Vor 40 Jah­ren kehr­te Khomei­ni zu­rück

Mit der Rück­kehr Khomei­nis vor 40 Jah­ren be­gann im Iran ei­ne neue Ära

Bramscher Nachrichten - - VORDERSEITE - Von Mar­tin Geh­len

ISTANBUL Mit der Ka­pi­tu­la­ti­on der ira­ni­schen Streit­kräf­te vor 40 Jah­ren sieg­te die Re­vo­lu­ti­on im Iran. Schah Mo­ham­med Re­sa Pah­l­awi hat­te be­reits am 16. Ja­nu­ar das Land ver­las­sen, am 1. Fe­bru­ar war Aya­tol­lah Khomei­ni aus Pa­ris zu­rück­ge­kehrt.

Nur zehn Ta­ge brauch­te Aja­tol­lah Khomei­ni, um sich im Fe­bru­ar 1979 die Macht im Iran zu si­chern. Von sei­nem Nim­bus als Er­lö­ser blieb schon bald nicht viel üb­rig.

„Nichts“, knurr­te der Aja­tol­lah. Was er emp­fin­de, woll­te ein Jour­na­list an Bord von Ru­hol­lah Khomei­ni wis­sen, als der Jum­bo­jet am 1. Fe­bru­ar 1979 sei­nen An­flug auf Teheran be­gann. 14 Jah­re hat­te der schii­ti­sche Kle­ri­ker und un­beug­sa­me Schah-Geg­ner im Exil ge­lebt, zu­letzt in Pa­ris. Um 9.27 Uhr lan­de­te der 76-Jäh­ri­ge auf dem Flug­ha­fen der ira­ni­schen Haupt­stadt – ein Er­eig­nis, wel­ches das Macht­ge­fü­ge des Na­hen und Mitt­le­ren Os­tens in den fol­gen­den 40 Jah­ren völ­lig um­krem­peln soll­te. Auch am Bo­den ver­zog der be­tag­te Imam mit dem schwar­zen Tur­ban und dem wei­ßen Bart zu­nächst kei­ne Mie­ne, als er stumm und in sich ge­kehrt an der Hand des Air-Fran­cePi­lo­ten die Gang­way her­un­ter­schritt.

Zwei Wo­chen zu­vor hat­te Schah Re­za Pahlavi den Pfau­en­thron ge­räumt und war ge­flo­hen. Nun fei­er­ten Hun­dert­tau­sen­de Ira­ner des­sen un­beug­sa­men Wi­der­sa­cher wie ei­nen Er­lö­ser. Im Tri­umph­zug fuhr Khomei­ni zu­nächst vom Flug­ha­fen Mehrabad zum Fried­hof Be­hesht-e Zah­ra, wo vie­le ge­tö­te­te Schah-Geg­ner be­er­digt sind. Heu­te lie­gen dort auch Aber­tau­sen­de Op­fer des Khomei­ni-Got­tes­staa­tes, die bei De­mons­tra­tio­nen er­schos­sen oder in Ge­fäng­nis­sen zu To­de ge­fol­tert wur­den.

Denn der mit „Al­la­hist–groß“-Ru­fen um­ju­bel­te Heim­keh­rer fa­ckel­te nicht lan­ge. „Ich wer­de der Re­gie­rung ins Ge­sicht schla­gen“, rief er in sei­ner ers­ten öf­fent­li­chen An­spra­che. Bin­nen drei Ta­gen setz­te er das ver­blie­be­ne Schah-Ka­bi­nett un­ter Mi­nis­ter­prä­si­dent Sh­a­pour Bakhti­ar ab. Die Ar­mee­füh­rung rühr­te kei­nen Fin­ger. Die Ge­ne­rä­le er­klär­ten sich für neu­tral. Bakhti­ar gab auf, floh nach Frank­reich, wo er spä­ter von ira­ni­schen Agen­ten er­mor­det wur­de.

Zum Nach­fol­ger er­nann­te Khomei­ni zu­nächst den re­la­tiv mo­de­ra­ten In­tel­lek­tu­el­len Meh­di Ba­zar­gan. Da­mit hat­te der re­vo­lu­tio­nä­re Aja­tol­lah be­reits zehn Ta­ge nach sei­ner Rück­kehr den Macht­kampf mit den Statt­hal­tern des Schahs für sich ent­schie­den. Und so fei­ert die Is­la­mi­sche Re­pu­blik seit­her den 11. Fe­bru­ar 1979 als of­fi­zi­el­len Grün­dungs­tag, der sich die­ses Jahr zum 40. Ma­le jährt.

An­fangs um­garn­te Staats­grün­der Khomei­ni noch die lin­ken und sä­ku­la­ren Kräf­te, von de­nen vie­le auf ei­ne de­mo­kra­ti­sche Ge­sell­schaft hoff­ten. „Re­de- und Mei­nungs­frei­heit ge­hö­ren zu den ele­men­tars­ten Rech­ten und dür­fen auf kei­nen Fall an­ge­tas­tet wer­den“, de­kla­mier­te er. Schon bald je­doch ent­pupp­te sich der Po­lit-Kle­ri­ker als skru­pel­lo­ser Ma­chia­vel­list, der ein au­to­ri­tä­res Herr­schafts­sys­tem is­la­mi­scher Prä­gung an­streb­te. Khomei­nis Schlä­ger­trupps stürm­ten die Zen­tra­len der po­li­ti­schen Par­tei­en und star­te­ten He­xen­jag­den auf An­ders­den­ken­de. So­ge­nann­te Re­vo­lu­ti­ons­tri­bu­na­le be­gan­nen, „Ver­rä­ter des Vol­kes“oder „Fein­de der Re­li­gi­on“hin­zu­rich­ten. Den ira­ni­schen Frau­en schrieb Khomei­ni vor, wie sie sich künf­tig zu klei­den hät­ten. Be­reits im Som­mer 1979 wur­de das Kopf­tuch für al­le Ge­setz – trotz vie­ler Pro­tes­te.

Zu­dem stell­te Khomei­ni sei­ne ei­ge­ne Prä­to­ria­ner-Gar­de auf, die sich rasch zu ei­nen un­an­tast­ba­ren Staat im Staa­te ent­wi­ckel­te. Ein füh­ren­des Staats­amt da­ge­gen streb­te der po­pu­lä­re Rück­keh­rer nicht an, pro­pa­gier­te statt­des­sen den „Ve­la­yat-e faqih“– die ab­so­lu­te Herr­schaft der is­la­mi­schen Rechts­ge­lehr­ten. Nach die­ser von ihm ent­wi­ckel­ten Dok­trin be­an­spruch­te Khomei­ni für sich die Rol­le des von Gott le­gi­ti­mier­ten Re­vo­lu­ti­ons­füh­rers, der über dem po­li­ti­schen All­tag thront und in al­len Staats­an­ge­le­gen­hei­ten das letz­te Wort hat. Zehn Jah­re stand der Aja­tol­lah an der Spit­ze der von ihm ge­schaf­fe­nen Is­la­mi­schen Re­pu­blik. Kurz vor sei­nem Tod am 3. Ju­ni 1989 be­stimm­te er Ali Kha­men­ei zum Nach­fol­ger, der bis heu­te die Ge­schi­cke der erd­öl­rei­chen Na­ti­on lenkt.

Die Aver­sio­nen der Be­völ­ke­rung ge­gen den re­pres­si­ven Got­tes­staat sind heu­te ähn­lich groß wie am En­de der per­si­schen Mon­ar­chie. „Wo sind un­se­re Stim­men?“, rief ein Mil­lio­nen­heer von auf­ge­brach­ten De­mons­tran­ten im Som­mer 2009, als die kle­ri­ka­len Hard­li­ner die grü­ne Re­form­be­we­gung um ih­ren Wahl­sieg be­tro­gen. „Wo ist un­ser Geld?“, skan­dier­ten die Men­schen, als 2013 nach En­de der acht­jäh­ri­gen Prä­si­dent­schaft von Mahmud Ah­ma­di­ne­jad 200 Mil­li­ar­den Dol­lar aus staat­li­chen Ölein­nah­men un­auf­find­bar wa­ren.

Trotz­dem konn­te sich der Iran in der Re­gi­on als un­be­strit­te­ne Vor­macht der Schii­ten eta­blie­ren. Und das trotz der har­ten in­ter­na­tio­na­len Sank­tio­nen, mit de­nen das Land we­gen sei­nes ge­hei­men Atom­pro­gramms bis 2015 kon­fron­tiert war und die USPrä­si­dent Do­nald Trump kürz­lich wie­der re­ak­ti­vier­te. Denn die per­si­sche Na­ti­on ist ara­bi­schen Kon­tra­hen­ten wie Sau­di-Ara­bi­en und Ägyp­ten in vie­lem über­le­gen – ob bei Wis­sen­schaft und Uni­ver­si­tä­ten, Kul­tur, Li­te­ra­tur und Film, so­zia­lem En­ga­ge­ment oder in­tel­lek­tu­el­ler Dy­na­mik.

In al­len wich­ti­gen Kon­flik­ten vor sei­ner Haus­tü­re mischt Teheran heu­te mit. Mitt­ler­wei­le zieht sich ei­ne Ach­se schii­ti­scher Do­mi­nanz vom Iran über den Irak und Sy­ri­en bis zum Li­ba­non. Oh­ne den mas­si­ven Ein­satz von Be­ra­tern und Kampfb­ri­ga­den und oh­ne die Waf­fen, das Öl und die Kre­di­te aus dem Iran hät­te Bas­har al-As­sad dem An­sturm der sy­ri­schen Auf­stän­di­schen nicht stand­ge­hal­ten. Im Li­ba­non ist die His­bol­lah po­li­tisch wie mi­li­tä­risch stär­ker denn je. Und in Iraks In­nen­po­li­tik ha­ben Te­he­rans Emis­sä­re seit dem Sturz von Sad­dam Hus­sein ein ent­schei­den­des Wort mit­zu­re­den.

Doch die­se geo­po­li­ti­sche Ex­pan­si­on hat ih­ren Preis. Die teu­ren Aus­lands­ein­sät­ze in Sy­ri­en und dem Li­ba­non stra­pa­zie­ren die Kräf­te der 80-Mil­lio­nen-Na­ti­on, die Un­zu­frie­den­heit im In­ne­ren bro­delt. „Lasst ab von Sy­ri­en und Ga­za, tut et­was für uns“, skan­dier­ten An­fang 2018 Zehn­tau­sen­de jun­ger Leu­te, die in über 80 Städ­ten auf die Stra­ßen gin­gen. An­de­re rie­fen „Tod dem Dik­ta­tor“, ge­münzt auf den Obers­ten Re­vo­lu­ti­ons­füh­rer Ali Kha­men­ei. 7000 Op­po­nen­ten ließ das Re­gime 2018 fest­neh­men, ins Ge­fäng­nis wer­fen oder aus­peit­schen, um den Auf­ruhr zu er­sti­cken. Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal spricht rück­bli­ckend von „ei­nem Jahr der Schan­de für den Iran“.

Die Frus­tra­ti­on in der her­un­ter­ge­wirt­schaf­te­ten Na­ti­on je­doch kann je­der­zeit wie­der hoch­ko­chen. Denn kei­nes der Pro­ble­me ist ge­löst. Kor­rup­ti­on, Vet­tern­wirt­schaft und Miss­ma­nage­ment gras­sie­ren. Die hei­mi­sche Wäh­rung ist fak­tisch zu­sam­men­ge­bro­chen. Ka­ta­stro­pha­le Um­welt­schä­den pla­gen die Men­schen – Sand­stür­me, Dür­re und Smog in fast al­len Städ­ten. Wer kann, emi­griert nach Eu­ro­pa, Ka­na­da oder die USA.

Jour­na­lis­ten, Men­schen­recht­ler, Ge­werk­schaf­ter und Um­welt­ak­ti­vis­ten wer­den drang­sa­liert, Frau­en ins Ge­fäng­nis ge­wor­fen, die ge­gen das Zwangs­kopf­tuch auf­be­geh­ren. Der Mail­ver­kehr wird sys­te­ma­tisch über­wacht. Face­book, Twit­ter, Te­le­gram und Youtube sind blo­ckiert, le­dig­lich Ins­ta­gram ist noch of­fen. Dass der Cy­ber­space mitt­ler­wei­le der ein­zi­ge Ort ist, wo die Ira­ner noch ih­re Mei­nung sa­gen kön­nen, muss­te kürz­lich auch der mo­de­ra­te Prä­si­dent Has­san Ru­ha­ni ein­räu­men, des­sen Re­form­ver­spre­chen sich in al­le Winde zer­streut ha­ben. „Wir ha­ben kei­ne frei­en Me­di­en im Iran, wir ha­ben nur das staat­li­che Fern­se­hen und den staat­li­chen Rund­funk“, kri­ti­sier­te er. „Dar­um drän­gelt sich al­les im Cy­ber­space, weil es nichts an­de­res gibt.“

Fo­to: dpa/Mi­chel Lip­chitz

Erst ge­fei­er­ter Re­vo­lu­ti­ons­füh­rer, spä­ter ge­fürch­te­ter Macht­ha­ber: Aja­tol­lah Ru­hol­lah Khomei­ni. Tau­sen­de Ira­ner be­ju­beln im Fe­bru­ar 1979 den aus dem Exil zu­rück­ge­kehr­ten

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