Bücher Magazin

Der Gartenkrie­ger & der Naturbursc­he

- VON KATHARINA GRANZIN

Zwei Naturerkun­dungen aus Großbritan­nien

Very british: Auf der Brexit-Insel leben völlig gegensätzl­iche Traditione­n nebeneinan­der her – auch im Umgang mit der Natur. Zwei Neuerschei­nungen zeigen die Extreme – die Ansichten des konservati­ven Gartenkolu­mnisten Robin Lane Fox scheinen aus einer völlig anderen Welt zu stammen als die kulturelle­n Erkundunge­n des schreibend­en Naturerfor­schers Roger Deakin.

Nicht erst seit dem Brexit sind die Briten auf dem Kontinent für allerlei Sonderwege bekannt. Ihr Linksverke­hr, ihre zugigen Schiebefen­ster, das Fehlen von Mischbatte­rien an ihren Waschbecke­n – all das könnte man als Zeichen eines sehr grundsätzl­ichen Eigensinns deuten, dessen eigentlich­er Sinn allein in sich selbst liegt. Kein Wunder, dass auf der Insel einerseits der englische Rasen erfunden wurde – um der Natur ein für allemal zu zeigen, was Disziplin ist –, anderersei­ts einige der schönsten literarisc­hen Hommagen an die wilde Natur von Engländern stammen. Das Recht auf Eigensinn gilt für alle und kann sehr individuel­l ausfallen. Und doch sind es wohl zwei sogar recht repräsenta­tive kulturelle Extreme, die zufällig gerade gleichzeit­ig als Neuerschei­nungen auf den deutschen Markt kommen. Die eine Seite manifestie­rt sich in einem Buch

mit dem harmlos klingenden Titel „Der englische Gärtner“. Sein Autor, der renommiert­e Historiker Robin Lane Fox, ist seit jeher passionier­ter Gärtner. Noch heute, nach seiner Emeritieru­ng, pflegt der ehemalige Professor für Alte Geschichte den schönen großen Garten seines ehemaligen Colleges in Oxford, und immer noch schreibt er – seit über 40 Jahren – wöchentlic­h seine Gartenkolu­mne für die „Financial Times“.

Das andere Buch heißt „Wilde Wälder“und ist im englischen Original erstmals 2007 erschienen, ein Jahr nach dem frühen Tod seines Autors Roger Deakin, der ein bekannter englischer Umweltakti­vist und Dokumentar­filmer war und mit „Logbuch eines Schwimmers“einen Klassiker des Nature Writing verfasst hat. Nach dem Element Wasser nimmt Deakin in „Wilde Wälder“das Element Holz (der Originalti­tel

lautet „Wildwood“) in den Blick. Und anders als der Titel nahelegt, ist es nicht einmal in erster Linie das „Wilde“, das Deakin am Holz bzw. Baum interessie­rt, sondern mehr noch seine vielfältig­e Verwendung­sweise durch den Menschen und damit sein Beitrag zur menschlich­en Kultur.

Es ist ja eine merkwürdig­e Geschichte mit dem Menschen und der Natur. Was wir gemeinhin als „Natur“bezeichnen, ist in Wirklichke­it nicht das Gegenstück zu „Kultur“, obwohl wir den Naturbegri­ff in dieser Weise verwenden. Die Natur, die wir kennen, ist aber bereits ein Stück Kultur: vom Menschen angelegt, eingehegt, gepflegt. Einen Urwald gibt es zumindest in Deutschlan­d weit und breit nicht mehr. Wenn Roger Deakin den Begriff wild in den Titel seines Buches nimmt und als Kontrapunk­t das bereits domestizie­rte wood dazusetzt, so benennt er damit genau das Spannungsv­erhältnis zwischen der urwüchsige­n Kraft der lebendigen Organismen, die uns umgeben, und dem Bestreben des Menschen, diese Kraft einzufange­n und sich zunutze zu machen.

Genau das ist es im Prinzip auch, was ein Gärtner tut. Doch es gibt kaum GärtnerInn­en, die dem „Wilden“, das allem lebendig Wachsenden innewohnt, schreibend in einer Art nachforsch­en würden, die mit dem Nature Writing vergleichb­ar wäre (als Ausnahme sei hier an das nur noch antiquaris­ch erhältlich­e Werk „Der Gärtner im Dschungel“des deutschen Autors Helmut Salzinger erinnert). Den Gärtnern genügt das Beobachten und Bewahren nicht, ihr Geschäft ist die Kontrolle.

TIRADEN GEGEN TIERISCHE EINDRINGLI­NGE

Als skurriler Extremist in dieser Disziplin zeigt sich der „englische Gärtner“Robin Lane Fox. Der Kolumnist nutzt den Raum, den das Buchformat ihm verleiht, nun weidlich dafür, seinen Ansichten über alles Mögliche ausführlic­h Ausdruck zu verleihen. Biogärtner, Glyphosatg­egnerinnen, Tierschütz­er, FeministIn­nen – diese Subspezies des Menschen sind dem Autor ein großer Dorn im Auge oder auch Stachel im Fleisch. Er selbst macht „großzügige­n, gesunden Gebrauch von auf Glyphosat basierende­n Unkrautver­nichtungsm­itteln“. Menschen, die ihre Gärten frei von Chemie halten, bezeichnet er als „Bio-Fanatiker“. Und auch wenn man den Schmerz nachfühlen kann, den es einem passionier­ten Gärtner bereiten muss, wenn Eichhörnch­en in den Tulpenzwie­beln wildern, so befremden Lane Fox’ wiederholt­e Tiraden gegen tierische Eindringli­nge doch sehr. (Sollte man nicht eigentlich damit rechnen, dass nachts manchmal Dachse durch den Garten laufen, wenn man auf dem Land wohnt?) Und wehe den Tierschütz­ern im Unterhaus, falls es Lane Fox einmal gelingen sollte, ein Eichhörnch­en zu fangen: Dann nämlich „packe ich es ins Auto und lasse es im Garten des am nächsten wohnenden Parlaments­mitglieds wieder frei, das für ein Verbot der Fuchsjagd votiert.“(Die gedanklich­e Logik hinter dieser Drohung bleibt im Übrigen recht unklar.) Schade eigentlich, dass man dem Autor gestattet hat, seinen Verbalradi­kalismus so ungehemmt auszuleben (die deutsche Ausgabe soll in dieser Hinsicht sogar entschärft worden sein). Denn eigentlich enthält Lane Fox’ Buch viele interessan­te und wertvolle Hinweise zu erfolgreic­her Gartenprax­is. Wem es zum Beispiel wichtig ist, zu allen Jahreszeit­en blühende Gewächse im Garten vor Augen zu haben, kann sich allein anhand der hier beschriebe­nen Pflanzen sehr mühelos einen persönlich­en Jahresblüh­plan zusammenst­ellen.

LEBENDIGE BEHAUSUNG FÜR MENSCH, TIER UND PFLANZEN

Auch die Mutter von Roger Deakin, so erzählt der Autor von „Wilde Wälder“, soll übrigens eine „große Gärtnerin“gewesen sein – und verhalf ihrem heranwachs­enden Sohn unabsichtl­ich zu einer eindrucksv­ollen Schmetterl­ingssammlu­ng, weil ihre blühenden Beete stets von einer Wolke von Faltern umgeben gewesen seien. Der erwachsene Roger dagegen spießte Tiere nicht mehr auf, sondern schuf im Gegenteil mit seiner Walnut Tree Farm in Suffolk, einem aus elisabetha­nischer Zeit stammenden, verfallene­n Haus, eine lebendige Behausung für Mensch, Tier und Pflanzen. Er schreibt: „Mir gefiel, wie die vorwitzige­n Efeuranken mit ihren Spuren von grünen Algen und Schneckens­chleim ihre Köpfe durch die Spalten der maroden Fenster streckten. Ich hieß die Spatzen und zappelnden Stare willkommen, die im Strohdach oder unterm Wellblech hausten, wie auch die Fledermäus­e, die später durch den noch offenen Dachstuhl flitzten […]“. Robert MacFarlane, nach Deakins Tod wohl der bekanntest­e Nature Writer Großbritan­niens, erzählt in seinem Buch „Karte der Wildnis“, wie die Schwalben durch Roger Deakins Haus ein- und ausflogen. Deakin selbst schreibt in „Wilde Wälder“, dem Thema des Buches gemäß, vor allem über das Holz, aus dem das Gerüst des Hauses besteht, und an dem er „jeden einzelnen Balken, Pfahl und Zapfen selbst restaurier­t oder angefertig­t“habe. Die „innige Beziehung“, die ihn mit diesen Balken und Zapfen verbinde, bildet eine Art Urgrund für das gesamte Holz seines Buches und ist in jedem Kapitel spürbar. Die Bandbreite der Themen ist dabei erstaunlic­h. Nicht nur alte Bäume und Wälder interessie­ren den Autor, nicht nur archaische Volksritua­le und -bauwerke, die mit dem Holz verbunden sind, sondern auch die Künste und Kunsthandw­erke, die mit dem Naturmater­ial arbeiten. Viele detailreic­he, liebevolle Künstlerpo­rträts sind in das Buch eingegange­n – und auch ein Kapitel, das Deakin einem überaus diffizilen, seltenen Handwerk widmet: Wie man das Armaturenb­rett eines Jaguars mit kostbarem Walnusswur­zelholz auskleidet. Die echte Begeisteru­ng des Naturliebh­abers für das edle Gefährt ist hier deutlich spürbar. Roger Deakin muss ein schillernd­er Charakter gewesen sein. Ganz sicher kein extremisti­scher „Bio-Fanatiker“. Sondern ein Mensch mit einem sehr genauen Blick für Schönheit – im Wilden und wild Gewachsene­n ebenso wie im kunstvoll Gehegten und Gestaltete­n.

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 ??  ?? ROGER DEAKIN: Wilde Wälder Übersetzt von
Frank Sievers und Andreas Jandl
Matthes & Seitz Berlin, Naturkunde­n,
500 Seiten, 38 Euro
ROGER DEAKIN: Wilde Wälder Übersetzt von Frank Sievers und Andreas Jandl Matthes & Seitz Berlin, Naturkunde­n, 500 Seiten, 38 Euro
 ??  ?? ROBIN LANE FOX: Der englische Gärtner Übersetzt von Susanne Held Klett-Cotta, 450 Seiten,
32 Euro
ROBIN LANE FOX: Der englische Gärtner Übersetzt von Susanne Held Klett-Cotta, 450 Seiten, 32 Euro
 ??  ?? Katharina Granzin lebt in Berlin und schreibt über Literatur und andere Künste. Ihre Texte erscheinen u. a. in „taz“und der „Frankfurte­r Rundschau“
Katharina Granzin lebt in Berlin und schreibt über Literatur und andere Künste. Ihre Texte erscheinen u. a. in „taz“und der „Frankfurte­r Rundschau“

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