Ex­ten­ded Rea­li­ty

Auf der AWE Eu­ro­pe, dem eu­ro­päi­schen Ab­le­ger der welt­weit größ­ten Kon­fe­renz für Aug­men­ted, Vir­tu­al und Mi­xed Rea­li­ty (AR, VR, MR), ga­ben Un­ter­neh­men aus den ver­schie­dens­ten Bran­chen ei­nen Ein­blick in den ak­tu­el­len Ent­wick­lungs­stand der Tech­nik.

Computerwoche - - Inhalt - Von Man­fred Brem­mer, Se­ni­or Edi­tor IoT & Mo­bi­le

Für Aug­men­ted, Vir­tu­al und Mi­xed Rea­li­ty hat sich die Bran­che den Be­griff Ex­ten­ded Rea­li­ty ein­fal­len las­sen. Auf der Kon­fe­renz AWE Eu­ro­pe ga­ben Un­ter­neh­men aus ver­schie­de­nen Bran­chen ei­nen Ein­blick in den ak­tu­el­len Stand der Tech­nik.

Go XR or go extinct“, lau­te­te das pro­vo­zie­ren­de Mot­to, un­ter dem Ori In­bar, AWE-Mit­be­grün­der und CEO, die knapp 2000 Be­su­cher der dies­jäh­ri­gen Ver­an­stal­tung in Mün­chen be­grüß­te. Rund 50 Jah­re nach der Er­fin­dung von Aug­men­ted Rea­li­ty durch Ivan Su­ther­land ge­be es zahl­rei­che Hin­wei­se dar­auf, dass mit Ex­ten­ded Rea­li­ty (oder XR als neu­em Sam­mel­be­griff) die nächs­te Com­pu­ting-Wel­le un­mit­tel­bar be­vor­ste­he.

Ana­lys­ten rech­ne­ten in der nächs­ten De­ka­de mit ei­nem Markt­vo­lu­men von 200 Mil­li­ar­den Dol­lar, be­haup­te­te In­bar. Au­ßer­dem hät­ten mit App­le, Goog­le, Face­book und Mi­cro­soft die gro­ßen IT-Kon­zer­ne in das The­ma in­ves­tiert und XR sei bei über 70 Pro­zent der For­tu­ne1000-Un­ter­neh­men be­reits er­folg­reich im Ein­satz. Die ent­schei­den­de Fra­ge sei nun, wann Smart Glas­ses end­lich Main­stream wür­den, so der AWE-Mit­be­grün­der. Schließ­lich ha­be es be­reits in den letz­ten Jah­ren im­mer ge­hei­ßen: Jetzt dau­ert es nur noch drei Jah­re. In­bar selbst rech­net mit dem end­gül­ti­gen Durch­bruch, wenn App­le sei­ne in­tern als T288 be­zeich­ne­te Da­ten­bril­le auf den Markt bringt, al­so ver­mut­lich im Jahr 2021. Der ka­li­for­ni­sche Her­stel­ler be­tritt da­mit kei­nes­wegs tech­ni­sches Neu­land, mitt­ler­wei­le bie­ten be­reits rund 50 Fir­men Head­sets an – mehr als ein Dut­zend da­von wa­ren auf der AWE 2018 zu be­stau­nen.

Be­son­de­res Auf­se­hen zwi­schen den Mi­cro­sof­tHo­loLens-Ge­rä­ten und den VR-Bril­len von Face­book-Toch­ter Ocu­lus Rift er­reg­te im Aus­stel­lungs­be­reich die schlan­ke AR-Bril­le „Vu­zix Bla­de“, die An­fang No­vem­ber auf den Markt kom­men soll. Auch das mit über zwei Mil­li­ar­den Dol­lar Ri­si­ko­ka­pi­tal aus­ge­stat­te­te Star­t­up Ma­gic Leap war mit sei­nen „One“-Head­sets vor Ort. In ei­nem se­pa­ra­ten Raum hat­ten Ent­wick­ler und po­ten­zi­el­le Kun­den – lei­der nicht die Pres­se – Ge­le­gen­heit, die Fä­hig­kei­ten der Smart Glas­ses aus­zu­pro­bie­ren.

Noch span­nen­der als die zur Schau ge­stell­te Hard­ware wa­ren die mit Hil­fe der De­vices um­ge­setz­ten AR- und VR-Sze­na­ri­en. Im Bu­si­nes­sUm­feld um­fas­sen die An­wen­dungs­mög­lich­kei­ten nicht mehr nur die Tech­nik-Spiel­wie­sen Ver­trieb und Mar­ke­ting, son­dern er­stre­cken sich über die ge­sam­te Wert­schöp­fungs­ket­te – aus­ge­hend vom Design bis hin zu Pro­duk­ti­on, Ser­vice und Be­trieb.

Chan­cen in Fer­ti­gung und Ser­vice­be­rei­chen

„AR kann In­dus­trie­un­ter­neh­men im Rah­men ih­rer ge­sam­ten di­gi­ta­len Trans­for­ma­ti­on ei­nen er­heb­li­chen Vor­teil ver­schaf­fen“, sag­te Mi­ke Camp­bell, Exe­cu­ti­ve Vice Pre­si­dent Aug­men­ted Rea­li­ty Pro­ducts bei PTC. Er ver­wies da­bei auf ei­ne bei der Aber­de­en Group in Auf­trag ge­ge­be­ne Stu­die sei­nes Hau­ses, wo­nach Un­ter­neh­men, die AR ein­set­zen, im Jah­res­ver­gleich ein be­deut­sa­mes Wachs­tum ver­zeich­nen und ihr Er­geb­nis dras­tisch ver­bes­sern kön­nen. Wie Camp­bell aus­führ­te, kön­nen Un­ter­neh­men mit AR be­son­ders ef­fek­tiv ak­tu­el­le Pro­ble­me in

den Be­rei­chen Fer­ti­gung und Ser­vice-Management be­kämp­fen, et­wa den Man­gel an ge­schul­ten Mit­ar­bei­tern, die zu­neh­men­de Kom­ple­xi­tät der Pro­duk­te und Ar­beits­um­ge­bun­gen so­wie die wach­sen­den An­for­de­run­gen der Kun­den.

Der PTC-Ma­na­ger ver­wies bei­spiel­haft auf den Land­ma­schi­nen­her­stel­ler Ag­co, der mit dem AR-Tool „Vu­f­oria Stu­dio“auf Ba­sis be­ste­hen­der CAD-Mo­del­le Schritt-für-Schritt-An­lei­tun­gen für die Mi­cro­soft Ho­loLens er­stellt hat. Das Un­ter­neh­men konn­te da­durch die An­lern­zeit für neue Mit­ar­bei­ter, die sich bis­lang durch mehr als 200 aus­ge­druck­te Po­wer­point-Sei­ten quä­len muss­ten, von fünf auf zwei Ta­ge re­du­zie­ren, be­rich­te­te Camp­bell. Gleich­zei­tig ha­be Ag­co die Zeit für In­stal­la­tio­nen und die Feh­ler­quo­te re­du­ziert. Bei Bea Sys­tems wie­der­um sei es ge­lun­gen, das Trai­ning neu­er Mit­ar­bei­ter für die Mon­ta­ge ei­ner Bus­bat­te­rie durch den Ein­satz ei­ner Mi­xed-Rea­li­ty-An­lei­tung via Ho­loLens um ins­ge­samt 30 bis 40 Pro­zent ef­fi­zi­en­ter zu ge­stal­ten.

Die Au­to­bran­che ist auf­ge­sprun­gen

Die Mög­lich­kei­ten von AR in der Aus- und Fort­bil­dung hat auch Bosch er­kannt: Zu­sam­men mit dem Münch­ner Spe­zi­al­an­bie­ter und Part- ner Re‘flekt hat der Au­to­mo­bil­zu­lie­fe­rer ei­ne Rei­he von An­wen­dun­gen für die Au­to­in­dus­trie ent­wi­ckelt. Ein Bei­spiel da­für ist die App „Res­cue As­sist“, die im Fal­le ei­nes Un­falls den Ret­tungs­kräf­ten per Aug­men­ted Rea­li­ty ver­bor­ge­ne Fahr­zeug­kom­po­nen­ten an­zeigt. Feu­er­wehr und Erst­hel­fer er­hal­ten da­mit wich­ti­ge In­for­ma­tio­nen et­wa über die La­ge si­cher­heits­re­le­van­ter Bau­tei­le wie Air­bags, Bat­te­ri­en oder Kraft­stoff­lei­tun­gen. Das kann wich­tig wer­den, wenn die Ret­tungs­kräf­te dem Au­to­wrack mit ei­nem Schneid­bren­ner zu Lei­be rü­cken.

In sei­nen Ser­vice Trai­ning Cen­ters will Bosch zu­dem schon bald AR-Schu­lun­gen an­bie­ten, um Kfz-Mecha­tro­ni­kern ei­nen Ein­blick in Auf­bau und Funk­tio­nen der Hoch­volt-Kom­po­nen­ten von Elek­tro- und Hy­bridfahr­zeu­gen zu ge­ben. Die Schwa­ben ha­ben da­zu die „Com­mon Aug­men­ted Rea­li­ty Plat­form“(CAP) ent­wi­ckelt, die es er­laubt, ins­be­son­de­re für den Trai­nings­be­reich neue In­hal­te und Ap­pli­ka­tio­nen un­ab­hän­gig vom End­ge­rät zu pu­bli­zie­ren.

Die Platt­form greift da­bei auf be­ste­hen­de lo­kal oder zen­tral ge­spei­cher­te In­hal­te zu und stellt die für die ge­wünsch­te AR-An­wen­dung er­for­der­li­chen Da­ten zu­sam­men. Da­mit kön­nen auch un­ter­schied­li­che Trai­nings­sze­na­ri­en rea-

li­siert wer­den. Im „Trai­ner Mo­de“steu­ert der Trai­ner die End­ge­rä­te der Teil­neh­mer und ent­schei­det, wel­chen An­wen­dungs­fall die­se auf ih­ren Ge­rä­ten se­hen. Im „Trainee Mo­de“kann der Nut­zer ei­nen Trai­ner auf sein Ge­rät ein­la­den und sich Hin­wei­se und Tipps für das wei­te­re Vor­ge­hen ge­ben las­sen.

Mit AR durch den Ka­bel­baum na­vi­gie­ren

Auch wenn man auf der Ver­an­stal­tung ei­nen Fo­kus auf Sze­na­ri­en rund um die The­men­fel­der Trai­ning und (Fern-)War­tung er­ken­nen konn­te, wur­den auch an­de­re An­wen­dungs­fäl­le de­mons­triert. So be­schrieb ein Mit­ar­bei­ter von Bo­eing, wie Mon­teu­re mit Hil­fe von Aug­men­ted Rea­li­ty bei der hoch­kom­ple­xen Ver­ka­be­lung von Flug­zeu­grümp­fen den Über­blick be­hal­ten. Das E-He­alth-Star­t­up Pro­xi­mie führ­te vor, wie die gleich­na­mi­ge AR-Platt­form Ärz­te in Kri­sen­ge­bie­ten oder Schwel­len­län­dern bei Ope­ra­tio­nen durch die Über­la­ge­rung von di­gi­ta­len Bil­dern und an­de­ren Vi­sua­li­sie­rungs­Tools un­ter­stüt­zen kann.

Auch in der Ban­ken­welt lässt sich Aug­men­ted Rea­li­ty ein­set­zen, wie das auf Fi­nanz­soft­ware spe­zia­li­sier­te Un­ter­neh­men De­v­experts mit „De­ve­xa“de­mons­trier­te: Die AR-Lö­sung stellt Tra­dern und Fi­nanz­ana­lys­ten ei­ne dy­na­mi­sche Be­nut­zer­ober­flä­che zur Ver­fü­gung, über die sie ge­mein­sam mit Part­nern oder Kun­den mit ho­lo­gra­fi­schen Dia­gram­men ar­bei­ten und Märk­te ana­ly­sie­ren kön­nen – un­ab­hän­gig da­von, wo sie sich ak­tu­ell be­fin­den. Ne­ben dem AR-In­ter­face ent­hält De­ve­xa zur Be­die­nung ei­nen di­gi­ta­len As­sis­ten­ten, mit dem Be­nut­zer in na­tür­li­cher Spra­che kom­mu­ni­zie­ren kön­nen, um Such­an­fra­gen zu star­ten oder Be­rech­nun­gen vor­zu­neh­men.

Im Aus­stel­lungs­be­reich prä­sen­tier­ten In­si­der Na­vi­ga­ti­on und Vi­sua­lix, wie man mit Hil­fe von AR Nut­zern in ge­schlos­se­nen Räu­men den Weg zeigt oder In­for­ma­tio­nen an be­stimm­ten Plät­zen po­si­tio­niert. Ne­ben der In­door-Na­vi­ga- ti­on gibt es da­für ver­schie­de­ne An­wen­dungs­sze­na­ri­en wie das As­set Tracking oder die Ein­blen­dung di­gi­ta­ler In­for­ma­tio­nen an der pas­sen­den Stel­le, bei­spiels­wei­se aus dem SAPSys­tem. Die Ori­en­tie­rung ge­schieht bei In­si­der Na­vi­ga­ti­on über spe­zi­el­le Mar­ker, wäh­rend das Ber­li­ner Star­t­up Vi­sua­lix Un­ter­neh­men hilft, ih­re La­ger­häu­ser, Fer­ti­gungs­hal­len oder Lä­den zu scan­nen und auf Ba­sis der Bil­der ei­ne 3DKar­te zu er­stel­len. In die­ser kön­nen sie dann Ar­ti­kel tra­cken oder über ein Con­tent-Management-Sys­tem AR-In­hal­te im Raum ver­tei­len.

Te­am­view­er und PTC bie­ten AR-Sup­port

Manch­mal sind es aber die klei­nen AR-Lö­sun­gen, die den größ­ten Ef­fekt her­vor­ru­fen und noch da­zu sehr schnell nutz­bar sind. Nein, die Re­de ist hier nicht von Po­ke­mon Go. Es geht um die AR-App „Vu­f­oria Chalk“von PTC, die jetzt ver­füg­bar ist. Die kos­ten­lo­se iOS-An­wen­dung er­laubt es Per­so­nen an un­ter­schied­li­chen Or­ten, ei­ne Li­ve-An­sicht der­sel­ben Um­ge­bung zu tei­len und ein­fa­che An­mer­kun­gen, so­ge­nann­te Chalk Marks, zu zeich­nen. Die­se Chalk Marks kön­nen an Ob­jek­ten und Ober­flä­chen in der Um­ge­bung ver­an­kert wer­den, als wä­ren sie di­rekt dar­auf ge­zeich­net wor­den.

Ei­ne ähn­li­che Idee ver­folgt der Fern­war­tungs­spe­zia­list Te­am­view­er: Mit der neu­en App „Pi­lot“kön­nen Nut­zer Li­ve-Bil­der über die Smart­pho­ne-Ka­me­ra an an­de­re Te­am­view­erNut­zer strea­men. Über AR-An­no­ta­tio­nen las­sen sich die­se Adres­sa­ten in­ter­ak­tiv durch kom­ple­xe Pro­zes­se, Um­ge­bun­gen und Ope­ra­tio­nen füh­ren. Pi­lot ist Be­stand­teil der Te­am­view­er-Ver­si­on 14, kann aber für den pri­va­ten Ge­brauch kos­ten­los ge­nutzt wer­den. Für den pro­fes­sio­nel­len Ein­satz muss ei­ne Li­zenz er­wor­ben wer­den.

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