GRIN­GO

Blu-ray Magazin - - Blockbuster - PHIL­IPP WOLFRAM

Ei­ne er­fun­de­ne Ent­füh­rung, Can­na­bis-Pil­len, pop­kul­tu­rell ver­sier­te Dro­gen­ba­ro­ne und bi­bel­fes­te Söld­ner – die schwar­ze Ac­tion­ko­mö­die „Grin­go“wirkt wie der neus­te Film der Co­ens oder Ta­ran­ti­no, ist hin­ge­gen aber nur ei­ne we­ni­ger cle­ve­re Ko­pie. Ei­nen ge­wis­sen Un­ter­hal­tungs­wert bie­tet er den­noch.

Die Ama­zon-Stu­di­os-Pro­duk­ti­on „Grin­go“ist ein Film, bei dem man sich fragt, wie er wohl aus­se­hen wür­de, wenn ein an­de­rer Re­gis­seur auf dem Stuhl ge­ses­sen hät­te. Die mehr­glei­sig prä­sen­tier­te Hand­lung über ei­nen ein­fa­chen Ge­schäfts­mann, der in Me­xi­ko zwi­schen die Fron­ten von skru­pel­lo­sen Phar­m­a­bos­sen und fie­sen Dro­gen­händ­lern ge­rät, bie­tet näm­lich den per­fek­ten Rah­men für spitz­zün­gi­ge Dia­lo­ge, bru­ta­le Ac­tion und der­ben Hu­mor – zu­min­dest in den Hän­den von Gen­re-Pro­fis wie Guy Rit­chie oder Mar­tin McDo­nagh. Un­ter der Lei­tung des ehe­ma­li­gen St­unt­man Nash Ed­ger­ton („The Squa­re“) wird die tem­po­rei­che Ac­tion­ko­mö­die zwar nie lang­wei­lig und über­zeugt mit sei­nem hoch­klas­sig be­setz­ten so­wie fu­ri­os auf­spie­len­den Cast, packt ei­nen aber auch nie voll­stän­dig. Da­zu ist der Plot zu un­fo­kus­siert, sind die Cha­rak­te­re zu ein­di­men­sio­nal und die Wit­ze nicht gars­tig ge­nug. Statt sich zu ei­nem tief­schwar­zen En­sem­ble-Thril­ler wie „Burn Af­ter Rea­ding“oder „Ja­ckie Brown“auf­zu­schwin­gen, ver­passt der Film die Chan­ce, mehr zu sein als ein kom­pe­tent ge­stal­te­tes und aus­rei­chend spa­ßi­ges De­ri­vat sei­ner gro­ßen Vor­bil­der.

Kid­nap­ping mal an­ders

Be­son­ders die Haupt­fi­gur könn­te näm­lich tat­säch­lich glatt aus ei­nem Co­en-Brü­der-Strei­fen stam­men: Ha­rold Soy­in­ka (Da­vid Oye­lo­wo) ist ein spie­ßi­ger Be­triebs­lei­ter beim Phar­ma­kon­zern Pro­me­thi­um. Doch sein Le­ben ist nicht ge­ra­de ro­sig: Er ist ver­schul­det und sei­ne Frau (Than­die New­ton) hat ihn be­tro­gen. Als er dann auch noch mit­be­kommt, dass ihn sei­ne skru­pel­lo­sen Chefs Richard (Jo­el Ed­ger­ton) und Elai­ne (Char­li­ze The­ron) nach ei­nem an­ste­hen­den Fir­men­ver­kauf ent­las­sen wol­len, reißt dem re­geltreu­en Je­der­mann der Ge­dulds­fa­den. Auf ei­ner Ge­schäfts­rei­se nach Me­xi­ko, wo Pro­me­thi­um neu­ar­ti­ge Can­na­bis-Pil­len her­stel­len lässt, be­schließt Ha­rold des­halb, sei­ne ei­ge­ne Ent­füh­rung vor­zu­täu­schen, um sei­nen Chefs eins aus­zu­wi­schen und gleich­zei­tig ein di­ckes Lö­se­geld zu kas­sie­ren. Dumm nur, dass Richard und Elai­ne die Kid­nap­ping-Ver- si­che­rung be­reits ge­kün­digt ha­ben. Statt al­so das Lö­se­geld zu über­wei­sen, schickt Richard sei­nen Söld­ner-Bru­der Mitch (Sharl­to Cop­ley) nach Me­xi­ko, um Ha­rold auf­zu­spü­ren. Als der dann aber wirk­lich von ei­nem ört­li­chen Kar­tell­boss ent­führt wird, um an die ge­hei­me Ma­ri­hua­na-Pil­len-For­mel zu ge­lan­gen, ge­rät die Si­tua­ti­on au­ßer Kon­trol­le.

Ein Hauch von Ta­ran­ti­no

Die Hand­lung wirkt auf den ers­ten Blick kom­ple­xer als sie tat­säch­lich ist. Das liegt vor al­lem an der schie­ren Mas­se an Fi­gu­ren, die die Dreh­buch­schrei­ber Ant­ho­ny Tam­bak­is und Mat­t­hew Sto­ne auf­ein­an­der los­las­sen. Scha­de, dass fast al­len die not­wen­di­ge Tie­fe fehlt, um den Zu­schau­er ernst­haft an sie zu bin­den. Na­tür­lich macht es Spaß, Char­li­ze The­ron und Jo­el Ed­ger­ton da­bei zu­zu­se­hen, wie sie mit Ge­mein­hei­ten um sich wer­fen. Auf die Dau­er wird die­se Im­per­ti­nenz aber et­was ein­tö­nig. Und war­um der Möch­te­gern-Gau­ner Mi­les (Har­ry Tre­a­da­way) und sei­ne nai­ve Freun­din Sun­ny (Aman­da Sey­fried) in der Sto­ry auf­tau­chen, muss wohl je­der für sich selbst her­aus­fin­den. Ge­nau die­ser feh­len­de Fo­kus auf das We­sent­li­che zieht sich durch den ge­sam­ten Film. Re­gis­seur Nash Ed­ger­ton wuss­te an­schei­nend selbst nicht so recht, was er ma­chen woll­te und springt to­nal von ei­nem Ex­trem ins an­de­re. Mal pro­biert sich „Grin­go“an über­zo­ge­ner Come­dy, streut dann wie­der ein paar emo­tio­na­le Mo­men­te hin­ein und drif­tet ge­le­gent­lich Rich­tung Ac­tion ab. Was bleibt, ist ein in­ko­hä­ren­tes Gen­re-Mo­sa­ik, das zwi­schen al­len Stüh­len sitzt und ei­nen ver­wirrt zu­rück­lässt. Was den Film letzt­end­lich ret­tet, ist das hoch­ka­rä­ti­ge Schau­spiel­ensem­ble, dass man hier ver­sam­meln konn­te. Der stets bril­lan­te Da­vid Oye­lo­wo schafft es in der Rol­le des re­bel­li­schen Mit­tel­schicht­lers Ha­rold wohl am bes­ten, die Ba­lan­ce zwi­schen Ka­ri­ka­tur und ech­tem Men­schen zu fin­den. Wenn er von der Af­fä­re sei­ner Frau er­fährt und die ihr Ver­hal­ten mit ei­nem wir­ren So­zio­lo­gie-Ex­pe­ri­ment rund um Bas­ket­ball und Go­ril­las recht­fer­tigt, dann ist das dank Oye­lo­wo glei­cher­ma­ßen tra­gisch wie lus­tig. Lei­der sind die­se Mo­men­te recht sel­ten. Char­li­ze The­ron und Jo­el Ed­ger­ton sind da­ge­gen fast aus­schließ­lich für die der­ben Gags und fie­sen Zo­ten zu­stän­dig, ver­kör­pern ih­re Rol­len als schmie­ri­ge Phar­ma­schnö­sel oh­ne Ge­wis­sen aber je­der­zeit mit ei­ner wun­der­bar dia­bo­li­schen Ruch­lo­sig­keit. Sharl­to Cop­ley wirkt als taf­fer Ex-Söld­ner, der sich nun in hu­ma­ni­tä­ren Hilfs­pro­jek­ten en­ga­giert, et­was ver­lo­ren und kann sei­nem schalk­haf­ten Ich nur sel­ten frei­en Lauf las­sen. Ge­nau wie bei der sträf­lich un­ter­for­der­ten Aman­da Sey­fried ist das aber mehr dem Skript ge­schul­det und we­ni­ger dem En­ga­ge­ment der Darstel­ler.

Oh, wie schön ist Me­xi­ko!

Auf der tech­ni­schen Ebe­ne ist die Blu-ray so­li­de. Die all­ge­mei­ne Bild­qua­li­tät über­zeugt mit ho­hen De­tails und durch­weg gu­ter Sät­ti­gung, haut ei­nen aber auch nicht so rich­tig vom Ho­cker. Der 5.1-Sound­track ist da schon deut­lich bes­ser. Un­ter an­de­rem steht hier die sehr räum­lich ge­stal­te­te Ton­ku­lis­se auf der Ha­ben­sei­te. Beim Bo­nus­ma­te­ri­al gibt es ein paar stan­dard­mä­ßi­ge Fea­tur­et­tes, In­ter­views und die üb­li­che Trai­ler­show. „Grin­go“ist am En­de des Tages kein High­light, er­füllt als Ac­tion-Ko­mö­die aber sei­nen Zweck. Viel­leicht gibt es ja ir­gend­wann ein Re­make und der Film darf un­ter ei­nem an­de­ren Re­gis­seur zei­gen, wie viel Po­ten­zi­al wirk­lich in ihm steckt.

Skru­pel­los im stei­fen Hemd: Jo­el Ed­ger­ton als Boss Richard

Elai­ne (Char­li­ze The­ron) sorgt für ei­ne ge­hö­ri­ge Por­ti­on Nar­zis­mus

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