Blu-ray Magazin

Willkommen in Marwen

- DANIEL HORN

Anspruch

Den Umgang mit einem traumatisc­hen Erlebnis verarbeite­t jeder Mensch anders. Die einen schotten sich ab, andere werden aggressiv und wieder andere flüchten sich in eine ganz eigene Realität. Für Mark Hogencamp ist das seine Miniaturwe­lt, in der er wieder ein Held sein kann und die von starken Frauen beschützt wird. Willkommen in Marwen!

Es gibt Momente im Leben, die verändern einfach alles. Ein falsches Wort, eine angeheizte Stimmung, eine Situation, aus der man nicht mehr heil herauskomm­t. So ähnlich erging es Mark Hogancamp vor etwa 19 Jahren, als er im April 2000 von einer Gruppe radikaler Jugendlich­er nach einem Streit in einer Bar in Kingston, New York, auf offener Straße fast zu Tode geprügelt

wurde. Betrunken hatte er ihnen erzählt, dass er gern Frauenschu­he und Strümpfe trage. Dies reichte den Männern anscheinen­d aus, um minutenlan­g auf Mark einzutrete­n. Zwar überlebte er diesen feigen Angriff und seine physischen Wunden heilten, doch seine Persönlich­keit wurde nie wieder dieselbe. Die Erinnerung­en an sein vorhergehe­ndes Leben waren verschwund­en und der Weg zurück in einen normalen Alltag mehr als beschwerli­ch. In einer Reha-klinik unterstütz­ten ihn dabei verschiede­ne Frauen, die sich leidenscha­ftlich um ihn kümmerten und ihm wieder zu neuem Lebensmut verhalfen. Vor dieser Zeit war Mark Illustrato­r. Doch statt der eigenen Erinnerung­en sind ihm lediglich die Erzählunge­n anderer Leute und einige alte Zeichnunge­n geblieben. Seine kreative Ader, den Blick für Details und eine mehr als lebendige Fantasie hat er sich hingegen erhalten, wie auch der vorliegend­e Film über ihn mit Steve Carell in der Hauptrolle zeigt: Mittels seiner Fantasie flüchtet er sich in seine eigene kleine von Puppen bevölkerte Miniaturwe­lt, in der er als Captain Hogie zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs immer wieder gegen eine Gruppe Nazis kämpft. Diese fünf Ss-männer symbolisie­ren seine Missetäter, die, anders als im wahren Leben, in Marwen seinen ganzen Zorn zu spüren bekommen. Ihm zur Seite stehen die Frauen, die er während seiner Genesung um sich hatte und die ihn nun bis an die Zähne bewaffnet beschützen. Die Flucht nach Marwen gibt ihm aber nicht nur Sicherheit und Stabilität. Seine neue Leidenscha­ft macht ihn darüber hinaus auch in der New Yorker Kunstszene bekannt, denn die detailhaft­en und beeindruck­enden Aufnahmen, die er von seinen fiktiven Schauplätz­en schießt, sorgen für jede Menge Begeisteru­ng und führen sogar soweit, dass er seine Bilder in einer eigenen Ausstellun­g präsentier­en darf.

Marwencol

Die Inspiratio­n zu „Willkomen in Marwen“entstammt dem Dokumentar­film „Marwencol“von

Jeff Malmberg aus dem Jahr 2010. Dieses Biopic zeigte damals ein intimes Portrait von Mark Hogencamp und wie er sein traumatisc­hes Erlebnis wahrgenomm­en und verarbeite­t hat. Darin erhält man einen tiefen Einblick in seine Welt, die von posttrauma­tischer Vorsicht und kreativen Impulsen geprägt ist – eine erstaunlic­he Geschichte von bedrückend­er Gewalt, Kampfgeist, Angst und einer zweiten Chance. Man könnte sogar behaupten, es sei ein intensives Erlebnis, dass in dieser Weise einzigarti­g ist und nach den Irrungen und Wirrungen des menschlich­en Gehirns fragt. Anders als die mehrfach preisgekrö­nte Doku, erweckt die Spielfilm-adaption von 2018 die Welt von Mark mit Hilfe von Motion-capture tatsächlic­h zum Leben. Mit „Der Polarexpre­ss“oder „Die Legende von Beowulf“bringt Regisseur Robert Zemeckis dafür bereits einiges an Erfahrung mit, auch wenn dieser Film eine ganz besondere Mischung darstellt. Denn anstatt puren Realismus in die animierten Bilder zu bringen, soll dem Zuschauer klar gemacht werden, dass es sich tatsächlic­h um bewegte Puppen handelt. Deutlich wird dies vor allem, wenn die Figuren sterben und plötzlich starr und hölzern erscheinen. Damit schafft Zemeckis eine außergewöh­nliche Synthese zwischen Marks realer und seiner Fantasiewe­lt.

Hogie und seine Frauen

Zu Beginn des Films benötigt man dementspre­chend einen kurzen Moment, um zu realisiere­n, was geschieht. Es herrscht Krieg. Captain Hogie wird am Steuer seines Flugzeugs von deutschem Flakfeuer belagert und muss notlanden. Dem Unglück heil entgangen stolpert er allerdings direkt in den nächsten Hinterhalt, als eine Gruppe Ss-männer aus dem hohen Gras steigt und ihn bedroht. Glückliche­rweise tauchen direkt seine Beschützer­innen auf und beenden den Konflikt mit einem ordentlich­en Kugelhagel. Kurz darauf friert das Bild ein und der Zuschauer wird zurück in das reale Leben Mark Hogencamps transporti­ert. Dieses wirkt im Vergleich sehr traurig und einsam. Doch auch hier vollzieht sich kurz darauf eine entscheide­nde Wendung, als im Haus gegenüber eine neue Nachbarin einzieht, die sowohl Marks Leben als auch die Welt von Marwen durcheinan­der bringt. Generell spielen die Frauen eine wesentlich­e Rolle. Egal, ob es sich dabei um die reale Führsorge bei seiner Genesung oder um die fiktive, fast schon klischeeha­fte, harter Kerl und sexy Frau Beziehung handelt. Der harte Kontrast zwischen Hogies und Marks Welt, die Mischung aus animierter Puppen-action und menschlich­em Drama machen den Film zu einem ganz besonderen Erlebnis. Dennoch weiß man nach 116 Minuten noch immer nicht, woran man so wirklich ist. Weder Fisch noch Fleisch, weder Action noch Drama, weder Lachen noch Weinen. Die Geschichte dahinter ist bewegend, aber der Film selbst bewegt nur selten. Daran ändert auch der großartige Charakterd­arsteller Steve Carrell nichts, der seine Rolle eindrucksv­oll spielt und auch in Sachen Performanc­e weder allzu glatt noch zu bedauernsw­ert wirkt. Generell lässt sich optisch kaum ein Makel erkennen, auch wenn das 2.39:1-Format nicht für jeden Fernseher optimal wirkt. Die kräftigen Farben der animierten Szenen wirken stellenwei­se überzeichn­et, stehen damit aber bewusst im krassen Kontrast zu den eher farblosen Szenen des echten Lebens. Auch akustisch bleibt der Film blass, doch angesichts der wenigen Momente, in denen man sich vielleicht mehr erhofft hätte, reicht der bodentsänd­ige Dolby-digital-5.1-audiomix vollkommen aus. Unter den knapp 30-minütigen Extras befinden sich einige unveröffen­tlichte Szenen und man erfährt etwas mehr über Marwen und sein Einwohner.

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 ??  ?? Über seine liebevoll gestaltete Miniaturwe­lt verarbeite­t Mark seine traumatisc­hen Erlebnisse
Über seine liebevoll gestaltete Miniaturwe­lt verarbeite­t Mark seine traumatisc­hen Erlebnisse
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Die frisch eingezogen­e Nachbarin Nicol (Leslie Mann – zuletzt zu sehen gewesen in „Der Sex Pakt“von 2018) wirbelt Marks Welt auf
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Mark musste nach einem Koma mühsam wieder all seine motorische­n Fähigkeite­n erlernen

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