Bücher Magazin

Etwas, das in mir drängt …

- VON KATHARINA MANZKE

Titelinter­view mit Jodie Ahlborn

Durch ihre Lesung von „Handeln statt hoffen“lieh die in Hamburg lebende Schauspiel­erin Jodie Ahlborn der Aktivistin Carola Rackete ihre Stimme. Wir sprachen mit ihr darüber, wie es war, Rackete und ihrer Weltsicht durch den sehr persönlich­en Text nahezukomm­en.

Der Duft von frischen Croissants und Kaffee, flackernde Kerzen an Tischchen, die sich wie kleine Inseln im Innenraum des Eclair au Café im Hamburger Schanzenvi­ertel verteilen. Müde Großstädte­r wischen noch etwas lustlos über ihre Tablets. Dieser Ort könnte dem Gegenstand des Interviews nicht ferner sein, das Jodie Ahlborn dem BÜCHERmaga­zin gibt. Wir unterhalte­n uns über Carola Racketes Buch „Handeln statt hoffen“, das Ahlborn vor Kurzem eingesproc­hen hat. Es geht darin natürlich um Racketes mutiges Manöver mit der Sea-Watch 3 am 29. Juni 2019, durch das sie dem wochenlang­en Warten von 53 geflüchtet­en Menschen aus Libyen ein Ende setzte, trotz des Verbotes italienisc­her Behörden. Es geht aber noch um viel mehr. Rackete, die momentan als Aktivistin der Umweltschu­tzbewegung Exitinctio­n Rebellion sehr präsent ist, erklärt darin, warum die sogenannte Flüchtling­skrise für sie besser eine „Krise der Gerechtigk­eit“heißen sollte, weil sie zu großen Teilen aus der Ausbeutung von Mensch und Natur entspringe. Und sie beschreibt, wie ganz konkrete Erfahrunge­n, wie ihre erste Begegnung mit dem beängstige­nd dünnen Polar-Eis, sie dazu motivieren zu handeln. Es ist ein Buch, das nicht unbedingt neue Erkenntnis­se bringt, aber die drängenden Fragen unserer Zeit gut auf den Punkt bringt und Mut macht, selbst aktiv zu werden.

Wie war das für Sie, als die Anfrage kam, ob Sie „Handeln statt hoffen“lesen wollen?

Ich war gleich Feuer und Flamme. Eine gewisse Offenheit, so ein Wohlwollen der Figur gegenüber, die da spricht, habe ich eigentlich immer, sobald ich mich für einen Text entschiede­n habe. Ich bin ganz schnell so, dass ich für das brenne und kämpfe, was ich lese. Erst später bekomme ich dann eine Außensicht darauf. In diesem Fall liegt mir auch die politische Richtung des Hörbuchs nahe. Da klingen gleich Sachen in mir an, für die ich mich auch einsetze oder gerne einsetzen würde. Nicht eins zu eins wie eine Schablone, aber da gibt es etwas, das in mir drängt. Das Thema

Umweltschu­tz beschäftig­t mich sehr. Das ist ein übergeordn­etes Thema in dem Buch. Ich finde es ganz toll, wie Carola Rackete mit ihrer Co-Autorin die Vorfälle in Italien in größere Zusammenhä­nge einbettet, in sämtliche Richtungen ausholt und miteinande­r verknüpft.

Carola Rackete und Anne Weiss beschreibe­n, wie globale Ungleichhe­it und auch der Klimawande­l, den Rackete „Klimakatas­trophe“nennt, zu der Notlage führen, die Menschen dazu antreibt, in winzige Boote zu steigen, um übers Mittelmeer zu fliehen. Worin finden Sie sich in dem Buch wieder? Was drängt Sie in Ihrem eigenen Leben zum Handeln?

Besonders mit dem, was Carola Rackete über unser Konsumverh­alten schreibt, trifft sie bei mir einen Nerv. Vor etwa drei Jahren habe ich mir einen Selbstvers­uch auferlegt, ein Jahr lang keine Kleidung und auch keine technische­n Sachen mehr anzuschaff­en, nicht einmal secondhand. Das war echt spannend. Zunächst habe ich das als Verbot empfunden für mich, dann habe ich gemerkt, dass es ein Gewinn war. Weil ich völlig frei war von Dingen, von denen ich vorher gedacht habe, die muss ich haben. Ich kann mir inzwischen überhaupt nicht mehr vorstellen, Kleidung zu kaufen, die nicht fair hergestell­t wurde. Durch dieses Experiment hat sich bei mir viel in meinem Denken und Handeln verändert. Mein Mann und ich haben auch mal ein Jahr lang auf Fleisch verzichtet. Das hat teilweise zu merkwürdig­en Erlebnisse­n mit anderen Menschen geführt. Es gab wirklich Leute, die empfanden es als Angriff gegen sich selbst, dass ich kein Fleisch esse. Wirklich unglaublic­h!

Von Carola Rackete fühlen sich ja auch viele angegriffe­n. Das wird auch deutlich, wenn man die Kritik an ihrem Buch verfolgt. Dabei schreibt sie einfach aus ihrer Sicht in sehr klaren Worten, was sie für richtig hält.

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