DIE GEHEIMNISVOLLSTE WASSERSTRASSE DER WELT

Crucero - Das Kreuzfahrtmagazin - - Inhalt - VON: DR. THO­MAS BLUBACHER

Auf dem Ama­zo­nas von Bra­si­li­en nach Pe­ru

Der Ama­zo­nas – kaum ein an­de­res Fahrt­ge­biet ist be­ein­dru­cken­der. 20 Pro­zent des ge­sam­ten Süß­was­sers un­se­res Pla­ne­ten flie­ßen in dem fast 7.000 Ki­lo­me­ter lan­gen Fluss­sys­tem. Nur we­ni­ge Kreuz­fahrt­schif­fe kön­nen die Pas­sa­ge von Belém in Bra­si­li­en bis Iqui­tos in Pe­ru ab­sol­vie­ren, dar­un­ter die „ Ham­burg“. Cru­ce­ro war zu Be­ginn des Jah­res an Bord.

Im Uhr­zei­ger­sinn von oben links: Na­he Sant­arém trifft der grün­li­che Rio Ta­pa­jós auf die schlam­mig­brau­nen Flu­ten des Ama­zo­nas; Pi­ran­has mit ih­ren spit­zen Zäh­nen tum­meln sich in den Ama­zo­nas-ge­wäs­sern; in Al­ter do Chão brin­gen die­se Boo­te Gäs­te zur Il­ha do Amor (Fo­to rech­te Sei­te); ein Bo­to springt aus den grü­nen Flu­ten. Die ro­sa­far­be­nen Fluss­del­fi­ne gel­ten als Glücks­brin­ger.

uder­zu­cker­fei­ne, schnee­wei­ße Sand­strän­de, klei­ne Bars mit küh­len Drinks, schie­ne jetzt noch die Son­ne – das Ka­ri­bik-fee­ling wä­re voll­kom­men. Der per­fek­te Na­me fürs Glück: Il­ha do Amor. So heißt die fast un­wirk­lich schö­ne Land­zun­ge, die zu Al­ter do Chão ge­hört. Je­ne Fi­scher­sied­lung liegt in­des nicht auf Gre­na­da oder Bar­ba­dos, son­dern am Ufer des bis zu zwölf Ki­lo­me­ter brei­ten Ama­zo­nas-zu­flus­ses Rio Ta­pa­jós mit­ten im Regenwald. Die Tem­pe­ra­tu­ren sind tro­pisch, die Luft­feuch­tig­keit er­füllt die An­for­de­run­gen ei­ner Dampf­sau­na, nichts spricht al­so ge­gen ein er­fri­schen­des Bad. Kurz dräu­en in mir Zwei­fel, ob die Be­teue­rung der Bord­lek­to­ren, Pi­ran­has mie­den Klar­was­ser­flüs­se wie den Rio Ta­pa­jós, glaubhaft sei. Wis­sen das auch die Fische? Und wie war das noch­mal mit den Harn­röh­ren­wel­sen und den Stech­ro­chen, de­ren Na­men für sich spre­chen? Mit den Zit­ter­aa­len, die sich mit Strom­stö­ßen un­ge­woll­ter Be­geg­nun­gen er­weh­ren, und mit den Bul­len­hai­en, die im fla­chen Ama­zo­nas­was­ser auf ih­re Op­fer lau­ern? Le­ben hier Al­li­ga­to­ren? Kön­nen Ana­kon­das ei­gent­lich schwim­men? Selbst­re­dend sind al­le Ängs­te über­flüs­sig, es lässt sich in Al­ter do Chão oh­ne Ri­si­ko ba­den, und zwar mit enor­mem Ver­gnü­gen. Ins auf­ge­ris­se­ne Maul ei­nes Pi­ran­has schaue ich erst St­un­den spä­ter.

NACH­DEM DIE „ HAM­BURG“IN SANT­ARÉM,

der dritt­größ­ten Stadt im Ama­zo­nas­ge­biet, an­ge­legt hat, be­stei­gen wir an der Pier ein­fa­che Holz­boo­te. Wir wol­len aus nächs­ter Nä­he das Zu­sam­men­tref­fen des grün­li­chen Rio Ta­pa­jós mit den schlam­mig­brau­nen Flu­ten des Ama­zo­nas be­ob­ach­ten. We­gen ih­rer un­ter­schied­li­chen Ge­schwin­dig­kei­ten und Tem­pe­ra­tu­ren flie­ßen die bei­den Ge­wäs­ser sechs Ki­lo­me­ter ne­ben­ein­an­der her, be­vor sie sich ver­mi­schen – ein Na­tur­schau­spiel, das wir ganz ähn­lich noch meh­re­re Ma­le be­stau­nen wer­den, un­ter an­de­rem beim „En­con­tro das Agu­as“, wo der moor­schwar­ze Rio Ne­gro in den lehm­gel­ben Rio Solimões mün­det – so nennt man den bra­si­lia­ni­schen Ober­lauf des Ama­zo­nas. Heu­te aber schip­pern wir erst ein­mal wei­ter zum Mai­ca-see. Fischer in klei­nen Boo­ten wer­fen ih­re Net­ze aus, Kin­der win­ken uns vom Ufer zu. Ne­ben uns taucht ein ro­sa Et­was auf, doch schwimmt da nicht et­wa ein Schwein, son­dern ein Bo­to, ei­ner der glück­ver­hei­ßen­den ro­sa Fluss­del­fi­ne des Ama­zo­nas, die sich im­mer wie­der für kur­ze Au­gen­bli­cke zei­gen, aber lei­der nicht so spring­freu­dig sind wie ih­re Ver­wand­ten aus dem Meer. Als sich das Ge­wäs­ser ver­engt, zieht der Regenwald schein­bar zum Grei­fen nah an uns vor­über. Es zirpt und zwit­schert, brummt und surrt. Hier sonnt sich auf ei­nem von Auf­set­zer­pflan­zen be­wach­se­nen

Ast ein Grü­ner Le­gu­an. Dort hängt ein Faul­tier in der Baum­kro­ne. Ein trä­ges, dunk­les Knäu­el, nur die lan­gen Ze­hen, mit de­nen es sich fest­krallt, sind deut­lich zu er­ken­nen. Auch die leuch­tend bun­ten Eis­vö­gel wä­ren fo­to­gen, wol­len aber nicht po­sie­ren. Tu­ka­ne er­spä­hen wir, halb­ver­bor­gen hin­ter Blät­tern, und ei­nen Hoatz­in, ein skur­ri­les, fa­sa­nen­ar­ti­ges Ge­schöpf mit der Iro­ke­sen­fri­sur ei­nes Pun­kers.

DANN DROSSELT DER BOOTSFÜHRER DEN MO­TOR.

Je­der der Aus­flüg­ler er­hält ei­ne an ei­nem Holz­scheit be­fes­tig­te Schnur mit ei­nem Me­tall­ha­ken, auf den ein Fleisch­fet­zen ge­spickt ist. Rasch lockt das Blut ei­nen Schwarm Pi­ran­has an. Mei­ne An­gel zuckt, doch als ich sie voll Freu­de über den Fang aus dem brau­nen Was­ser rei­ße, blitzt der blan­ke Ha­ken im Son­nen­licht. Der Fisch hat den Kö­der, ich ha­be nichts – be­sit­ze aber nach wie vor al­le Fin­ger. So man­cher Ang­ler­hand fehlt das ei­ne oder an­de­re Fin­ger­glied, er­klärt man uns. Pi­ran­has bei­ßen mit ih­ren mes­ser­schar­fen Zäh­nen auch dann noch zu, wenn sie be­reits im Boot lie­gen. Da­mit auch wir Glück­lo­se­ren die be­rüch­tig­ten Fische aus nächs­ter Nä­he be­stau­nen kön­nen, zieht un­ser Bootsführer, der mehr Er­fah­rung und zwei­fel­los auch grö­ße­res Ge­schick be­sitzt als ich, mü­he­los ei­ni­ge Ex­em­pla­re an Bord, und hält die nach Luft schnap­pen­den Räu­ber mit fes­ter – bis­lang un­ver­sehr­ter – Hand. Nach­dem die Pi­ran­has das Blitz­licht­ge­wit­ter der Ka­me­ras über­stan­den ha­ben, ent­lässt er sie in die Frei­heit. Ob­gleich sie ge­grillt aus­ge­spro­chen schmack­haft sei­en, wie er be­tont. Vor Hun­ger dar­ben müs­sen wir den­noch nicht. Auf der „Ham­burg“war­ten wie je­den Abend ein Sechs- Gän­ge-me­nü im Re­stau­rant oder al­ter­na­tiv das üp­pi­ge Büf­fet im „Palm­gar­ten“auf uns, be­vor heu­te in der Lounge, als Vor­be­rei­tung auf die An­lan­dung in Ma­n­aus, Wer­ner Her­zogs Ama­zo­nas-film „Fitz­car­ral­do“ge­zeigt wird.

DIE KON­TRAS­TE DIE­SER REI­SE SIND VIEL­FÄL­TIG.

In Par­in­tins wer­den wir in Drei­rad-rick­schas zur far­ben­präch­ti­gen Boi-bum­ba-show ge­fah­ren – das ei­gent­li­che Tanz­spek­ta­kel „Bum­ba meu boi“, das je­weils im Ju­ni die Mas­sen be­geis­tert, ist ne­ben dem Karneval von Rio das po­pu­lärs­te Fest Bra­si­li­ens. Am Abend dar­auf be­su­chen wir das Tea­tro Ama­zo­nas, dank sei­ner leis­tungs­star­ken Kli­ma­an­la­ge wo­mög­lich der kühls­te Ort in Ma­n­aus, ge­wiss aber der cools­te. Die „ Ama­zo­nas Jazz Band“spielt po­pu­lä­re Bos­sa-no­va-ti­tel in un­ge­wohn­ten Ar­ran­ge­ments, die Zu­schau­er to­ben. Das ei­gent­li­che Er­eig­nis aber ist das pracht­vol­le, 1896 er­öff­ne­te Ge­bäu­de selbst, das wir am fol­gen­den Mor­gen noch ein­mal aus­führ­lich be­sich­ti­gen. Ge­spart wur­de beim Bau des Thea­ters an nichts. Es prunkt mit Car­ra­ra-mar­mor, Mu­ra­no- Glas­lüs­tern, 36.000 be­mal­ten Dach­ka­cheln aus dem El­sass, in Schott­land ge­fer­tig­ten guss­ei­ser­nen Säu­len und Par­kett­bö­den aus edels­ten Höl­zern – dar­un­ter na­tür­lich das glut­ro­te Holz des „pau bra­sil“. Je­nes Bau­mes, der Bra­si­li­en sei­nen Na­men gab. Geld be­saß man dank des Kaut­schuk­han­dels, der Ma­n­aus im 19. Jahr­hun­dert zur reichs­ten Stadt des Kon­ti­nents mach­te, im Über­fluss. Fa­ta­ler­wei­se wur­den Kaut­schuk­sa­men au­ßer Lan­des ge­schmug­gelt. Es ge­lang, die Pflan­ze in Lon­don zu kul­ti­vie­ren und in den bri­ti­schen Ko­lo­ni­en in Asi­en aus­zu­sä­en. Das Mo­no­pol war ver­lo­ren, der mär­chen­haf­te Boom am Ama­zo­nas um 1912 zu En­de. Erst nach­dem das ver­kehrs­tech­nisch un­güns­tig ge­le­ge­ne, da nur auf dem Was­ser- und Luft­weg er­reich­ba­re Ma­n­aus 1957 zur Frei­han­dels­zo­ne er­klärt wur­de, hat es sich öko­no­misch all­mäh­lich er­holt. Heu­te gilt es als Ka­pi­ta­le der Elek­tro­in­dus­trie und des Mo­tor­rad­baus. Ei­ne Bus­rund­fahrt führt uns wei­ter zum Palácio Rio Ne­gro, der eins­ti­gen Re­si­denz des deut­schen Kaut­schuk­ba­rons Wal­de­mar Scholz, der Wer­ner Her­zog zu der von Klaus Kin­ski ge­spiel­ten Fi­gur des Fitz­car­ral­do in­spi­riert ha­ben soll. Vor­bei an den Re­lik­ten eins­ti­ger Art-nou­veau-pracht und den be­drü­ckend be­helfs­mä­ßi­gen Holz­hüt­ten der Fa­ve­las ge­lan­gen wir zum Mer­ca­do Mu­ni­ci­pal mit sei­ner von Gus­ta­ve Eif­fel ent­wor­fe­nen Ei­sen­kon­struk­ti­on. Von dort er­reicht man mit we­ni­gen Schrit­ten die mo­der­ne Shop­ping-mei­le der Ur­wald­stadt. Nicht al­lein Aus­flugs­lei­te­rin Ol­ga Bozh­ko, die im­mer bes­tens ge­laun­te gu­te See­le der „Ham­burg“, schreit vor Glück an­ge­sichts der schier un­end­li­chen Aus­wahl sty­lis­her Schu­he zu mi­ni­ma­len Prei­sen.

DER OVERNIGHT- STAY

in der ge­schäf­ti­gen Zwei-mil­lio­nen­Me­tro­po­le ist ein Hö­he­punkt der 16-tä­gi­gen Plantours-rei­se „Der Ama­zo­nas – un­be­rührt & ge­heim­nis­voll“, die vom rie­si­gen Mün­dungs­del­ta ins pe­rua­ni­sche Iqui­tos führt. Sie be­ginnt in der „Stadt der Man­go­bäu­me“Belém, zu Deutsch: Beth­le­hem, und zwar mit ei­nem Rund­gang über den quir­li­gen Mer­ca­do Ver- o-pe­so, des­sen Na­me „Prüf das Ge­wicht“kein Ap­pell an uns Kreuz­fah­rer sein soll, mich aber den­noch den lei­der nur bis zum Abend­es­sen an­hal­ten­den Vor­satz fas­sen lässt, wäh­rend der Rei­se auf Des­serts zu ver­zich­ten. Zwar bie­ten ei­ni­ge Markt­frau­en Ro­sen­krän­ze aus Kro­ko­dil­zäh­nen und ge­heim­nis­vol­le Fläsch­chen mit Mix­tu­ren wie „Via­gra na­tu­ral“feil, doch kei­ne hat ei­nen Zau­ber­trank im An­ge­bot, der Fett­re­ser­ven mi­nu­ten­schnell schmel­zen lässt. Da­für fließt schon am ers­ten Rei­se­tag mein Schweiß in Strö­men. Kaum sind die Lot­sen an Bord, pas­siert die „Ham­burg“die en­gen Bre­ves-ka­nä­le, vor­bei an der Il­ha de Ma­ra­jó, die mit 48.000 Qua­drat­ki­lo­me­tern grö­ßer als die Schweiz ist. Ich kann den Blick kaum ab­wen­den vom ge­mäch­lich vor­über­zie­hen­den Regenwald. Die ro­ten Fle­cke dort im Grün, sind das nicht Schar­lach­sich­ler? Wir rich­ten die Te­le­ob­jek­ti­ve un­se­rer Ka­me­ras auf klei­ne Häu­ser­sied­lun­gen und ver­ein­zel­te Pfahl­bau­ten, de­ren Be­woh­ner Ka­nus be­stei­gen, um die „Ham­burg“ein Stück zu be­glei­ten – und uns mit ih­ren Smart­pho­nes zu fo­to­gra­fie­ren. Wer stellt hier die At­trak­ti­on für wen dar?

KREUZ­FAHRT­RIE­SEN BLEIBT DIE­SE PAS­SA­GE DER REI­SE VER­WEHRT.

Zu­dem be­wäl­tigt die „Ham­burg“dank ih­rer be­schei­de­nen Ma­ße und des ge­rin­gen Tief­gangs nicht nur die 1.700 Ki­lo­me­ter des mäch­ti­gen, von 100.000 Ne­ben­flüs­sen ge­speis­ten Stro­mes bis Ma­n­aus, son­dern fährt 2.100 Ki­lo­me­ter wei­ter fluss­auf­wärts bis Iqui­tos, als bis­lang ein­zi­ges deutsch­spra­chi­ges Schiff ne­ben den zwei bzw. künf­tig drei Ex­pe­di­ti­ons­schif­fen von Ha­pag-lloyd Crui­ses.

Ab 2019 will auch Nicko den Ama­zo­nas bis in den Nord­os­ten Pe­rus be­fah­ren, mit ei­nem neu­en Schiff, Neu­bau­ten in­ter­na­tio­na­ler Ver­an­stal­ter wie Ponant oder Hur­tig­ru­ten wer­den dort eben­falls un­ter­wegs sein.

DASS KREUZ­FAHR­TEN AUF DEM AMA­ZO­NAS SO GE­FRAGT SIND, ist so

ver­wun­dert kaum, das Fahrt­ge­biet be­ein­dru­ckend wie kaum ein an­de­res. 20 Pro­zent des ge­sam­ten Süß­was­sers un­se­res Pla­ne­ten flie­ßen im Ama­zo­nas. Der größ­te Regenwald der Welt pro­du­ziert ein Drit­tel al­len Sau­er­stof­fes, und ist zugleich das ar­ten­reichs­te Bio­top der Er­de. Auf ei­nem hal­ben Hekt­ar Land wur­zeln bis zu 200 ver­schie­de­ne Baum­ar­ten – in un­se­ren Wäl­dern sind es gera­de mal sechs. Ne­ben be­rüch­tig­ten Spe­zi­es wie der wür­gen­den Boa Con­stric­tor, dem grell­bun­ten Baum­stei­ger­frosch, der den in­di­ge­nen Völ­kern das Pfeil­gift lie­fert, und dem Ja­gu­ar, der dritt­größ­ten Raub­kat­ze der Welt, le­ben hier 1.300 Vo­gel- und 3.000 Fi­sch­ar­ten. Ganz zu schwei­gen von den un­zäh­li­gen ver­schie­de­nen Kriech­tie­ren und In­sek­ten. Auf ei­nem ein­zi­gen Baum konn­ten For­scher 95 ver­schie­de­ne Amei­sen iden­ti­fi­zie­ren. Noch ja­gen ei­ni­ge In­di­os wie eh und je mit dem Blas­rohr, noch strei­fen Ta­pi­re um­her, noch darf die For­schung hof­fen, dass un­be­kann­te Pflan­zen un­ge­ahn­te Mög­lich­kei­ten für die Phar­ma­zeu­tik bie­ten. Doch in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten wur­den be­reits 20 Pro­zent der einst sechs Mil­lio­nen Qua­drat­ki­lo­me­ter Ama­zo­nas-regenwald für im­mer ver­nich­tet, um Tro­pen­holz zu schla­gen, Tier­fut­ter anund Bo­den­schät­ze wie Bau­xit, Uran oder Gold ab­zu­bau­en – und die Zer­stö­rung schrei­tet täg­lich vor­an. Nicht ein­mal das Ge­schäft mit Tou­ris­ten ist so lu­kra­tiv, dass es die lang­fris­tig kei­nes­wegs ge­winn­brin­gen­de Ab­hol­zung ver­hin­dern könn­te. Der Ama­zo­nas-regenwald ein ge­fähr­de­tes Sehn­suchts­ziel, ei­ne Rei­se auf dem my­thi­schen Fluss ein Le­benstraum für vie­le.

AUF DER „ HAM­BURG“UN­TER­WEGS

sind ne­ben mir 321 Pas­sa­gie­re, von de­nen 71 be­reits in der Ka­ri­bik auf­ge­stie­gen sind, im ku­ba­ni­schen Havanna, auf Mar­ti­ni­que, Bar­ba­dos oder Gre­na­da. Das Durch­schnitts­al­ter be­trägt re­spek­ta­ble 65 Jah­re. Doch sei­en sol­che Zah­len be­deu­tungs­los, meint die Bord­zei­tung. Die le­ge­re „Ham­burg“sei ein Schiff „für Men­schen, die sich nicht über ihr Al­ter, son­dern ih­re Le­bens­lust de­fi­nie­ren“. Si­gni­fi­kan­te Ab­wei­chun­gen vom Al­ters­durch­schnitt blei­ben Aus­nah­men, um­so brei­ter ist das Spek­trum der Kin­der­stu­ben und Bil­dungs­ho­ri­zon­te, und so kommt es schon bei Tisch zur fas­zi­nie­ren­den Be­geg­nung mit frem­den ( Un-)kul­tu­ren, noch be­vor wir auf in­di­ge­ne Völ­ker tref­fen. Die fa­mi­liä­re At­mo­sphä­re an Bord aber glät­tet sämt­li­che Dis­har­mo­ni­en, zu­mal selbst auf ei­nem so über­schau­ba­ren Schiff wie die­sem aus­rei­chend Raum zur fried­li­chen Ko­exis­tenz bleibt. So­gar mit den fremd­ar­ti­gen Flug­in­sek­ten von be­ängs­ti­gen­der Grö­ße, de­nen das Ober­deck der „Ham­burg“als Lan­de­platz dient; mehr­mals täg­lich

kehrt die Cr­ew Hun­der­te ro­bus­ter, schwar­zer Kä­fer zu­sam­men. Üb­ri­gens er­weist sich mei­ne Furcht vor Mos­ki­tos als un­be­grün­det, dank ei­nes wirk­sa­men Sprays wer­de ich auf der ge­sam­ten Rei­se gan­ze drei Mal ge­sto­chen, ob­wohl ich selbst bei Zo­di­ac-aus­flü­gen in den Regenwald stets kur­ze Hem­den und Ho­sen tra­ge.

NATURGEMÄSS SIND NICHT AL­LE REISETAGE

glei­cher­ma­ßen prall mit Ein­drü­cken ge­füllt. Hin­ter Ma­n­aus dämpft die me­di­ta­ti­ve Mo­no­to­nie des vor­über­zie­hen­den Wal­des die Un­ter­hal­tun­gen. Setzt Ent­span­nung ein oder er­mü­det die ewig glei­che Aus­sicht? Ge­le­gent­lich kommt uns ein Fahr­gast­schiff mit sei­nen ty­pi­schen mehr­stö­cki­gen, ova­len Auf­bau­ten ent­ge­gen. Weit häu­fi­ger schwim­men Eich­hor­nia-in­seln vor­bei, die je­doch lei­der nicht das Ge­rings­te mit den pos­sier­li­chen Tier­chen zu tun ha­ben; die Was­ser­hya­zin­the trägt ih­ren Na­men zu Eh­ren ei­nes preu­ßi­schen Kul­tus­mi­nis­ters. Im­mer wie­der schla­gen trei­ben­de Baum­stäm­me ge­gen den Bug. Ei­nes Nachts ver­kan­tet sich ein meh­re­re Me­ter lan­ges Ex­em­plar im Pro­pel­ler; ich wa­che durch die star­ken Mo­tor­vi­bra­tio­nen auf. Tags dar­auf müs­sen in Ma­n­aus zwei Tau­cher die Schiffs­schrau­be be­frei­en. Als hef­ti­ge Re­gen­güs­se das Grün in ei­nen schma­len Strei­fen Grau ver­wan­deln, glaubt man, hie und da ei­nen An­flug von Me­lan­cho­lie an Bord zu spü­ren. Doch lau­ni­ge Ak­ti­vi­tä­ten von Bin­go bis Zum­ba sor­gen für Zer­streu­ung und Be­we­gung. Vie­le Gäs­te fre­quen­tie­ren auch die Vor­trä­ge der vier fach­lich kom­pe­ten­ten, rhe­to­risch un­ter­schied­lich be­gna­de­ten Lek­to­ren. Ihr täg­li­cher „Re­cap“lässt vor dem Abend­es­sen das Er­leb­te Re­vue pas­sie­ren und bie­tet ei­ne Vor­schau auf das zu Er­war­ten­de. Wenn dann der aus Mum­bai stam­men­de Chef­koch Ge­or­ge Pod­der sei­ne Köst­lich­kei­ten auf­ti­schen lässt, er­hel­len sich selbst je­ne See­len, de­nen es vor dem stän­di­gen Grün all­mäh­lich graut. Die Kü­che der „Ham­burg“ist von über­ra­schen­der Qua­li­tät für ein Schiff die­ser Preis­klas­se. Die an­ge­rich­te­ten Tel­ler wir­ken an­spre­chend, der Ser­vice der bes­tens aus­ge­bil­de­ten Kräf­te ist auf­merk­sam und per­sön­lich.

ÜBER­HAUPT MACHT DIE HERZ­LICH­KEIT

der Cr­ew man­che Un­zu­läng­lich­keit des mitt­ler­wei­le 21 Jah­re al­ten, bes­tens ge­pfleg­ten Schif­fes wett. Die zahl­rei­chen Stamm­fah­rer schät­zen das au­ßer­ge­wöhn­li­che Rou­ting des klei­nen „Weltent­de­cker­schif­fes“, das so­gar die Gro­ßen Se­en Nord­ame­ri­kas be­fah­ren kann. Da­für ver­zich­ten sie auf zeit­ge­mä­ße Stan­dards, wie et­wa Bal­kon­ka­bi­nen, und stö­ren sich nicht da­ran, dass ih­re ge­lieb­te „Ham­burg“mit Schwer­öl durch das öko­lo­gisch hoch­sen­si­ble Ama­zo­nas­ge­biet fährt und die Ab­ga­se un­ge­fil­tert in die Na­tur pus­tet. Zwar dürf­te bei be­weg­ter See das Don­nern der Wel­len die Gäs­te in bug­na­hen Ka­bi­nen bei leich­tem Schlaf wach hal­ten, und wei­ter hin­ten brum­men die Mo­to­ren hef­tig, doch ge­hört es zum Er­leb­nis ei­ner Rei­se mit der „Ham­burg“, dass man die­ses Schiff eben noch hört und spürt. Selbst dass die Son­nen­decks am Heck nur für Lärm­re­sis­ten­te nutz­bar sind, weil dort Ab­luft­ven­ti­la­to­ren dröh­nen, und man sich folg­lich

ei­nen der Lie­ge­stüh­le am Süß­was­ser­pool mitt­schiffs er­kämp­fen muss, ist ne­ben­säch­lich. Wer will schon in der Son­ne dö­sen, wenn span­nen­de Ex­pe­di­tio­nen lo­cken? An­ge­bo­ten wer­den auf die­ser Tour Aus­flü­ge zu Prei­sen von 49 bis 189 Eu­ro, von der nächt­li­chen Al­li­ga­tor-be­ob­ach­tung über das Schwim­men mit Fluss­del­fi­nen bis zur Rund­fahrt im Bus – die Städ­te Belém und Ma­n­aus las­sen sich aber pro­blem­los auch auf ei­ge­ne Faust er­kun­den.

sind Fahr­ten mit den bord­ei­ge­nen Zo­di­acs in Sei­ten­ar­me und Über­schwem­mungs­ge­bie­te des Ama­zo­nas, wo sich Aras er­spä­hen las­sen und flin­ke Spin­nen­af­fen, Kor­mo­ra­ne, Ko­li­bris und al­ler­lei Schmet­ter­lin­ge, de­ren Na­me ihr Ge­heim­nis bleibt. Sechs die­ser Schlauch­boo­te ste­hen zur Ver­fü­gung. Fünf ge­hen mit je­weils 16 Pas­sa­gie­ren, ei­nem Lek­tor oder ei­ner Aus­flugs­lei­te­rin und ei­nem Bootsführer auf Tour, ein Zo­di­ac wird ein­satz­be­reit für Not­fäl­le zur Ver­fü­gung ge­hal­ten; nach vier „Schich­ten“sind al­le Gäs­te be­glückt. Hin­zu kom­men An­lan­dun­gen mit Ten­dern in An­sied­lun­gen wie dem 18.000 Ein­woh­ner zäh­len­den Ju­taí. Ob­gleich nur sel­ten von Tou­ris­ten be­sucht, sind schon Klein­kin­der dar­auf kon­di­tio­niert, für Sü­ßig­kei­ten vor den Ka­me­ras zu po­sie­ren. Ih­re äl­te­ren Ge­schwis­ter schlep­pen an­ge­lein­te To­ten­kop­fäff­chen und Gür­tel­tie­re an – na­tür­lich gleich­falls in Er­war­tung ei­nes ent­spre­chen­den Obo­lus. Und die rei­fe­re Ju­gend bie­tet Rund­fahr­ten per Mo­ped an, an­fangs für

IM REI­SE­PREIS IN­KLU­DIERT

drei Re­al, et­wa ei­nen Eu­ro; doch rasch wird die Zah­lungs­kraft der „Ham­burg“-pas­sa­gie­re bes­ser ein­ge­schätzt und der Preis zieht an. Na­tür­lich bleibt das An­ge­bot bei schweiß­trei­ben­den 39 Grad im Schat­ten für manch äl­te­re Da­me so at­trak­tiv wie der mus­ku­lö­se Fah­rer, an den sie sich klam­mern darf.

der Rei­se über­que­ren wir die Gren­ze nach Ko­lum­bi­en, und die „Ham­burg“wirft ih­ren An­ker vor Le­ti­cia. Hier ha­ben die meis­ten Gäs­te ei­ne der bei­den an­ge­bo­te­nen Ex­kur­sio­nen ge­bucht, ei­ne Boots­fahrt zur von zah­men Mönchs­af­fen be­wohn­ten „Monkey Is­land“mit ei­nem Be­such bei ei­nem Stamm der Ya­gua-in­dia­ner oder ei­ne aben­teu­er­li­che Wan­de­rung auf rut­schi­gen Re­gen­wald­pfa­den zu den Hui­to­to-in­dia­nern. Doch auch die ge­schäf­ti­ge Stadt, die süd­lichs­te Ko­lum­bi­ens, lohnt ei­nen Be­such. Am Abend macht sich die „Ham­burg“dann auf nach Iqui­tos – oh­ne wei­te­ren Halt. Der vor­ge­se­he­ne Be­such von Pe­vas, der 1735 ge­grün­de­ten, äl­tes­ten pe­rua­ni­sche Sied­lung am Ama­zo­nas, wird aus Zeit­grün­den ab­ge­sagt. Nach 3.810 Fluss­ki­lo­me­tern en­det un­se­re Kreuz­fahrt. Wäh­rend wir aus der voll­be­setz­ten Char­ter­ma­schi­ne, die uns über Pa­na­ma zu­rück in die Hei­mat bringt, ei­nen letz­ten Blick auf den mä­an­dern­den Fluss­lauf wer­fen kön­nen, stei­gen neue Pas­sa­gie­re auf. Schon bald wird für sie der Aus­laufsong der „Ham­burg“er­tö­nen: „Vol­le Fahrt vor­aus, das Schiff ist dein Zu­haus!“Ich be­nei­de sie. ■

AMVORLETZTEN TAG

Wenn der aus Mum­bai stam­men­de Chef­koch Ge­or­ge Pod­der (Fo­to oben) sei­ne Köst­lich­kei­ten auf­tischt, er­hel­len sich die Ge­sich­ter der Gäs­te. Der Ser­vice der bes­tens aus­ge­bil­de­ten Kräf­te ist auf­merk­sam und per­sön­lich (un­ten).

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