The­ma: Re­a­dy Play­er One

Mit „Re­a­dy Play­er One“kehrt Ste­ven Spiel­berg, der Re­gis­seur von „E.T.“und „In­dia­na Jo­nes“, zu sei­nen es­ka­pis­ti­schen Wur­zeln und zum fan­tas­ti­schen Ki­no zu­rück.

Blu-ray Magazin - - Service - INES MANNTEUFEL, FALKO THEUNER

Wann gab es ei­gent­lich zu­letzt ei­nen Sci­ence-Fic­tion-Film, der gleich zu Be­ginn ei­ne Zu­kunft be­schreibt, in der die Mensch­heit Krieg, Hun­ger und Ar­mut be­siegt und die Um­welt ge­ret­tet hat? Ab­seits von ein paar na­iv-uto­pi­schen Ost­block-Ka­mel­len und „Star Trek“sieht die Zu­kunft in die­sem Gen­re zu­ver­läs­sig düs­ter aus. In „Re­a­dy Play­er One“ist das nicht an­ders. Der Film zeich­net ein un­er­freu­li­ches Bild von ei­ner Welt, die von ver­hee­ren­den Vor­fäl­len wie der „Mais­si­rup-Dür­re“und dem „Band­brei­ten-Auf­stand“ge­beu­telt ist und in wel­cher der Groß­teil der Mensch­heit in Me­ga-Sl­ums lebt. Auch Wa­de Watts (Tye She­rid­an) lebt un­ter solch pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen in ei­nem Wohn­wa­gen-Turm in Co­lum­bus/ Ohio bei sei­ner Tan­te. Doch wo Ge­sell­schaft und po­li­ti­sches Sys­tem ver­sa­gen, sor­gen Com­pu­ter­tech­nik und ein Vi­sio­när für ei­ne Al­ter­na­ti­ve zum grau­en All­tag. Wie vie­le sei­ner Mit­men­schen flüch­tet sich Wa­de Watts, wann im­mer es geht, in die vir­tu­el­le Rea­li­tät der Online-Welt OA­SIS, ge­schaf­fen vom le­gen­dä­ren Software-Gu­ru Ja­mes Hal­li­day (Mark Ry­lan­ce). Und wer möch­te es ihm ver­den­ken, bie­tet die na­he­zu un­end­li­che Spie­le­welt doch na­he­zu un­end­li­che Mög­lich­kei­ten, wäh­rend ihn in der Rea­li­tät die ge­walt­tä­ti­gen Lieb­ha­ber sei­ner Tan­te ver­prü­geln und be­steh­len. In der OA­SIS hin­ge­gen war­tet nicht nur sein bes­ter Freund Aech, um ge­mein­sam Aben­teu­er zu er­le­ben, auch sein gro­ßer Schwarm ist dort zu tref­fen, die pun­kig-sü­ße Ar­t3mis. Und in der OA­SIS ist er nicht Wa­de Watts, der un­sport­li­che ar­me Schlu­cker, son­dern Par­zi­val, ein Drauf­gän­ger mit schlack­sig-coo­lem Avat­ar, der mit sei­ner noch coo­le­ren Kar­re, ei­nem li­zen­zier­ten DeLo­re­an mit K.I.T.T.-Front, an wag­hal­si­gen Ren­nen teil­nimmt.

Drei Qu­ests

Doch nicht nur des Ner­ven­kit­zels we­gen rast Par­zi­val (des­sen Na­me der Ar­tus- bzw. Grals-Le­gen­de ent­lehnt scheint) durch die en­gen Stra­ßen ei­nes vir­tu­el­len New Yorks, be­drängt von Kon­kur­ren­ten in Mons­ter­trucks, be­droht von plötz­lich hoch­schnel­len­den töd­li­chen Blo­cka­den und ver­folgt von King Kong höchst­selbst. Nein, der Sieg bei die­sem un­mög­lich zu ge­win­nen schei­nen­den Ren­nen bräch­te ihn dem ul­ti­ma­ti­ven Ziel nä­her, dem Er­be des ver­stor­be­nen OA­SIS-Schöp­fers Hal­li­day und da­mit der Kon­trol­le über OA­SIS selbst. Drei Schlüs­sel gilt es zu fin­den be­zie­hungs­wei­se zu ge­win­nen, um den Preis, das so­ge­nann­te „Eas­ter Egg“, frei­zu­schal­ten und die kom­plet­te Kon­trol­le über die VR-Welt zu ge­win­nen. Zahl­lo­se Spie­ler durch­strei­fen die OA­SIS auf der Su­che nach dem Ei, doch ne­ben den so­ge­nann­ten „Gun­ters“(kurz für „Egg-Hun­ters“) sind auch die „Si­xers“un­ter­wegs, pro­fes­sio­nel­le Spie­ler im Di­ens­te des In­ter­net-Kon­zerns „In­no­va­ti­ve Online In­dus­tries“(IOI). Die­sen Scher­gen un­ter Füh­rung des skru­pel­lo­sen No­lan Sor­ren­to (Ben Men­delsohn) geht es nicht um Ruhm und Eh­re, son­dern um Macht. Bei IOI plant man, die OA­SIS nach der Über­nah­me um­zu­krem­peln, den Zu­gang zu be­schrän­ken und die vir­tu­el­le Welt bis zum letz­ten By­te zu mo­ne­ta­ri­sie­ren. An­ge­sichts der Be­deu­tung von OA­SIS für die Ge­sell­schaft, stel­len die­se Plä­ne ei­ne fun­da­men­ta­le Be­dro­hung für die Zu­kunft dar. Plä­ne, die Par­zi­val, Ar­t3mis und Aech al­ler­dings durch­kreu­zen könn­ten.

Cy­ber­punk im Main­stream

In Ani­mes und Man­gas sind vir­tu­el­le Wel­ten schon seit Jahr­zehn­ten gern ge­nutz­te Spiel­wie­sen für aben­teu­er­li­che Ge­schich­ten, von der „.hack“-Se­rie über „Sword Art Online“bis zu „Over­lord“, be­geis­tern der­ar­ti­ge Ti­tel welt­weit ein Mil­lio­nen-Pu­bli­kum. Im Hol­ly­wood-Main­stream wur­de die The­ma­tik er­staun­li­cher­wei­se bis­lang kaum ge­nutzt, sieht man von der in­halt­lich ver­wand­ten „Ma­trix“-Tri­lo­gie und den „Tron“-Fil­men ein­mal ab. Der auf Er­nest Cli­nes

gleich­na­mi­gen Best­sel­ler-Ro­man ba­sie­ren­de „Re­a­dy Play­er One“ver­traut al­ler­dings nicht nur auf die re­la­tiv un­ver­brauch­te Idee ei­ner per Virtual Reality er­leb­ba­ren Online-Welt, son­dern ver­schafft der fu­tu­ris­ti­schen Prä­mis­se mit sei­ner durch­aus glaub­haft dar­ge­stell­ten Ge­fahr durch ein über­mäch­ti­ges Un­ter­neh­men so­wie der all­ge­gen­wär­ti­gen Wel­ten-Flucht ei­nen span­nen­den Rea­li­täts­be­zug und da­durch Re­le­vanz. Die Prot­ago­nis­ten ja­gen nicht al­lein zum Selbst­zweck und auf der Su­che nach abs­trak­tem „Loot“durch die vir­tu­el­len Ge­fil­de, son­dern die Wich­tig­keit ih­rer Auf­ga­be soll­te sich auch ei­nem mit Online-Wel­ten eher we­nig ver­trau­tem Pu­bli­kum er­schlie­ßen.

Pop-Kul­tur-Re­fe­ren­zen

Die pla­ka­ti­ve Ka­pi­ta­lis­mus-Kri­tik geht in „Re­a­dy Play­er One“al­ler­dings Hand in Hand mit ei­ner re­gel­rech­ten Bo­nan­za von Kon­sum-Fe­ti­schis­mus. OA­SIS-Mas­ter­mind Hal­li­day war zu Leb­zei­ten be­ses­sen von der Pop­kul­tur sei­ner Kind­heit, sei­en es Fil­me, Se­ri­en, Musik, Spie­le oder Spiel­zeu­ge, wes­we­gen es in der OA­SIS vor Re­fe­ren­zen dar­an nur so wim­melt (zum Teil auf­ge­führt in un­se­rer Über­sicht). Und da zur Lö­sung der Rätsel und Auf­ga­ben, die zu den Schlüs­seln und letzt­lich zum „Eas­ter Egg“füh­ren, ge­nau­es­te Kennt­nis­se von Le­ben und Werk Hal­li­days Gr­und­vor­aus­set­zung sind, bleibt es nicht aus, dass auch Par­zi­val & Co be­ses­sen von die­sen Din­gen sind. Ih­re Su­che nach Hal­li­days Ge­heim­nis ist auf ei­ne Wei­se mit Zi­ta­ten und Ver­wei­sen ge­spickt, dass der Film über wei­te Stre­cken wie ein über­lan­ger Wer­be­spot für un­end­lich vie­le kom­mer­zi­el­le Pro­duk­te (denn ge­nau das sind ja Fil­me, Se­ri­en, Ac­tion­fi­gu­ren, Mu­sik­ver­öf­fent­li­chun­gen und Spie­le) an­mu­tet. Zu­ge­ge­ben wirkt es wie ein aus­ge­spro­chen un­ter­halt­sa­mer, spek­ta­ku­lä­rer und auch wit­zi­ger Wer­be­spot, nach des­sen Sich­tung man sich am Liebs­ten den Walk­man um­schnal­len, die Van Ha­len-Kas­set­te ein­le­gen und zur nächs­ten Vi­deo­thek fah­ren möch­te, um sich mit den VHS-Ta­pes der cools­ten Fil­me und viel­leicht noch ei­ni­gen NES-Mo­du­len ein­zu­de­cken. Denn auch wenn die Spiel­film-Ver­si­on von „Re­a­dy Play­er One“den zeit­li­chen Rah­men der Pop­kul­tur-Re­fe­ren­zen brei­ter zieht als der auf die Acht­zi­ger Jah­re fo­kus­sier­te Ro­man und auch ak­tu­el­le Me­di­en-Phä­no­me­ne wie „Twitch“oder „Over­watch“zi­tiert, bleibt der Film im Kern ein doch zu­tiefst nost­al­gi­sches Ver­gnü­gen, wenn auch mit mo­derns­ten Mit­teln ver­wirk­licht.

Ac­tion-Kra­wall

Der an­fäng­li­che vir­tu­el­le Flug durch und über die OA­SIS stimmt schon an­ge­mes­sen ein auf das, was fol­gen wird, und spä­tes­tens in der schon an­ge­spro­che­nen ers­ten gro­ßen Ac­tion­sze­ne, die zer­stö­rungs­las­ti­ge Ver­fol­gungs­jagd durch New York, stockt der Atem an­ge­sichts des gran­di­os und mit­rei­ßend in­sze­nier­ten Spek­ta­kels, ins­be­son­de­re in 3D. Es spricht für die Hand­lung und Ste­ven Spiel­bergs prä­zi­se so­wie strin­gen­te Ins­ze­nie­rung, dass der Film trotz di­ver­ser über­bor­den­der Bom­bast­mo­men­te nie die Rich­tung ver­liert und zu be­täu­ben­dem Kra­wall ver­kommt wie die letz­ten „Trans­for­mers“-Fil­me, die ja auch von Spiel­berg pro­du­ziert wur­den und eben­falls nost­al­gi­sche Be­dürf­nis­se be­frie­di­gen wol­len. Selbst­ver­ständ­lich kann „Re­a­dy Play­er One“vor­ge­wor­fen wer­den, dass er es sich ein­fach macht, in­dem er das Pu­bli­kum mit der­art vie­len Pop­kul­tur-Re­fe­ren­zen bom­bar­diert, dass wohl nie­mand aus dem Film ge­hen wird, oh­ne et­was Ge­lieb­tes oder Ver­trau­tes zi­tiert ge­se­hen zu ha­ben (wo­bei Spiel­berg-Fil­me durch Ab­we­sen­heit glän­zen, war es dem Meis­ter doch pein­lich, sich selbst zu zi­tie­ren). Ein Trink­spiel, beim dem je­des Mal ein Schnaps ge­kippt wer­den muss, wenn ei­ne Re­fe­renz ent­deckt wird, wür­de wohl schon bis zur Film­mit­te un­aus­weich­lich zum Al­ko­hol­ko­ma al­ler Be­tei­lig­ten füh­ren. Man kann das kal­ku­lie­rend, viel­leicht so­gar zy­nisch fin­den, man kann es aber auch mö­gen. Man­che An­spie­lun­gen und Zi­ta­te wir­ken da­bei ei­ni­ger­ma­ßen un­mo­ti­viert und sind in­halt­lich nicht wirk­lich nach­voll­zieh­bar.

Select Your Cha­rac­ter

Das zwi­schen Pop­kul­tur-Rausch, Ac­tions­pek­ta­kel und dys­to­pi­scher Zu­kunfts­vi­si­on die Cha­rak­te­re, ins­be­son­de­re Haupt­held Wa­de

ali­as Par­zi­val selbst, reich­lich flach und un­in­ter­es­sant blei­ben, muss al­ler­dings ein­deu­tig kri­ti­siert wer­den. Lei­der ge­lingt es dem blas­sen Haupt­dar­stel­ler Tye She­rid­an auch nicht, sei­ner Fi­gur Cha­ris­ma ein­zu­hau­chen. Glück im Un­glück kann da­bei ge­nannt wer­den, dass er­heb­lich mehr Zeit mit Par­zi­val, dem schnei­di­gen CGI-Al­ter Ego des Cha­rak­ters, ver­bracht wird. Es ist aber schon be­zeich­nend, wenn ei­ne com­pu­ter­ge­ne­rier­te Fi­gur ih­rem mensch­li­chen Pen­dant in Sa­chen Aus­strah­lung den Rang ab­läuft. Auf der an­de­ren Sei­te er­schei­nen die De­signs der CGI-Fi­gu­ren als äu­ßerst ge­ne­risch, als hät­te nur der Cha­rak­ter-Edi­tor ei­nes ver­al­te­ten MMORPGs zur Ver­fü­gung ge­stan­den. Für er­heb­lich mehr Wohl­wol­len sorgt der Sound­track. Pas­send zum Pop­kul­tur-Eklek­ti­zis­mus des Fil­mes reist die Ton­spur von Pop-Ohr­wurm zu Pop-Ohr­wurm, ver­bun­den durch ei­nen Orches­ter­s­core von „Zu­rück in die Zu­kunft“-Kom­po­nist Alan Sil­vestri, der ganz den Geist der gro­ßen Spiel­berg-Klas­si­ker at­met. Und auch der Film selbst at­met die­sen Geist, so­dass sich trotz über­aus dra­ma­ti­scher Hand­lung und spek­ta­ku­lä­rer Zer­stö­rungs­or­gi­en ein war­mes Wohl­ge­fühl breit­macht. Ganz wie frü­her.

Die Su­per­dro­ge

Auch wenn der größ­te Teil in der vir­tu­el­len Welt statt­fin­det, so wur­den hier und dort auch ein paar Bli­cke in die rea­le Welt mit ein­ge­ar­bei­tet, die bei­spiels­wei­se die ech­ten Aus­wir­kun­gen de­mons­trie­ren, wenn Mecha-God­zil­la ei­ne gan­ze Heer­schar an Fuß­sol­da­ten plät­tet: Ein rot mar­kier­ter God­zil­la-Ab­druck an Vi­deo­spiel-Sol­da­ten wech­selt die Plät­ze. Oder wenn die ge­fühlt kom­plet­te Vi­deo­spiel-Ge­mein­de, egal wel­chen Al­ters, an ei­ner über­di­men­sio­na­len VR-Schlacht samt Be­we­gungs­steue­rung teil­nimmt. Kin­der und Rent­ner glei­cher­ma­ßen Kampf­mo­ves ge­gen Luft aus­füh­ren zu se­hen hat so­wohl et­was er­hei­tern­des als auch et­was trau­ri­ges. Um­so in­ter­es­san­ter wä­re es ge­we­sen, wenn eben­je­ne rea­le Welt häu­fi­ger zu se­hen ge­we­sen wä­re, ganz un­ab­hän­gig von Tye She­ri­dens aus­tausch­ba­rem Spiel.

Mit dem vir­tu­el­len Le­ben der Haupt­fi­gu­ren sinkt näm­lich auch de­ren Fall­hö­he. Statt­des­sen fei­ert Spiel­berg lie­ber die Vi­deo­spiel-Sze­ne ähn­lich ei­nes „Ralph reicht’s“, be­dient sich ei­ni­ger Sci­ence-Fic­tion-Mo­ti­ve, die auch schon in dem durch­wach­se­nen „Sur­ro­ga­tes“ein­ge­setzt wur­den, und fügt als Hin­ter­grund-Ge­schich­te das im­mer­hin skur­ri­le Rück­blen­den-Sze­na­rio hin­zu, in dem CGI-Fi­gu­ren ech­te Men­schen da­bei be­ob­ach­ten, wie sie ih­re künst­li­che Welt er­schaf­fen.

Ei­n­ord­nung in Spiel­bergs Schaf­fen

Ins­ge­samt er­scheint „Re­a­dy Play­er One“zu­nächst al­so eher als aty­pi­sches Sci­ence-Fic­tion-Werk Ste­ven Spiel­bergs, der in die­sem Gen­re ei­gent­lich zu­hau­se sein müss­te. Schaut man je­doch ge­nau­er hin, so sind auch ei­ni­ge sei­ner frü­he­ren Main­stream-Wer­ke haupt­säch­lich des­halb so ge­lun­gen, weil die le­gen­dä­re Re­gie­g­rö­ße bei den The­men ein enorm gu­tes Ge­spür an den Tag leg­te. Wäh­rend „Mi­no­ri­ty Re­port“(2002), „A. I.: Künst­li­che In­tel­li­genz“(2001) und „Un­heim­li­che Be­geg­nung der drit­ten Art“(1977) trotz ih­rer mit den Jah­ren zu­neh­men­den Ac­tion-Ten­denz zu den ge­halt­vol­le­ren Sci­ence-Fic­tion-Fil­men Spiel­bergs zäh­len, wa­ren das kon­tro­ver­se „Krieg der Wel­ten“(2005), das tech­nisch re­vo­lu­tio­nä­re „Ju­ras­sic Park“

(1993) so­wie des­sen Fort­set­zung (1997) in­halt­lich eher The­men­park-At­trak­tio­nen, die sich im­mer stär­ker in kon­ti­nu­ier­li­cher Ac­tion ver­lo­ren. Los­ge­löst vom Gen­re lässt sich auch der zu „Re­a­dy Play­er One“op­tisch ver­wand­te CGIFilm „Die Aben­teu­er von Tim und Strup­pi – Das Ge­heim­nis der Ein­horn“(2011) in der Ka­te­go­rie der an­ein­an­der ge­reih­ten Ac­tion-Se­quen­zen ver­bu­chen. Ganz zu schwei­gen von den „In­dia­na Jo­nes“-Fil­men (1981 – 2008), un­ter de­nen ins­be­son­de­re der vier­te und neu­es­te Teil zeig­te, wie an­spruchs­los Ac­tion mit Kli­schees zu­sam­men ge­kit­tet wer­den kann. Dem­ent­spre­chend ist solch ein bom­bas­tisch in­sze­nier­tes, vi­su­ell auf­re­gen­des Ac­tion-Feu­er­werk wie „Re­a­dy Play­er One“al­so doch kein so aty­pi­sches Werk für den Alt­meis­ter, der in sei­nen Fil­men für die All­ge­mein­heit nun­mal ger­ne mit gut in­sze­nier­ter Ac­tion ar­bei­tet. Und auch dies­mal trog ihn sein Ge­spür für zeit­ge­mä­ße The­men nicht.

Re­tro-Kult

Wir le­ben in ei­ner Zeit, die ver­rückt nach der Ver­gan­gen­heit ist. Es gab die­se Pha­sen schon frü­her. So schwelg­te in den 40er Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts Hol­ly­wood in sentimental ver­klär­ten Er­in­ne­run­gen an die vor­an­ge­gan­ge­ne Jahr­hun­dert­wen­de, als die Welt noch in Ord­nung zu sein schien und Pfer­de­kut­schen statt luft­ver­pes­ten­de Au­tos durch die Stra­ßen fuh­ren. Heut­zu­ta­ge sind es die 1980er Jah­re, die das Ziel nost­al­gi­scher Sehn­süch­te sind, wel­che von Fil­men wie „Es“, Se­ri­en wie „Glow“oder „Stran­ger Things“, re­tro­las­ti­gen Syn­thwa­ve-Klän­gen und neu­en Spie­len im 8 Bit-Stil be­dient wer­den. Und die­se der­zei­ti­ge Re­tro-Wel­le scheint stär­ker als je­de frü­he­re zu sein. Viel­leicht liegt es am kras­sen Kon­sum-Rausch der 80er Jah­re, dass mit so vie­len Pro­duk­ten der Zeit nost­al­gi­sche Gefühle ver­bun­den wer­den. Men­schen, die ih­re Kind­heit in den 80ern er­lebt ha­ben, sind in­zwi­schen ge­stan­de­ne Er­wach­se­ne, die über ge­nug Geld ver­fü­gen, um die schö­nen Er­in­ne­run­gen wie­der auf­er­ste­hen zu las­sen. Für Vi­deo­spie­le der 8- und 16-Bit-Ära wer­den zum Teil as­tro­no­mi­sche Sum­men ge­zahlt, und kei­nes­wegs nur für Ra­ri­tä­ten, selbst für Ex­em­pla­re, die in ho­hen Auf­la­gen ver­öf­fent­licht wur­den. Doch hö­her noch als die­se Auf­la­gen ist eben die durch den Re­tro-Hy­pe an­ge­heiz­te Nach­fra­ge.

Der Ro­man

Dass in solch ei­ner Si­tua­ti­on Er­nest Cli­nes Ro­man­de­büt „Re­a­dy Play­er One“ein­schlug wie ei­ne Bom­be, ist nicht wei­ter ver­wun­der­lich. Mit dem Fan­fic­tion-Dreh­buch ei­ner Fort­set­zung zum über­ge­schnapp­ten 80s-Kult­film „Buckar­oo Ban­zai – Die 8. Di­men­si­on“hat­te Cli­nes Kar­rie­re in den 90ern stan­des­ge­mäß ner­dig be­gon­nen. Der nächs­te Ein­trag in sei­nem Schaf­fen fiel mit dem Dreh­buch zum Nerd-Ro-

ad­mo­vie „Fan­boys“kaum we­ni­ger ni­schig aus. Man kann Cli­ne al­so ge­trost un­ter­stel­len, mit „Re­a­dy Play­er One“ein Her­zens­pro­jekt ver­wirk­licht zu ha­ben und kei­nes­wegs nur aus Mar­ke­ting-Grün­den die Geek-Schie­ne ge­fah­ren zu sein. Ziem­lich si­cher hat­ten aber die Ver­la­ge, die sich ei­nen Bie­ter­krieg um die Ver­öf­fent­li­chungs­rech­te lie­fer­ten, er­kannt, wie sehr der Ro­man ei­ner brei­ten Schicht po­ten­zi­el­ler Le­ser aus der See­le spre­chen wür­de. Die Ge­schich­te al­lein, so in­ter­es­sant sie auch sein moch­te, war da­bei si­cher nicht der Grund der Auf­re­gung, da­für aber die Be­son­der­heit des Hel­dens und sei­ner Mis­si­on. In „Re­a­dy Play­er One“ist der Prot­ago­nist kein mus­kel­be­pack­ter Held, son­dern ein Nerd, der sei­ne Auf­ga­be nur durch ein fast schon ver­stö­ren­des De­tail­wis­sen über die Pop­kul­tur der 80er Jah­re und vor­treff­li­che Zo­cker-Skills meis­tern kann. Hier wer­den al­so end­lich ein­mal Fä­hig­kei­ten be­lohnt, die lan­ge Zeit so häu­fig ins so­zia­le Ab­seits führ­ten. „Re­a­dy Play­er One“hebt ten­den­zi­ell pein­li­che Fan-Lei­den­schaf­ten auf ein Po­dest und ver­sieht sie mit ei­nem Hei­li­gen­schein. Nein, nie­mand muss sich mehr da­für schä­men, ei­nen Lieb­lings­film wie „War Ga­mes“(1983) aus­wen­dig mit­spre­chen zu kön­nen. In die­ser Ge­schich­te war das aus­ge­spro­chen nütz­li­ches Wis­sen. In ih­rer Mehr­zahl sind die­se Pop­kul­tur-Re­fe­ren­zen auch nicht Selbst­zweck, son­dern in­te­gra­ler Be­stand­teil ei­nes span­nen­den Plots, der durch­aus in­ter­es­san­te Fra­gen stellt und zeit­ge­mä­ße Pro­ble­me an­spricht. So ist die OA­SIS, die vir­tu­el­le Online-Welt des Ro­mans, nicht nur Spiel­wie­se für es­ka­pis­ti­sche Aben­teu­er. Sie ist zum Bei­spiel auch Platt­form, um in ei­ner ma­ro­den Welt noch or­ga­ni­siert Bil­dung ver­mit­teln zu kön­nen. An­schau­lich wird be­schrie­ben, wie die vir­tu­el­len, aber wir­kungs­vol­len Schu­len funk­tio­nie­ren und wie der Un­ter­richt ab­läuft. Eben­so wird das The­ma „Geld“auf­ge­grif­fen, das in Ste­ven Spiel­bergs Ver­fil­mung lei­der nur ganz am Ran­de zur Spra­che kommt, ob­wohl es für die Ent­wick­lung des Prot­ago­nis­ten aus­ge­spro­chen wich­tig ist. Wa­de ali­as Par­zi­val ist näm­lich arm, so arm, dass es sei­ne Nut­zung von OA­SIS er­heb­lich ein­schränkt. Der Zu­gang zur Online-Welt mag zwar kos­ten­frei sein, die meis­ten Fea­tu­res kos­ten je­doch Geld. Rei­sen kos­tet Geld, und es ist über­aus span­nend zu er­le­ben, was Par­zi­val tun muss, um über­haupt von sei­nem Start­pla­ne­ten her­un­ter zu kom­men und an der Su­che nach Ja­mes Hal­li­days „Eas­ter Egg“teil­zu­neh­men. Auch gu­te Aus­rüs­tung liegt nicht ein­fach so her­um, und oh­ne gu­te Aus­rüs­tung wird es schwer, Geg­ner zu be­sie­gen bzw. im Le­vel zu stei­gen. Da stel­len sich na­tür­lich Fra­gen nach der mo­ra­li­schen Beur­tei­lung der OA­SIS und ih­rer Schöp­fer, die doch ei­ne Welt ver­spra­chen, an der je­der teil­ha­ben kön­ne, die dann aber doch auf­grund der Fi­nanz­kraft der User aus­grenzt und letzt­lich auch dis­kri­mi­niert wer­den. Zur ganz gro­ßen Sci­ence-Fic­tion-Li­te­ra­tur ge­hört „Re­a­dy Play­er One“zwei­fels­oh­ne trotz fas­zi­nie­ren­der The­men und straf­fer Er­zähl­wei­se nicht. Zu of­fen­sicht­lich ist der Ro­man ei­ne Art Nerd-Mas­tur­ba­ti­ons-Fan­ta­sie, zu glatt und zu kon­ven­tio­nell sind sei­ne Hel­den. Doch auch als spa­ßig-span­nen­de Tri­vi­al­lek­tü­re hat das Buch sei­ne Be­deu­tung, die durch die ehr­li­che Be­geis­te­rung für die Pop­kul­tur der 80er Jah­re si­cher nicht ge­schmä­lert wird, zu­mal sie sich zu­min­dest auf ei­ne kun­di­ge Le­ser­schaft di­rekt über­trägt. „Re­a­dy Play­er One“macht Lust, in drei­ßig Jah­re al­ten „Po­wer Play“- und „Vi­deoPlus“-Aus­ga­ben zu schmö­kern, die Klas­si­ker des Jahr­zehnts raus zu kra­men, ei­ni­ge Per­len wie­der zu er­le­ben und man­chen Ge­heim­tipp neu zu ent­de­cken, sei­en es nun Fil­me, Spie­le, Bü­cher oder Co­mics.

In der rea­len Welt se­hen VR-Ga­mer ir­gend­wie lus­tig aus

Der „Gi­gant aus dem All“ist nur ei­ne der vie­len Re­fe­ren­zen Der DeLo­re­an lei­der oh­ne Flux­kom­pen­sa­tor

Ben Men­delsohn spielt Sor­ren­to Es ist ei­ne ein­drucks­vol­le Welt, die er­schaf­fen wur­de Tye She­rid­an als Al­ter Ego Par­zi­val

Wa­de (Tye She­rid­an) in der rea­len Welt

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