NoSQL und Cloud – An­wen­der öff­nen sich für Da­ten­ban­kal­ter­na­ti­ven

Das Zeit­al­ter der re­la­tio­na­len, sta­tio­när be­trie­be­nen SQL-Da­ten­ban­ken scheint sich dem En­de zu­zu­nei­gen. Die Klas­si­ker wer­den zwar noch ge­braucht, weil sie trans­ak­tio­na­le Bu­si­ness-Sys­te­me un­ter­stüt­zen sol­len. Doch rund um In­no­va­ti­on und Di­gi­ta­li­sie­rung kom

Computerwoche - - Technik - Von Mar­tin Bay­er, De­pu­ty Edi­to­ri­al Di­rec­tor

Jahr­zehn­te lang re­si­dier­ten Da­ten im Da­ta Cen­ter ei­nes Un­ter­neh­mens, und zwar in den SQL-Da­ten­ban­ken von IBM, Mi­cro­soft oder Ora­cle. Kaum ein An­wen­der woll­te an die­sem Fun­da­ment rüt­teln, so dass die An­bie­ter mit ih­ren Da­ta­ba­se-Ma­nage­men­tSys­tems (DBMS) viel Geld ver­die­nen konn­ten. Doch in Zei­ten der Di­gi­ta­li­sie­rung dreht sich der Wind. Im­mer mehr Bu­si­ness-An­wen­dun­gen wan­dern in die Cloud. Neue Da­ten aus an­de­ren Qu­el­len ge­sel­len sich da­zu. Die Be­gehr­lich­kei­ten sind ge­weckt; Un­ter­neh­men set­zen Ana­ly­tics-Tools ein und hof­fen auf tief ge­hen­de Ein­sich­ten in das ei­ge­ne Ge­schäft, um bes­se­re Ent­schei­dun­gen tref­fen zu kön­nen. Mit die­ser Ver­schie­bung des Gra­vi­ta­ti­ons­zen­trums in den IT-In­fra­struk­tu­ren ge­ra­ten nun auch die Da­ten­ban­ken in den Sog der Cloud.

Da­ten­ban­ken wan­dern in die Cloud

Ana­lys­ten er­war­ten, dass bis zum Jahr 2023 rund drei Vier­tel al­ler Da­ten­ban­ken in ei­ner Cloud-In­fra­struk­tur lau­fen wer­den. Schon heu­te macht sich die­se Dy­na­mik be­merk­bar. Von 2016 auf 2017 ha­be der welt­wei­te Da­ten­bank­markt um fast 13 Pro­zent auf ein Vo­lu­men von 38,8 Mil­li­ar­den Dol­lar zu­ge­legt, be­rich­tet Gart­ner-Ana­lyst Merv Adri­an. Es sei das ers­te zwei­stel­li­ge Wachs­tum seit fünf Jah­ren ge­we­sen. „Die Im­pul­se da­für sind in ers­ter Li­nie aus der Cloud ge­kom­men.“Der Auf­bruch in Rich­tung Cloud ist um­so be­mer­kens­wer­ter, als die Be­trie­be ge­ra­de in Sa­chen Da­ten­ban­ken Ve­rän­de­run­gen ge­gen­über we­nig auf­ge­schlos­sen sind. Das ist nicht ver­wun­der­lich: Die Da­ten­bank ist oft ei­ne exis­ten­zi­el­le Ge­schäfts­grund­la­ge. Hier lie­gen Kun­den­da­ten, wich­ti­ge Ge­schäfts- und Pro­duk­ti­ons­in­for­ma­tio­nen und trans­ak­tio­na­le Da­ten aus den Bu­si­ness-kri­ti­schen Ap­pli­ka­tio­nen. Oh­ne die­se Da­ten geht meist nichts, das Ge­schäft steht still. Das wis­sen die Ver­ant­wort­li­chen und um­so skep­ti­scher ste­hen sie neu­en Da­ten­bank­an­sät­zen ge­gen­über.

„Le­ga­cy-Da­ten­bank­sys­te­me sind trä­ge“, sagt Gart­ner-Ana­lyst Adri­an. Es sei äu­ßerst schwer, hier Ve­rän­de­run­gen her­bei­zu­füh­ren. Über vie­le Jah­re hin­weg ha­ben die An­wen­der in ih­ren Re­chen­zen­tren re­gel­rech­te Fe­s­tun­gen für ih­re Da­ten­be­stän­de ge­baut. Die Ad­mi­nis­tra­to­ren ha­ben die Sys­te­me eng mit den Bu­si­nes­sAp­pli­ka­tio­nen ver­zahnt. Kon­ti­nu­ier­lich wird mit di­ver­sen Tools da­ran ge­ar­bei­tet, die ei­ge­ne Da­ten­bank si­che­rer und schnel­ler wer­den zu las­sen. Schließ­lich gilt es, mit den wach­sen­den An­for­de­run­gen des Bu­si­ness mit­hal­ten zu kön­nen. Die Kehr­sei­te der Me­dail­le: Die Sys­te­me wer­den im­mer kom­ple­xer, und je mehr sich die An­wen­der­un­ter­neh­men auf ei­ne Da­ten­bank­platt­form ein­las­sen, des­to hö­her ist die Ab­hän­gig­keit vom An­bie­ter. Die Schwie­rig­keit steigt, neue We­ge ein­zu­schla­gen.

Doch die Be­reit­schaft zu har­ten Ein­schnit­ten wächst, zu­mal der Är­ger über die An­bie­ter der klas­si­schen Sys­te­me im­mer grö­ßer wird. IBM ver­grault sei­ne Da­ten­bank­kun­den mit kom­ple­xen, un­durch­sich­ti­gen Preis­mo­del­len, hat Gart­ner in sei­nem jüngs­ten Da­ten­ban­kRe­port fest­ge­stellt. Und Ora­cle, der eins­ti­ge Da­ten­bank­pri­mus, sorgt mit sei­nen Ge­schäfts­prak­ti­ken für im­mer mehr Un­mut un­ter sei­nen Kun­den. Das wur­de vor we­ni­gen Ta­gen auf der Jah­res­kon­fe­renz der Deut­schen Ora­cleAn­wen­der­grup­pe (DOAG) mehr als deut­lich. Seit Jah­ren är­gern sich die Kun­den über ih­rer Mei­nung nach un­fai­re Li­zenz­me­tri­ken

in vir­tua­li­sier­ten Um­ge­bun­gen so­wie den im­mer schlech­ter wer­den­den Pro­dukt-Sup­port. Der Frust reicht mitt­ler­wei­le so tief, dass vie­le of­fen dar­über nach­den­ken, sich ganz von Ora­cle-Pro­duk­ten zu ver­ab­schie­den.

Pro­mi­nen­tes­tes Bei­spiel für die Ab­lö­sung von Ora­cle-Da­ten­ban­ken ist Ama­zon. Der welt­größ­te On­line-Händ­ler ar­bei­tet seit Jah­ren da­ran, Ora­cle ab­zu­lö­sen und auf ei­ge­ne Di­ens­te sei­ner Toch­ter Ama­zon Web Ser­vices (AWS) um­zu­stei­gen. An­geb­lich lau­fen be­reits et­li­che Bu­si­ness-kri­ti­sche Wor­kloads auf dem selbst ent­wi­ckel­ten re­la­tio­na­len Da­ten­bank­ser­vice „Au­ro­ra“. Bis An­fang 2020 will Ama­zon Ora­cles DBMS kom­plett ab­ge­löst ha­ben, heißt es hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand. Der Haupt­grund, war­um die Ama­zon-Ver­ant­wort­li­chen Ora­cle los­wer­den wol­len, liegt in der un­zu­rei­chen­den Ska­lier­bar­keit der Da­ten­bankleis­tung. So muss die In­fra­struk­tur des On­line-Händ­lers in der La­ge sein, Last­spit­zen wie bei­spiels­wei­se am Black Fri­day oder im Weih­nachts­ge­schäft ab­zu­fe­dern. Au­ßer­dem ha­be Ora­cle zu­letzt we­nig In­no­va­ti­on in sei­ner Da­ten­bank­ent­wick­lung ge­zeigt. Ama­zon hat sei­ne Stra­te­gie rund um sei­nen Ora­cle-Ab­schied nie of­fi­zi­ell be­stä­tigt, aber auch nicht de­men­tiert. Ge­ra­de in den bei­den zu­rück­lie­gen­den Jah­ren wa­ren im­mer wie­der In­for­ma­tio­nen über das Vor­ha­ben durch­ge­si­ckert. Die­se Ge­rüch­te stie­ßen bei Ora­cle nicht ge­ra­de auf Be­geis­te­rung, und der für sei­ne Streit­lust be­kann­te Fir­men­grün­der und der­zei­ti­ge Chief Tech­no­lo­gy Of­fi­cer (CTO) La­wrence Ell­ison ließ sich zu­letzt kaum ei­ne Ge­le­gen­heit ent­ge­hen, den Kon­kur­ren­ten aufs Korn zu neh­men.

Good­bye, Ora­cle?

„Las­sen Sie mich er­zäh­len, wer sich nicht von Ora­cle ver­ab­schie­det “, do­zier­teEll­ison süf­fi­sant an­läss­lich ei­ner der letz­ten Quar­tals­bi­lanz dis­kus­sio­nen .„ Ein Un­ter­neh­men, das al­len be­kannt sein dürf­te, hat uns in die­sem Quar­tal wei­te­re 50 Mil­lio­nen Dol­lar ge­zahlt, um Ora­cle-Da­ten­ban­ken und an­de­re Tech­no­lo­gi­en zu kau­fen. Die­se Fir­ma ist Ama­zon.“Ell­ison hat sich zu­letzt re­gel­recht auf den On­line-Händ­ler und des­sen Toch­ter AWS ein­ge­schos­sen. Die Da­ten­bank­tech­nik des Kon­kur­ren­ten hin­ke der ei­ge­nen um Jah­re hin­ter­her, mo­kier­te sich der Ma­na­ger. Sie eig­ne sich nicht da­für, ge­schäfts­kri­ti­sche Wor­kloads dar­auf lau­fen zu las­sen. Au­ßer­dem kom­me es An­wen­der deut­lich güns­ti­ger, ei­ne Ora­cleDa­ten­bank in der Ora­cle-Cloud zu be­trei­ben, als ei­ne ent­spre­chen­de AWS-Lö­sung ein­zu­set­zen. Ora­cle ha­be in Sa­chen Cloud noch ei­nen wei­ten Weg vor sich, kon­ter­te AWS-CEO An­d­rew Jas­sy Mit­te des Jah­res. Pas­send zum US-ame­ri­ka­ni­schen Un­ab­hän­gig­keits­tag am 4. Ju­li twit­ter­te der Ma­na­ger, man ha­be be­reits über 80.000 Da­ten­bank­sys­te­me in die ei­ge­ne Cloud mi­griert – dar­un­ter vie­le Ora­cle-Sys­te­me. Un­ter den AWS-Da­ten­bank-Nut­zern fin­den sich klang­vol­le Na­men wie Ex­pe­dia, Ge­ne­ral Electric und Ve­ri­zon.

Die Bei­spie­le könn­ten Schu­le ma­chen. Erst im Mai die­ses Jah­res hat die iri­sche Flug­li­nie Rya­nair be­kannt ge­ge­ben, ih­re Da­ta Cen­ter schlie­ßen und mit der ei­ge­nen IT-In­fra­struk­tur kom­plett in die AWS-Cloud wech­seln zu wol­len. Die Flug­ge­sell­schaft ver­spricht sich da­von mehr Fle­xi­bi­li­tät und Agi­li­tät so­wie deut­li­che Kos­ten­ein­spa­run­gen. Im Zu­ge des Um­stiegs

will sich Rya­nair auch von Le­ga­cy-Sys­te­men ver­ab­schie­den. Dem­nach soll der be­ste­hen­de Mi­cro­soft SQL Ser­ver durch AWS Au­ro­ra er­setzt wer­den. Da­mit lie­ßen sich groß­vo­lu­mi­ge E-Mail-Kam­pa­gnen schnel­ler und zu ei­nem Bruch­teil der ur­sprüng­li­chen Kos­ten aus­rol­len, hieß es. Ne­ben den Kos­ten geht es dem Bil­lig­flie­ger vor al­lem auch dar­um, sei­nen Kun­den zu­sätz­li­che Ser­vices zu of­fe­rie­ren so­wie mit tie­fe­ren Ein­sich­ten in die ei­ge­nen Da­ten mehr Ge­schäft zu ma­chen. Da­für wol­len die Iren künf­tig ver­schie­de­ne AWS-Ser­vices ein­set­zen, dar­un­ter Ma­chi­ne Le­arning so­wie Ser­vice-Bots auf Ba­sis von Ama­zon Ale­xa.

Die Er­kennt­nis, dass mit Blick auf die neue Da­ten­welt, die sich nicht mehr ge­ord­net in Spal­ten und Zei­len pres­sen lässt, auch die klas­si­schen re­la­tio­na­len Da­ten­ban­ken nicht mehr so recht in das An­for­de­rungs­pro­fil pas­sen wol­len, dürf­te mitt­ler­wei­le in vie­len Un­ter­neh­men rei­fen. Heu­te pras­seln Da­ten in ei­ner bis da­to nicht be­kann­ten Men­ge, Ge­schwin­dig­keit und Va­ria­bi­li­tät auf die Be­trie­be ein, mit der Mi­cro­softs SQL Ser­ver, ei­ne Ora­cle-Da­ten­bank oder IBMs DB2 kaum mehr zu­recht­kom­men.

Es ist je­doch un­rea­lis­tisch, dass die An­wen­der ih­re klas­si­schen Da­ten­ban­ken von heu­te auf mor­gen ab­schal­ten und ih­re Da­ten in die Cloud mi­grie­ren. Schließ­lich blei­ben die dar­auf auf­bau­en­den trans­ak­tio­na­len An­wen­dungs­sys­te­me wie SAP wei­ter in Be­trieb. Al­ler­dings ist da­von aus­zu­ge­hen, dass die Un­ter­neh­men den Be­trieb ih­rer Le­ga­cy-Da­ten­ban­ken auf den Prüf­stand stel­len und in Zu­kunft vor al­lem aus dem Blick­win­kel ma­xi­ma­ler Ef­fi­zi­enz be­trach­ten. Auch ist da­mit zu rech­nen, dass Gel­der vor al­lem in neue Sys­te­me flie­ßen – NoSQL- und Cloud-Sys­te­me ver­spre­chen, die im Zu­ge der Di­gi­ta­li­sie­rung stei­gen­den An­for­de­run­gen bes­ser er­fül­len zu kön­nen. Ge­ra­de wenn es dar­um geht, mit neu­en An­wen­dun­gen die Kun­den­schnitt­stel­len pass­ge­nau be­die­nen oder mit neu­en Ana­ly­tics-Tools mehr Ein­sich­ten aus Da­ten her­aus­ho­len zu kön­nen, kommt in al­ler Re­gel schnell die Cloud ins Spiel – was, ei­nen Schritt wei­ter ge­dacht, die Fra­ge auf­wirft, war­um man nicht auch die da­für be­nö­tig­te Da­ten­bank aus der Cloud be­zie­hen kann. Ana­lys­ten ge­hen da­von aus, dass die künf­ti­ge Da­ten­bank­welt in den Un­ter­neh­men mehr und vor al­lem un­ter­schied­li­che Fa­cet­ten ha­ben wird. Ne­ben den re­la­tio­na­len, trans­ak­ti­ons­ori­en­tier­ten Ol­dies wer­den Un­ter­neh­men spe­zi­el­le Sys­te­me für ganz be­stimm­te An­for­de­run­gen be­trei­ben – wie In­ter­sys­tems, Mar­kLo­gic, Mon­goDB be­zie­hungs­wei­se Clou­de­ra oder Ma­pR für ei­nen Ha­doop-ba­sier­ten Da­ta La­ke.

Da­ten­bank­viel­falt wächst

Die wach­sen­de Viel­falt lässt sich be­le­gen. Ka­men die fünf füh­ren­den Da­ten­bank­an­bie­ter Gart­ner zu­fol­ge vor sie­ben Jah­ren zu­sam­men­ge­nom­men noch auf ei­nen Markt­an­teil von über 90 Pro­zent, sinkt die­ser seit­dem be­stän­dig und nä­hert sich der 80-Pro­zent-Mar­ke. Vor al­lem Ora­cle und IBM büß­ten An­tei­le ein, wäh­rend Mi­cro­soft, das recht­zei­tig das Ru­der auf Cloud-Kurs her­um­ge­ris­sen hat, hin­zu­ge­winnt. Auch im Ran­king von DB-En­gi­nes, das seit vie­len Jah­ren die Po­pu­la­ri­tät von Da­ten­ban­ken an­hand ei­nes In­dex aus ver­schie­de­nen KPIs wie Such­vo­lu­men im Netz und Jo­b­an­ge­bo­ten er­mit­telt, sta­gnie­ren die klas­si­schen Sys­te­me seit Jah­ren, wäh­rend Al­ter­na­ti­ven wie Au­ro­ra von AWS, Mi­cro­softs Azu­re Cos­mos DB so­wie Mon­goDB und Post­greSQL be­lieb­ter wer­den.

Ge­ra­de Post­greSQL, das nun­mehr auch schon seit 32 Jah­ren von ei­ner gro­ßen Com­mu­ni­ty ent­wi­ckelt und ge­pflegt wird, stößt auf im­mer mehr In­ter­es­se – vor al­lem in­ner­halb der Ora­cle-Kli­en­tel, die nach Al­ter­na­ti­ven sucht. Das Sys­tem weist ei­ni­ge Ähn­lich­kei­ten mit Ora­cle-Da­ten­ban­ken auf. Auf der DOAGKon­fe­renz wa­ren die Vor­trä­ge, die sich um Post­greSQL dreh­ten, bis auf den letz­ten Platz ge­füllt, so dass sich Da­ni­el Wes­ter­mann vom Da­ten­bank­spe­zia­lis­ten dbi ser­vices un­ter dem Ge­läch­ter des Pu­bli­kums er­staunt frag­te, ob es denn par­al­lel kei­ne an­de­ren in­ter­es­san­ten Vor­trä­ge ge­be.

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