His­to­ri­scher Ur­nen­gang in un­ru­hi­gen Zei­ten

Aus der Wahl vom 19. Ja­nu­ar 1919 geht die Wei­ma­rer Na­tio­nal­ver­samm­lung her­vor, die die ers­te de­mo­kra­ti­sche Ver­fas­sung für Deutschland er­ar­bei­tet

Bramscher Nachrichten - - HINTERGRUND - Von Nils San­d­ris­ser epd

WEI­MAR/FRANK­FURT Be­son­ders hoch ist die Wahl­be­tei­li­gung nicht – zu­min­dest nicht aus da­ma­li­ger Sicht: 83 Pro­zent der deut­schen Män­ner und – erst­mals – Frau­en über 20 Jah­ren ge­hen an die Ur­nen, als am 19. Ja­nu­ar 1919 die Mit­glie­der der Ver­fas­sung­ge­ben­den Na­tio­nal­ver­samm­lung ge­wählt wer­den. Das ist we­ni­ger als bei der letz­ten Reichs­tags­wahl des ge­ra­de un­ter­ge­gan­ge­nen Kai­ser­reichs. Nach der No­vem­ber­re­vo­lu­ti­on und dem Sturz des Kai­sers geht es um die ers­te de­mo­kra­ti­sche Ver­fas­sung für Deutschland.

Es soll schnell ge­hen mit der Wahl, das ist dem SPDMann Fried­rich Ebert, dem Vor­sit­zen­den der pro­vi­so­ri­schen Re­gie­rung, wich­tig. Nach der Re­vo­lu­ti­on be­fand sich Deutschland in ei­nem recht­li­chen Schwe­be­zu­stand. Selbst in der pro­vi­so­ri­schen Re­gie­rung herrsch­te kei­ne Ein­heit dar­über, ob Deutschland künf­tig von Par­la­men­ten oder von Rä­ten re­giert sein sol­le. Die SPD war für ein par­la­men­ta­ri­sches, die USPD – ei­ne lin­ke Ab­spal­tung der So­zi­al­de­mo­kra­ten – für das Rä­te­sys­tem.

Aber Ebert und an­de­re SPD-Leu­te ha­ben Angst, die ra­di­ka­le Lin­ke kön­ne die Re­vo­lu­ti­on noch wei­ter­dre­hen. Zwei Wo­chen vor der Wahl war der „Spar­ta­ku­s­auf­stand“aus­ge­bro­chen. In ihm kämpf­te die KPD – erst kurz zu­vor aus dem „Spar­ta­kus­bund“ge­nann­ten lin­ken Flügel der USPD her­vor­ge­gan­gen – für ei­ne Rä­te­re­pu­blik. Die SPD griff bei der Nie­der­schla­gung des Auf­stands auf die Frei­korps zu­rück – Ver­bän­de ehe­ma­li­ger Front­sol­da­ten, durch den Krieg bru­ta­li­siert und stramm rechts­ra­di­kal. Vie­le Men­schen ster­ben, auch die KPD-Füh­rer Karl Lieb­knecht und Ro­sa Lu­xem­burg.

SPD-Mann Gus­tav No­s­ke, in der pro­vi­so­ri­schen Re­gie­rung ver­ant­wort­lich für das Mi­li­tär, gilt vie­len als Schul­di­ger für die Mor­de: Er soll sie be­foh­len oder we­nigs­tens ge­bil­ligt ha­ben. „Ich hal­te das aber für un­wahr­schein­lich“, wen­det Mar­tin Göll­nitz ein, His­to­ri­ker der Uni­ver­si­tät Mainz: „No­s­ke war zwar ein har­ter Hund, aber das al­lein ist nicht Be­weis oder auch nur In­diz ge­nug.“Die ein­zi­ge Qu­el­le, die auf No­s­ke hin­wei­se, sei ein Brief von Wal­de­mar Pabst – je­nes Of­fi­ziers, der Lieb­knecht und Lu­xem­burg er­schie­ßen ließ. „Mei­ne Ver­mu­tung ist, dass es vor­aus­ei­len­der Ge­hor­sam von Pabst war“, sagt Göll­nitz. Hin­ter­her ha­be Pabst die Ver­ant­wor­tung dann an No­s­ke ab­schie­ben wol­len.

Am 6. Fe­bru­ar tre­ten die 423 Mit­glie­der der Na­tio­nal­ver­samm­lung, dar­un­ter erst­mals auch 37 Par­la­men­ta­rie­rin­nen, im Wei­ma­rer Na­tio­nal­thea­ter zu­sam­men. Thü­rin­gen be­geht den 100. Jah­res­tag die­ses Jahr mit ei­nem Fest­akt in Wei­mar, die Fe­st­re­de hält Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er.

Ebert be­kräf­tigt am 6. Fe­bru­ar 1919 noch ein­mal, dass sei­ner Über­zeu­gung nach nur die par­la­men­ta­ri­sche De­mo­kra­tie ei­ne Zu­kunft bie­te, „oh­ne das Reich und sein Wirt­schafts­le­ben zu­grun­de zu rich­ten“. Sei­ne SPD hat den größ­ten An­teil der Sit­ze er­run­gen. Die USPD er­hielt bei der Wahl ge­ra­de mal 7,6 Pro­zent der Stim­men, die KPD boy­kot­tier­te sie gleich ganz. Da­mit ist klar, dass das Rä­te­sys­tem in Deutschland kei­ne Zu­kunft hat.

Am 31. Ju­li 1919 neh­men die Ab­ge­ord­ne­ten die Wei­ma­rer Ver­fas­sung mit gro­ßer Mehr­heit an – die ers­te de­mo­kra­ti­sche Ver­fas­sung für Deutschland. Frie­den ist da­mit aber noch nicht ein­ge­kehrt. Bis 1923 er­schüt­tern im­mer wie­der Ge­walt­aus­brü­che die jun­ge Re­pu­blik.

Am 12. März 1920 mar­schie­ren Trup­pen un­ter den Ge­ne­rä­len Wolf­gang Kapp und Walt­her Frei­herr von Lütt­witz nach Ber­lin. Kapp er­klärt sich zum Reichs­kanz­ler. Die Reichs­wehr lehnt es ab, den Mi­li­tär­putsch zu be­kämp­fen. Er bricht den­noch zu­sam­men, weil ein Ge­ne­ral­streik Ber­lin lahm­legt und Be­am­te sich wei­gern, Kapps Be­feh­len zu ge­hor­chen.

Als Deutschland mit Re­pa­ra­ti­ons­zah­lun­gen in Rück­stand gerät, be­set­zen fran­zö­si­sche und bel­gi­sche Ar­mee am 11. Ja­nu­ar 1923 das Ruhr­ge­biet. Der „Ruhr­kampf“be­ginnt: Streiks und pas­si­ver Wi­der­stand der Ver­wal­tung. Frei­korps und Kom­mu­nis­ten be­ge­hen An­schlä­ge. Am 9. No­vem­ber 1923 ver­su­chen Adolf Hit­ler und Erich Lu­den­dorff in Mün­chen ei­nen Um­sturz. Die Po­li­zei schlägt den di­let­tan­ti­schen NSDAPPutsch je­doch nie­der.

Die Wei­ma­rer Ver­fas­sung weist zwar ei­ni­ge Schwä­chen auf, et­wa die star­ke Stel­lung des Reichs­prä­si­den­ten, der per Not­ver­ord­nung am Par­la­ment vor­bei­re­gie­ren oder ihn gleich ganz auf­lö­sen kann. Zu­gleich aber sind Grund­rech­te und Gleich­be­rech­ti­gung in ihr ver­an­kert und Ar­beit­neh­mer­rech­te fest­ge­schrie­ben. Ab 1923 kommt die Wei­ma­rer Re­pu­blik zur Ru­he. Die Wirt­schaft pro­spe­riert, das Ver­hält­nis zu den Al­li­ier­ten ent­spannt sich. Die „Gol­de­nen Zwan­zi­ger“bre­chen an. Das Schei­tern der Re­pu­blik ist al­so kei­nes­wegs pro­gram­miert ge­we­sen.

Fo­to: dpa

Das ers­te de­mo­kra­tisch ge­wähl­te deut­sche Par­la­ment: die Na­tio­nal­ver­samm­lung.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.