Thü­rin­gens CDU-CHEF Mohring wirft hin

Der His­to­ri­ker Her­fried Münk­ler sieht in Thü­rin­gen Di­let­tan­tis­mus am Werk – und warnt vor der Wie­der­ho­lung his­to­ri­scher Feh­ler

Bramscher Nachrichten - - VORDERSEIT­E - Von Ste­fan Lüd­de­mann Fo­to: im­a­go images/teutopress

Nach dem De­ba­kel um die Wahl des Fdp-po­li­ti­kers Tho­mas Kem­me­rich zum neu­en Thü­rin­ger Mi­nis­ter­prä­si­den­ten sor­tiert sich die Thü­rin­ger CDU neu: Ihr bis­he­ri­ger Chef Mi­ke Mohring tritt von der Spit­ze der Lan­des­par­tei ab. Er wol­le ei­ner Neu­auf­stel­lung sei­ner Par­tei nicht im We­ge ste­hen und nicht er­neut für den Lan­des­vor­stand kan­di­die­ren, teil­te er ges­tern auf Twit­ter mit. Be­reits ver­gan­ge­ne Wo­che hat­te Mohring an­ge­kün­digt, im Mai auch die Füh­rung der Frak­ti­on ab­ge­ben zu wol­len.

Nach ei­ge­nen Wor­ten hat­te Mohring vor der Wahl in Thü­rin­gen bei der FDP da­für ge­wor­ben, kei­nen ei­ge­nen Kandidaten

auf­zu­stel­len. Auch mit Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) und Cdu-che­fin An­ne­gret Kramp-kar­ren­bau­er ha­be er dar­über ge­spro­chen, sag­te Mohring dem

„Spie­gel“. Seit der Wahl Kem­me­richs mit Stim­men von AFD, CDU und FDP stand Mohring öf­fent­lich un­ter Druck.

Auch der His­to­ri­ker Her­fried Münk­ler äu­ßert im In­ter­view schar­fe Kri­tik an der Thü­rin­ger CDU. Den Ak­teu­ren wirft er Nai­vi­tät und Di­let­tan­tis­mus vor.

Na­iv, tak­tisch ori­en­tiert und jen­seits al­ler Wer­te: Her­fried Münk­ler stellt bür­ger­li­chen Po­li­ti­kern ein schlech­tes Zeug­nis aus. Die Vor­gän­ge rund um die Wahl des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten in Thü­rin­gen we­cken beim Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler von der Hum­boldt-uni­ver­si­tät Ber­lin fa­ta­le his­to­ri­sche Er­in­ne­run­gen – und zei­gen ein De­fi­zit an ge­leb­ter De­mo­kra­tie in Ost­deutsch­land.

In Thü­rin­gen ist zum ers­ten Mal ein Mi­nis­ter­prä­si­dent mit Stim­men der AFD ge­wählt wor­den. Vie­le Be­ob­ach­ter spra­chen von ei­nem Ta­bu- oder Damm­bruch. War es das – ein Ta­bu­bruch?

FDP und CDU sind in ei­ne Fal­le der AFD hin­ein­ge­lau­fen. Den Ak­teu­ren die­ser Par­tei­en hat es mas­siv an po­li­ti­schem Ge­spür und hand­werk­li­chen Fä­hig­kei­ten ge­fehlt. Dem stand ein Über­maß an eit­ler Selbst­über­schät­zung ge­gen­über, wie bei Tho­mas Kem­me­rich. Vie­le ha­ben ge­glaubt, sich Sym­bol­po­li­tik leis­ten zu kön­nen. Sie ha­ben trotz al­ler War­nun­gen nicht glau­ben wol­len, wie un­ge­heu­er dis­zi­pli­niert die AFD in die­ser Fra­ge agiert. Sie hat ih­ren Kandidaten im drit­ten Wahl­kampf nur als Ca­mou­fla­ge für ih­ren ei­ge­nen Coup hin­ge­stellt. Aus Krei­sen der Wer­te-uni­on und der AFD heißt es jetzt, dass da doch freie Ab­ge­ord­ne­te agiert hät­ten. Im Brust­ton der Em­pö­rung wird der Ein­griff aus Ber­lin ab­ge­wie­sen. Aber die glei­chen Ak­teu­re, die sich als un­ab­hän­gi­ge De­mo­kra­ten dar­stel­len, ha­ben zu­vor vor­ge­führt, was es heißt, als dis­zi­pli­nier­te Par­tei­or­ga­ni­sa­ti­on zu agie­ren.

Wie wer­ten Sie die Tak­tik der AFD? Ging es dar­um, die CDU vor­zu­füh­ren?

Ja, auch um ein­mal aus­zu­pro­bie­ren, was bei ei­nem sol­chen Vor­ge­hen pas­sie­ren wür­de. Die Ver­su­che, die CDU zur AFD, al­so nach rechts hin zu öff­nen, um auf die­se Wei­se al­ter­na­ti­ve stra­te­gi­sche Ko­ali­tio­nen zu schaf­fen. Da spie­len Leu­te ei­ne Rol­le, die sich vor al­lem in der Wer­te-uni­on fin­den. Dass das aus­ge­rech­net dort pas­siert, wo die AFD deutsch­na­tio­nal und völ­kisch ori­en­tiert ist und nicht im Ge­wand ei­ner bür­ger­lich-na­tio­na­len Par­tei auf­tritt, das ist schon de­li­kat.

War­um fie­len Cdu-leu­te auf die­se Tak­tik her­ein? Das Vor­ge­hen muss­te doch ab­seh­bar sein.

Da­für bie­ten sich zwei Er­klä­run­gen an, die sich er­gän­zen. Da geht es ein­mal um un­fass­ba­re Nai­vi­tät. Die Cdu-po­li­ti­ker in Thü­rin­gen woll­ten noch ein­mal vor­füh­ren, dass sie die Mit­te re­prä­sen­tie­ren, die Thü­rin­gen über zwei Jahr­zehn­te hin­weg re­giert hat. Es ist das Pro­blem der CDU, dass sie den Ab­stieg von der Zeit Bern­hard Vo­gels als Mehr­heits­be­schaf­fer noch nicht ver­kraf­tet hat. Das an­de­re ist, dass es in­ner­halb der Cdu-frak­ti­on Leu­te gibt, die mit dem Ge­dan­ken sym­pa­thi­sie­ren, zu­sam­men mit der AFD Mehr­hei­ten zu bil­den oder min­des­tens zu ko­ope­rie­ren. Sie se­hen die Lin­ke als ih­ren Haupt­feind und ste­hen im Bann des An­ti­so­zia­lis­mus. Das macht die Dif­fe­renz zwi­schen Lan­des­ver­bän­den in Ost­deutsch­land, wie je­nem in Thü­rin­gen, und der CDU im Bund aus.

Sol­chen Ko­ali­tio­nen müss­ten doch bür­ger­li­che Wer­te ent­ge­gen­ste­hen, für die die CDU doch ein­ste­hen will. Ver­lie­ren die­se bür­ger­li­chen Wer­te an Ver­bind­lich­keit?

Ja, das ist of­fen­bar so. „So et­was macht man nicht“: Das ist ein zu­tiefst bür­ger­li­cher Satz. Aber die­ser Satz hat sei­ne be­din­gungs­lo­se Gül­tig­keit ver­lo­ren. Statt­des­sen wird tak­tiert und pro­biert. Die­ser Wan­del spielt auch ei­ne Rol­le bei dem Ver­hält­nis zwi­schen der CDU im Bund und der CDU in Thü­rin­gen, wenn es um das Ver­hält­nis zur AFD geht. Die an­de­re Di­men­si­on ist: Sol­che Kon­flik­te kön­nen die CDU in den Ab­grund rei­ßen, weil sie deut­lich Zu­stim­mung beim Wäh­ler kos­ten. Die ho­no­rie­ren nicht, wenn un­klar ist, wo­für die CDU steht.

War­um ist die Be­reit­schaft so groß, auf sol­che Wer­te so schnell zu ver­zich­ten? Müss­te nicht das his­to­ri­sche Vor­bild ver­gleich­ba­rer Si­tua­tio­nen da­zu füh­ren, sich von der AFD ab­zu­gren­zen?

Da spielt der Um­stand ei­ne nicht un­er­heb­li­che Rol­le, dass wir es mit den neu­en Bun­des­län­dern zu tun ha­ben, auch wenn das füh­ren­de Per­so­nal von Tho­mas Kem­me­rich bis Björn Hö­cke aus dem Wes­ten stammt. Im Os­ten feh­len 40 Jah­re Bür­ger­lich­keit. Das macht sich bei Er­eig­nis­sen wie der Wahl des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten in Thü­rin­gen be­merk­bar. Der lan­ge Pro­zess der Ent­ste­hung der mit sich selbst be­schäf­tig­ten Bun­des­re­pu­blik, das Ab­ar­bei­ten der Er­fah­run­gen aus der Schluss­pha­se der Wei­ma­rer Re­pu­blik und des Ler­nens aus dem Schei­tern ei­ner De­mo­kra­tie, geht den Men­schen in den neu­en Bun­des­län­dern ab. Das zei­gen auch sprach­li­che Un­ter­schie­de, et­wa wenn im Os­ten von Fa­schis­mus oder Hit­ler­fa­schis­mus die Re­de ist, aber nie von Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Das ist nach­voll­zieh­bar, weil im letzt­ge­nann­ten Be­griff das Wort So­zia­lis­mus mit ent­hal­ten ist. Aber ge­ra­de des­halb be­sit­zen die Leu­te im Os­ten auch kei­ne in­ne­re Im­prä­gnie­rung ge­gen Frem­den­feind­lich­keit und völ­ki­sche und na­tio­na­le Ide­en – im Ge­gen­satz zum Wes­ten, wo man sich die­se Ab­gren­zung müh­sam er­ar­bei­tet ha­ben.

Die­se Ent­wick­lung ist ja nicht um­kehr­bar. Wie geht man prak­tisch da­mit um, wenn die Er­fah­rungs­hin­ter­grün­de in Ost und West so un­ter­schied­lich sind?

Es rächt sich, dass man im Pro­zess des Zu­sam­men­wach­sens von Ost und West fast aus­schließ­lich auf die wirt­schaft­li­chen Fak­to­ren ge­setzt hat. Das ist si­cher zu­nächst rich­tig ge­we­sen. Der Er­folg ist in­zwi­schen da. Da­bei ist aber zu we­nig be­dacht wor­den, dass 40 Jah­re Dik­ta­tur den Leu­ten eben­so in den Kno­chen ste­cken wie das Feh­len ei­ner wirk­li­chen Au­f­ar­bei­tung der Nszeit. Die An­eig­nung des­sen, was ei­ne De­mo­kra­tie ist, fehlt eben. Dar­auf ist auch nicht viel Mü­he ver­wandt wor­den. Das fliegt uns jetzt um die Oh­ren. Da­bei war die gro­ße Frem­den­feind­lich­keit im Os­ten ja im­mer zu be­ob­ach­ten. Die DDR war das deut­sches­te Deutsch­land, das es je­mals ge­ge­ben hat. Das hin­ter­lässt Spu­ren und bil­det ei­ne er­heb­li­che Kluft zwi­schen den al­ten und den neu­en Bun­des­län­dern. In Deutsch­land spie­gelt sich das Pro­blem, das die Eu­ro­päi­sche Uni­on mit den Vi­se­grad-staa­ten hat, al­so Po­len, Un­garn, Slo­wa­kei und Tsche­chi­en, die in ih­rem Ver­hal­ten die­ser Kon­stel­la­ti­on äh­neln. Dar­in zei­gen sich die Fol­gen der tie­fen Spal­tung Eu­ro­pas. Wir se­hen jetzt, dass es na­iv war zu glau­ben, dass sich das so ein­fach über­win­den lie­ße. Es ist eben mehr als nur die Fra­ge ei­ner öko­no­mi­schen Auf­hol­jagd.

Was soll man da tun? Was schla­gen Sie vor?

Die Vor­gän­ge in Thü­rin­gen bie­ten den An­stoß, sich noch ein­mal mit der deut­schen Ge­schich­te und ins­be­son­de­re dem Un­ter­gang der Wei­ma­rer Re­pu­blik zu be­schäf­ti­gen. Da­bei geht es mir nicht um ein­fa­che Ana­lo­gi­en, aber das man­geln­de Selbst­be­wusst­sein der po­li­ti­schen Mit­te ge­gen En­de der Wei­ma­rer Re­pu­blik und der Zer­fall der so­zia­len Mit­te so­wie das Lieb­äu­geln mit den Rech­ten und der NSDAP ha­ben furcht­ba­re Fol­gen ge­habt. Da­zu ge­hört auch die da­mals nai­ve Vor­stel­lung des Reichs­kanz­lers Franz von Pa­pen, die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten in Ko­ali­tio­nen ein­bin­den zu kön­nen. Die­sen Irr­glau­ben soll­te man sich ge­ra­de in den neu­en Bun­des­län­dern noch ein­mal deut­lich vor Au­gen füh­ren. Es reicht nicht aus, die­se Vor­gän­ge nur als Klas­sen­kampf zu be­grei­fen, wie es die Fa­schis­mus­theo­rie der DDR ge­tan hat.

Franz von Pa­pen mein­te, Hit­ler „en­ga­gie­ren“zu kön­nen. Liegt nicht ei­ne fa­ta­le Ana­lo­gie dar­in, wenn jetzt wie­der kon­ser­va­ti­ve Po­li­ti­ker glau­ben, mit Leu­ten wie Hö­cke ko­alie­ren zu kön­nen?

Das ist so. Man­che Po­li­ti­ker in Thü­rin­gen wa­ren of­fen­bar der Mei­nung, dass es gleich­gül­tig sei, von wem man ge­wählt wird. Man­che glau­ben wohl, sich den Hö­cke en­ga­gie­ren zu kön­nen. Sie fol­gen da­mit der Nai­vi­tät Franz von Pa­pens in der End­pha­se der Wei­ma­rer Re­pu­blik. Sie ha­ben kei­ne Vor­stel­lung da­von, dass man in dem Au­gen­blick, in dem man mit Stim­men der AFD zum Mi­nis­ter­prä­si­den­ten ge­wählt wor­den ist, in ei­nem Ob­li­go des Zu­rück­zah­lens steht. Da­bei ge­hört ja zum bür­ger­li­chen Ver­hal­ten, mit sol­chem Ver­pflich­tungs­cha­rak­ter rech­nen zu kön­nen. Die­se kalt­schnäu­zi­ge Vor­stel­lung, mit der jetzt man­che Po­li­ti­ker mei­nen, et­was neh­men zu kön­nen, oh­ne da­für et­was ge­ben zu müs­sen, zeigt schon, wie weit die­se sich bür­ger­lich nen­nen­den Po­li­ti­ker von bür­ger­li­chen Wer­ten ent­fernt sind.

War­um ist die AFD für Sie nicht bür­ger­lich?

Sie ist nicht bür­ger­lich, weil sie frem­den­feind­li­ches Den­ken for­ciert und ein völ­ki­sches Ele­ment ih­res Den­kens be­tont. Sie ist es auch des­halb nicht, weil ge­ra­de der Hö­cke-flü­gel statt der bür­ger­li­chen Wer­te na­tio­nal­so­zia­le Wer­te in den Vor­der­grund stellt. Dem ent­spricht die Vor­stel­lung ei­ner Volks­ge­mein­schaft, die auf eth­ni­schen Kri­te­ri­en be­ruht. Nicht bür­ger­lich ist auch die Be­reit­schaft, sich, wie in

Chem­nitz ge­sche­hen, für rech­te Ge­walt­tä­ter zu öff­nen und in man­cher Hin­sicht als de­ren ver­län­ger­ter po­li­ti­scher Arm zu agie­ren.

Ging es in Thü­rin­gen um das Ver­sa­gen der po­li­ti­schen Ak­teu­re oder des Sys­tems?

Von ei­ner Kri­se des Sys­tems wür­de ich nicht spre­chen. Ich se­he den Di­let­tan­tis­mus im Vor­der­grund, et­wa bei Leu­ten wie Mi­ke Mohring von der CDU, mit sei­ner Mi­schung aus frei­lau­fen­dem Ehr­geiz, hand­werk­li­chem Un­ge­schick und Di­let­tan­ten­tum. Es ist fa­tal, dass das Agie­ren sol­cher Leu­te Fol­gen hat wie den Rück­tritt An­ne­gret Kramp-kar­ren­bau­ers vom Vor­sitz der CDU. Das hat na­tür­lich auch mit ei­ner tie­fen Kri­se des Selbst­be­wusst­seins der CDU zu tun. Die­se Par­tei steht vor der Fra­ge, ob sie den Weg geht, den schon die SPD ge­gan­gen ist, al­so zur 14-Pro­zent-par­tei. In die­ser Si­tua­ti­on stell­te sich her­aus, dass Kramp-kar­ren­bau­er kei­ne Au­to­ri­tät mehr hat­te. Als FDP-CHEF Chris­ti­an Lind­ner nach Er­furt reis­te, ha­ben sei­ne dor­ti­gen Par­tei­freun­de pa­riert. Bei Kramp-kar­ren­bau­er war das nicht der Fall. In der Par­al­le­li­tät die­ser bei­den Er­furt-pil­ger ist die Füh­rungs­schwä­che in­ner­halb der CDU ekla­tant zu Ta­ge ge­tre­ten. Es war klug von Kramp-kar­ren­bau­er, sich die­se Si­tua­ti­on nicht wei­ter an­zu­tun.

Die­se Vor­gän­ge zei­gen ja, dass be­stimm­te Pro­fi­le und Po­li­tik­mo­del­le nicht mehr funk­tio­nie­ren. War­um ist es für Par­tei­en wie SPD und CDU so schwer, ih­re Pro­fi­le zu hal­ten?

Die CDU wird jetzt von dem Pro­blem ein­ge­holt, das die SPD nach Schröder hat­te. Bei der ging es um die Fra­ge, ob es rich­tig ist, sich als Par­tei der un­te­ren Mit­te zu po­si­tio­nie­ren oder nach links zu rü­cken. Bei der CDU geht es jetzt um die Fra­ge, beim Kurs von An­ge­la Mer­kel zu blei­ben oder nach rechts zu rü­cken. Der da­ma­li­ge Csuvor­sit­zen­de Franz Jo­sef Strauß hat­te noch ge­for­dert, dass es rechts von der Uni­on kei­ne po­li­ti­sche Kraft ge­ben dür­fe. Das war sei­ner­zeit mach­bar. Die CDU hat­te ih­ren so­zia­len Flü­gel, in­te­grier­te aber auch die Na­tio­na­len um Al­f­red Dreg­ger. Das ging, weil die Kon­fron­ta­ti­on von Ost und West die­se ideo­lo­gi­sche Si­tua­ti­on ge­hal­ten hat. Hin­zu kam ein Par­tei­en­sys­tem, das aus drei Par­tei­en be­stand, zwei Volks­par­tei­en und der Funk­ti­ons­par­tei FDP. Re­gie­rungs­wech­sel gin­gen stets auf das ge­än­der­te Ko­ali­ti­ons­ver­hal­ten der FDP zu­rück. Das ist na­tür­lich lan­ge nicht mehr der Fall. Schon der Auf­stieg der Grü­nen hat ein Sys­tem ge­än­dert, das sich mit der For­mie­rung der Lin­ken wei­ter ver­än­dert hat. Nun ha­ben wir es mit der Si­tua­ti­on zu tun, in der sich ei­ne Par­tei rechts von der CDU of­fen­bar dau­er­haft zu eta­blie­ren ver­mag. Das wird auch durch ein neu­es Pro­gramm der CDU nicht zu re­vi­die­ren sein.

Was könn­te in die­ser Si­tua­ti­on hel­fen?

Hel­fen könn­te nur ei­ne cha­ris­ma­ti­sche Per­sön­lich­keit, die die un­ter­schied­li­chen po­li­ti­schen Strö­mun­gen in­ner­halb der CDU zu­sam­men­hält. Ei­ne sol­che Fi­gur war An­ge­la Mer­kel nie. Hel­mut Kohl war das in dem Au­gen­blick, in dem er der „Kanz­ler der Ein­heit“wur­de. In die­sem Punkt ha­ben wir ein dra­ma­ti­sches De­fi­zit. Es ist nicht un­in­ter­es­sant zu se­hen, wie der ös­ter­rei­chi­sche Bun­des­kanz­ler Se­bas­ti­an Kurz und der fran­zö­si­sche Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron da ganz an­ders auf­tre­ten. Wir be­fin­den uns in ei­ner Pha­se, in der po­li­tisch pro­gram­ma­ti­sche Par­tei­en nicht mehr agie­ren kön­nen, je­den­falls nicht als Volks­par­tei­en. Wer als Volks­par­tei agie­ren will, braucht ei­nen Cha­ris­ma­ti­ker an der Spit­ze.

In der Po­lit-rhe­to­rik wird die Mit­te be­schwo­ren und die Stär­kung der Rän­der be­klagt. Wel­cher Ve­rän­de­rungs­pro­zess spie­gelt sich dar­in?

Die Sta­bi­li­tät der al­ten Bun­des­re­pu­blik und bis vor Kur­zem des wie­der­ver­ei­nig­ten Deutsch­lands be­stand dar­in, dass sich 80 Pro­zent der Be­völ­ke­rung in so­zia­ler Hin­sicht ten­den­zi­ell der Mit­te zu­ge­rech­net ha­ben. Po­li­tisch ist die La­ge schon schwie­ri­ger. Es gab da ei­nen Pro­zess des wach­sen­den Des­in­ter­es­ses, der sich in ei­ner ab­neh­men­den Wahl­be­tei­li­gung nie­der­schlug. Dar­aus ent­wi­ckel­ten sich Par­tei­en, die sich de­zi­diert nicht mehr der Mit­te zu­ge­rech­net ha­ben. Da­zu ge­hört auch die Lin­ke, auch wenn das in Thü­rin­gen an­ders ist, wie die ho­hen Zu­stim­mungs­wer­te für Bo­do Ra­me­low zei­gen. Nicht zur Mit­te ge­hört vor al­lem aber die AFD, die sich mit all ih­ren Häu­tun­gen von Bern­hard Lu­cke über Frau­ke Pe­try bis zu Alex­an­der Gau­land und Björn Hö­cke zu ei­ner knall­rech­ten Par­tei ent­wi­ckelt hat. Die­se Par­tei will ei­ne an­de­re Re­pu­blik.

Will die AFD die De­mo­kra­tie zer­stö­ren?

Im Au­gen­blick zeigt die­se Par­tei Lust an der Zer­stö­rung. Sie fol­gen dem Re­zept rech­ter Re­vo­lu­tio­nä­re, zu­nächst zu zer­stö­ren und dann ei­ne neue Ord­nung auf­zu­bau­en, die stark na­tio­na­lis­ti­schen Ge­dan­ken folgt. Ich glau­be schon, dass die AFD ei­nen Plan hat. Nach der letz­ten Bun­des­tags­wahl hat Alex­an­der Gau­land ge­sagt: Jetzt wer­den wir sie ja­gen. Das ha­be ich da­mals nicht wirk­lich ernst ge­nom­men. Er­furt hat nun ge­zeigt, dass es der AFD ge­lun­gen ist, die bei­den bür­ger­li­chen Par­tei­en FDP und CDU vor sich her­zu­ja­gen. Das hat sie nicht ein­mal ei­ne gro­ße An­stren­gung ge­kos­tet. Das zeigt ei­ne ekla­tan­te Schwä­che des Per­so­nals bei den Bür­ger­li­chen. Das liegt auch an der Schwä­che der Par­tei­or­ga­ni­sa­tio­nen in den neu­en Bun­des­län­dern. Es fehlt an en­ga­gier­tem und er­fah­re­nem Per­so­nal. De­mo­kra­ti­en schei­tern häu­fig dar­an, dass ih­re Ver­tei­di­ger schwach und mit­un­ter auch dumm sind – und nicht dar­an, dass ih­re Geg­ner so stark sind.

Gibt es für das stra­te­gi­sche Ver­hal­ten der AFD his­to­ri­sche Vor­bil­der?

Das Vor­bild für den Ver­such der AFD, in die Mit­te ein­zu­drin­gen und Ko­ali­tio­nen mit Tei­len der Mit­te zu schlie­ßen, ist wohl die End­pha­se von Wei­mar. Das ist der NSDAP sei­ner­zeit nur be­grenzt ge­lun­gen. Der DNVP ge­lang das bes­ser. Da­zu ge­hört auch die Zu­stim­mung der bür­ger­li­chen Par­tei­en zu den Er­mäch­ti­gungs­ge­set­zen von 1933. Das gro­ße Vor­bild ist das Bünd­nis der NSDAP mit den kon­ser­va­ti­ven Eli­ten 1934, nach­dem man den lin­ken Flü­gel der NSDAP im so­ge­nann­ten Röhm-putsch aus­ge­schal­tet hat­te. Zu­vor lie­fer­te der „Tag von Pots­dam“das Bild, das im Ge­dächt­nis ge­blie­ben ist – mit Adolf Hit­ler und dem grei­sen Ge­ne­ral­feld­mar­schall von Hin­den­burg mit der Pi­ckel­hau­be auf dem Kopf. Hit­ler neig­te vor ihm den Kopf. Das er­in­nert, zu­min­dest vom Bild her, an den Au­gen­blick, in dem Björn Hö­cke Kem­me­rich zur Wahl zum Mi­nis­ter­prä­si­den­ten gra­tu­lier­te. Der ge­senk­te Kopf lie­fer­te den An­schein ei­ner Ge­folg­schaft, die sich sehr bald als trü­ge­risch er­wei­sen soll­te.

Was hilft ge­gen die AFD?

Man soll­te al­les tun, um po­li­ti­sche Ur­teils­kraft bei den Man­dats­trä­gern und bei den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern zu stär­ken. Die­se Ur­teils­kraft ist das Le­bens­eli­xier der De­mo­kra­tie. Klu­ge Eli­ten al­lein hel­fen nicht. Man braucht auch ur­teils­fä­hi­ge Bür­ger. Es geht dar­um zu ler­nen, wie Po­li­tik funk­tio­niert. Das muss of­fen­bar in je­der Ge­ne­ra­ti­on neu durch­ge­spielt wer­den. Ich weiß, dass das die ty­pi­sche Äu­ße­rung ei­nes Hoch­schul­pro­fes­sors ist. Es geht da­bei frei­lich nicht al­lein um ein Ler­nen mit dem Ver­stand, son­dern auch um den auf­rech­ten Ein­satz für das All­ge­mein­wohl. Das schärft po­li­ti­sche Ur­teils­kraft.

Fo­to: im­a­go images/lee­mage

Der „Tag von Pots­dam“: Adolf Hit­ler neigt 1933 den Kopf vor Prä­si­dent Paul von Hin­den­burg. Ei­ne tak­tisch mo­ti­vier­te Ges­te des kurz zu­vor ge­wähl­ten Reichs­kanz­lers – das Bild wur­de nach dem Hand­schlag zwi­schen Tho­mas Kem­me­rich (FDP) und Björn Hö­cke (AFD) viel­fach im Netz ver­brei­tet.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.