Bei den Mee­res­rie­sen

So schön das In­sel­l­e­ben auf den Ma­le­di­ven auch sein mag: Am auf­re­gends­ten ist es un­ter Was­ser

Bramscher Nachrichten - - AUF REISEN - Von Chris­ti­an Haas

Nein. Man­tas sind nicht die­se Tie­re mit dem St­a­chel, die Men­schen tö­ten“, er­klärt Mee­res­bio­lo­gin Ka­tie. „Das sind, wenn es über­haupt zu solch ex­trem sel­te­nen Un­fäl­len kommt, St­a­chel­ro­chen.“Den­noch, so macht sie uns neu­gie­rig, wür­den Man­tas Ehr­furcht ge­bie­tend wir­ken, wenn sie im Was­ser auf ei­nen zu­hal­ten, das Maul weit ge­öff­net, so groß wie ein Scheu­nen­tor. „Auch wenn sie mal Teu­fels­ro­chen ge­nannt wur­den – es gibt kei­ne harm­lo­se­ren Tie­re“, sagt die jun­ge Ame­ri­ka­ne­rin, „und in ih­rem Maul lan­det aus­schließ­lich Plank­ton. Sie sind trotz ei­ner Spann­wei­te von fast vier Me­tern und ei­nem Ge­wicht von rund ein­ein­halb Ton­nen freund­lich und su­chen oft den Kon­takt zu den Men­schen.“

Dass dem tat­säch­lich so ist, er­le­ben wir bald dar­auf am ei­ge­nen Leib. An ei­nem der welt­bes­ten Plät­ze, um die Mee­res­gi­gan­ten an­zu­tref­fen: im Süd-Ari-Atoll der Ma­le­di­ven. Dort liegt un­ter an­de­rem das Maa­fus­hi­va­ru Re­sort, wo Ka­tie seit ei­ni­gen Mo­na­ten als Ma­ri­ne Bio­lo­gist ar­bei­tet und un­ter wech­seln­den Mot­tos den Gäs­ten des 48-Vil­len-Ei­lands die Un­ter­was­ser­welt nä­her­brin­gen will. Da­zu geht es mit dem bis zu 20 Per­so­nen fas­sen­den Mo­tor­boot vor­wie­gend in die Ge­wäs­ser rund um die Ein­hei­mi­schen­in­sel Dhi­gu­rah. Die­se sind für ih­re rund 40 Tauch­grün­de be­kannt – und für das häu­fi­ge Sich­ten sanf­ter Mee­res­rie­sen.

Heu­te sind wir nur zu sechst. Plus drei Mann Be­sat­zung und Ka­tie, die bei der Fahrt über das ru­hi­ge Meer viel In­ter­es­san­tes über die Fau­na des Atolls er­zählt und dies mit ei­ner Rei­he von Fo­tos und Gra­fi­ken un­ter­malt. Nach ei­ner St­un­de wer­den auf­fäl­li­ge Be­we­gun­gen an der Ober­flä­che ent­deckt – ent­spre­chen­de „Man­ta, Man­ta“-Ru­fe brin­gen al­le Schnorch­ler in Po­si­ti­on. Dann geht al­les ganz schnell. Bril­le auf, Schnor­chel rein und ins Was­ser ge­hüpft.

Nach ein paar Mo­men­ten der Ori­en­tie­rungs­su­che se­hen wir sie: zwei Man­tas, die in zehn Me­ter Ent­fer­nung lang­sam an uns vor­bei­zie­hen. Ein fas­zi­nie­ren­des Bild. Im Zeit­lu­pen­tem­po dre­hen die Man­tas in er­ha­be­ner Ele­ganz ih­re Run­den zwi­schen Grund und Ober­flä­che, erst zu zweit, spä­ter so­gar zu sechst. Ei­ner zeigt die wei­ße Bauch­sei­te, an­de­re die dunk­len Rü­cken. Ein laut­lo­ser Tanz vol­ler Wür­de. Das Maul weit ge­öff­net, neh­men die Man­tas Plank­ton auf, oh­ne je­de Hast oder Ve­r­un­si­che­rung. Manch­mal sind sie da­bei kaum ei­nen Me­ter von uns ent­fernt. Ein­mal, als wir den­ken, dass sie schon fast auf dem Rück­zug sind, dre­hen sie um, schwim­men di­rekt auf ei­nen Schnorch­ler zu, um dann re­laxt im letz­ten Mo­ment ab­zu­dre­hen. Kei­ne Fra­ge: Dank ih­rer schwin­gen­den Be­we­gun­gen passt der Spitz­na­me „Se­ab­irds“per­fekt.

Man­tas wir­ken wie We­sen aus ei­ner ver­gan­ge­nen Zeit. Seit 400 Mil­lio­nen Jah­ren gibt es die­se Fi­sche, die, auch wenn man es ih­rem „flie­gen­den“Ver­hal­ten nicht un­be­dingt an­sieht, mit Hai­en ver­wandt sind. Ein Hai, dem man das sehr ge­nau an­sieht, steht am nächs­ten Tag auf un­se­rem Pro­gramm. Der größ­te Fisch der Welt­mee­re, der bis zu 13 Me­ter lan­ge Wal­hai, ist oh­ne­hin der noch grö­ße­re Star rund um Dhi­gu­rah und Maa­fus­hi­va­ru.

Das Be­son­de­re: Im ver­gleichs­wei­se seich­ten Was­ser sind die sanf­ten Mee­res­rie­sen das gan­ze Jahr über hier ver­läss­lich an­zu­tref­fen. Das hat Kon­se­quen­zen: Zahl­rei­che Gäs­te wol­len ei­nen Wal­hai live se­hen. „Tou­ris­mus ist viel bes­ser als et­wa die Wil­de­rei“, meint Ka­tie und rech­net vor, wie viel mehr wert ein le­ben­der Wal­hai sei im Ver­gleich zu ei­nem to­ten auf dem Schwarz­markt. Dem­zu­fol­ge ha­ben sich et­li­che Re­sorts und Ein­hei­mi­sche auf Wal­haiTou­ris­mus ka­pri­ziert und tun al­les, um die Le­be­we­sen der zah­lungs­kräf­ti­gen Kli­en­tel auch prä­sen­tie­ren zu kön­nen.

Wir stau­nen nicht schlecht, als nach ei­ni­gem Auf und Ab ent­lang der wie auf ei­ner Per­len­ket­te auf­ge­reih­ten klei­nen In­seln bis zu 20 Boo­te in al­ler­lei Grö­ßen um ei­nen end­lich „ge­spot­te­ten“Wal­hai krei­sen. Teil­wei­se sind bis zu 100 Schnorch­ler hin­ter dem Tier her, dar­un­ter ei­ne sehr gro­ße chi­ne­si­sche Grup­pe, die durch ih­re selt­sam mit­tig po­si­tio­nier­ten Schnor­chel, Schwimm­wes­ten und hek­ti­sche Pad­del­be­we­gun­gen – vie­le kön­nen schlicht nicht schwim­men – be­son­ders auf­fällt.

Ka­tie ist froh, dass sie uns den­noch bis auf zehn Me­ter an ei­nen am Mee­res­bo­den ent­lang schwim­men­den Wal­hai her­an­bringt. Zu­dem schießt sie Bil­der mit der Un­ter­was­ser­ka­me­ra, die sie uns tags dar­auf kos­ten­los zur Ver­fü­gung stellt. So­sehr man sich freut, dass ei­ne Be­geg­nung ge­klappt hat, bleibt den­noch ein leicht be­klem­men­des Ge­fühl ob des un­er­war­te­ten Tru­bels. Da­her sind wir glück­lich, die­sen Ort noch ein zwei­tes Mal und mit deut­lich we­ni­ger „Ver­kehr“er­le­ben zu dür­fen. Dies­mal sind gera­de zehn Schnorch­ler im Was­ser – und der Wal­hai nicht nur viel hö­her schwim­mend, qua­si auf Au­gen­hö­he, son­dern auch grö­ßer: sat­te acht Me­ter, ei­ne statt­li­che Grö­ße für die­se Re­gi­on, wo sich vor al­lem ju­gend­li­che Wal­haiMänn­chen auf­hal­ten.

Und er kommt sehr nah. Kaum sind die Bla­sen des Hin­ein­sprin­gens ver­flo­gen, mer­ken wir, dass wir di­rekt in der Bahn des Gi­gan­ten schwim­men. Ein rie­si­ges Maul kommt auf uns zu, ent­spre­chend schnell pad­deln wir zur Sei­te und ver­fol­gen das ehr­wür­di­ge We­sen. Ei­ne hal­be St­un­de geht das, nicht un­an­stren­gend, weil man hef­tig Flos­sen­schlag be­trei­ben muss, doch wir kön­nen gut mit­hal­ten. Als wir wie­der an Bord kom­men, sind wir be­seelt, be­geis­tert, be­rauscht.

Die­ses Er­leb­nis hallt nach – und stei­gert die Lust auf wei­te­re Un­ter­was­ser­er­leb­nis­se. Da­für ist Maa­fus­hi­va­ru ide­al ge­eig­net. Gäs­te kön­nen gleich von ih­rem Bun­ga­low oder ih­rer Over­wa­ter­vil­la los­le­gen und er­rei­chen nach we­ni­gen Schwimm­zü­gen das Koral­len­riff. Wer fit ist, pad­delt ein­mal um die Mi­ni-In­sel oder nimmt das Schwes­ter-In­sel­chen Lo­nu­bo, das Ver­lieb­te ganz für sich bu­chen kön­nen, auch noch mit. Und zu se­hen gibt es enorm viel: al­le Ar­ten von bun­ten Fi­schen, gelb-blau ge­streift, trom­pe­ten­för­mig, silb­rig, oran­ge, blau, in Schwär­men oder al­lein zie­hend wie klei­ne Riff­haie. Toll. We­ni­ger toll: der Müll, der sich auf ei­ner klei­nen ve­ge­ta­ti­ons­lo­sen Dü­nung so an­sam­melt. Ka­tie hat zu die­sem Zweck im­mer ein paar Müll­tü­ten da­bei, ge­mein­sam sam­meln wir Plas­tik­fla­schen, al­te Flip-Flops und sons­ti­gen Un­rat ein.

Zu­neh­men­der Müll ist nur ei­ne von vie­len Ge­fah­ren für Mee­res­be­woh­ner, die an­stei­gen­de Mee­res­tem­pe­ra­tur ei­ne an­de­re, Schiffs­schrau­ben und trei­ben­de Netz­res­te sind wei­te­re. Und die Wil­de­rei. Vor al­lem die tra­di­tio­nel­le chi­ne­si­sche Me­di­zin, die in die­sem Fall so gar nicht tra­di­tio­nell ist, hat Kri­mi­nel­le auf den Plan ge­ru­fen. Vor ein paar Jah­ren hat es be­gon­nen: Man­ta-Kie­men, ge­trock­net ein­ge­nom­men, sol­len den Kör­per ent­gif­ten.

Auch die Wal­haie sind ins Vi­sier du­bio­ser Hei­ler ge­ra­ten. Weil die größ­ten Fi­sche der Welt kei­nen Krebs be­kom­men, sol­len ih­re Flos­sen Krebs be­kämp­fen, wird rei­chen Chi­ne­sen weis­ge­macht. Zum Glück sind die Be­stands­zah­len rund um Dhi­gu­rah sta­bil, so­gar stei­gend, wie ei­ne ei­gens ge­grün­de­te Wal­hai-Or­ga­ni­sa­ti­on mit­teilt. Sie hat al­le In­di­vi­du­en re­gis­triert. Da hat so­gar je­der ei­nen Na­men. Un­ser Acht-Me­terLieb­ling heißt Fer­nan­do. Das macht das Er­leb­nis noch per­sön­li­cher.

Fo­to: SRT Ar­chiv

Luft­auf­nah­me von Lo­nu­bo: Der Blick auf Maa­fus­hi­va­rus Schwes­ter­in­sel macht Lust auf Ur­laub.

Un­ter Was­ser: Schnorch­ler kom­men den gro­ßen Wal­hai­en vor Dhi­gu­rah ganz na­he.

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