„Was hab’ ich das Au­to ver­flucht“

Dem My­thos He­li­cam­per auf der Spur. Le­ser er­in­nern sich mit Grau­en und Schmun­zeln

Buchloer Zeitung - - Kaufbeuren - VON AN­DRE­AS FILKE

Marktoberdorf/Ost­all­gäu Ei­gent­lich spü­ren In­ter­net-Such­ma­schi­nen fast al­les auf. Ei­gent­lich. Denn wer nach „Fendt He­li­cam­per“sucht, fin­det nur zwei Ein­trä­ge – und die ha­ben herz­lich we­nig mit dem Au­to aus Marktoberdorf ge­mein. Ent­spre­chend schwer war es für sei­nen jet­zi­gen Be­sit­zer Franz Brun­ner, In­for­ma­tio­nen über das Fahr­zeug zu er­hal­ten. Da­bei weiß er viel über al­te Fahr­zeu­ge. Ge­nau­so wie der Gö­ris­rie­der Wolf­gang Kempf. Ge­mein­sam ver­such­ten sie durch ei­nen Auf­ruf in un­se­rer Zei­tung, dem Ge­heim­nis die­ses zwei­sit­zi­gen Ve­hi­kels auf die Spur zu kom­men.

Ei­ni­ge Jah­re stand das Au­to bei Rein­hard Schram­ke, dem frü­he­ren, in­zwi­schen ge­stor­be­nen Markt­ober­dor­fer Was­ser­meis­ter. Au­to? Zu­min­dest gibt es ein ver­gilb­tes Fo­to da­von, wie das Au­to ein­mal aus­ge­se­hen hat. Denn üb­rig ge­blie­ben sind nur die Vor­der­ach­se, die Stoß­stan­ge, ein tra­gen­des Teil und der Mo­tor, der di­rekt ein eben­so noch vor­han­de­nes Rad an­trieb. Das war’s. An­de­re Un­ter­la­gen, et­wa vom Auf­bau, sind nicht vor­han­den. Kein Wun­der: „Der All­gäu­er Mäch­ler macht kei­ne Zeich­nun­gen. Der bas- telt, bis es passt“, sagt Kempf. „Es war das ers­te Au­to in un­se­rer Fa­mi­lie.“Als Her­mi­ne Probst das al­te, leicht ver­gilb­te Fo­to in der AZ sieht, keh­ren die Er­in­ne­run­gen so­fort zu­rück. „Ja, das bin ich“, sagt sie und be­trach­tet das jun­ge Mäd­chen in hel­lem Kleid und dunk­ler Schür­ze. Da­mit ist das Rät­sel ge­löst, vor dem der Gö­ris­rie­der Wolf­gang Kempf und der Al­tus­rie­der Franz Brun­ner, der jet­zi­ge Be­sit­zer der Über­bleib­sel des Fahr­zeugs, stan­den. Lan­ge hat­ten sie ver­sucht, die Ge­schich­te zu er­for­schen, und wand­ten sich an un­se­re Zei­tung. Her­mi­ne Probst ist der Schlüs­sel zu al­lem. Viel hat sie beim Tref­fen mit bei­den zu er­zäh­len.

Gestank und Rauch­wol­ken

Ob­wohl ihr Va­ter, Karl Um­men­ho­fer, das Fahr­zeug nur zwei Jah­re be­saß, war es für die da­mals 15-Jäh­ri­ge ei­ne prä­gen­de Zeit. Heu­te lacht sie herz­lich dar­über, da­mals war es für sie ein Graus. „Was hab’ ich das Au­to ver­flucht. Es hat ge­stun­ken und zog im­mer ei­ne Rauch­wol­ke hin­ter sich her. Wie oft ist es auf frei­er Stre­cke ste­hen ge­blie­ben?“

Dar­an kann sich auch Jo­sef Dolp er­in­nern, der nach dem Auf­ruf in der AZ ei­ne E-Mail ver­fass­te. Dar­in schreibt er: „Bei dem Au­to war man im­mer am Rich­ten. Man konn­te kaum 15 bis 20 Ki­lo­me­ter fah­ren, oh­ne dass nicht ir­gend­was ver­reckt ist.“„Stimmt“, sagt Her­mi­ne Probst. „Ein­mal stan­den wir in der Stadt auf der Kreu­zung. Das Au­to fuhr nicht mehr wei­ter. Da ha­ben uns die Leu­te weg­ge­scho­ben. Mei­ne Gü­te, war mir das pein­lich.“

Da­bei kann­te manch Markt­ober­dor­fer das Fahr­zeug nur zu gut, zu­min­dest die­je­ni­gen, die wie Dolp beim „Bull­dog-Fendt“ge­ar­bei­tet ha­ben. „An­no 1956 tauch­ten auf dem Hof vom Fendt drei fer­ti­ge oder halb fer­ti­ge Klein­au­tos auf. Sie hat­ten ein oder auch kein Dach. Der Rah­men war in Rohr­bau­wei­se, die Sei­ten aus Sperr­holz, die Schei­ben wa­ren ein­fa­ches Fens­ter­glas. Da­mals hieß es, Herr­mann Fendt ha­be die Au­tos von ei­nem in­sol­ven­ten Möch­te­gern-Au­to­bau­er aus der Ge­gend Fried­richs­ha­fen ge­kauft. Die Au­tos wa­ren in noch sehr an­fäng­li­chem Ent­wick­lungs­zu­stand. Dann stand ei­nes Tages am Schwar­zen Brett beim Fendt, dass die Au­tos zu ver­kau­fen sei­en.“

Und so kam auch Karl Um­men­ho­fer in den Be­sitz ei­nes sol­chen drei­räd­ri­gen Ve­hi­kels mit ei­nem 200 Ku­bik­zen­ti­me­ter gro­ßen Mo­tor der Mar­ke Ilo. Um­men­ho­fer ar­bei­te­te zu je­ner Zeit in der Ver­suchs­ab­tei­lung und fuhr täg­lich mit dem Fahr­rad zur Ar­beit – nach sei­nem mor­gend­li­chen Rund­gang durch Gar­ten und Werk­statt. „Mein Va­ter war ein al­ter Bast­ler. Der hat aus al­lem et­was ge­macht.“Abends ging er wie­der in die Werk­statt. Der Tüft­ler schraub­te auch flei­ßig am He­li­cam­per her­um, un­ter­stützt von sei­ner Toch­ter. Her­mi­ne Probst hat­te auch die Auf­ga­be, sich um die Pfle­ge des Au­tos zu küm­mern. Als Wolf­gang Kempf ei­ne An­ek­do­te aus Dolps E-Mail zi­tiert, lacht sie wie­der: „Ge­nau so war’s.“Dar­in ist die Re­de von ei­nem ge­wis­sen Martl Eh­lei­ter, der auch ei­nen He­li­cam­per be­saß. Dolp schreibt: „Nach dem Mit­tag­es­sen sind wir Mit­ar­bei­ter oft noch auf ei­ner Bank vor dem Fend­tGe­bäu­de zu­sam­men­ge­ses­sen. Auf ein­mal fuhr der Martl zum Wasch­platz vor der La­ckie­re­rei und woll­te mit dem Schlauch die Schei­ben wa­schen. Da lös­te sich plötz­lich ei­ne Schei­be, fiel zu Bo­den und zer­brach. Schal­len­des Ge­läch­ter.“Des­halb muss­te Her­mi­ne Probst stets be­hut­sam put­zen. Von Hand.

Fo­to: pri­vat/Filke

1956 war es, als Her­mi­ne Probst mit ih­rem Va­ter Karl Um­men­ho­fer in dem Au­to die­se Aus­fahrt un­ter­nahm. Das Rät­sel um den He­li­cam­per ist ge­löst, die Toch­ter des frü­he­ren Be­sit­zers ge­fun­den. In fröh­li­cher Run­de tau­schen (von links) Wolf­gang Kempf, Her­mi­ne Probst und Franz Brun­ner Er­in­ne­run­gen und An­ek­do­ten aus.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.