„Bau­haus/Bo­le­ro“in Os­na­brück

Glän­zend durch­kom­po­niert: Der neue, drei­tei­li­ge Tanz­abend „Bau­haus/Bo­le­ro“im Thea­ter Os­na­brück

Bramscher Nachrichten - - VORDERSEITE - Von Chris­ti­ne Adam Fo­to: Jörg Lands­berg

OS­NA­BRÜCK Ein Pau­ken­schlag zum The­ma Bau­haus: Der neue drei­tei­li­ge Tanz­abend „Bau­haus/Bo­le­ro“im Os­na­brü­cker Thea­ter mit ei­ner Ma­ry-Wig­man-Re­krea­ti­on be­ein­druckt tän­ze­risch und kon­zep­tio­nell.

Ein aus­ge­feil­ter Ge­nuss für Tanz- und Bau­hausFans: Am Sams­tag fei­er­te der neue, drei­tei­li­ge Tanz­abend mit ei­ner Re­krea­ti­on von Ma­ry Wig­mans „Die Fei­er“, Ed­ward Clugs „Hand­man“und Mau­ro de Can­dias Urauf­füh­rung von „Bo­le­ro“im Thea­ter Os­na­brück Pre­mie­re.

OS­NA­BRÜCK „Bau­haus/Bo­le­ro“ist ein Tanz­abend der Über­ra­schun­gen und Ent­de­ckun­gen. Er glänzt aber auch da­mit, wie sorg­fäl­tig er durch­kom­po­niert ist. Al­le drei Stü­cke ar­bei­ten mit geo­me­tri­schen Fi­gu­ren und er­kun­den im Geist des Bau­hau­ses ih­re Wir­kung auf den Raum.

Da­zu ge­hört das ge­zielt ein­ge­setz­te Licht bis in die be­weg­li­che Licht­skulp­tur. Auch die je­wei­li­ge Mu­sik ar­bei­tet mit rhyth­misch prä­gnan­ten Struk­tu­ren, Wie­der­ho­lun­gen und Tem­po­st­ei­ge­run­gen.

Welch ein Ge­winn, dass sich das be­währ­te Re­kon­struk­ti­ons­team von Reb­be­ka Horn und Su­san Bar­nett zum drit­ten Mal an ei­ne nicht über­lie­fer­te Cho­reo­gra­fie von Ma­ry Wig­man fürs Thea­ter Os­na­brück ge­wagt hat. Ob­wohl die Wig­man-Spe­zia­lis­tin­nen die­ses Mal, nach „Le Sa­cre du Prin­temps“und den bei­den To­ten­tän­zen, so we­nig Ma­te­ri­al fan­den, dass sie Wig­mans „Die Fei­er“von 1927/28 lie­ber ei­ne Re­krea­ti­on die Os­na­brü­cker Re­krea­ti­on von Ma­ry Wig­mans „Die Fei­er“mit Ma­ri­ne San­chez Egas­se

nen­nen. Fei­er­lich durch­schrei­tet die Os­na­brü­cker Dan­ce Com­pa­ny den Büh­nen­raum wie ein le­ben­di­ges Ge­mäl­de, das Spie­ler mit Per­kus­si­ons­in­stru­men­ten zeigt. Pracht­vol­le Ge­wän­der (von Mar­grit Flagner) mit lan­gen, schwin­gen­den Rö­cken un­ter­strei­chen

das Ze­re­mo­ni­el­le die­ser Tän­zer­ket­te.

Ar­me und Bei­ne grei­fen sehr lang­sam und wie tas­tend in den Raum hin­ein und ge­rin­nen zu ur­al­ten, kul­tisch an­mu­ten­den Po­sen. Ge­gen­läu­fi­ge Krei­se und auf zwei So­lis­ten wie Chö­re re­agie­ren­de Tän­zer­grup­pen ge­stal­ten den Raum, bei­des ty­pi­sche Wig­man-Ele­men­te.

Die jun­gen Tän­zer ma­chen die zwei Tei­le der „Fei­er“zur Au­gen­wei­de und ern­ten Zwi­schen­ap­plaus mit der fan­tas­ti­schen Drehmo­no­to­nie von Cristina Com­mis­so, der es bei al­ler Dre­he­rei ge­lingt, mit aus­ge­feil­ter Arm­ges­tik den Raum über sich zu ge­stal­ten. Live-Per­kus­si­on der Tän­zer, ei­gens Kom­po­nier­tes von Mar­tin Räpp­le in Zu­sam­men­ar­beit mit Re­bek­ka Horn und er­kenn­ba­re Tem­po­st­ei­ge­run­gen bis hin zum töd­li­chen Schre­cken las­sen die in­halt­li­che Klam­mer des Abends er­ah­nen.

Mag sein, dass die­ser Schre­cken beim Gast­cho­reo­gra­fen Ed­ward Clug, Tanz­chef an Slo­we­ni­schen Na­tio­nal­thea­ter in Ma­ri­bor, et­was pro­fa­ner da­her­kommt mit ei­nem gro­ßen, tän­zer­fres­sen­den Maul, ge­bil­det aus zwei El­len­bo­gen.

Doch Hu­mor und Über­ra­schung sind eben auch das Merk­mal sei­ner 2016 für das Ne­der­lands Dan­se Thea­ter kre­ierten Stücks „Hand­man“.

Stau­nens­wert sou­ve­rän wech­seln die Tän­zer vom gra­vi­tä­ti­schen Stil Wig­mans nun zum coo­len, aber su­per­prä­zi­sen Stil der schnel­len, kurz­tak­ti­gen Be­we­gungs­ab­läu­fe ei­ner zeit­ge­nös­si­schen Cho­reo­gra­fie. Mit atem­be­rau­ben­der Fan­ta­sie ge­stal­tet Clug die vie­len Va­ri­an­ten über­grif­fi­ger Tän­zer­hän­de, die ihm sei­ne gro­ßen Raum­geo­me­tri­en und die mi­ni­ma­lis­ti­sche Mu­sik von Mil­ko La­zar las­sen. Zum ir­di­schen Schre­cken wan­delt sich die Sze­ne in Mau­ro de Can­dias neu­er Krea­ti­on „Bo­le­ro“. Pul­ver­rauch ver­ne­belt auf­blit­zen­de Bild­pan­ora­men, die Per­kus­si­ons­schlä­ge als Kriegs­bil­der kenn­zeich­nen. Grau ge­wan­de­te Tän­zer­lei­ber be­we­gen sich zur Mu­sik von Ra­vels „Bo­le­ro“(1928) syn­chron und stets in der For­ma­ti­on.

Sie zeich­nen erst am Bo­den, dann sich all­mäh­lich er­he­bend, be­ste­chend kla­re cho­reo­gra­fi­sche Mus­ter in den Raum, wie man sie von de Can­dia in Os­na­brück so noch nie ge­se­hen hat. Ganz im Sin­ne der Sy­näs­the­sie vie­ler Bau­haus-Künst­ler ver­schie­ben sich da­zu drei Licht­röh­ren­qua­dra­te am Büh­nen­him­mel.

Ein biss­chen las­zi­ve Sinn­lich­keit blitzt in den Be­we­gun­gen zur or­gi­as­ti­schen Mu­sik auf. Doch mit ih­rer Stei­ge­rung an Tem­po und Wucht neh­men auch die Tän­zer­kör­per an Fahrt auf und bil­den ge­mein­sam ei­ne er­schre­cken­de Ma­schi­ne – die des Ers­ten oder Zwei­ten Welt­kriegs? Das bleibt of­fen. Die kom­po­si­to­ri­sche und tän­ze­ri­sche Wucht von „Bau­haus/Bo­le­ro“lässt das Pre­mie­ren­pu­bli­kum je­den­falls an­hal­tend ju­beln.

Fas­zi­nie­ren­de Raum­ge­stal­tung: und der Dan­ce Com­pa­ny.

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