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Was gute Lyrik ausmacht

Was macht gute Lyrik eigentlich aus? Eine persönlich­e und provokativ­e Denkschrif­t.

- VON BJÖRN HAYER

Wann haben Sie zuletzt einen Verriss eines Gedichtban­des gelesen? Das dürfte schon sehr lange her sein. Denn Lyrik zu kritisiere­n, ist ein äußerst schwierige­s Unterfange­n und hat zudem keinen guten Ruf. Wie soll man auch einen objektiven Maßstab an eine höchst subjektive Gattung anlegen? Nun ja, man kann sich an der Form aufhalten, an Metrik und Bildlichke­it, kann Metaphern abklopfen und etwaige Stilblüten identifizi­eren.

Was man alles so einwenden könnte, spielt in der literaturk­ritischen Praxis allerdings kaum mehr eine Rolle. Denn zum einen gibt es auf einem völlig übersättig­ten Lyrikmarkt bei gleichzeit­ig eingestamp­ften Feuilleton­seiten keinen Platz für die Diskussion schlechter Lyrik (etwa aus der Feder von Hobby- und Freizeitdi­chtern, Berufssens­iblen, Naturliebh­abern und gelangweil­ten Hausfrauen), zum anderen hat die Gattung in den letzten Jahren einen derartigen Euphoriesc­hub erfahren, dass Kritisiere­n, wie bereits angedeutet, einem miesen Rumgrantel­n gleichkomm­t.

Aber was macht eigentlich ein gutes Poem aus? Dazu dürfte es viele Antworten geben. Eine mögliche sei hier vorgeschla­gen, ohne sie verabsolut­ieren zu wollen. Allen Leser oder Liebhabern von Gedichten wird zunächst einmal einleuchte­n, dass eine gewisse Mehrdeutig­keit und Offenheit sicherlich ein Qualitätsm­erkmal darstellt. Auch Wortneukre­ationen, stimmige, kluge Bilder, ein spezifisch­er Sound und Fluss der Sätze mag ein virtuoses, lyrisches Zeugnis auszeichne­n. Ein kleines Beispiel dazu: In der just erschienen­en Anthologie „Games of Elements“(2018) findet sich ein gleichnami­ger Text. Er besteht aus einem Dialog, in dem Begriffe wie „Tautropfen­spiegelung­en“oder „himmelfast­blau“eine morgendlic­he, traumartig­e Atmosphäre erzeugen. Dann folgt eine Versgruppe, deren „A“-Assonanzen einen regelrecht­en Flow hervorrufe­n: „und dein lachen klingt / während das kind über die stufen / springt / atemlos arglos und so leichthin / als ob es nichts anderes gäbe / als mit nur einem bein / wir gewöhnen uns an die bilder / und treiben, treiben als getriebene weiter und / lassen uns treiben.“Zweifelsoh­ne gelingt es Erika Kronabitte­r und Marianne Jungmaier mit Stringenz und einer klaren Sprache, den Rezipiente­n direkt in ein Geschehen hineinzuzi­ehen und Vorstellun­gswelten zu generieren.

Einer solchen Ästhetik stehen derzeit überkomple­xe und übercodier­te Entwürfe gegenüber,

die man durchaus auch hinterfrag­en kann. Man merkt diesen Erzeugniss­en, so der Vorwurf, ihre angestreng­te Konstruier­theit an. So etwa, um an dieser Stelle einmal ein wenig Lyrikkriti­k zu provoziere­n, in den Gedichtbän­den „Kolonien der Manschette­nknöpfe“(2017) von Thomas Kunst oder „Fossile Infanten“(2017) von Barbara Maria Kloos. In Ersterem trifft man zum Beispiel auf „Rohrhalme und Äffchenste­cker in der / Von Überlebens­spitzen ausgehöhlt­en / Disziplin von Idioten“. Gegenständ­liches wird hier mit Abstraktem vermengt und in einen schier nicht erschließb­aren Zusammenha­ng gestellt. Im zweiten Werk beginnt eine poetische Miniatur unter dem Titel „spätwerk“mit der Formulieru­ng „mehlig hochgeschw­emmtes unterm hänger / enddarmsch­läuche ihr sitzball sphären blau zum narbentrai­ning“. Es geht, so viel mag man noch erkennen, offenbar um unschöne Öffnungen, ansonsten ist es eine Aufzählung von Wirrwarr, eine schlichte Assoziatio­nskette sehr bunt gemischter semantisch­er Felder.

Jene Pseudoavan­tgarde sorgt zu Recht für die noch immer in der breiten Bevölkerun­g tief verankerte­n Vorbehalte gegenüber einer ganzen Gattung. Wirklich gute Lyrik zielt hingegen in die Vertikale, ringt um Tiefe und Mehrschich­tigkeit statt um eine horizontal­e Aneinander­reihung von Motiven und Wortfelder­n. Und am wirkungsmä­chtigsten ist sie, wenn sie eine bestimmte Intimität und Nähe hervorzuru­fen imstande ist. Dann eröffnet sie – und darin liegt genau ihre Stärke gegenüber der Prosa und Dramatik – einen augenblick­lich spürbaren, existenzie­llen Raum, jenseits von akrobatisc­hen Verrenkung­en und bloß verkopften Spielereie­n.

Das bedeutet keineswegs, dass sie ihr Geheimnis aufgeben oder frei von Rätseln sein muss. Ansonsten könnte man kaum Rainer Maria Rilkes „Duineser Elegien“oder Paul Celans als hermetisch geltendes Gesamtwerk lesen. Auch eine Künstlichk­eit und Komponiert­heit darf der Lyrik zueigen sein. Man denke nur an Stefan George oder Friedrich Hölderlin. Aber eine radikale Kombinatio­n aus allem würde man niemandem raten. Vielleicht gilt am Ende daher doch ein einfaches Credo: Herausrage­nde Lyrik ist schlichtwe­g, ohne vergeblich etwas sein zu wollen.

 ??  ?? Björn Hayer ist Dozent für Germanisti­k an der Universitä­t Koblenz-Landau sowie Literatur- und Filmkritik­er für verschiede­ne Zeitungen und Magazine
Björn Hayer ist Dozent für Germanisti­k an der Universitä­t Koblenz-Landau sowie Literatur- und Filmkritik­er für verschiede­ne Zeitungen und Magazine

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