DI­MEN­SI­ON W (Vol. 1)

Blu-ray Magazin - - Animation - INES MANNTEUFEL

Es gibt Nach­schub für Freun­de von Ge­schich­ten über An­dro­iden, ur­ba­ne Zu­kunfts­vi­sio­nen, zwei­fel­haf­te Rie­sen­kon­zer­ne und tech­ni­sche Re­vo­lu­tio­nen, die die Welt ver­än­dern. Doch kann es „Di­men­si­on W“mit Klas­si­kern des Cy­ber­punk-Gen­res auf­neh­men oder er­war­tet die Zu­schau­er nur ein blas­ser Ab­klatsch?

Wo­her kommt ei­gent­lich die Be­geis­te­rung für Hel­den, die sich wei­gern, mit der Zeit zu ge­hen und statt­des­sen in ei­ner ver­meint­lich ein­fa­che­ren Ver­gan­gen­heit ver­har­ren? Wir ken­nen es zum Bei­spiel von John McCla­ne im vier­ten „Stirb Lang­sam“(ein ana­lo­ger Held für ei­ne di­gi­ta­le Zeit), wir ha­ben es auch bei Will Smiths Cha­rak­ter in „I Ro­bot“er­lebt. Die­se Art Prot­ago­nist, fast im­mer männ­lich, pfeift auf den tech­ni­schen Fort­schritt und ze­le­briert lie­ber ei­nen nicht im­mer ganz un­be­denk­li­chen Re­tro-Fe­tisch, der sich ger­ne im Fah­ren von Au­to­klas­si­kern ma­ni­fes­tiert, die na­tür­lich un­si­che­rer und um­welt­schäd­li­cher als mo­der­ne Fahr­zeu­ge sind. Doch das ist dem Re­tro-Hel­den egal, wenn er nur er selbst sein darf. Mit Skep­sis be­geg­nen die­se He­ro­en mo­der­nen Er­run­gen­schaf­ten, sei­en es das In­ter­net oder Ro­bo­ter. Ih­re Vor­ur­tei­le er­schei­nen nur sel­ten be­rech­tigt, un­dif­fe­ren­ziert, und grund­los, sol­len solch kan­ti­ge, un­be­que­me Cha­rak­te­re wohl aber ir­gend­wie cool ma­chen. Ky­o­u­ma Ma­buchi ist ge­nau solch ein Typ von Held. Mit läs­si­ger Gleich­gül­tig­keit schlurft er durch die Stra­ßen ei­nes fu­tu­ris­ti­schen Ja­pans des Jah­res 2072 und gibt schon durch sei­ne auf­fäl­li­gen Ko­te­let­ten, sei­nen Neo-Sa­mu­rai-Auf­zug und den To­yo­ta-Sport­wa­gen aus den 1960ern zu ver­ste­hen, dass ihn der Zeit­geist ge­hö­rig am Al­ler­wer­tes­ten le­cken kann.

Ei­ne neue Di­men­si­on

Ein rup­pi­ger Kerl wie Ky­o­u­ma kann na­tür­lich nir­gend­wo ar­bei­ten, wo Di­plo­ma­tie oder Kun­den­freund­lich­keit von­nö­ten wä­ren, doch auch für Leu­te wie ihn gibt es ei­nen Platz in die­ser Zu­kunfts­welt: Er ver­dient sein Geld als Collec­tor, ei­ne Art Kopf­geld­jä­ger, der die Be­nut­zer il­le­ga­ler „Coils“auf­spürt, ih­nen die Spu­len ab­nimmt und zu sei­nem Auf­trag­ge­ber zu­rück­bringt. Mo­ment, Coils? Spu­len? Tja, im Jah­re 2072 ge­hört die Ener­gie­knapp­heit der Ver­gan­gen­heit an. Nach den drei Di­men­sio­nen, die durch x-, y- und z-Ach­se dar­ge­stellt wer­den, wur­de in­zwi­schen näm­lich ei­ne vier­te Di­men­si­on ent­deckt und, wich­ti­ger noch, nutz­bar ge­macht. Mit­tels of­fen­bar an die Tes­la-Trans­for­ma­to­ren (auch Tes­la­s­pu­len ge­nannt) an­ge­lehn­ten „Coils“, was nichts an­de­res als Spu­le heißt, ge­lang es, die un­fass­ba­ren Ener­gie­re­ser­ven der „Di­men­si­on W“an­zu­zap­fen. 60 gi­gan­ti­sche Coil-Tür­me wur­den da­für übe­r­all auf der Welt von „New Tes­la Ener­gy“und den Re­gie­run­gen der be­trof­fe­nen Län­der ge­baut. Doch nicht je­der will an­schei­nend sei­ne Ener­gie von die­sen of­fi­zi­el­len Qu­el­len be­zie­hen, statt­des­sen wer­den eben il­le­gal her­ge­stell­te Coils be­nutzt, um dar­an zu ge­lan­gen. Und der­ar­ti­gen Leu­ten die Plä­ne zu ver­der­ben, ist der Auf­trag der Collec­tors. Bei ei­nem die­ser Auf­trä­ge trifft Ky­o­u­ma, der so­wohl die Coils als auch die Tech­no­lo­gie, die sie er­mög­li­chen, ver­ab­scheut, auf Mi­ra, die sehr mensch­lich wir­ken­de An­dro­iden-Toch­ter des Er­fin­ders der Coils.

Die Um­stän­de zwin­gen ihn, künf­tig mit Mi­ra zu­sam­men­zu­ar­bei­ten. Das hin­dert ihn je­doch nicht dar­an, die jun­ge An­dro­iden­frau, die über über­mensch­li­che Fä­hig­kei­ten ver­fügt, kon­ti­nu­ier­lich zu be­lei­di­gen und her­ab­zu­set­zen. Ge­mein­sam müs­sen sie her­aus­fin­den, was hin­ter dem mys­te­riö­sen Ver­schwin­den des Coil-Er­fin­ders steckt und in wel­che du­bio­sen Ge­schäf­te „New Tes­la Ener­gy“ver­wi­ckelt ist. Laut der letz­ten Nach­richt von Mi­ras Va­ter wei­sen die il­le­ga­len Coils den Weg da­hin.

Phi­lo­so­phisch un­phi­lo­so­phisch

„Di­men­si­on W“wirft Fra­gen auf, de­ren Be­ant­wor­tung zu hoch­in­ter­es­san­ten Dis­kus­sio­nen füh­ren könn­te. Wä­re es bei­spiels­wei­se ethisch und mo­ra­lisch über­haupt ver­tret­bar, ei­ne neue Di­men­si­on ein­fach als un­end­li­che Ener­gie­quel­le zu miss­brau­chen, oh­ne mehr über die­se Di­men­si­on zu wis­sen? In den ers­ten vier Epi­so­den der zwölf­tei­li­gen Anime­se­rie wer­den sol­che Pro­ble­me je­doch bes­ten­falls ober­fläch­lich ge­streift. Statt­des­sen er­le­ben wir ei­nen Hel­den, der sich cool dünkt, ei­gent­lich aber ein ziem­li­cher Arsch ist, wie er Auf­trä­ge er­le­digt und Er­eig­nis­se er­lebt, die sich fast voll­stän­dig aus Gen­re-Ver­satz­stü­cken zu­sam­men­set­zen. Ein biss­chen „Bla­de Run­ner“, ein biss­chen „Batt­le An­gel Ali­ta“, da­zu ei­ne Pri­se „Cho­bits“(oder Dut­zen­de an­de­re Ti­tel mit at­trak­ti­ven Ro­bo-Mä­dels im Fo­kus); „Di­men­si­on W“er­weist sich bis­lang zu­min­dest als An­ein­an­der­rei­hung von Gen­re-Tro­pes, die noch da­zu mä­ßig in­spi­riert zu­sam­men ge­wür­felt wur­den. Das ist um so be­dau­er­li­cher, als „Di­men­si­on W“ein ech­ter Hin­gu­cker ist. Tol­le De­signs, kla­re Strick­füh­rung, flüs­si­ge, oft spek­ta­ku­lä­re Ani­ma­tio­nen und ein mo­der­ner, gleich­zei­tig or­ga­ni­scher Look ma­chen den Ti­tel zu ei­nem Au­gen­schmaus.

Doch was hilft die tol­le Op­tik, wenn die viel­ver­spre­chen­den in­halt­li­chen An­sät­ze auf ba­na­le Sci-Fi-Fließ­band­kost her­un­ter­ge­bro­chen wer­den? Aus ei­nem Stan­dard­ti­tel wird so eben ein be­son­ders gut aus­se­hen­der Stan­dard­ti­tel, we­der Ge­schich­te noch Cha­rak­te­re blei­ben nach­hal­tig in Er­in­ne­rung. Die Mög­lich­keit be­steht na­tür­lich, dass die Se­rie in den kom­men­den Fol­gen das Ru­der noch her­um­reißt, denn auch der Man­ga nimmt ja im­mer mehr „Bla­de Run­ner“-Zü­ge an. Und auch Epi­so­de 4 des Ani­mes deu­tet ei­ni­ge span­nen­de The­men an. Wen der an­fäng­li­che Man­gel an Tief­grün­dig­keit und Ei­gen­stän­dig­keit nicht stört, der er­hält schon jetzt ei­ne flott er­zähl­te Cy­ber­punk-Se­rie, die durch je­de Men­ge groß­ar­ti­ger Ac­tion­sze­nen glän­zen kann.

Klei­ne In­fo zum Schluss: „Di­men­si­on W“wur­de vom ame­ri­ka­ni­schen Ani­me-Pu­blis­her Fu­ni­ma­ti­on ko­pro­du­ziert. Der Se­rie mag man das nicht an­se­hen, aber Fu­ni­ma­ti­on hat es sich nicht neh­men las­sen, den Pro­duk­ti­ons­pro­zess mit ei­nem Dreh­team zu be­glei­ten und für je­de Epi­so­de ei­ne klei­ne Do­ku zu er­stel­len, die ih­ren Weg auch auf die deut­sche Disc fan­den. Es gibt al­so rich­ti­ges und durch­aus in­ter­es­san­tes Bo­nus­ma­te­ri­al, was bei Ani­me-Se­ri­en doch eher sehr sel­ten ist.

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