Bram­scher Bri­ten und der Br­ex­it

Pro und kon­tra / Kri­tik an der Po­li­tik

Bramscher Nachrichten - - LOKALES - Von Mat­thi­as Benz

Der Aus­stieg des Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reichs aus der Eu­ro­päi­schen Uni­on er­regt der­zeit nicht nur auf der po­li­ti­schen Büh­ne die Ge­mü­ter. Auch in Bram­sche ver­fol­gen ge­bür­ti­ge Bri­ten und Iren den „Br­ex­it“mit ge­misch­ten Ge­füh­len.

BRAM­SCHE Zu den Br­ex­itBe­für­wor­tern ge­hört Paul Wal­ker. „Am An­fang war ich da­für, und ich fin­de es im­mer noch ei­ne gu­te Idee“, sagt er. Der 46-jäh­ri­ge ist aber auch ent­täuscht von den Ver­hand­lun­gen zwi­schen EU und den Bri­ten: „Die hat­ten drei Jah­re Zeit, und es gibt im­mer noch kei­nen De­al.“Die Re­gie­rung um The­re­sa May ha­be den Br­ex­it völ­lig un­ter­schätzt, meint er mit ei­nem Kopf­schüt­teln.

Wal­ker kommt ge­bür­tig aus Midd­les­brough im Nord­os­ten von En­g­land, lebt aber seit über zwei Jahr­zehn­ten in Deutsch­land. Er ist ver­hei­ra­tet und hat Kin­der, ne­ben sei­nem Job trai­niert er die zwei­te Her­ren­mann­schaft beim FCR Bram­sche. Er hat kei­ner­lei Ab­sich­ten, je­mals nach En­g­land zu­rück­zu­keh­ren, doch die Ver­bun­den­heit ist noch da. Mehr­mals im Jahr be­sucht er sei­ne al­te Hei­mat.

Vom Br­ex­it er­war­tet er kei­ne Aus­wir­kun­gen, die ihn in Bram­sche be­tref­fen wür­den. Egal ist ihm das The­ma des­we­gen aber nicht. „Ich ver­fol­ge das je­den Tag. Ich ha­be mich vor­her noch nie so sehr für Po­li­tik in­ter­es­siert“, er­zählt er. Er ist der Über­zeu­gung, dass die EU zu viel Kon­trol­le über das Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich ha­be. Ein Aus­tritt wer­de Nach­tei­le ha­ben, gibt er zu, die­se wür­den aber wohl nur kurz­fris­tig sein, glaubt er.

Auch Paul Bar­ron spricht über den Un­ab­hän­gig­keits­ge­dan­ken: „Bri­ten sind In­su­la­ner und wer­den In­su­la­ner blei­ben, auch wenn sie sehr welt­of­fen sind. Sie wol­len, dass En­g­land selbst Ent­schei­dun­gen trifft und nicht Brüs­sel. Die EU muss ra­di­kal re­for­miert wer­den, weil es im Mo­ment ein­fach nicht funk­tio­niert.“

Zu viel Bü­ro­kra­tie und Geld­ver­schwen­dung, ei­nen „Was­ser­kopf in Brüs­sel“pran­gert er an. Aus Sicht der Bri­ten ha­be die EU so­mit ein „schlech­tes Preis-Leis­tungs­Ver­hält­nis“.

Bar­ron wur­de in So­mer­set ge­bo­ren, kam als Sol­dat schließ­lich nach Os­na­brück, zog nach Bram­sche und ist seit 1988 deut­scher Staats­bür­ger. Beim Re­fe­ren­dum hät­te der Pen­sio­när für den Ver­bleib in der EU ge­stimmt, und ob­wohl er um Ver­ständ­nis für sei­ne Lands­män­ner wirbt, be­fürch­tet er ne­ga­ti­ve Fol­gen des sich ab­zeich­nen­den Aus­tritts – auf bei­den Sei­ten: „Deutsch­land ex­por­tiert viel nach En­g­land, und al­les ist ‚just in ti­me‘ or­ga­ni­siert. Das wird ein Cha­os ge­ben, und ganz vie­le Leu­te wer­den dar­un­ter lei­den. Es wird et­li­che Ar­beits­lo­se ge­ben.“Den­noch kön­ne die Rech­nung lang­fris­tig für das Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich auf­ge­hen.

„Der Br­ex­it wird die größ­te Ka­ta­stro­phe für das Land seit dem Krieg“, ist sich Bri­an McShef­frey da­ge­gen si­cher. Er be­fürch­tet, dass es wei­te­re So­zi­al­kür­zun­gen ge­ben wird und vor al­lem die ein­fa­che Be­völ­ke­rung im Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reich be­trof­fen sein wird. „Das Re­fe­ren­dum war auf Lü­gen und Angst ge­baut.“Wäh­rend Bus­wer­bun­gen fal­sche Zah­len über die Zah­lun­gen an die EU ver­brei­te­ten, sei die Angst vor Mi­gra­ti­on mas­siv ge­schürt wor­den.

McShef­frey wur­de in Ir­land ge­bo­ren, wuchs aber in der Nä­he von Li­ver­pool auf und hat ei­nen eng­li­schen Pass. Nächs­te Wo­che hat er ei­nen Ter­min beim Ein­wan­de­rungs­amt, dort wird er den „Dop­pel­pass“be­an­tra­gen, um nach Jahr­zehn­ten in Deutsch­land auch die Staats­an­ge­hö­rig­keit sei­ner zwei­ten Hei­mat zu er­lan­gen. Fragt man ihn nach sei­ner Iden­ti­tät, sagt er oh­ne Zö­gern: „Ich bin ab­so­lut Eu­ro­pä­er. Ich bin trotz al­ler Pro­ble­me für die EU, denn oh­ne sie hät­ten wir schon längst wie­der Krieg ge­habt.“

Und was wä­re, wenn es doch noch ei­ne neue Ab­stim­mung ge­ben wür­de? Auch da sind sich die Be­frag­ten un­eins. „Ich glau­be, die Leu­te wür­den wie­der für den Aus­tritt stim­men“, meint Paul Wal­ker. Die EU sei im Lau­fe der Ver­hand­lun­gen im­mer mehr zum Feind­bild ge­wor­den. „Die En­g­län­der se­hen Je­an-Clau­de Juncker und fra­gen sich: ‚Wer ist das und war­um kann er über uns be­stim­men?‘ “Bri­an McShef­frey hält da­ge­gen: „Ein wei­te­res Re­fe­ren­dum wä­re wie­der eng, aber die Leu­te wis­sen jetzt, was der Br­ex­it wirk­lich be­deu­tet. Sie wür­den ge­gen den Br­ex­it stim­men, da­von bin ich über­zeugt.“

„Ver­hee­ren­der Ein­druck“

Doch es gibt et­was, das al­le Kri­ti­ker und Be­für­wor­ter des Br­ex­its ver­eint: die Po­li­tik­ver­dros­sen­heit, die der ge­sam­te Pro­zess mit sich ge­bracht hat. „Der Ein­druck, den die bri­ti­sche Po­li­tik macht, ist total ver­hee­rend. Man kann nicht ver­ste­hen, dass so hoch­in­tel­li­gen­te Leu­te solch ein Cha­os ver­an­stal­ten kön­nen. Es geht den Po­li­ti­kern in ers­ter Li­nie dar­um, ei­nen Pos­ten in der Re­gie­rung zu be­kom­men oder zu be­hal­ten, und nicht um das Wohl des Lan­des“, schimpft Paul Bar­ron, der al­ler­dings auch be­tont: „Ich kann auch die EU auf der höchs­ten Ebe­ne nicht ver­ste­hen.“

„Es ist ein De­sas­ter. Die Re­gie­rung hat nichts er­reicht“, är­gert sich Paul Wal­ker. Und Op­po­si­ti­ons­füh­rer Je­re­my Cor­byn sei der Br­ex­it völ­lig egal. „Der will nur Pre­mier­mi­nis­ter wer­den“, glaubt Wal­ker. Bri­an McShef­frey sieht das ähn­lich: „Ich bin mein Le­ben lang in der La­bour-Par­tei, aber Je­re­my Cor­byn hat mich der­be ent­täuscht.“Auch The­re­sa May kommt bei ihm nicht gut weg. „Sie weicht kri­ti­schen Fra­gen aus und lügt stän­dig. Die eng­li­sche Re­gie­rung hat kei­nen Plan, es ist un­glaub­lich, was die ma­chen. Man könn­te kei­ne bes­se­re Come­dy schrei­ben, wenn es nicht so trau­rig wä­re“, schüt­telt McShef­frey den Kopf.

Fo­tos: Mat­thi­as Benz

Zum Ver­zwei­feln: der bri­ti­sche Ire oder iri­sche Bri­te Bri­an McShref­frey mit dem Uni­on Jack.

„Kei­ne Aus­wir­kun­gen“, meint Paul Wal­ker.

„Bri­ten sind und blei­ben In­su­la­ner“, sagt Paul Bar­ron.

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