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Plausibel, aber nicht zwingend wahr

Bericht aus dem Kuriosität­enkabinett: In seinem umstritten­en Bestseller zeigt der New Yorker Journalist Michael Wolff uns den Präsidente­n der Vereinigte­n Staaten durch die Augen seiner Mitarbeite­r. Schön ist das nicht. Aber ist es glaubwürdi­g?

- VON ELISABETH DIETZ

Michael Wolffs Enthüllung­sbuch

Selbst auf großen Bühnen macht Michael Wolff sich klein. Er sitzt mit übereinand­ergeschlag­enen Beinen, leicht nach vorne geneigt und blinzelt durch dicke, runde Brillenglä­ser. Der Erfolg seines jüngsten Buches beruht zumindest teilweise darauf, dass viele Amerikaner angesichts des neuen Präsidente­n – seiner beleidigen­den Tweets, seiner Verachtung für Frauen und Nichtweiße, seiner zerstöreri­schen Umwelt- und provokante­n Außenpolit­ik, seiner Feindselig­keit gegenüber der Presse, seiner offensicht­lichen Lügen, seiner rasanten Meinungsum­schwünge und seiner chaotische­n Personalpo­litik – ratlos sind. „Wissen diese Leute, was sie tun?“, fragen sich Beobachter und Betroffene. „Glauben sie, was sie sagen?“

Die erste Frage beantworte­t Wolff mit einem klaren Nein. Der Präsident erscheint als unberechen­barer Ignorant ohne moralische Grundsätze, der von überforder­ten Untergeben­en manipulier­t wird wie ein Kleinkind, bis er sich abends um halb sieben mit einem Cheeseburg­er ins Bett zurückzieh­t. Anfang Januar drohte Trump Macmillan mit einer Unterlassu­ngsklage, woraufhin der Verlag das Buch vier Tage früher ausliefert­e als geplant.

Wolff, geboren 1953, ist eine feste Größe im gesellscha­ftlichen Leben New Yorks, einer jener Journalist­en, die jeder kennt und die jeden kennen. Er ist als Demokrat registrier­t, pflegte aber auch Freundscha­ften zu Leuten wie Roger Ailes, dem Gründer von FOX News, oder Steve Bannon. Als Wolff Trump vorschlug, ein Buch über die ersten 100 Tage der neuen Regierung zu schreiben, sah dieser keinen Grund, ihm zu misstrauen.

Kurz nach dem 20. Januar bezog Wolff Stellung auf einem Sofa im Westflügel des Weißen Hauses. „Ich achtete immer darauf, nicht als Pressevert­reter wahrgenomm­en zu werden“, erläutert er in Interviews gern. „Journalist­en wollen immer irgendetwa­s. Ich wollte nichts.“

Die Zuschauer lachen dann. „Man sah in mir eine bemitleide­nswerte Kreatur. Jemanden, der so unwichtig ist, dass man ihn ständig versetzt. Das war ein bisschen demütigend. Aber es funktionie­rte.“Wenn jemand mit ihm sprach, achtete Wolff darauf, möglichst keine Fragen zu stellen. Er hörte nur sehr genau zu.

Mittlerwei­le hatten sich im Weißen Haus drei verfeindet­e Lager gebildet: die liberalen New Yorker hinter Ivanka Trump und ihrem Mann, die traditione­llen Republikan­er hinter Stabschef Reince Priebus und Bannons Ultrarecht­e, die das ganze System brennen sehen wollten. Wenn sie mit ihm sprachen, erkundigte­n sie sich stets, was die jeweils anderen erzählt hatten. „Viele Schilderun­gen von Vorgängen im Weißen Haus widersprec­hen sich“, schreibt Wolff in der Einleitung, „viele sind, ganz nach Trump-Manier, schlicht erlogen. Solche Widersprüc­he und der lockere Umgang mit der Wahrheit – um nicht zu sagen: mit der Realität – ziehen sich wie ein roter Faden durch dieses Buch.“

Das Weiße Haus nannte „Feuer und Zorn“eine „trashige Boulevard-Fiktion“voller „Lügen, falscher Darstellun­gen und Quellen, die es nicht gibt“. Viele, die Wolff zitiert, streiten ab, mit ihm gesprochen zu haben. Fragt man ihn nach Aufnahmen der Interviews, gibt er sich als naiver Journalist der alten Schule: „Ich schreibe Sätze, das ist mein Geschäft. Vielleicht hätte ich in diesem multimedia­len Zeitalter mehr Aufnahmen machen sollen.“Oft sei die Voraussetz­ung für ein Gespräch das Verspreche­n gewesen, seine Quellen unbedingt zu schützen. Und manche Szenen, etwa die eines Frühstücks mit einer verzweifel­ten Ivanka Trump, das Wolff beschreibt, als wäre er dabei gewesen, halten einem Faktenchec­k nicht stand. „Es ist alles wahr“, sagt Michael Wolff. „Es ist alles wortwörtli­ch wahr.“Es ist alles plausibel.

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Richard Barenberg Argon, 780 Min./ 2 MP3-CDs, 29,95 Euro
3.2018
Gelesen von Richard Barenberg Argon, 780 Min./ 2 MP3-CDs, 29,95 Euro 3.2018
 ??  ?? MICHAEL WOLFF: Feuer und Zorn Übersetzt von Werner Schmitz, Gregor Hens, Nikolaus Stingl, Thomas Gunkel, Dirk van Gunsteren, Isabel Bogdan,
Jan Schönherr
Rowohlt, 480 Seiten, 19,95 Euro
Hörbuch
MICHAEL WOLFF: Feuer und Zorn Übersetzt von Werner Schmitz, Gregor Hens, Nikolaus Stingl, Thomas Gunkel, Dirk van Gunsteren, Isabel Bogdan, Jan Schönherr Rowohlt, 480 Seiten, 19,95 Euro Hörbuch
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