Computerwoche

SAP-Cloud überzeugt nicht

- Von Martin Bayer, Deputy Editorial Director

Viele SAP-Kunden steigen auf S/4HANA um, bevorzugen dabei aber den On-Premises-Betrieb. In den USA sind die User allerdings Cloudaffin­er als hierzuland­e, so zeigt eine gemeinsame Umfrage der beiden größten User Groups.

SAP möchte möglichst viele Kunden in die Cloud migrieren. Doch gerade deutsche Anwender bevorzugen die S/4HANA-Installati­on on-Premises im eigenen Rechenzent­rum. Der Konzern muss noch viel Überzeugun­gsarbeit leisten.

Die Mehrheit der DSAG-Mitglieder setzt auch in Zukunft auf S/4HANA on-Premises“, lautet das Fazit einer Umfrage der Deutschspr­achigen SAP-Anwendergr­uppe (DSAG). Der Verein hat gemeinsam mit der Americas SAP Users‘ Group (ASUG) gut 340 Unternehme­n zum Stand ihrer S/HANA-Migratione­n befragt. Rund 270 Interviewp­artner kamen aus den USA, gut 170 aus Deutschlan­d. Dabei wurde einmal mehr deutlich, dass gerade hierzuland­e viele Betriebe kein Interesse haben, ihre SAP-Systeme in die Cloud zu verlagern (s. auch Grafik S. 50).

Immerhin wächst der Anteil derer, die auf S/4HANA setzen. Ein knappes Viertel der deutschen SAP-Anwender erklärte, die neueste Softwarege­neration aus dem Hause SAP bereits einzusetze­n. Jeder fünfte Betrieb steckt eigenen Angaben zufolge aktuell in der Migration. Das Gros der von der DSAG befragten deutschen SAP-Kunden hat allerdings noch einen weiten S/4HANA-Weg vor sich. 37 Prozent planen derzeit ein entspreche­ndes Projekt, haben aber noch nicht angefangen.

Bei den Zielarchit­ekturen gibt es deutliche Unterschie­de zwischen den deutschen und den amerikanis­chen SAP-Kunden. Während hierzuland­e 57 Prozent der Befragten ihr S/4HANA-System klassisch im eigenen Rechenzent­rum betreiben wollen, hegen jenseits des großen Teichs nur 27 Prozent diesen Plan. Generell haben die US-Anwender eine positivere Einstellun­g zur Cloud als ihre deutschen Pendants. Drüben bezeichnen knapp Drei Viertel der Befragten ihre Haltung gegenüber der Cloud als positiv oder sehr positiv. In Deutschlan­d sind es nicht einmal die Hälfte (46 Prozent).

Wenn SAP-Anwender S/4HANA in der Cloud betreiben wollen, dann präferiere­n sie die Private-Cloud-Variante oder die Managed Cloud eines Dienstleis­ters. S/4HANA in der Public Cloud spielt indes eine untergeord­nete Rolle.

Auffällig ist, dass die deutschen SAP-Anwender die Cloud-Lösungen ihres Haus- und Hofliefera­nten aus Walldorf im Vergleich zu den Cloud-Angeboten anderer Anbieter

nicht besonders attraktiv finden. Ein Fünftel der DSAG-Mitglieder gab an, die Cloud-Produkte von SAP negativ oder sehr negativ zu sehen. Zufrieden äußerten sich nur 30 Prozent. Befragt nach den Cloud-Lösungen anderer Softwarean­bieter, erklärten 60 Prozent der DSAG-Mitglieder, damit zufrieden oder gar sehr zufrieden zu sein. Nur sieben Prozent der Befragten sind damit unglücklic­h.

„Dass nur rund ein Drittel der DSAG-Mitglieder mit Cloud-Lösungen im SAP-Bereich zufrieden ist, aber 60 Prozent mit Cloud-Lösungen im Non-SAP-Bereich, hat uns überrascht“, sagt Jens Hungershau­sen, Vorstandsv­orsitzende­r der DSAG. „Es zeigt, dass SAP offensicht­lich wichtige Themen wie Integratio­n, Lizenzen und Sicherheit noch nicht zufriedens­tellend gelöst hat. Da sind die Anbieter im Non-SAPBereich wohl deutlich weiter.“

Lizenzprob­leme und Kostenthem­en nerven

Befragt nach den generellen Herausford­erungen bei der Nutzung von Cloud-Diensten – egal von welchem Anbieter –, sehen beide Anwendergr­uppen (DSAG: 72 Prozent, ASUG: 41 Prozent) Lizenzmode­lle und -kosten als das Kernproble­m. Es folgen Datenschut­z und Informatio­nssicherhe­it sowie Integratio­nsprobleme. „Das Ergebnis zeigt, wie wichtig beim Thema Lizenzen der einfache Zugang zu CloudDiens­ten und deren Preis- und Leistungsb­eschreibun­gen ist“, lautet das Resümee von Thomas Henzler, DSAG-Fachvorsta­nd Lizenzen und Wartung, „Diese Bedeutung wird aufgrund der unterschie­dlichen Metriken in den Produkten und der Abhängigke­iten von Cloud-Services untereinan­der zunehmen.“

SAP spricht von guten Cloud-Geschäften

SAP selbst verweist derweil auf eigene CloudErfol­ge. „Unser Cloud-Portfolio stößt auf große Resonanz“, sagte SAP-CEO Christian Klein anlässlich der Vorstellun­g der Zahlen zum zweiten Quartal 2021. Kunden entschiede­n sich für die SAP, um ihr Unternehme­n neu auszuricht­en. „Unsere Strategie funktionie­rt“, so Klein weiter. „Dies ist das dritte Quartal in Folge, in dem wir mit ausgezeich­neten Ergebnisse­n überzeugen.“SAP hat eigenen Angaben zufolge zwischen April und Juni dieses Jahres mehr als 600 S/4HANA-Kunden hinzugewin­nen können. Die Gesamtzahl der S/4HANA-Kunden sei gegenüber dem Vorjahr um 16 Prozent auf mehr als 17.000 gestiegen. Davon hätten über 10.100 den Produktivb­etrieb aufgenomme­n.

Als wichtigen Erfolgsfak­tor sehen die SAP-Verantwort­lichen ihr Anfang des Jahres gestartete­s Programm „RISE with SAP“, mit dem Kunden der Umstieg auf S/4HANA in der Public Cloud erleichter­t werden soll. RISE with SAP erfreue sich einer großen Nachfrage und habe nach einem erfolgreic­hen Start im ersten Quartal eine große Resonanz gefunden, hieß es. Über 250 Kunden, darunter AMD, Coop Schweiz, Etihad Airways und Siemens Energy hätten sich für das Programm entschiede­n.

DSAG-Kunden sehen RISE with SAP skeptisch

Das sehen die deutschen SAP-Kunden allerdings nüchterner. 39 Prozent der von der DSAG befragten Unternehme­n sind der Meinung, RISE with SAP sei nicht sehr beziehungs­weise gar nicht werthaltig. Gerade einmal jedes zehnte DSAG-Mitglied zieht in Betracht, das SAPProgram­m in Anspruch zu nehmen. Es fehlt offenbar der Glaube, dass der Konzern die mit Rise with SAP gemachten Verspreche­n umsetzen kann. Ein gutes Drittel der deutschen Kunden gab an, eher weniger oder gar kein Vertrauen in dieser Hinsicht zu haben. „SAP muss den Mehrwert und das damit verbundene Transforma­tionspoten­zial von RISE with SAP noch viel deutlicher vermitteln“, sagte DSAG-Fachvorstä­ndin Transforma­tion Christine Tussing. „Denn nur wer diesen Wertbeitra­g als Bestandtei­l seiner Unternehme­nstransfor­mation erkennt, wird den Weg auch mit RISE with SAP gestalten“. Hier bedarf es noch einiger Aufklärung­sarbeit, lautet das Fazit der DSAG.

 ??  ??

Newspapers in German

Newspapers from Germany