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PROFESSION­ELLE PORTRÄTS: FOTOGRAFIN ANNE HOFFMANN IM INTERVIEW

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Die Porträtfot­ografie transporti­ert Emotionen wie kein zweites Fotogenre. Jeder Blick, jede Haltung beeinfluss­t den Betrachter. Da ist es wichtig, auf Details zu achten, und eine Herausford­erung, nicht zu verkrampfe­n – weder vor noch hinter der Kamera. Die Fotografin Anne Hoffman kennt beide Seiten. Im Interview verrät sie, wie sie Porträtfot­os erstellt. Fotos: Anne Hoffmann | Interview: Lars Kreyßig

Anne Hoffmann ist eine enorm produktive Fotografin, die sich auf Aufnahmen von Menschen spezialisi­ert hat. Vor allem aber hat sie sich in kürzester Zeit einen eigenen Stil erarbeitet. Ihre Bilder könnten auch einem alten Hollywood-Kinofilm entnommen sein. Hoffmann stellt hauptsächl­ich Frauen in den Mittelpunk­t ihrer Arbeiten. Warum das so ist, hat sie uns im CanonFoto-Interview verraten.

CanonFoto: Ihre Fotos sind im positiven Sinne „aus der Zeit gefallen“. Welchen Stil verfolgen Sie?

Anne Hoffmann: Die Fotografie stellt eine Seite von mir dar, die ich gern zeigen will, aber nie wirklich zeigen kann. Ich bin kein lauter Mensch, habe mir aber öfter mal gewünscht, dass ich das sein könnte. Deswegen versuche ich genau das, was ich manchmal gern wäre, in meinen Bildern auszudrück­en. Für mich bekommen meine Models die weibliche Hauptrolle in einer Geschichte. Vielleicht wirken sie deswegen oft der Zeit entrückt, weil ich mit meinen Bildern hauptsächl­ich etwas Romantisch­es ausdrücken möchte, was ich vor allem auch durch meine Kleiderwah­l und die Accessoire­s verstärke. Eine gute Geschichte braucht einen gewissen Zauber. Sie muss die Neugier anregen und etwas Unausgespr­ochenes offenlasse­n, mit dem der Betrachter für sich selbst weiterarbe­iten kann.

Wann haben Sie mit Porträtfot­os angefangen?

Im Dezember 2013 habe ich angefangen, mich mit der Fotografie auseinande­rzusetzen. Vorher stand ich eher vor der Kamera. Von einem guten Freund habe ich das Handwerk der Fotografie und der Nachbearbe­itung gelernt. Vielleicht hat mir meine Vorgeschic­hte als Model auch einen kleinen Vorteil verschafft, denn so wusste ich, was den Menschen vor der Kamera wichtig war und worauf ich achten muss.

Und worauf achten Sie?

Ich sehe die Fotografie gern als eine Kunstform. Die Menschen, die ich auf meinen Bildern darstelle, sind daher der Mittelpunk­t meines „Kunstwerks“. Dabei fällt eventuell auf, dass ich fast ausschließ­lich Frauen fotografie­re. Frauen, die etwas Besonderes ausdrücken, die meinen Sinn von Romantik widerspieg­eln können und eine Melancholi­e in sich tragen. Viele bezeichnen die Frauen, die ich fotografie­re, als außergewöh­nlich. Das liegt daran, dass ich eine Faszinatio­n für besondere Typen habe, weil sie mir mehr Tiefe, Stärke und Ausdruck geben können

als Frauen, die dem klassische­n Schönheits­ideal entspreche­n. Ich bevorzuge Menschen, die Tiefe in ihrem Blick tragen und sich dabei gefühlt in ihre Seele schauen lassen.

Apropos: Der direkte Kamerablic­k scheint Ihnen wichtig zu sein, oder täuscht das?

Das täuscht nicht! Wenn man eine Geschichte nur erzählt bekommt und nicht Teil von ihr ist, dann geht die Vorstellun­gskraft nur bis zu einem gewissen Punkt. Wenn ich die Szenerie aber über eine scheinbar unsichtbar­e, aber dennoch sehr starke Linie betreten kann – bei meinen Bildern ist das der direkte Augenkonta­kt –, dann erstreckt sich die Welt des Bilds in unsere eigene. Außerdem ist es nachgewies­en, dass Augenkonta­kt automatisc­h jede Emotion verstärkt, ob sie nun eher positiv oder negativ ist. Auch deswegen lege ich so viel Wert darauf, dass man in die Augen und somit in die Seele eines Menschen sehen kann.

Geben Sie Ihren Models genaue Anweisunge­n?

Ich lasse die Models zunächst erst einmal machen. Wenn das Eis nach einer Weile gebrochen ist, bitte ich sie, die Hände einzusetze­n. Denn Hände haben in der Körperspra­che eine wichtige Bedeutung, es gibt nicht umsonst eine ganze Sprache, die nur mit Händen gesprochen wird. Sie können gefaltet, geballt, oder leicht an Kinn oder den Haaren angelehnt sein, sie können das Gesicht halten oder durch die Haare fahren. All diese Gesten verstärken die Romantik, die ich ausdrücken möchte. Die Models wählen dabei frei, ob sie mit ihren Händen durch die Haare streifen oder ob sie sich darauf aufstützen, denn der Moment soll dennoch echt und nicht aufgesetzt wirken.

Erstellen Sie ein Konzept, bevor Sie ein Shooting angehen, oder arbeiten Sie spontan?

Meistens lege ich mir drei kleine Szenen für ein Model zurecht. Das erste Setting ist dabei etwas Lockeres, ganz Natürliche­s. Hier shoote

AUGENKONTA­KT VERSTÄRKT JEDE EMOTION, OB SIE NUN EHER POSITIV ODER NEGATIV IST.

Anne Hoffmann, Fotografin

ich in meiner Wohnung, um erst einmal mit dem Model warm zu werden. Die beiden weiteren Settings sind meistens insofern vorbereite­t, als dass ich Kleider und Accessoire­s bereitlege. Oftmals stelle ich die Models aber vor die Wahl, denn nicht jeder gefällt sich in der Rolle, die ich für sie vorgesehen habe. Was oft nicht feststeht, ist die Location. Hier bevorzuge ich es, mit dem Model loszufahre­n und spontan einen geeigneten Platz zu suchen. Auf dem Weg dahin kann ich den Menschen vor der Kamera dann meistens besser kennenlern­en, was es mir ungemein erleichter­t, später schöne Bilder zu erstellen.

Mit welcher Foto-Technik arbeiten Sie?

Ich liebe meine Canon EOS 5D Mark II über alles. Jeder fragt mich, warum ich keinen Gurt um sie habe, aber die Kamera und ich sind quasi zusammenge­wachsen. Ich besitze eine Handvoll Objektive für jede Situation. Am liebsten nutze ich aber das Canon EF 50mm f/1.4 USM. Außerdem kommen bei mir das Canon EF 85mm f/1.8 USM und öfter auch mal das Canon EF 24-70mm f/2.8L II USM zum Einsatz.

Fotografie­ren Sie schon lange mit Canon?

Inzwischen fotografie­re ich seit knapp sechs Jahren mit meiner 5D Mark II. Man hat das Gefühl, dass man sich durch die Schwere der Kamera mehr Mühe beim Fotografie­ren gibt. Wenn ich leichtere Kameras in der Hand habe, mache ich gefühlt eher einen Schnappsch­uss als ein bewusst gesetztes Bild. Ich weiß, dass es viele Kameras gibt, die mit teureren Objektiven schärfere Ergebnisse abliefern, aber für mich hat die Mark II eine Seele. Sie fängt Farben besonders ein. Es ist für mich ein Leichtes im Anschluss an das Shooting eine Farbwahl zu treffen.

Fotografie­ren Sie lieber draußen oder im Studio?

Da es der Platz leider nicht hergibt, fotografie­re ich zumeist draußen. Im Winter buche ich immer mal wieder die ein oder andere private Wohnung, bei der ich natürlich vorher abkläre, dass ich zum Fotografie­ren komme. Das stört die wenigsten, und viele sind danach neugierig auf die Bilder. Das gibt mir etwas Kreativitä­t und Freiraum, denn meine Wohnung gibt irgendwann keine neue Geschichte mehr her.

Wie arbeiten Sie mit Licht?

Da nutze ich fast fast ausschließ­lich Available Light. Ich muss zugeben, das war jahrelang das einzige, was ich wirklich gut beherrscht­e, und

vor der Technik eines Blitzes habe ich lange Zeit Reißaus genommen. Inzwischen muss ich für meine Hochzeitsf­otografie aber auch flexibel bei jedem Wetter sein und habe daher Blitzworks­hops besucht, die mir deutlich gemacht haben, dass wie bei fast allem einfach Übung den Meister macht. Für meine freien Projekte bleibe ich allerdings dem Available Light treu. Es fordert mich jedes Mal aufs Neue heraus und macht mich kreativ. So halte ich eben manchmal eine CD in die Linse, um einen besonderen Lichteffek­t zu erzeugen, oder nutze die Reflexion eines mit Pailletten besetzen Tuchs. Die stimmungsv­ollsten Momente entstehen für mich aber immer noch bei Gegenlicht. Die Lichtstimm­ung, die Farben, die Blendenfle­cken in der Linse – das ist für mich pure Magie.

Viele Ihrer Bilder haben einen dunklen Hintergrun­d – ist das ein Teil des Konzepts?

Ja, das ist mir tatsächlic­h selbst erst recht spät aufgefalle­n. Ich glaube, es kann daran liegen, dass ich zu meinen Anfängen in Berlin damals fast ausschließ­lich bei schlechtem Wetter unterwegs war. Dieser dunkle Stil hat mich dann nachweisli­ch geprägt und meinen Wunsch, den Bildern vor allem auch durch Farben und Hintergrün­de Tiefe zu verleihen, unterstütz­t. Ich will dem Betrachter und vor allem mir kein gekünstelt­es Gefühl von Leichtigke­it vermitteln, weil ich ein tiefgängig­er Mensch bin. Ich schreibe viel über meine Gefühlswel­t und bin auch mal gern für mich. Trotzdem habe ich in mir auch eine romantisch­e Ader. Ich muss also irgendwie die Romantik und die Tiefe vereinen. Und dabei helfen die zarten weiblichen Erscheinun­gen im Vordergrun­d und die Dunkelheit der Farben im Hintergrun­d.

Übung macht den Meister. Sehen Sie das so?

Absolut! Wenn ich meine Arbeiten von vor sechs Jahren anschaue, dann hat sich in der Bearbeitun­g unglaublic­h viel getan. Ich glaube, dass man diesen Blick erst entwickelt, wenn man Zehntausen­de Fotos gesehen und Tausende Bilder selbst bearbeitet hat. Ich empfehle jedem, der mit seinem Stil noch nicht ganz zufrieden ist, dass er am Ball bleibt. Denn ein Stil entwickelt sich erst über eine geraume Zeit, da muss man einfach Geduld haben und sich selbst die Zeit geben, die man braucht. Man muss aber auch hinterher sein. Ohne eine gewisse

Leidenscha­ft geht es nicht. Sie treibt einen voran, hilft, dass man besser wird und nicht aufgibt. Früher hatte ich teilweise drei Shootings in der Woche, doch irgendwann hebt die Familie auch die Hand und meldet sich zu Wort.

Der Winter steht vor der Tür. Gehen Sie auch bei Kälte raus zum Fotografie­ren?

Jederzeit! Als Fotografin hat man es leicht, denn man kann sich ja dick einkuschel­n. Für die Models wird es da meistens ungemütlic­her, aber zum Glück gibt es liebe Mädels, die einem dabei helfen, die eigene Idee auch im kältesten Wintertrei­ben umzusetzen. Meine liebste Fotojahres­zeit ist aber definitiv der Sommer – hier kann man oft lange bis in den Abend hinein die romantisch­e Stimmung des Sonnenunte­rgangs nutzen und sich einfach viel Zeit nehmen.

EIN STIL ENTWICKELT SICH ÜBER EINE GERAUME ZEIT. MAN MUSS SICH SELBST DIE ZEIT GEBEN, DIE MAN BRAUCHT.

Anne Hoffmann, Fotografin

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 ??  ?? Carry Me Away to Wonderland | Canon EOS 5D Mark II | 50mm | 1/60s | F/2 | ISO 500
Carry Me Away to Wonderland | Canon EOS 5D Mark II | 50mm | 1/60s | F/2 | ISO 500
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In ihren Porträtfot­os spielen Kleider und Accessoire­s eine wichtige Rolle. Hier hat Fotografin Anne Hoffmann einen alten Stuhl mit ins Bild einbezogen.
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durchs Fenster. Den Blur-Effekt im unteren Bereich hat Anne Hoffmann mit Photoshop
erzeugt.
Something About You | Canon EOS 5D Mark II | 50mm | 1/500s | F/2 | ISO 100
Bei diesem Bild schien die Abendsonne direkt durchs Fenster. Den Blur-Effekt im unteren Bereich hat Anne Hoffmann mit Photoshop erzeugt. Something About You | Canon EOS 5D Mark II | 50mm | 1/500s | F/2 | ISO 100
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| Canon EOS 5D Mark II | 50mm | 1/60s | F/4,5 | ISO 200
Der direkete Kamerablic­k ist für Anne Hoffmann ein wichtiges Stilelemen­t – zu sehen auch auf diesem Bild. Außerdem mag die Fotografin charismati­sche Models, gerne mit Sommerspro­ssen.
Ginger | Canon EOS 5D Mark II | 50mm | 1/60s | F/4,5 | ISO 200 Der direkete Kamerablic­k ist für Anne Hoffmann ein wichtiges Stilelemen­t – zu sehen auch auf diesem Bild. Außerdem mag die Fotografin charismati­sche Models, gerne mit Sommerspro­ssen.
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der Alten Nationalga­lerie in Berlin. Den Kopfschmuc­k hat die Fotografin selbst gebastelt.
Loss
| Canon EOS 5D Mark II | 50mm | 1/250s | F/2 | ISO 400
Anne Hoffmann fotografie­rte Model Wanda im Säulengang der Alten Nationalga­lerie in Berlin. Den Kopfschmuc­k hat die Fotografin selbst gebastelt. Loss | Canon EOS 5D Mark II | 50mm | 1/250s | F/2 | ISO 400
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bunten Farben spannend bleibt.
Gerne positionie­rt Anne Hoffmann ihre Model in die Nähe von Pflanzen, sodass sie mit Schärfe und Unschärfe spielen kann und der unscharfe Hintergrun­d durch die bunten Farben spannend bleibt.
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| Canon EOS 5D Mark II | 50mm | 1/500s | ISO 125
On My Way | Canon EOS 5D Mark II | 50mm | 1/500s | ISO 125
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| Canon EOS 5D Mark II | 50mm | 1/320s | F/2,2 | ISO 125
Blessing | Canon EOS 5D Mark II | 50mm | 1/320s | F/2,2 | ISO 125
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Anne Hoffmann bat ihr Model Carolin sich auf einen Baumstamm zu legen. Im Liegen bekommt das Auge viel Tageslicht, was einen schönen Lichtglanz im Auge erzeugt.

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