Bücher Magazin

EIN SUCHBILD

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Als Pauls Mutter gestorben ist, war seine große Schwester Laura noch in der Grundschul­e. Vielleicht hat sie sich umgebracht. Jetzt ist Laura 14, und manchmal kommt sie tagelang nicht heim. Vielleicht hat sie etwas mit der Einbruchse­rie in der Siedlung zu tun. Pauls Vater ist still. Er geht zur Arbeit, er schaut fern, er macht am Geburtstag seiner verstorben­en Frau Kalten Hund. Paul macht sich Sorgen. Um den Vater, um Laura, um die Erinnerung­en an die Mutter, die immer undeutlich­er werden, durcheinan­dergeraten, verblassen. „Seine liebste Erinnerung ist die an den Jahrmarkt. Während seine Schwester und sein Vater Autoscoote­r fuhren, gingen Paul und seine Mutter ins Spiegelkab­inett. Dort hatte er sie ganz für sich allein, tausendfac­h.“Paul ist ein vernünftig­es Kind, er kümmert sich zuerst um die Dinge, die er beeinfluss­en kann. Er schleicht seiner Schwester hinterher, die sich nachts mit ihrer Clique auf einer Waldlichtu­ng trifft. Erst als seine beiden Kinder verschwund­en sind, schreckt Pauls Vater aus seiner Trauer hoch. In sanften Grautönen erzählt Antonia Kühn die Geschichte eines sensiblen Jungen, der versucht, seine Familie zusammenzu­halten und sich weigert, seine Mutter ein zweites Mal zu verlieren. Sie arbeitet souverän mit Träumen und Symbolen und ist am besten, wenn sie von Paul erzählt. Die Szenen mit Paulas kleinkrimi­nellen Freunden hingegen wirken wie aus einem Jugendbuch der Achtzigerj­ahre – gut gemeint und stereotyp.

ANTONIA KÜHN: Lichtung

Reprodukt, 240 Seiten, 24 Euro

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