Am Gr­ab der Re­vo­lu­tio­nä­re

100 Jah­re nach dem Tod von Karl Lieb­knecht und Ro­sa Lu­xem­burg soll ih­re letz­te Ru­he­stät­te at­trak­ti­ver für Be­su­cher wer­den

Bramscher Nachrichten - - HINTERGRUND - Von An­na Ring­le dpa

Vor 100 Jah­ren wur­den in den Re­vo­lu­ti­ons­wir­ren in Ber­lin die Kom­mu­nis­ten­füh­rer Ro­sa Lu­xem­burg und Karl Lieb­knecht er­mor­det. Ein Ge­denk­ort wird nun wie­der zum An­zie­hungs­punkt.

BER­LIN Es ist ein eher un­schein­ba­res Feld auf dem Ber­li­ner Zen­tral­fried­hof Fried­richs­fel­de. Weit weg von der mo­nu­men­ta­len Ge­denk­stät­te der So­zia­lis­ten, wo die Lin­ke ges­tern zu­sam­men­kam, um wie im­mer im Ja­nu­ar an Ro­sa Lu­xem­burg und Karl Lieb­knecht zu er­in­nern. In der Mit­te des ab­ge­le­ge­nen Fel­des ver­wei­sen le­dig­lich ei­ne Ste­le und am Ran­de ein Schild dar­auf, dass hier die bei­den Kom­mu­nis­ten­füh­rer bei­ge­setzt wur­den. Am mor­gi­gen Di­ens­tag wird es 100 Jah­re her sein, dass Lu­xem­burg und Lieb­knecht in Ber­lin er­mor­det wur­den.

Bei­de wur­den am 15. Ja­nu­ar 1919 von Frei­korps-Sol­da­ten er­schos­sen. Dem Dop­pel­mord gin­gen die Re­vo­lu­ti­ons­wir­ren nach dem Ers­ten Welt­krieg vor­aus. An­fang Ja­nu­ar hat­te ein Re­vo­lu­ti­ons­aus­schuss un­ter dem Mit­be­grün­der der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Deutsch­lands (KPD), Karl Lieb­knecht, die Re­gie­rung des So­zi­al­de­mo­kra­ten Fried­rich Ebert für ab­ge­setzt er­klärt. Es gab Mas­sen­de­mons­tra­tio­nen. Der „Spar­ta­ku­s­auf­stand“wur­de nie­der­ge­schla­gen – Lu­xem­burg und Lieb­knecht tauch­ten un­ter. Doch sie wur­den ge­fun­den und ge­tö­tet. Die Mör­der war­fen Lu­xem­burgs Lei­che in den Land­wehr­ka­nal. Sie wur­de erst nach Mo­na­ten ge­fun­den.

Der His­to­ri­ker Arnd Bau­er­käm­per von der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin sagt, die Blut­tat ha­be schon früh ge­zeigt, dass die Wei­ma­rer Re­pu­blik von ra­di­ka­len Geg­nern aus dem Spek­trum der kon­ser­va­ti­ven Rech­ten be­droht wur­de. Zu­nächst hät­ten die­se sich vor­ran­gig ge­gen kom­mu­nis­ti­sche und links­so­zia­lis­ti­sche Kräf­te ge­wandt, dann auch zu­neh­mend ge­gen So­zi­al­de­mo­kra­ten. Er be­tont zu­gleich, dass die Le­gi­ti­mi­tät der noch jun­gen Re­pu­blik auch von lin­ken re­vo­lu­tio­nä­ren Kräf­ten, die auf ei­ne Rä­te­herr­schaft ziel­ten, be­strit­ten wor­den sei.

Lu­xem­burg und Lieb­knecht, bei­de 1871 ge­bo­ren, ste­hen Bau­er­käm­per zu­fol­ge für ei­nen links­so­zia­lis­ti­schen Weg der Wei­ma­rer Re­pu­blik. „Sie stan­den nicht un­be­dingt für po­li­ti­sche Ge­walt.“Zu­gleich sagt der His­to­ri­ker über bei­de: „Klar war auch, dass sie ei­ne Rä­te­re­pu­blik nach so­wje­ti­schem Vorbild an­streb­ten und da­mit auf ei­ne re­vo­lu­tio­nä­re, auch so­zia­le Um­wäl­zung ziel­ten. Sie woll­ten die be­ste­hen­de Ge­sell­schafts­ord­nung, die sie als ka­pi­ta­lis­tisch be­zeich­ne­ten, um­stür­zen.“

Dem­nächst soll sich am Gr­ab­feld auf dem Fried­hof in Fried­richs­fel­de ei­ni­ges än­dern, wie Vor­stands­mit­glied Jür­gen Hof­mann vom För­der­kreis Er­in­ne­rungs­stät­te der deut­schen Ar­bei­ter­be­we­gung an­kün­digt. Noch im Ja­nu­ar sol­len Plat­ten als tem­po­rä­re In­stal­la­ti­on ge­setzt wer­den, die die Gr­ab­stel­len der bei­den Ar­bei­ter­füh­rer mar­kie­ren. Im April wer­den laut Hof­mann In­fo-Ta­feln dau­er­haft am Ran­de des Gr­ab­fel­des auf­ge­stellt, und vor dem Som­mer sol­le ein Ge­rüst auf­ge­baut wer­den, das die Vor­der­sei­te des eins­ti­gen Re­vo­lu­ti­ons­denk­mals nach­bil­den soll. Der Ver­ein geht da­von aus, dass das Be­su­cher­inter­es­se in die­sem Jahr stei­gen wird. Die Ber­li­ner Se­nats­ver­wal­tung für Kul­tur för­dert nach ei­ge­nen An­ga­ben die Pro­jek­te.

Die Grä­ber von Lu­xem­burg und Lieb­knecht wur­den in der Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus zer­stört. „Das NS-Re­gime hat die Grä­ber be­räu­men las­sen und auch das Re­vo­lu­ti­ons­denk­mal von Lud­wig Mies van der Ro­he ab­rei­ßen las­sen“, sagt Hof­mann. Der För­der­kreis sei­ner­seits ver­mu­tet aber, dass die Über­res­te der To­ten dort noch im­mer lie­gen könn­ten. Es ge­be kei­ne Be­le­ge in Ver­wal­tungs­un­ter­la­gen, dass die Ge­bei­ne da­mals aus­ge­gra­ben wor­den sei­en. Vor Jah­ren war ei­ne De­bat­te auf­ge­kom­men, ob statt Lu­xem­burg ei­ne an­de­re Lei­che be­er­digt wor­den sein könn­te. Doch be­wie­sen wer­den konn­te die­se Theo­rie nicht.

Zum stil­len Er­in­nern an Lu­xem­burg und Lieb­knecht an der Ge­denk­stät­te am Fried­hofs­ein­gang, wo nur sym­bo­li­sche Gr­ab­plat­ten der bei­den Kom­mu­nis­ten­füh­rer lie­gen, ka­men ges­tern Tau­sen­de Men­schen. Al­len vor­an die Par­tei­spit­ze der Lin­ken, die die Ver­an­stal­tung je­des Jahr or­ga­ni­siert. Die Bun­des­vor­sit­zen­den Kat­ja Kip­ping und Bernd Ri­ex­in­ger so­wie die Chefs der Bun­des­tags­frak­ti­on, Sah­ra Wa­genk­necht und Diet­mar Bartsch, leg­ten Krän­ze mit ro­ten Nel­ken und Ger­be­ra nie­der. Auch die Lin­ken-Ve­te­ra­nen Os­kar La­fon­tai­ne und Gre­gor Gy­si nah­men an dem stil­len Ge­den­ken teil. Für den tra­di­tio­nel­len Trau­er­zug hat­te die Lin­ke 10000 Teil­neh­mer an­ge­mel­det. Zu­dem wa­ren wei­te­re Kund­ge­bun­gen und De­mons­tra­tio­nen ge­plant.

Auf die Fra­ge, was ihm Ro­sa Lu­xem­burg be­deu­tet, sag­te Ri­ex­in­ger: „Ich fin­de, Ro­sa Lu­xem­burg ist die wich­tigs­te Theo­re­ti­ke­rin zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts bis zu ih­rem Tod.“Wa­genk­necht be­ton­te: „Sie war ei­ne lei­den­schaft­li­che Kämp­fe­rin für Frie­den und so­zia­le Ge­rech­tig­keit, ei­ne klu­ge und sprach­ge­wal­ti­ge Theo­re­ti­ke­rin des Ka­pi­ta­lis­mus und au­ßer­dem ei­ne ein­fühl­sa­me Frau, die das Le­ben, die Na­tur und die Men­schen sehr ge­liebt hat.“

Doch es gibt durch­aus an­de­re Sicht­wei­sen auf die his­to­ri­sche Rol­le Lieb­knechts und Lu­xem­burgs. Die Bun­des­stif­tung zur Au­f­ar­bei­tung der SED-Dik­ta­tur spricht sich an­ge­sichts des 100. To­des­ta­ges ge­gen ei­ne Ro­man­ti­sie­rung kom­mu­nis­ti­scher Po­li­tik in der Wei­ma­rer Re­pu­blik aus. Geschäftsführerin An­na Ka­mins­ky for­dert ei­nen dif­fe­ren­zier­ten und kri­ti­schen Um­gang mit den „bei­den Sym­bol­fi­gu­ren der Re­vo­lu­ti­on“.

Ein be­weg­tes Jahr: mehr zu den Um­wäl­zun­gen von 1919 auf noz.de

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