Fir­men ha­ben ei­ne Di­gi­tal­stra­te­gie

Computerwoche - - Inhalt - Von Hein­rich Vas­ke, Edi­to­ri­al Di­rec­tor

Die Ana­lys­ten von Crisp Re­se­arch wer­fen für COMPUTERWOCHE-Le­ser ei­nen Blick in die Zu­kunft. Sie glau­ben, dass die größ­ten Fort­schrit­te in den vier Be­rei­chen Di­gi­tal­stra­te­gie, Da­ten­ver­füg­bar­keit, mensch­li­che In­ter­ak­ti­on und Tech­no­lo­gie zu se­hen sein wer­den.

Für die ers­te Aus­ga­be im neu­en Jahr wer­fen die Ana­lys­ten von Crisp Re­se­arch für COMPUTERWOCHE-Le­ser ei­nen Blick in die Zu­kunft. Sie glau­ben, dass die größ­ten Fort­schrit­te in den vier Be­rei­chen Di­gi­tal­stra­te­gie, Da­ten­ver­füg­bar­keit, mensch­li­che In­ter­ak­ti­on und Tech­no­lo­gie zu se­hen sein wer­den.

Die Tech­no­lo­gie­trends von Crisp Re­se­arch kon­zen­trie­ren sich auf vier Kräf­te, die nach Mei­nung der Markt­for­scher die Di­gi­ta­li­sie­rung vor­an­brin­gen wer­den. Fol­gen­de The­sen stel­len die Ana­lys­ten in den Raum:

1. Di­gi­tal­stra­te­gie

Neun von zehn Un­ter­neh­men ha­ben bis Mit­te 2019 zu­min­dest die ers­te Ver­si­on ei­ner Di­gi­tal­stra­te­gie for­mu­liert. Die Zeit der Ex­pe­ri­men­te ist vor­bei. Al­ler­dings wird es noch bis 2020 dau­ern, ehe die Be­trie­be die rich­ti­ge Ba­lan­ce zwi­schen ei­nem „Fail-fast-and-cheap-An­satz“und ei­nem wirk­lich durch­ge­plan­ten Vor­ge­hen ge­fun­den ha­ben. Ge­ne­rell man­ge­le es den deut­schen Fir­men an gu­ten Ide­en, die dann auch noch zu lang­sam ver­folgt wür­den.

Um die ei­ge­ne Di­gi­tal­stra­te­gie um­set­zen zu kön­nen, wird die Hälf­te der Be­trie­be ih­re Or­ga­ni­sa­ti­on än­dern. Die Mehr­heit die­ser Grup­pe be­ruft ei­nen Chief Di­gi­tal Of­fi­cer (CDO). Mit di­gi­ta­len Pro­duk­ten er­wirt­schaf­ten nur 15 Pro­zent der deut­schen Un­ter­neh­men zu­sätz­li­che Um­sät­ze. Die­se Ein­nah­men blei­ben wei­ter­hin deut­lich hin­ter de­nen mit tra­di­tio­nel­len Pro­duk­ten zu­rück. Aber den Di­gi­tal­ver­ant­wort­li­chen wird es ge­lin­gen, den Nut­zen der Di­gi­tal­pro­duk­te fürs Un­ter­neh­men nach­zu­wei­sen.

In den Bi­lan­zen von 2019 wer­den di­gi­ta­le Um­sät­ze in den meis­ten Fäl­len nicht pro­fi­ta­bel sein. Das liegt auch dar­an, dass ih­re Ent­wick­lung und ihr Be­trieb viel Geld ver­schlin­gen. Doch die In­ves­ti­tio­nen sind wett­be­werbs­re­le­vant, da klas­si­sche Pro­duk­te durch di­gi­ta­le Er­wei­te­run­gen wert­vol­ler wer­den und hö­he­re Markt­prei­se er­zie­len. Wäh­rend die Ar­chi­tek­tur von Cloud-na­ti­ve­An­wen­dun­gen bis­her meist durch tech­ni­sche An­for­de­run­gen be­stimmt wur­de, dreht sich 2019 al­les um neu ent­ste­hen­de Öko­sys­te­me. Ein Bu­si­ness-De­sign, das Platt­form­ge­schäf­te oder ei­ne se­kun­dä­re Da­ten­nut­zung er­mög­licht, wird die Soft­ware­ar­chi­tek­tu­ren prä­gen. Smart Contracts zwi­schen Part­nern neh­men star­ken Ein­fluss auf die ent­ste­hen­den APIs.

2. Da­ten­ver­füg­bar­keit

Da­ta La­kes und Tech­no­lo­gi­en wie Ha­doop für die Spei­che­rung gro­ßer Da­ten­men­gen sind seit ei­ni­gen Jah­ren ver­füg­bar. 2019 geht es dar­um, die ge­sam­mel­ten Da­ten zu durch­drin­gen. Per­sön­li­che Da­ten wie die DNA ei­nes Pa­ti­en­ten wer­den da­zu be­nutzt, Me­di­ka­men­te in­di­vi­du­ell zu ent­wi­ckeln und zu do­sie­ren. Aus der Um­welt kom­men mehr Da­ten als je zu­vor. Sie kön-

nen hel­fen, Ex­trem­si­tua­tio­nen vor­her­zu­sa­gen und im bes­ten Fall zu ver­mei­den.

Bei den Con­nec­tivi­ty-Op­tio­nen se­hen wir nicht nur die ers­ten 5G-Net­ze, son­dern auch Low-Po­wer-Wi­de-Area-Net­ze wie LoRa­WAN, Sigfox oder Nar­row-Band-IoT. Sie sind im neu­en Jahr end­lich in ei­nem gro­ßen Teil des Lan­des ver­füg­bar. Be­stimm­te Di­ens­te wie Soft­ware-Up­dates over the air in Fahr­zeu­gen wer­den rea­lis­tisch, auch wenn Deutsch­land in Sa­chen In­ter­ne­tKon­nek­ti­vi­tät wei­ter Nach­hol­be­darf hat.

Der Preis­ver­fall bei Hard­ware setzt sich – we­nig über­ra­schend – fort. Zu­letzt fie­len vor al­lem die Prei­se bei den schnell wach­sen­den Clou­dHy­per­s­ca­lern, in pri­va­ten Re­chen­zen­tren und Edge-In­fra­struk­tu­ren wa­ren die Vor­tei­le we­ni­ger spür­bar. 2019 wird aber das An­ge­bot an Edge-Hard­ware im IoT-Be­reich stark an­stei­gen, weil Un­ter­neh­men ih­re In­dus­trie-4.0-Sze­na­ri­en um­set­zen wol­len. Moo­re’s Law bleibt gül­tig und wird da­für sor­gen, dass im­mer mehr Da­ten zu im­mer klei­ne­ren Prei­sen be­ar­bei­tet wer­den kön­nen.

Da­ten in gro­ßen Men­gen wer­den in Pu­b­lic Clouds ver­füg­bar ge­macht. Die ver­wen­de­ten Tech­no­lo­gi­en ha­ben we­nig mit tra­di­tio­nel­len En­ter­pri­se-Soft­ware-St­acks zu tun. Sie wer­den als Cloud-na­ti­ve be­zeich­net. Wäh­rend vie­le Cloud-na­ti­ve-Di­ens­te – et­wa die Con­tai­nerTech­nik Ku­ber­ne­tes – 2018 auch bei den Hy­per­s­ca­lern noch wa­cke­lig lie­fen, er­rei­chen Cloud­na­ti­ve-Com­pu­te- und -Sto­r­a­ge-Di­ens­te bei Ama­zon, Mi­cro­soft & Co., aber auch bei lo­ka­len Pro­vi­dern deut­lich mehr ope­ra­ti­ve Rei­fe.

2019 wird das Jahr, in dem die se­kun­dä­re Da­ten­nut­zung auf­kommt, auch wenn die An­wen- der erst­mal skep­tisch blei­ben wer­den. Ge­meint ist die Nut­zung von Da­ten über den ur­sprüng­li­chen Zweck hin­aus. Ein Au­to kann zum Bei­spiel die Ent­fer­nung zum vor­aus­fah­ren­den Fahr­zeug mes­sen, um die ei­ge­ne Ge­schwin­dig­keit zu re­geln. Es kann die Da­ten aber gleich­zei­tig auch an­ony­mi­siert an Drit­te wei­ter­ge­ben, da­mit sich Staus ver­mei­den las­sen.

3. Mensch­li­che In­ter­ak­ti­on

User In­ter­faces mit Sprach- oder Ges­ten­steue­rung ver­bes­sern sich stän­dig dank der gro­ßen Da­ten­men­gen und ih­rer bes­se­ren Nut­zung. Un­ter­neh­men wer­den im kom­men­den Jahr auf die Ver­net­zung sol­cher In­ter­ak­ti­ons­ka­nä­le set­zen und ei­ne „Uni­fied User Ex­pe­ri­ence“für Kun­den und auch für Mit­ar­bei­ter ent­wi­ckeln, die vie­le selbst­ler­nen­de Funk­tio­nen mit­brin­gen wird.

Nach­dem vie­le Be­trie­be erst ein­mal ei­nen Grund­stock an Lö­sun­gen auf­ge­baut ha­ben, ent­wi­ckeln sich Ver­net­zung, In­tel­li­genz und da­mit KI- und Bot-Funk­tio­nen zum zen­tra­len Gestal­tungs­ele­ment. Über 60 Pro­zent der Fir­men wer­den an ver­netz­ten Ar­beits­platz- und Ar­chi­tek­tur­kon­zep­ten spin­nen. Auch Mi­xed Rea­li­ty, bis­lang noch kein gro­ßer Fak­tor in der di­gi­ta­len Wert­schöp­fung, kommt 2019 ei­nen ent­schei­den­den Schritt vor­an. Hard- und Soft­ware ste­hen be­reit, Aug­men­ted Rea­li­ty wird sein Wert­schöp­fungs­po­ten­zi­al in der For­schung und im In­dus­tri­e­um­feld ent­fal­ten.

Beim au­to­no­men Fah­ren wird das Au­to­land Deutsch­land 2019 nach­le­gen, weil die Tech­nik Dif­fe­ren­zie­rungs­po­ten­zi­al bie­tet. Die Fort­schrit­te der Her­stel­ler in Sa­chen selbst­fah­ren­der Au­tos wer­den mehr Be­ach­tung fin­den, so dass Die­sel­ga­te all­mäh­lich aus den Schlag­zei­len ver­schwin­den soll­te.

Was Da­ten­schutz und IT-Si­cher­heit an­geht, sind die User 2018 – auch durch die Da­ten­schutz­Grund­ver­ord­nung (DSGVO) – sen­si­bler ge­wor­den. Die Nut­zer ha­ben ein stär­ke­res Fein­ge­fühl für ei­nen ad­äqua­ten Um­gang mit Da­ten be­kom­men. Das zahlt sich für die Un­ter­neh­men aus, be­deu­tet aber auch, dass sie ih­rer­seits den Kun­den und An­wen­dern Trans­pa­renz und Sorg­falt ga­ran­tie­ren müs­sen.

4. Tech­no­lo­gie

Vie­le Jah­re wa­ren In­tels x86-Pro­zes­so­ren die All­zweck­hard­ware der Wahl. Doch jetzt ge­rät der Stan­dard-Ser­ver, der für fast al­le Wor­kloads pass­te und die Re­chen­zen­tren der letz­ten 20 Jah­re be­stimm­te, un­ter Druck. Spe­zi­el­le Cloud-Ser­ver für die Ver­ar­bei­tung ganz be­stimm­ter Soft­ware­al­go­rith­men wer­den po­pu­lär. Hier kom­men nicht nur ei­gens ent­wi­ckel­te Main­boards, son­dern auch be­son­de­re CPUs zum Ein­satz (GPU, TPU, FPGA, Quan­ten-CPUs).

Weil die An­ge­bo­te der Cloud-Di­enst­leis­ter in­halt­lich und preis­lich ver­gleich­ba­rer wer­den, wird die Ver­füg­bar­keit der Di­ens­te mehr Ein­fluss auf die Aus­wahl ei­ner Soft­ware­platt­form be­kom­men als die funk­tio­na­len De­tails. Da­mit wer­den Platt­for­men für IoT, Ma­chi­ne Le­arning oder KI auch für mit­tel­stän­di­sche Un­ter­neh­men in Deutsch­land er­schwing­lich.

Der In­fra­struc­tu­re-as-Co­de-Trend, bei dem Ent­wick­ler mit hoch­e­las­ti­scher In­fra­struk­tur dy­na­misch um­ge­hen kön­nen, hat die Un­ter­neh­men er­reicht. 2019 gilt das auch für Bu­si­nes­sas-Co­de. So wie vor 20 Jah­ren ein­fa­che Ma­kros in Mi­cro­softs Ex­cel Be­triebs­wirt­schaft­lern di­rekt wei­ter­hal­fen, oh­ne dass die IT-Pro­fis im Haus um Rat ge­fragt wer­den muss­ten, kom­men 2019 Low-Co­de- oder so­gar No-Co­de-An­sät­ze auf Un­ter­neh­men zu.

Im Ex­trem­fall kann so­gar ei­ne in mensch­li­cher Spra­che for­mu­lier­te Bu­si­ness-Re­gel die Aus­füh­rung ei­nes ge­ne­rier­ten Pro­gramm­codes auf ei­ner Ser­ver­less-Um­ge­bung an­sto­ßen (Func­tion-Com­pu­ting-Di­enst). Ge­nau wie mit ei­nem Sprachas­sis­ten­ten im Con­su­mer-Be­reich wird ein Ein­käu­fer dem Bu­si­ness-as-Co­de-Sys­tem sa­gen kön­nen: „Kau­fe täg­lich zehn Ton­nen Li­thi­um, wenn die Zahl der be­stell­ten Elek­tro­au­tos 500 Stück über­schrei­tet.” Da­zu wird die Bu­si­ness-Per­son nicht mehr mit der in­ter­nen IT spre­chen müs­sen.

Trotz­dem bleibt der Man­gel an IT-Spe­zia­lis­ten ein The­ma. Pro­gram­mie­rung und Sys­tem­ar­chi­tek­tu­ren auf den mo­der­nen Platt­form-St­acks er­for­dern im­mer mehr Wis­sen. Die ers­ten Un­ter­neh­men wer­den an­stel­le ei­nes CIO ei­nen CDO und zu­sätz­lich ei­nen „Chief Re­lia­bi­li­ty Of­fi­cer“ein­stel­len, der ho­he Ver­füg­bar­keit und ein an­ge­mes­se­nes Ri­si­ko-Ma­nage­ment si­cher­stel­len soll. Das ist auch des­halb nö­tig, weil bei Cloud-na­ti­ve-An­wen­dun­gen klas­si­sche En­ter­pri­se-Re­lia­bi­li­ty-Kon­zep­te ver­sa­gen. Nach dem Vor­bild des Goog­le-Ope­ra­ti­ons-Kon­zepts wird auch in Deutsch­land der naht­lo­se Über­gang von De­ve­lop­ment zu Ope­ra­ti­ons (De­vOps) durch ei­ne spe­zi­el­le Au­s­prä­gung des Si­te Re­lia­bi­li­ty En­gi­nee­ring po­pu­lär.

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