PRA­XIS­TEST PANERAI

Die Submersible von Panerai steht in der lan­gen Tra­di­ti­on der In­stru­men­te für Kampf­schwim­mer. Wir ha­ben die 2017 vor­ge­stell­te Mo­dell­va­ri­an­te dem ul­ti­ma­ti­ven Här­te­test un­ter­zo­gen: Eis­tau­chen!

Chronos - - Inhalt - TEXT JENS KOCH FO­TOS JENS KÖPPE, JENS KOCH

Wir wa­gen mit der Luminor Submersible den Sprung ins Eisloch. Wie gut kommt die Uhr un­ter die­sen ex­tre­men Be­din­gun­gen zu­recht?

WIR SCHÄTZENGEFAH­ren oft falsch ein. So ha­ben vie­le Men­schen Angst vor Hai­en, nicht aber vor Ku­gel­schrei­bern, ob­wohl nach­weis­lich deut­lich mehr Men­schen an Ku­gel­schrei­bern er­sti­cken, als durch Hai­bis­se ster­ben.

Beim Eis­tau­chen ver­hält es sich ähn­lich: Zwar ist die Ge­fahr, auf ei­nem zu­ge­fro­re­nen See ins Eis ein­zu­bre­chen und zu er­trin­ken, recht hoch, wenn die Eis­schicht nicht dick ge­nug ist. Aber wenn Tau­cher ein Eis­tauch-bre­vet er­hal­ten ha­ben, wissen sie, wie sie das Ri­si­ko so weit ver­rin­gern, dass es über­schau­bar wird. Ganz so ge­fähr­lich wie die Mis­sio­nen der Kampf­schwim­mer in den 1940er und 1950er Jah­ren, für die Panerai ur­sprüng­lich sei­ne Uh­ren ent­wi­ckelt hat, wird es al­so für uns nicht.

Al­ler­dings muss­ten wir bis nach Tirol fah­ren, um ei­nen See mit aus­rei­chend di­cker Eis­de­cke zu fin­den. Nach­dem wir die Ge­neh­mi­gung zum Eis­tau­chen ein­ge­holt ha­ben, sä­gen wir an ei­nem Seil ge­si­chert mit der Mo­tor­sä­ge klei­ne­re Blö­cke aus der Eis­schicht und drü­cken sie un­ter das Eis. Nach ei­ni­ger Zeit ent­steht so ein aus­rei­chend gro­ßes Loch für zwei Tau­cher. Die Tem­pe­ra­tur des Was­sers be­trägt frische +1 Grad Cel­si­us. Um sich vor der Käl­te zu schüt­zen, tra­gen Tau­cher beim Eis­tau­chen so­ge­nann­te Tro­ck­en­tauch­an­zü­ge. An­ders als nor­ma­le Neo­pren­an­zü­ge las­sen die­se kein Was­ser an die Haut, wer­den mit Druck­luft als Iso­la­ti­on be­füllt und er­lau­ben so­gar war­me Un­ter­klei­dung.

Die Tro­cken­an­zü­ge tra­gen so dick auf, dass es schwie­rig wird, ei­ne Uhr dar­über zu tra­gen. Auch die Hand­schu­he wer­den meist mit ei­nem Ba­jo­nett­ver­schluss was­ser­dicht mit dem An­zug ver­bun­den und sind deut­lich di­cker als Neo­pren­hand­schu­he. Über dem Hand­schuh konn­ten wir die Submersible mit der Dorn­schlie­ße ge­ra­de so im letz­ten Loch be­fes­ti­gen. Al­ler­dings ist das mon­tier­te Xl-kau­tschukarm­band für ein nor­ma­les Hand­ge­lenk oh­ne Tauch­an­zug ei­gent­lich zu weit. Der Ver­stell­be­reich reicht al­so nicht für bei­de An­for­de­run­gen aus. Mehr Lö­cher im Band oder ein Ver­län­ge­rungs­stück wä­ren für un­se­re Zwe­cke gut ge­we­sen. Als hilf­reich beim Tau­chen er­wei­sen sich die auf­fäl­li­gen Deh­nungs­win­dun­gen im Band na­he den An­stö­ßen: Sie se­hen nicht nur pro­fes­sio­nell aus, son­dern sor­gen auch da­für, dass die Uhr un­ter Was­ser, wenn der Tauch­an­zug kom­pri­miert wird, noch eng am Arm bleibt. Da der Druck den Tauch­an­zug zu­sam­men­presst, kann es sonst im Ex­trem­fall da­zu kom­men, dass die Uhr so lo­cker wird, dass sie vom Arm rutscht.

Die größ­te Ge­fahr be­steht beim Eis­tau­chen da­rin, dass der Tau­cher das Ein­stiegs­loch nicht wie­der­fin- det und bei Schwie­rig­kei­ten un­ter Was­ser nicht ein­fach auf­tau­chen kann, da sich über ihm ei­ne Eis­de­cke be­fin­det. Da­her taucht man wie im­mer zu zweit, seilt sich an, hat Si­che­rungs­leu­te an der Ober­flä­che und gibt über das Seil Zug­si­gna­le, falls es Pro­ble­me gibt. Im Not­fall kön­nen dann die bei­den Tau­cher vom Si­che­rungs­mann zum Loch zu­rück­ge­zo­gen wer­den.

His­to­risch in­spi­rier­tes De­sign

Un­se­re Tau­cher set­zen sich auf die Eis­kan­te und wuch­ten sich mit ih­rem schwe­ren Equip­ment ins Was­ser. Die Uhr muss ne­ben den ex­tre­men Tem­pe­ra­tu­ren auch ei­ni­gen Kon­takt mit dem har­ten Eis über­ste­hen. Un­ser Test­kan­di­dat mit dem et­was sper­ri­gen Mo­dell­na­men Luminor Submersible 1950 Ama­gne­tic 3 Days Au­to­ma­tic Ti­ta­nio be­sitzt das ty­pi­sche Ge­häu­se mit Kro­nen­schutz­brü­cke, das Panerai seit Mit­te der 1950er Jah­ren ver­wen­de­te. Auch für die bei Panerai eher sel­te­ne Drehlünette gab es ein his­to­ri­sches Vor­bild. Die meis­ten Uh­ren von Panerai ka­men oh­ne die­ses spä­ter für Tau­cher un­ver­zicht­ba­re De­tail aus. Aber 1956 lie­fer­te Panerai meh­re­re Uh­ren mit Drehlünette an die ägyp­ti­sche Ma­ri­ne. Mit 60 Mil­li­me­tern Durch­mes­ser über­rag­te die­se Ver­si­on die an­de­ren, 47 Mil­li­me­ter gro­ßen Uh­ren deut­lich. Un­se­re Te­stuhr kommt eben­falls auf trag­ba­re 47 Mil­li­me­ter.

Be­vor die Tau­cher un­ter Was­ser ver­schwin­den, dre­hen sie bei der Te­stuhr den Leucht­punkt der ein­sei­tig dreh­ba­ren Lü­net­te auf den Mi­nu­ten­zei­ger, um un­term Eis die Tauch­zeit ab­le­sen zu kön­nen. Für die in Mi­nu­ten­schrit­ten ras­ten­de Drehlünette be­nö­tigt man et­was

Kraft. Die fei­ne Rif­fe­lung er­schwert zu­dem die Be­die­nung mit Hand­schu­hen. Das De­sign mit den klei­nen er­ha­be­nen Zy­lin­dern für die Fünf-mi­nu­ten-in­de­xe und gro­ßen er­ha­be­nen Zy­lin­dern für die 15Mi­nu­ten-in­de­xe stammt vom 1956 ge­bau­ten Vor­bild für die ägyp­ti­sche Ma­ri­ne. Wie der Rest des Ge­häu­ses be­steht die Lü­net­te aus Ti­tan, die Ska­la aus matt­schwar­zer Ke­ra­mik. Es gibt auch Ver­sio­nen oh­ne Ke­ra­mik­ska­la, die op­tisch dem his­to­ri­schen Mo­dell noch nä­her­kom­men, aber uns ge­fällt die kon­trast­rei­che Te­stuhr noch bes­ser. Ne­ben der kratz­fes­ten Ke­ra­mik­ska­la sorgt auch die fei­ne Rif­fe­lung da­für, dass Krat­zer an die­ser ex­po­nier­ten Stel­le kein The­ma sind.

Leuch­ten und spie­geln

Un­ter Was­ser zählt bei ei­ner Taucheruhr vor al­lem die Ables­bar­keit. Die Submersible spie­gelt dort nicht ganz so ex­trem wie über Was­ser. Und dank der üp­pi­gen Leucht­mas­se lässt sich die Zeit schnell er­fas­sen. Der Leucht­in­dex auf der Lü­net­te und der Mi­nu­ten­zei­ger leuch­ten in Blau, wäh­rend die an­de­re Leucht­mas­se grün schim­mert. So kann man die Tauch­zeit durch die farb­li­che Her­vor­he­bung noch schnel­ler ab­le­sen. Auch die klei­ne Se­kun­de leuch­tet und lässt sich so un­ter Was­ser nut­zen, um zu über­prü­fen, ob die Uhr noch läuft.

Die Eis­schicht sieht von un­ten mit et­was Ab­stand aus wie ei­ne mat­te Glas­schei­be, das Ein­stiegs­loch wie ein Fens­ter. Luft­bla­sen stei­gen hoch und sam­meln sich un­term Eis zu grö­ße­ren fla­chen Ge­bil­den, die wie Pfüt­zen aus­se­hen – ein fas­zi­nie­ren­des Schau­spiel. Vor al­lem, weil im Win­ter die Sicht un­ter Was­ser bes­ser ist, weil es we­ni­ger Schwe­be­tei­le und Al­gen gibt.

Die Druck­fes­tig­keit der Submersible bis 300 Me­ter kön­nen wir heu­te nicht aus­tes­ten: Der See ist nur knapp 40 Me­ter tief, und die Si­che­rungs­sei­le sind mit zehn Me­tern noch kür­zer.

Nach drei Tauch­gän­gen schau­en wir uns die Submersible ge­nau­er an. Wie er­war­tet, kann man auf dem har­ten Sa­phirglas und der ro­bus­ten Ke­ra­mik­drehlü­net­te, wo es sehr auf­fal­len wür­de, kei­ne Krat­zer er­ken­nen. Auch der Rest des Tit­an­ge­häu­ses sieht mit blo­ßem Au­ge un­ver­sehrt aus, erst mit ei­ner Lu­pe las­sen sich auf der sa­ti­nier­ten Flan­ke klei­ne Krat­zer ent­de­cken. Et­was schlech­ter er­ging es der ex­po­nier­ten Dorn­schlie­ße: Durch den Kon­takt mit dem har­ten Equip­ment zei­gen sich hier zwei Schram­men, die man aber durch Nach­sa­ti­nie­ren wie­der her­aus­be­kom­men wür­de. Glück­li­cher­wei­se, denn ei­ne Er­satz­dorn­schlie­ße schlägt mit 180 Eu­ro zu Bu­che.

Auch der Prä­zi­si­on ha­ben die Schlä­ge und die ex­tre­men Tem­pe­ra­tu­ren nicht ge­scha­det: Die von der Zeit­waa­ge er­mit­tel­te mitt­le­re Ab­wei­chung über al­le La­gen fällt mit +1,3 Se­kun­den am Tag na­he­zu per­fekt aus. Nur die ma­xi­ma­le Dif­fe­renz zwi­schen den un­ter­schied­li­chen La­gen ist mit zehn Se­kun­den et­was zu groß.

Ih­ren Ex­trem­test un­term Eis hat die Panerai al­so be­stan­den. Da man die Uhr ja nicht nur un­ter Was­ser tra­gen möch­te, spie­len aber auch an­de­re Fak­to­ren ei­ne Rol­le. So hält die Submersible dank Weich­ei­sen­in­nen­ge­häu­se Ma­gnet­fel­der vom Werk fern, was in unserem an Tech­nik und Ma­gne­ten rei­chen All­tag durch­aus lohnt.

Auch die Be­die­nung er­leich­tert die Te­stuhr mit dem ein­fach zu öff­nen­den Kro­nen­schutz­bü­gel, dem Se­kun­den­stopp und dem zu­sätz­lich in St­un­den­schrit­ten ver­stell­ba­ren St­un­den­zei­ger, der sich bei der Um­stel­lung von Win­ter- auf Som­mer­zeit be­währt. An­der­seits kann so die Jus­tie­rung des Da­tums et­was län­ger dau­ern als bei ei­ner rich­ti­gen Da­tums­schnell­ver­stel­lung.

Aus­dau­ern­des Werk

Das so ein­zu­stel­len­de Werk heißt P.9010 und stellt die von Panerai 2016 über­ar­bei­te­te Ver­si­on des Ma­nu­fak­tur ka­li­bers P .9000 dar. Es baut mit sechs Mil­li­me­tern fast zwei Mil­li­me­ter fla­cher als das P.9000, was un­se­rer Te­stuhr trotz ho­her Druck­fes­tig­keit und Ma­gnet­feld schutz in­nen­ge­häu­se ei­ne re­la­tiv fla­che Sei­ten­li­nie ver­leiht. Mit drei Ta­gen Gang­au­to­no­mie läuft die Submersible am Mon­tag noch, wenn sie am Frei­tag­abend ab­ge­legt wur­de. Zwei Fe­der­häu­ser und ein in bei­de Rich­tun­gen auf­zie­hen­der – und deut­lich hör­ba­rer – Ro­tor ma­chen es mög­lich. Die über Rän­del­schrau­ben ver­stell­ba­re Un­ruh­brü­cke för­dert Sta­bi­li­tät und Prä­zi­si­on. Die frei­schwin­gen­de Un­ruh mit Fein re­gu­lie­rungüb er Ge­wichts­schrau­ben am Un­ruh reif soll­te eben­falls Ge­nau­ig­keit und Fein­re­gu­lie­rung ver­bes­sern. Die Pla­ti­ne ver­deckt wie bei Panerai üb­lich das meis­te des Wer­kes. Es putzt sich aber mit Strei­fen­schliff, po­lier­ten Schrau­ben und ge­bro­che­nen und po­lier­ten Kanten her­aus.

Preis­lich gibt sich die Panerai mit 10700 Eu­ro an­spruchs­voll. Sie bie­tet zwar ei­ni­ges und kann auch mit ei­ner gu­ten Ver­ar­bei­tung über­zeu­gen, aber es gibt auch bei Panerai Mo­del­le mit ei­nem bes­se­ren Preis-leis­tungs-ver­hält­nis. Auch im Kon­kur­renz­um­feld liegt sie preis­lich eher im obe­ren Drit­tel und kos­tet so­gar et­was mehr als die Rolex Sea-dwel­ler, die mit dem neu­en Werk nun eben­falls über fast drei Tage Gang­au­to­no­mie ver­fügt.

Die Submersible ist oh­ne­hin eher et­was für Cha­rak­ter­köp­fe, die sich ab­he­ben wol­len und auch mal die Ge­fahr su­chen – zu­min­dest wenn sie über­schau­bar ist: Es müs­sen ja nicht gleich Ku­gel­schrei­ber sein – Eis­tau­chen mit Hai­en reicht völ­lig. [4920]

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