TECHNOLOGIEEXPRESS

TEXT JENS KOCH Wie schützt man ei­ne Uhr vor Stö­ßen, Krat­zern, ex­tre­men Tem­pe­ra­tu­ren oder Was­ser? Sinn hat auf all die­se Fra­gen ei­ne in­no­va­ti­ve Ant­wort ge­fun­den und in ei­nen Groß­teil sei­ner Uh­ren ein­ge­baut. Die Prei­se blie­ben trotz des Ent­wick­lungs­auf­wands

Chronos - - Ingenieurmarke Sinn Spezialuhren -

ALS DER MASCHINENBAUINGENIEUR

Lothar Schmidt 1994 die Frank­fur­ter Uh­ren­mar­ke Sinn über­nahm, war ihm klar, dass er sein tech­ni­sches Know-how ein­set­zen und die Uh­ren der Mar­ke durch in­no­va­ti­ve Tech­nik funk­tio­na­ler ge­stal­ten wür­de. Er be­nann­te die Fir­ma in Sinn Spe­zi­al­uh­ren um und ent­wi­ckel­te noch im glei­chen Jahr das Mo­dell 244 mit Ma­gnet­feld­schutz und frei­schwin­gend auf­ge­häng­tem Uhr­werk. Schon 1995 kam ein neu­ar­ti­ges Ma­te­ri­al zum Ein­satz: Sinn stell­te ei­ne 22-Ka­rat-gold­uhr vor, de­ren spe­zi­el­le Le­gie­rung das wei­che Ma­te­ri­al so kratz­fest wie Edel­stahl mach­te. Auch die Ar-tro­cken­hal­te­tech­nik setz­te Sinn be­reits in die­sem Jahr bei der 203 Ti Ar ein. So ging es in schnel­ler Fol­ge wei­ter. In­ner­halb kür- zes­ter Zeit hat­te Schmidt aus der 1961 vom Pi­lo­ten Hel­mut Sinn ge­grün­de­ten Flie­ge­ruh­ren­mar­ke, die in der Schweiz Pri­va­te-la­bel-pro­duk­te ein­kauf­te, ein Un­ter­neh­men mit ei­ge­ner Tech­no­lo­gie, ei­ge­nen Werk­zeu­gen und ei­ge­ner Ent­wick­lungs­ab­tei­lung ge­macht.

Da­bei war Schmidt eher auf Um­we­gen in der Uh­ren­bran­che ge­lan­det: Nach sei­nem Stu­di­um und der an­schlie­ßen­den Bun­des­wehr­zeit ar­bei­te­te der ge­bür­ti­ge Saar­län­der zu­nächst in ei­ner Ma­schi­nen­baufa­brik in La Chaux-de-fonds. Kurz da­nach wech­sel­te er – was in der Hei­mat der Uhr­macher­kunst fast un­aus­weich­lich ist – in die Uh­ren­bran­che. Ab 1976 war er fünf Jah­re lang als tech­ni­scher Di­rek­tor bei der Ge­häu­se­fa­brik Bräu­chy in La Chaux-de-fonds tä­tig.

Ei­gent­lich woll­te er wie­der nach Deutsch­land und be­warb sich 1981 beim Au­to­mo­bil­zu­lie­fe­rer VDO. Der hat­te kurz zu­vor die Uh­ren­mar­ken Ja­e­ger-le­coult­re und IWC ge­kauft und war froh, je­man­den mit Er­fah­rung in der Ge­häu­se­her­stel­lung ge­fun­den zu ha­ben. So kam Schmidt zu IWC nach Schaff­hau­sen und zeich­ne­te un­ter an­de­rem für die Ar­beits­vor­be­rei­tung in der Pro­duk­ti­on und Teil­be­rei­che der Ent­wick­lung ver­ant­wort­lich und war spä­ter als Pro­ku­rist tä­tig. 1994 kün­dig­te er und über­nahm die Frank­fur­ter Uh­ren­mar­ke von Hel­mut Sinn. Das er­wähn­te Mo­dell 244 mit Ma­gnet­feld­schutz war auch die ers­te Uhr, die mit ei­ge­nem Werk­zeug pro­du­ziert wur­de. Die Pri­va­te-la­bel-ära war be­en­det.

Ne­ben der Ent­wick­lung neu­er Mo­del­le über­nahm Schmidt auch Uh­ren sei­nes Vor­gän­gers, die sich bei den Kun­den be­son­ders be­währt hat­ten. Die Mo­dell­rei­hen 103, 140, 144 und 903, die noch heu­te zur Kol­lek­ti­on ge­hö­ren, wur­den ab so­fort mit ei­ge­nen Werk­zeu­gen ge­fer­tigt. Sie er­hiel­ten ei­nen op­ti­schen Fein­schliff, wur­den tech­nisch auf den neu­es­ten Stand ge­bracht und nach und nach mit den Sinn-tech­no­lo­gi­en aus­ge­stat­tet.

Sinn ent­wi­ckel­te in den fol­gen­den Jah­ren Ein­satz­zeit­mes­ser (EZM) für ver­schie­de­ne pro­fes­sio­nel­le An­wen­der. Da­zu ge­hör­ten Pi­lo­ten, Tau­cher, Feu­er­wehr­leu­te, Not­fall­me­di­zi­ner, Ret­tungs­kräf­te, Spe­zi­al­ein­hei­ten der deut­schen Bun­des­po­li­zei und der Bun­des­wehr, das Kom­man­do Spe­zi­al­kräf­te der Ma­ri­ne (KSM) und die Spe­zi­al­ein­heit der deut­schen Zoll­ver­wal­tung.

Da­bei stand die Funk­ti­on im­mer im Mit­tel­punkt: Al­les Un­nö­ti­ge wur­de weg­ge­las­sen, und deut­lich er­kenn­ba­re Zei­ger so­wie In­de­xe mit viel Leucht­mas­se bil­de­ten die Grund­la­ge für ei­ne gu­te Ables­bar­keit. Da­ne­ben ent­wi­ckel­te Sinn zahl­rei­che Tech­no­lo­gi­en, die die Uh­ren wi­der­stands­fä­hi­ger und noch bes­ser ab­les­bar mach­ten.

Ei­ne der kom­ple­xes­ten und in­no­va­tivs­ten ist die ArTro­cken­hal­te­tech­nik. Sinn hat­te sie ur­sprüng­lich für Tau­cher­uh­ren ent­wi­ckelt, um das Be­schla­gen des Gla­ses zu ver­hin­dern. Bei ex­tre­men Tem­pe­ra­tur­wech­seln, zum Bei­spiel wenn man in hei­ßen Ge­gen­den ins kal­te Was­ser steigt, kon­den­siert Feuch­tig­keit in der Uhr in­nen am Glas und ver­hin­dert so die Ables­bar­keit. Die Tech­nik ba­siert auf drei Baustei­nen: ver­bes­ser­ten Dich­tun­gen, Schutz­gas­fül­lung und Tro­cken­hal­te­kap­seln.

Als In­ge­nieur ist Lothar Schmidt auch Per­fek­tio­nist. Selbst Klei­nig­kei­ten wie Dich­tun­gen ent­ge­hen nicht sei­ner kri­ti­schen Prü­fung. Bei der Tro­cken­hal­te­tech­nik be­ste­hen die Dich­tun­gen aus Vi­ton. Das grü­ne Ma­te­ri­al hält nicht nur län­ger als die sonst ver­wen­de­ten schwar­zen Ni­tril-dich­tun­gen, es lässt auch vier­mal we- ni­ger Ga­se und Luft­feuch­tig­keit ins In­ne­re und ist ge­gen vie­le Che­mi­ka­li­en be­stän­di­ger als Ni­tril. Die­se so­ge­nann­ten Edr-dich­tun­gen (ex­trem dif­fu­si­ons­re­du­zie­rend) kos­ten deut­lich mehr und lie­gen da­mit nicht mehr im Cent-, son­dern im Eu­ro­be­reich.

Soll­te die Dich­tung nicht in der ge­wünsch­ten Grö­ße vor­rä­tig sein, fal­len noch meh­re­re Hun­dert Eu­ro für das Werk­zeug an. Kos­ten, die Lothar Schmidt nicht scheut: Ne­ben der Bo­den­dich­tung be­ste­hen auch die zwei O-ring-dich­tun­gen und die Flach­dich­tung der Kro­ne aus Vi­ton.

Ih­ren Na­men be­kam die Ar-tro­cken­hal­te­tech­nik, weil das Ge­häu­se ur­sprüng­lich mit dem großato­mi­gem Edel­gas Ar­gon ge­füllt wur­de. Heu­te ver­wen­det Sinn Stick­stoff. Der Grund für das Be­fül­len des Ge­häu­ses mit dem Schutz­gas: Es lässt Luft­feuch­tig­keit nicht so leicht ins Ge­häu­se ein­drin­gen und be­sitzt ei­nen nied­ri­ge­ren Tau­punkt, der da­für sorgt, das Feuch­tig­keit erst we­sent­lich spä­ter kon­den­siert.

Sinn be­füllt die Ge­häu­se mit ei­ner Ma­schi­ne, die ei­gens zu die­sem Zweck ent­wi­ckelt wur­de. Die Uhr wird oh­ne Band und oh­ne äu­ße­re Tro­cken­hal­te­kap­sel in ei­ne Hal­te­rung ge­steckt und das Gan­ze mit ei­nem De­ckel ver­schlos­sen. Nun wird die Ge­rät ge­star­tet und er­zeugt ein Va­ku­um, um die Luft aus dem Ge­häu­se zu ent­fer­nen.

ei­nen Weg ge­fun­den, die Funk­ti­on der Uh­ren auch bei ex­tre­men Tem­pe­ra­tu­ren von mi­nus 45 bis plus 80 Grad Cel­si­us zu ge­währ­leis­ten. Auch hier setzt Schmidt auf ei­ne Tech­nik mit meh­re­ren Kom­po­nen­en­ten. Die wich­tigs­te ist ein Spe­zi­al­öl, des­sen Vis­ko­si­tät über ei­nen viel grö­ße­ren Tem­pe­ra­tur­be­reich gleich bleibt. Sinn lie­fert das Öl an die Wer­ke­her­stel­ler Eta und Sel­li­ta, die dann die Wer­ke für Sinn da­mit schmie­ren. Da­bei eig­net es sich für die An­ker­pa­let­ten eben­so wie fürs Rä­der­werk und die Un­ruh­la­ger, so­dass bei Sinn-uh­ren mit die­ser Tech­no­lo­gie nur ein ein­zi­ges Öl ver­wen­det wird, wäh­rend nor­ma­ler­wei­se min­des­tens drei ver­schie­de­ne zum Ein­satz kom­men.

Zu­dem müs­sen zu­ge­lie­fer­te Tei­le wie Zei­ger stren­ge­re An­for­de­run­gen be­züg­lich der Maß­to­le­ranz er­fül­len. Denn die Tei­le ei­nes Uhr­werks deh­nen sich bei Wär­me un­ter­schied­lich stark aus und zie­hen sich bei Käl­te un­ter­schied­lich stark zu­sam­men. Das kann da­zu füh­ren, dass Zahn­rä­der sich ver­klem­men. Ei­ni­ge Kom­po­nen­ten wie bei­spiels­wei­se die Zei­ger mit Leucht­mas­se ver­hal­ten sich au­ßer­dem ähn­lich wie ein Bi­me­tall: Durch zwei un­ter­schied­lich auf Tem­pe­ra­tur re­agie­ren­de Ma­te­ria­li­en ver­for­men sie sich. Für die Zei­ger kann das be­deu­ten, dass sie am Glas schlei­fen oder sich ge­gen­sei­tig be­rüh­ren.

Um das aus­zu­schlie­ßen, wird in Frank­furt je­de ein­zel­ne Uhr für 24 St­un­den im Kli­ma­schrank bei mi­nus 45 Grad und wei­te­re 24 St­un­den bei plus 80 Grad ge­tes­tet. Das scheint auch nö­tig, denn et­wa zehn Pro­zent der Uh­ren blei­ben da­bei ste­hen. Hier er­set­zen die Uhr­ma­cher dann bei­spiels­wei­se Zei­ger und tes­ten die Uhr er­neut. Falls das Pro­blem nicht ge­fun­den wer­den kann, scha­len sie das Werk wie­der aus und ver­wen­den es in ei­nem Mo­dell oh­ne Tem­pe­ra­tur­re­sis­tenz­tech­no­lo­gie. Oh­ne­hin ver­wen­det Sinn das Spe­zi­al­öl bei den meis­ten an­de­ren Uh­ren eben­falls, oh­ne ex­pli­zit dar­auf hin­zu­wei­sen.

Kein Wun­der, dass die so aus­ge­rüs­te­ten Uh­ren tat­säch­lich bei ho­hen Be­an­spru­chun­gen ein­ge­setzt wer­den. So trug der Po­lar­for­scher Ar­ved Fuchs bei zahl­rei­chen Ex­pe­di­tio­nen ei­ne U2 (EZM 5).

Die Hy­dro-tech­no­lo­gie ga­ran­tiert für Tau­cher­uh­ren ei­ne ab­so­lu­te Be­schlag­si­cher­heit, op­ti­ma­le Ables­bar­keit un­ter Was­ser und die Druck­fes­tig­keit des Ge­häu­ses für je­de er­denk­li­che Tauch­tie­fe. Bei der Hy­droTech­no­lo­gie (Mo­dell­rei­he UX) wird das Ge­häu­se mit ei­ner farb­lo­sen, nicht lei­ten­den Flüs­sig­keit, de­ren ge­naue Ty­pi­sie­rung Sinn nicht preis­gibt, be­füllt. Da sich Flüs­sig­kei­ten, an­ders als Ga­se, un­ter Druck nicht kom-

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