JORDS­KOTT

Blu-ray Magazin - - Serie - MIRIAM HEINBUCH

Die Din­ge sind nicht, wie sie auf den ers­ten Blick schei­nen. Das gilt für die schwe­di­sche Se­rie „Jords­kott“gleich in zwei­er­lei Hin­sicht. Wenn man sich nur die al­ler­ers­te Fol­ge an­se­hen wür­de, dann könn­te man da­von aus­ge­hen, dass es sich um ei­ne wei­te­re ty­pi­sche Kri­mi-Se­rie mit küh­len Tö­nen und ei­ner un­ter­kühl­ten Er­mitt­le­rin han­delt, die mit den Schat­ten ih­rer Ver­gan­gen­heit kämpft. Al­ler­dings hat die­se Se­rie ein wich­ti­ges Ele­ment, das die an­de­ren nicht ha­ben, und es macht den gan­zen Un­ter­schied, denn da­durch muss auch be­sag­te Er­mitt­le­rin ge­nau­er hin­se­hen. Nun er­scheint die zwei­te Staf­fel auf Blu-ray. In der ers­ten Staf­fel muss­te die ei­gen­wil­li­ge Stock­hol­mer Po­li­zis­tin Eva Thörn­blad (Moa Gam­mel) in ih­re al­te Hei­mat Sil­ver­höjd zu­rück­keh­ren, um sich um den Nach­lass ih­res kürz­lich ver­stor­be­nen Va­ters zu küm­mern. Dort an­ge­kom­men be­geg­net ihr ein ver­stör­tes Mäd­chen, das ih­re seit Jah­ren ver­schwun­de­ne Toch­ter Jo­se­fi­ne (Sti­na Sund­löf) sein könn­te. Und auch an­de­re Kin­der ver­schwin­den. Eva ver­mu­tet zu Recht ei­nen Zu­sam­men­hang. Die­ser liegt aber nicht in ei­nem Se­ri­en­kil­ler oder ei­ner Ver­schwö­rung, son­dern in der nor­di­schen My­tho­lo­gie.

Die schwe­di­sche Se­rie konn­te viel Lob für ih­re span­nen­de ers­te Staf­fel ein­heim­sen und man hät­te die Ge­schich­te da­bei be­las­sen kön­nen. Da kommt schon die Be­fürch­tung auf, dass es da­nach berg­ab geht. Kann die zwei­te Staf­fel den ste­ti­gen Ner­ven­kit­zel ge­nau­so gut bie­ten?

Tief im Wald

SPOILERWARNUNG (es fol­gen ent­schei­den­de Fak­ten aus Staf­fel 1): All die We­sen, von de­nen

sich die Skan­di­na­vi­er er­zäh­len, dass sie in der Na­tur exis­tie­ren, sind in „Jords­kott“re­al. Man­che von ih­nen sind noch im­mer im Wald, im Was­ser, an­de­re le­ben un­ter uns. Evas Va­ter hat ei­nen ur­al­ten Ver­trag mit ih­nen ge­bro­chen und da­mit ei­ne lan­ge Rei­he von Er­eig­nis­sen an­ge­sto­ßen. Die ers­te Staf­fel er­klärt all die­se Zu­sam­men­hän­ge auf sehr span­nen­de Art, stellt aber auch ei­ne lan­ge Rei­he von Cha­rak­te­ren vor, die eben­so in der zwei­ten Staf­fel ei­ne Rol­le spie­len – wie zum Bei­spiel ih­re Kol­le­gen Tom Arons­son (Richard Fors­gren), des­sen Toch­ter sich wei­gert zu spre­chen und Gör­an Wass (Gör­an Ra­gner­stam), der selbst ein Ge­heim­nis hat. Dann wä­ren da noch die jun­ge Wald­frau Es­me­ral­da (Hap­py Jan­kell) und die wei­se Stadt­strei­che­rin Yl­va (Van­ja Blomkvist). Aber auch Eva selbst ging ver­än­dert aus der ers­ten Staf­fel her­vor, denn nach ei­ner Schuss­wun­de wur­de ihr ein Jords­kott ein­ge­setzt, ein Pa­ra­sit mit dem sie nun ei­ne sym­bio­ti­sche Ko-Exis­tenz füh­ren muss.

Pa­ra­sit oder Sym­bi­ont?

Nach­dem die ers­te Staf­fel uns die über­na­tür­li­che, my­tho­lo­gi­sche Welt zu­min­dest teil­wei­se er­öff­net hat, geht es für Eva in der zwei­ten Staf­fel dar­um, mit ih­rem Wis­sen und ih­rer ver­än­der­ten Exis­tenz um­zu­ge­hen. Die Ge­schich­te setzt zwei Jah­re nach den Er­eig­nis­sen der ers­ten zehn Fol­gen an, Eva ist wie­der in Stock­holm bei der Po­li­zei, lebt in ei­ner karg ein­ge­rich­te­ten Woh­nung und ver­sucht mit dem Jords­kott und ih­rer Trauer über die Toch­ter klar­zu­kom­men. Dort ar­bei­tet sie un­ter den wach­sa­men Bli­cken ih­rer Kol­le­gin Ba­har Holm­quist (Ana Gil de Me­lo Na­sci­men­to), die bei­den ar­bei­ten ei­gent­lich mit Fäl­len im Be­reich Men­schen­han­del. Das Über­na­tür­li­che kann Eva den­noch nicht hin­ter sich las­sen. Zum ei­nen, weil sie den Jords­kott in sich trägt, der ihr mehr phy­si­sche Stär­ke und ei­ne ver­än­der­te Wahr­neh­mung ver­leiht. Zum an­de­ren, weil es er­neut zu Zwi­schen­fäl­len kommt. Dies­mal kommt das Un­vor­stell­ba­re zu­nächst nach Stock­holm: Ein Mann, der schwer ge­fol­tert und über­na­tür­lich aus­sieht, als wür­de sich sei­ne Haut mu­mi­fi­zie­ren, wird aus dem ei­si­gen Was­ser ge­zo­gen. Kurz dar­auf taucht der jun­ge Ka­lem (Nuur Adam) auf, und plötz­lich geht es dar­um, ein Mäd­chen na­mens Ro­bin zu ret­ten. Ro­bin hat ei­ne selt­sa­me Ver­bin­dung zur Tier­welt, denn an­schei­nend su­chen Rat­ten ih­re Nä­he. Und in Sil­ver­höjd ver­schwin­det eben­falls ein Mäd­chen mit ei­ner be­son­de­ren Bin­dung: Ma­ja fühlt sich Schmet­ter­lin­gen nah. Als in der Woh­nung ei­ner jun­gen Frau dann noch die Schreib­ma­schi­ne von Evas Mut­ter auf­taucht, muss Eva in der ei­ge­nen Ver­gan­gen­heit gra­ben. Wäh­rend wir in der ers­ten Staf­fel mehr über ihr Ver­hält­nis zum Va­ter er­fah­ren ha­ben, er­le­ben wir nun mit, wie sie im­mer wie­der von ih­rer se­ni­len Mut­ter weg­ge­sto­ßen wird. Und Eva selbst wird durch den Pa­ra­si­ten in ihr we­ni­ger be­re­chen­bar. All das kratzt aber nur an der Ober­flä­che von dem, was die zwei­te Staf­fel von „Jords­kott“bie­tet. Denn wer die die Se­rie kennt, weiß, dass sie au­ßer­or­dent­lich kom­plex ist und stets auf­merk­sam ge­schaut wer­den muss.

Im­mer schön auf­pas­sen

Die Ge­schich­ten hän­gen auf meh­re­ren Ebe­nen mit­ein­an­der zu­sam­men und nur zehn Mi­nu­ten, in de­nen man die Kon­zen­tra­ti­on ver­liert, kön­nen schon da­für sor­gen, dass man ein wich­ti­ges De­tail ver­passt. Al­les ent­fal­tet sich ganz vor­sich­tig, Schicht für Schicht, und meist in ei­nem recht ru­hi­gen Er­zähl­tem­po. Die ho­he Kunst von „Jords­kott“ist, dass es trotz­dem stets span­nend bleibt. Es ist, als ob man nur er­ah­nen kann, wie tief das al­les geht, ob­wohl man durch­aus viel Neu­es er­fährt. An­ders ge­sagt er­for­dert die zwei­te Staf­fel, fast noch mehr als die ers­te, ei­ne ge­wis­se Ver­pflich­tung sei­tens der Zu­schau­er. Wäh­rend man zu­nächst den Ein­druck hat, es wür­den Puz­zle­stü­cke in die Luft ge­wor­fen und in zu­fäl­li­ger Po­si­ti­on auf dem Bo­den lan­den, fügt sich dann ge­gen En­de al­les auf in­tel­li­gen­te Art zu­sam­men. In­ter­es­sant sind auch die ers­ten Ein­bli­cke in die Or­ga­ni­sa­ti­on, für die Wass ar­bei­tet, die sich um den Jords­kott her­um ge­bil­det hat und die die my­thi­schen We­sen zu schüt­zen sucht. Aber auch hier gilt: Es ist das stän­di­ge Ge­fühl von Un­ge­wiss­heit, das ei­nen wie ge­bannt vor dem Bild­schirm hält.

In der Er­zeu­gung die­ser Un­ge­wiss­heit trotzt die Se­rie auch wei­ter­hin Gen­re­gren­zen und be­wegt sich ir­gend­wo zwi­schen Schwe­den­kri­mi, Fan­ta­sy, Dra­ma, Mys­te­ry und ei­ner klei­nen Pri­se Hor­ror. Die küh­le Farb­ge­bung hilft, ei­ne Dis­tanz zur Hand­lung zu be­hal­ten, so dass man gut auf die klei­nen Puz­zle­stü­cke ach­ten kann, wäh­rend sie sich vor ei­nem neu ord­nen. Das Bild ist da­bei so scharf, dass man in Na­h­auf­nah­men pro­blem­los die Po­ren und Bart­stop­pel er­ken­nen kann. Ton­tech­nisch hal­ten sich die Dia­lo­ge und die Ge­räu­sche, die Stadt und Wald zu bie­ten ha­ben, gut die Waa­ge, so dass man ei­ne sau­be­re Ab­mi­schung er­hält. Auch die Syn­chro­ni­sa­ti­on ist, bis auf man­che klei­ne Schwie­rig­kei­ten bei der Aus­spra­che der schwe­di­schen Na­men, schön ge­lun­gen. Ein zwei­ter Blick auf die „Ra­che des Wal­des“, die der Ti­tel­zu­satz ver­spricht, lohnt sich al­so auch dies­mal. Scha­de ist bloß, dass es nur acht Fol­gen ge­wor­den sind und es kein Bo­nus­ma­te­ri­al gibt.

Ma­ja (Ni­ko­let­ta Norr­by) und Es­me­ral­da (Hap­py Jan­kell) fin­den in­ein­an­der un­er­war­tet ei­ne Freun­din. Ob sie das schüt­zen kann? Es sind ein­deu­tig gol­de­ne Zei­ten für Se­ri­en­lieb­ha­ber, wenn man ei­ne Se­rie wie „Jords­kott“vor sich hat, die auch in der zwei­ten Staf­fel al­le Fä­den straff hält

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