Die Sa­che mit den glück­li­chen Kü­hen

Un­ter­su­chung zum Tier­wohl von Milch­vieh über­rascht / Wei­de­hal­tung ist ge­sell­schaft­lich am meis­ten ak­zep­tiert

Delmenhorster Kreisblatt - - GANDERKESEE - Von Bet­ti­na Dogs-Pröß­ler

Sind Kü­he auf der Wei­de au­to­ma­tisch glück­li­cher? Ein Pi­lot­pro­jekt hat die Aus­wir­kun­gen ver­schie­de­ner Hal­tun­gen auf das Tier­wohl er­forscht. Was wä­re, wenn sie selbst wäh­len könn­ten?

STENUM Sind Kü­he, die auf die Wei­de dür­fen, tat­säch­lich bes­ser dran? Nicht un­be­dingt, wie ein Pi­lot­pro­jekt des Grün­land­zen­trums Nie­der­sach­sen-Bre­men und der Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen er­ge­ben hat. Die Er­geb­nis­se wur­den ges­tern in Stenum vor­ge­stellt.

Wenn Kü­he selbst ent­schei­den könn­ten: Sie wür­den die meis­te Zeit ih­res Ta­ges auf der Wei­de ver­brin­gen. Das heißt im Um­kehr­schluss aber nicht, dass sie sich im Stall un­woh­ler füh­len. „Un­se­re Un­ter­su­chung hat ge­zeigt, dass es im­mer ei­ne Fra­ge der in­di­vi­du­el­len Hal­tungs­be­din­gun­gen ist“, schil­der­te Dr. Lin­da Arm­brecht Ge­org-Au­gust-Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen ges­tern Vor­mit­tag im Sten­u­mer Gast­haus Ba­cken­köh­ler.

Hier­hin hat­te das Grün­land­zen­trum Nie­der­sach­sen-Bre­men ein­ge­la­den, um den Ab­schluss ei­nes bis­lang ein­ma­li­gen Pro­jek­tes vor­zu­stel­len: Un­ter dem Ti­tel „Sys­tem­ana­ly­se Milch“hat­ten zum ers­ten Mal Wis­sen­schaft und Land­wirt­schaft mit­ein­an­der zu­sam­men­ge­ar­bei­tet, um auf brei­ter Ebe­ne die Aus­wir­kun­gen ver­schie­de­ner Hal­te­for­men von Milch­kü­hen un­ter die Lu­pe zu neh­men.

„Ein Fa­zit ist, dass je­des Hal­te­sys­tem sei­ne Stär­ken und Schwä­chen hat“, re­sü­mier­te Pro­jekt­ko­or­di­na­tor Jen­drik Hol­t­hu­sen vom Grün­land­zen­trum. Fünf Jah­re lang hat­ten Wis­sen­schaft­ler der Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen an­hand von 60 land­wirt­schaft­li­chen Be­trie­ben un­ter an­de­rem un­ter­sucht, wie sich Wei­de- und Stall­hal­tung auf Wohl­be­fin­den, Milch­leis­tung und Krank­hei­ten aus­wir­ken.

Auf der Wei­de gibt es we­ni­ger Ver­let­zun­gen

„Wei­de­hal­tung ist die bei der Ge­sell­schaft be­lieb­tes­te Hal­tungs­form in Deutsch­land“, er­klär­te Dr. Kars­ten Pa­de­ken, Vor­stands­vor­sit­zen­der des Grün­land­zen­trums. Ei­ne mit hin­läng­li­chen Vor­zü­gen. „Im Be­reich Ver­let­zun­gen macht es die Wei­de­hal­tung deut­lich ein­fa­cher, das Tier­wohl zu er­zeu­gen“, zeig­te Wis­sen­schaft­le­rin Arm­brecht auf. Kü­he, die den Groß­teil des Ta­ges auf der Wei­de ver­bräch­ten, hät­ten we­ni­ger Ab­schür­fun­gen, Lahm­hei­ten und Schwel­lun­gen, zu­dem hät­ten sie auch we­ni­ger mit Klau­en­er­kran­kun­gen zu kämp­fen. Al­ler­dings sei die Milch­leis­tung von Kü­hen, die täg­lich mehr als sechs St­un­den auf der Wei­de stün­den, um ei­ni­ges ge­rin­ger als von Kü­hen, die aus­schließ­lich im Stall ge­hal­ten wür­den. Ana­ly­siert wur­den in dem Pro­jekt nie­der­säch­si­sche Hö­fe mit ganz­tä­gi­ger Wei­de­hal­tung, Wei­de­hal­tung mit sechs bis zehn St­un­den Wei­de­gang täg­lich, mit ma­xi­mal sechs St­un­den Wei­de­gang täg­lich und rei­ner Stall­hal­tung.

Mensch-Tier-Be­zie­hung bei Stall­hal­tung bes­ser

„So­wohl im Be­reich der Krank­hei­ten, im So­zi­al­ver­hal­ten un­ter­ein­an­der und dem emo­tio­na­len Zu­stand der Kuh gibt es kei­nen Un­ter­schied von Wei­de- zu Stall­hal­tung“, re­fe­rier­te Arm­brecht. In der Ka­te­go­rie „Mensch-Tier-Be­zie­hung“hät­ten die Kü­he, die aus­schließ­lich im Stall un­ter­ge­bracht sind, hin­ge­gen bes­ser ab­ge­schnit­ten. „Da­zu sind sie im Stall kon­ti­nu­ier­li­cher mit Fut­ter ver­sorgt und müs­sen kei­ne Hun­ge­ro­der Durst­pha­sen über­brü­cken.“Ins­ge­samt kam die Wis­sen­schaft­le­rin zu dem Er­geb­nis: „Wei­de­hal­tung ist nicht aus­schlag­ge­bend für das Tier­wohl. Wich­ti­ger ist die Aus­stat­tung der Stäl­le hin­sicht­lich Platz und Lie­ge­kom­fort so­wie das Ma­nage­ment mit den Be­din­gun­gen.“

Fi­nan­zi­ell un­ter­stützt wur­de das Pro­jekt un­ter an­de­rem durch das nie­der­säch­si­sche Mi­nis­te­ri­um für Wis­sen­schaft und Kul­tur. „Die­ses Pro­jekt hat be­legt, dass Grün­land ei­nen Wert hat, nicht nur als Kul­tur­land­schaft, son­dern auch als Grund­la­ge in der Be­wirt­schaf­tung“, mein­te Wis­sen­schafts­mi­nis­ter Björn Thüm­ler. Dar­über hin­aus ha­be es da­zu bei­ge­tra­gen, dass Wis­sen­schaft und Land­wirt­schaft jetzt di­rekt mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren könn­ten. „Oh­ne, dass da­zwi­schen je­mand stört.“

FOTO: BET­TI­NA DOGS-PRÖß­LER

Nie­der­sach­sens Wis­sen­schafts­mi­nis­ter Björn Thüm­ler stößt in Stenum mit ei­nem Glas Milch auf die For­schungs­er­geb­nis­se an: Fünf Jah­re lang ha­ben Wis­sen­schaft­ler der Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen die Aus­wir­kun­gen ver­schie­de­ner Hal­tungs­be­din­gun­gen von Kü­hen auf Tier­wohl, Ge­sund­heit und Milch­leis­tung über­prüft.

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