­schich­ten aus dem Off die Hand­lung sinn­voll vor­an­ge­trie­ben. Den­noch lau­fen ei­ni­ge Hand­lungs­bah­nen et­was ins Lee­re und brem­sen die Ge­schich­te aus. Trei­ben­den Pha­sen fol­gen al­so sehr lang­at­mi­ge. Die Darstel­ler sind gut auf­ge­legt, was bei Ju­lia Ro­berts („Pret­ty Wo­man“, „Er­in Brockovich“) et­was über­rascht. Man kann ihr die Rol­le als lie­ben­de und warm­her­zi­ge Mut­ter sehr wohl ab­neh­men. Ja­cob Trem­blay, der be­reits in „Room“zu im­po­nie­ren wuss­te, mimt den klei­nen Aug­gie im Rah­men sei­ner durch die Mas­ke ein­ge­schränk­ten Mög­lich­kei­ten über­zeu­gend. Iz­a­be­la Vi­do­vic, die ei­gent­lich eher durch Se­ri­en wie „The Fos­ters“, und „iZom­bie“be­kannt ist, lie­fert ei­ne sehr span­nen­de und in­ten­si­ve Leis­tung als Schwes­ter ab. Ih­re in­ne­re Zer­ris­sen­heit ge­ra­de in Be­zug auf ih­re schwie­ri­ge Si­tua­ti­on in­ner­halb des Fa­mi­li­en­sys­tems lässt sie sehr gut er­füh­len. Owen Wil­son („Ar­ma­ged­don“, „Die Hoch­zeit­scras­her“) reiht sich da eher ein, was aber auch auf die (Ne­ben-)Rol­le des auf­lo­ckernd halt­ge­ben­den Va­ters zu­rück­zu­füh­ren ist. Der Sound­track ist durch seich­te In­die-Mu­sik ge­prägt und fügt sich un­auf­dring­lich in die Hand­lung ein. Das Bild be­müht sich, mög­lichst na­tür­lich da­her zu kom­men und setzt we­ni­ger auf spek­ta­ku­lä­re Auf­nah­men und Farb­fil­ter. Der Fo­kus soll hier auf die Prot­ago­nis­ten und we­ni­ger auf Ef­fek­te ge­rich­tet wer­den, ver­sucht je­doch auch in­ten­siv, de­ren Ge­füh­le ein­zu­fan­gen, was manch­mal zu zu ge­wollt wirkt. Ein in­ter­es­san­ter Kniff ist die Darstel­lung von Aug­gies’ Vor­stel­lungs­welt, wenn man ihn im As­tro­nau­ten­an­zug pa­ra­die­ren sieht. Dann las­sen sich die emo­tio­na­len Tri­umph­mo­men­te wun­der­bar nach­füh­len.

Ei­ne Hel­den­ge­schich­te

Bei al­lem Wohl­wol­len und al­ler Ge­fühls­du­se­lei kann man Ste­phen Ch­bo­s­ky je­doch an­krei­den, dass ge­ra­de zum En­de hin viel Selbst­be­weih­räu­che­rung ob der in­te­gra­ti­ven Leis­tun­gen in­sze­niert wird. So lässt sich das En­de mit ei­nem „Bit­te-Nicht!“-Be­wusst­sein er­le­ben. Da ist dann wie­der der so schein­bar kli­schee­be­haf­te­te, ty­pisch ame­ri­ka­ni­sche Mo­ment des Hel­den. Und genau hier wer­den al­le vor­an­ge­gan­ge­nen Be­fürch­tun­gen ge­weckt: Wie­der ei­ne ge­wollt mo­ra­li­sie­ren­de Ge­schich­te um ei­nen Au­ßen­sei­ter, der zum Star mu­tiert. Das ist ge­ra­de in­so­fern scha­de, dass die The­ma­tik um In­te­gra­ti­on und In­klu­si­on ei­ne wich­ti­ge ist, die es ver­dient, be­leuch­tet zu wer­den. Es wä­re bo­den­stän­di­ger und au­then­ti­scher ge­we­sen, ei­ne All­tags­fa­mi­lie zu por­trä­tie­ren, die ih­rem Kind mit Han­di­cap ver­sucht, an ei­ner öf­fent­li­chen Schu­le die Chan­ce auf Bil­dungs­gleich­heit zu er­mög­li­chen. Ei­ne in­tel­lek­tu­el­le Fa­mi­lie aus dem ge­ho­be­nen Mit­tel­stand, die ihr Kind an ei­ne of­fen­sicht­lich pri­va­te Grund­schu­le her­an­führt, wirkt hier­bei eher de­plat­ziert. Und so bleibt „Wun­der“ein Film, der in Zei­ten der Eta­b­lie­rung der UN-Be­hin­der­ten­rechts­kon­ven­ti­on ei­ne ak­tu­el­le und be­deut­sa­me ge­sell­schaft­li­che The­ma­tik auf­wirft, da­bei durch­aus kri­tisch und warm­her­zig auf Kon­flikt­po­ten­zia­le im Um­gang mit Be­son­der­hei­ten hin­weist und den­noch zu ge­wollt wirkt.

Mit dem As­tro­nau­ten­helm um die Häu­ser zie­hen: Aug­gie (Ja­cob Trem­blay) zeigt sich nicht gern Ju­lia Ro­berts über­zeugt als lie­ben­de Mut­ter, die nur das Bes­te für ihr Kind will

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.