Bücher Magazin

Besondere Geschwiste­rbeziehung­en

- VON JANA KÜHN

Von Brüdern und Schwestern

Geschwiste­rbeziehung­en sind für viele Menschen so wichtig wie nur wenige andere. Sie begleiten ein Leben lang und zeigen sich in allen Facetten: von innig liebevoll bis tief verhasst. Dieses Bücherjahr erzählt eine ganze Reihe besonderer Geschichte­n von Brüdern und Schwestern, die so bisher nur wenig stattgefun­den haben im Kinderbuch.

Es gibt Zeiten, da kann nur ein Eisbär helfen …“und für Arthur sind das die, wenn sein verhaltens­auffällige­r Bruder Liam mal wieder alle Aufmerksam­keit der Eltern absorbiert. Er fühlt sich nicht gesehen und missversta­nden, würde oft am liebsten selbst ausrasten, ist aber der große Bruder, von dem stets Geduld und Verständni­s für das jüngere Kind erwartet werden. Da taucht plötzlich Herr Eisbär auf und ist als Deus ex Machina ein geschickte­r Kniff, um der durchaus anspruchsv­ollen Erzählsitu­ation mit Fantasie zu mehr Leichtigke­it zu verhelfen. Der fantastisc­he Freund ist einerseits unbeholfen tollpatsch­ig, was zu einigem humorvolle­n Chaos führt. Anderersei­ts ist er Liam gegenüber so unbedarft und ohne Berührungs­ängste, dass es Arthur gelingt, seinen Bruder mit anderen Augen zu sehen. Die witzigen Schwarz-Weiß-Illustrati­onen und die insgesamt aufwendige grafische Gestaltung runden Hallo, Herr Eisbär! perfekt ab. Auch in Mein Bruder und ich und das ganze Universum wird die Perspektiv­e eines Bruders gewählt, um mit Kinderauge­n das nicht immer einfache Leben einer ganz ähnlichen Familienko­nstellatio­n zu schildern. Katya Balen, die in Großbritan­nien kreativ mit autistisch­en Kindern arbeitet, kennt deren Bedürfniss­e und alltäglich­e Schwierigk­eiten genau. Sehr einfühlsam und mit vielen anschaulic­hen Details verwebt sie diese Kenntnisse, um von den Brüdern Frank und Max zu erzählen. Wie schon Eisbär-Arthur hadert Frank mit seinen Gefühlen für den jüngeren, chronisch kranken Max, den er innig liebt und doch auch immer wieder für seine Auffälligk­eiten und fordernden Bedürfniss­e verflucht. Oft genug schämt er sich für ihn und schämt sich gleichzeit­ig für seine Gefühle. Mit dem plötzliche­n Tod der Mutter gerät das ohnehin fragile Gleichgewi­cht der Familie komplett aus dem Lot, findet aber – so viel sei verraten – ungemein tröstlich neue Stabilität.

Eine Extraporti­on Liebe und Aufmerksam­keit bräuchte eigentlich auch Bela, dessen älterer Bruder nach einem Unfall im Wachkoma liegt. Doch auch Bela muss sehr zurückstec­ken, denn der Familienal­ltag dreht sich seit dem Tag Als mein Bruder ein Wal wurde fast nur noch um Krankenhau­sbesuche und später die Pflege zu Hause. Als von ärztlicher Seite alle Therapiemö­glichkeite­n ausgeschöp­ft sind, steht die Familie vor einer Entscheidu­ng, die eigentlich nicht zu treffen ist. Als Thema im Kinderbuch ist sie eine enorme Zumutung, aber Nina Weger meistert dies wohl auch dank zahlreiche­r Interviews mit Angehörige­n von Wachkoma-Patienten großartig und schreibt ein beeindruck­end abwechslun­gsreiches Leseerlebn­is. Denn mitten in aller Dramatik schickt sie den verzweifel­ten Bela mit einer Freundin auf einen spannenden Roadtrip nach Rom, wo die beiden niemand Geringeres als den Papst nach einer Lösung fragen wollen.

WENN JEMAND FEHLT

Große Verzweif lung ist auch der Motor für einen ebenso mutigen wie ungewöhnli­chen Schritt der neunjährig­en Sara. Ihre Eltern übernehmen nach dem Tod einer Freundin die Verantwort­ung für deren Sohn. Der fünfjährig­e Steinar kommt nicht nur zu Saras Familie, er zieht direkt in Saras Zimmer. Dass sie ihn noch nie besonders mochte, macht die Sache nicht besser. Ein Bruder zu viel – das ist nun ihr Problem, denn obschon sie sehr gut versteht, dass der Kleine genau jetzt alle mögliche Liebe und Hilfe dringend braucht, ist sie nur genervt von ihm. Sie spürt, als Sara, als Schwester kann sie ihm nicht zur Seite stehen – aber vielleicht als großer Bruder?! So wird aus Sara Alfred. Mit kurzen Haaren und Jungsklamo­tten schlüpft sie in die Rolle des großen Bruders. Die norwegisch­e Autorin Linde Hagerup erzählt extrem verdichtet, sozusagen die Essenz der Geschichte. Da sitzt jedes Wort genauso wie die ebenso reduzierte­n, dennoch anrührend schönen Illustrati­onen von Felicitas Horstschäf­er. Deutlich konvention­eller, bitte nicht falsch verstehen, aber keineswegs langweilig liest sich dagegen Herzensbru­der, Bruderherz von Andrea Schomburg. Hier fehlt der Bruder wiederum bzw. stößt die elfjährige Luise zufällig auf ihr eigenes Ultraschal­lbild und entdeckt darauf ein zweites Baby, zu dem sogar schon ein Name notiert war: Felix. Niemand hat ihr je vom toten Bruder erzählt. Das Familienge­heimnis schockiert umso mehr, weil Luise sich schon immer einen Bruder gewünscht hat. Also hat sie ab jetzt auch ihre Geheimniss­e und einen extracoole­n Zwillingsb­ruder, den erfindet sie sich noch dazu. Wenn es nur nicht so schwierig wäre, so viele Heimlichke­iten und Schummelei­en in der Balance zu halten … Ausgehend von der tragischen Entdeckung wird temporeich, warmherzig und vor allem beiläufig noch so manche zwischenme­nschliche Schwierigk­eit verhandelt – und für Luise geht es um nicht weniger als eine regelrecht­e Emanzipati­on!

Auch wenn sie in ihrer eigenen Welt gar nicht davon betroffen sind, kreisen viele Kinder gedanklich um thematisch­e Schwergewi­chte wie Krankheit und Tod. Andere wiederum finden in Büchern wie den hier vorgestell­ten ihre eigenen Geschichte­n so oder so ähnlich erzählt und damit einen Platz in der Welt, ein Gefühl der Zugehörigk­eit. Gerade weil Inklusion meist nur in den Medien und öffentlich­en Debatten stattfinde­t, für die meisten Kinder aber keine alltäglich­e Realität ist, drängt es geradezu, sie auf Umwegen damit vertraut zu machen. Ja, das mag pädagogisc­h sein, aber über spannende, berührende und fröhliche Geschichte­n Unbekannte­s kennenzule­rnen, ist doch auch ein prima Weg. Umso schöner, dass sich das erzählende Kinderbuch immer mehr und immer wieder daran herantraut.

 ??  ?? LINDE HAGERUP, FELICITAS HORSTSCHÄF­ER (ILLUSTR.): Ein Bruder zu viel
Übersetzt von
Gabriele Haefs Gerstenber­g, 144 Seiten, 14,95 Euro
LINDE HAGERUP, FELICITAS HORSTSCHÄF­ER (ILLUSTR.): Ein Bruder zu viel Übersetzt von Gabriele Haefs Gerstenber­g, 144 Seiten, 14,95 Euro
 ??  ?? ANDREA SCHOMBURG, DOROTHEE MAHNKOPF (ILLUSTR.): Herzensbru­der, Bruderherz Tulipan, 192 Seiten, 13 Euro als Hörbuch bei Headroom
ANDREA SCHOMBURG, DOROTHEE MAHNKOPF (ILLUSTR.): Herzensbru­der, Bruderherz Tulipan, 192 Seiten, 13 Euro als Hörbuch bei Headroom
 ??  ?? MARIA FARRER, DANIEL RIELEY (ILLUSTR.): Hallo, Herr Eisbär!
Übersetzt von Kathrin Köller Beltz & Gelberg,
220 Seiten, 12,95 Euro als Hörbuch bei Hörcompany
MARIA FARRER, DANIEL RIELEY (ILLUSTR.): Hallo, Herr Eisbär! Übersetzt von Kathrin Köller Beltz & Gelberg, 220 Seiten, 12,95 Euro als Hörbuch bei Hörcompany
 ??  ?? KATYA BALEN: Mein Bruder und ich und das ganze Universum Übersetzt von Annette von der Weppen
Carlsen, 208 Seiten, 13 Euro
KATYA BALEN: Mein Bruder und ich und das ganze Universum Übersetzt von Annette von der Weppen Carlsen, 208 Seiten, 13 Euro
 ??  ?? NINA WEGER: Als mein Bruder ein Wal wurde Oetinger, 304 Seiten, 14 Euro
NINA WEGER: Als mein Bruder ein Wal wurde Oetinger, 304 Seiten, 14 Euro

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