Ei­ne Frau – zwei Per­sön­lich­kei­ten

Do­ku­men­ta­ti­on „Ma­ria by Cal­las“mit sel­te­nen In­ter­view­mit­schnit­ten der be­rühm­ten Sän­ge­rin

Bramscher Nachrichten - - FILM - Fo­to: Pro­ki­no

Von Jens Hin­rich­sen

OS­NA­BRÜCK. Wer ist jetzt ge­ra­de die „neue Cal­las“? An­na Netreb­ko? Die Lor­bee­ren sind ver­gif­tet, weil ei­ner Qua­si-Cal­las ja letzt­lich die In­di­vi­dua­li­tät ab­ge­spro­chen wird. Wie ein Bu­me­rang schnellt das Lob stets zur ech­ten Cal­las zu­rück. „Die ein­zi­ge Krea­tur, die je ei­ne Opern­büh­ne be­tre­ten hat“, jauchz­te In­ge­borg Bach­mann. Stimmt das? Und wenn ja: Wie ver­mit­telt sich die Ein­zig­ar­tig­keit im Kino?

„Ma­ria by Cal­las“heißt die neue Do­ku. Die Sän­ge­rin kommt zu Wort, ver­spricht der Ti­tel, was kor­rekt ist: Der Fo­to­graf und Fil­me­ma­cher Tom Volf setzt lan­ge ver­schol­le­ne In­ter­view-Aus­schnit­te ins Zen­trum sei­ner Cal­lasCol­la­ge, so­wie Aus­zü­ge aus Brie­fen, emp­find­sam vor­ge­le­sen von Fan­ny Ar­dant (in der deut­schen Fas­sung von Eva Mat­tes). Man spürt den Druck, der die Künst­le­rin be­las­te­te. „Ich hat­te doch nur ei­ne Bron­chi­tis“, schrieb Cal­las ih­rer Ge­s­angs­leh­re­rin, als sie 1958 in Rom ei­ne „Nor­ma“-Auf­füh­rung ab­ge­bro­chen hat­te. Es gab kei­ne Ein­sprin­ge­rin. Auch der ita­lie­ni­sche Prä­si­dent muss­te nach Hau­se ge­hen. Die Pres­se spiel­te das zur Staats­af­fä­re hoch.

Wer war Ma­ria Cal­las? Volf, der ih­re Stim­me erst 2013 (!) auf Youtu­be ent­deck­te und in­zwi­schen drei Bü­cher und ei­ne Pa­ri­ser Aus­stel­lung um den My­thos ver­ant­wor­tet, skiz­ziert das Le­ben ei­ner Frau, die 1923 in New York als Toch­ter grie­chi­scher Im­mi­gran­ten ge­bo­ren Ma­ria Cal­las im In­ter­view wur­de, in At­hen ab 1938 Ge­sang stu­dier­te und 1949 den In­dus­tri­el­len Me­neghi­ni hei­ra­te­te, was ih­rem Auf­stieg in den frü­hen 50ern si­cher nicht ab­träg­lich war. Cal­las’ Af­fä­re mit dem stein­rei­chen Onas­sis, die Schei­dung von Me­neghi­ni, das jä­he En­de der Lie­bes­be­zie­hung, als Onas­sis doch Ja­ckie Ken­ne­dy hei­ra­tet: Die­se Jet-Set-Dra­men walzt Volf doch zu sehr aus.

Doch die Oper wird nicht mar­gi­na­li­siert, trotz des Han­di­caps, dass es an Film­do­ku­men­ten von Cal­las, dem Büh­nen­tier, man­gelt. Ih­re Glanz­jah­re zwi­schen 1949 und 1958 sind fast aus­schließ­lich akus­tisch über­lie­fert. Da­her setzt Volf auf die ge­film­ten Auf­trit­te der Spät­pha­se – und bringt die So­lo­sze­nen im­mer­hin un­ge­kürzt und (dank di­gi­ta­ler Nach­ko­lo­rie­rung) in Far­be: ei­ne „Carmen“-Ha­ba­ne­ra von 1962, ein glü­hen­des „To­s­ca“-Ge­bet aus Lon­don (1964) oder ei­ne Arie aus Bel­li­nis „La Son­nam­bu­la“aus Cal­las’ Büh­nen­ab­schieds­jahr 1965. Wie sie da schlaf­wand­le­risch mit den Über­bleib­seln ih­rer Stim­me jon­gliert, treibt ei­nem die Trä­nen in die Augen. In­so­fern kann – nicht mehr, nicht we­ni­ger – „Ma­ria by Cal­las“die Oh­ren öff­nen – für das rei­che Schall­plat­ten-Er­be. Ei­ne Stimm­schau­spie­le­rin, die das Bel­can­to-Abc per­fekt be­herrsch­te: Das ist gro­ßes Kino ge­nug.

Auch ab­seits der Opern­büh­ne ge­fragt: mit Da­vid Frost im Jahr 1970.

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