Al­tes Hand­werk fin­det neue Ni­schen

Im­mer mehr Tex­til­her­stel­ler pro­du­zie­ren vor Ort und nicht mehr im Aus­land

Delmenhorster Kreisblatt - - VORDERSEITE - Von Rai­ner Kreu­zer

HAM­BURG Vie­le deut­sche Tex­til­her­stel­ler las­sen ih­re Wa­ren bil­lig in Asi­en pro­du­zie­ren. In Ham­burg fin­den sich al­ler­dings im­mer mehr Nä­her und We­ber, die ih­re Pro­duk­te vor Ort her­stel­len und ver­kau­fen – mit Er­folg. Sie set­zen auf Qua­li­tät und nicht auf Mas­se.

No­ble An­zü­ge und schril­le Un­ter­wä­sche wer­den nicht mehr so oft im Aus­land pro­du­ziert. So­gar die We­ber kom­men zu­rück. Hier ein Bei­spiel aus der Elb­me­tro­po­le. HAM­BURG „Geiz ist geil. Je bil­li­ger, um­so bes­ser.“Frei nach die­sen Ma­xi­men hat die deut­sche Tex­til­in­dus­trie seit den 1970er-Jah­ren 90 Pro­zent ih­rer Be­trie­be ge­schlos­sen. Ge­näht wird bil­lig in Asi­en, in Deutsch­land mit Ge­winn ver­kauft. Auch 90 Pro­zent der Ar­beits­plät­ze sind laut Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um seit­her ver­lo­ren ge­gan­gen.

Doch das al­te Hand­werk fin­det neue Ni­schen. Wer in Ham­burg webt und näht, kann auch in Ham­burg ver­kau­fen. Das be­weist Mai­ke Scham­bach. Sie sitzt in Ber­ge­dorf an ih­rem ei­ge­nen Web­stuhl und fer­tigt die Stof­fe für ih­re Kun­den, die das Per­sön­li­che mehr schät­zen als den Preis. „Es gibt ei­ne Schicht, die sich das leis­ten kann und Wert dar­auf legt, dass ihr An­zug in Deutsch­land pro­du­ziert wird“, sagt die stu­dier­te Be­triebs­wir­tin.

Ein Sak­ko gibt es bei ihr ab 1500 Eu­ro, „An­zü­ge so cir­ca 4000 Eu­ro“, kal­ku­liert sie. Da­für sind zwei oder meh­re­re Kun­den­ter­mi­ne er­for­der­lich. Maß­neh­men, Stof­fe aus­wäh­len, An­pro­be. Und wenn es schnell geht, kann der Käu­fer nach zwei Mo­na­ten sein Edel­ja­cket am Sach­sen­tor ab­ho­len. Scham­bachs neu­es­te Krea­ti­on sind Lam­pen­schir­me, die sie aus Fa­sern al­ter Plas­tik­fla­schen webt.

Auch wer nur über ei­ne dün­ne Brief­ta­sche ver­fügt, kann das Come­back der hei­mi­schen Pro­duk­ti­on un­ter­stüt­zen. Ei­ne Un­ter­ho­se für 24 Eu­ro, den BH für 40. Da­mit wirbt die Al­tona­er Stu­den­tin Li­sa No­el für ihr La­bel Spi­rel­li We­ar. „Ich ha­be an­ge­fan­gen, Un­ter­wä­sche aus al­ten TShirts zu nä­hen, die sich in mei­nem Schrank an­sam­mel­ten. Ich woll­te sie nicht weg­wer­fen, weil sie mich an wil­de Näch­te er­in­ner­ten. So wur­den sie in Stü­cke ge­schnit­ten und zu­sam­men­ge­fügt, um zu Un­ter­wä­sche zu wer­den“, er­zählt die 30-jäh­ri­ge Grün­de­rin. Ge­näht wird in der ei­ge­nen Woh­nung, denn der Um­satz sei noch be­schei­den, sagt sie. Ne­ben klei­nen Mo­dell­se­ri­en of­fe­riert die Stoff­künst­le­rin auch Ein­zel­stü­cke und Part­ner­look-Kom­bi­na­tio­nen für den be­son­de­ren Ge­schmack.

Es sind meist klei­ne Ein­zel­tüft­ler und Le­bens­künst­ler, die et­was wa­gen und ih­re Ni­schen su­chen. Aber auch fin­den. In der Sta­tis­tik der Hand­werks­kam­mer stieg die Zahl der Maß­schnei­der seit 2007 um rund 15 Pro­zent auf 226 im ver­gan­ge­nen Jahr, ob­wohl seit 2014 wie­der rück­läu­fig. Und We­ber, die sind in der Sta­tis­tik seit 2011 gänz­lich aus­ge­stor­ben. In der Bern­storff­stra­ße je­doch we­ben Andre­as und Na­ta­lia Möl­ler schon seit 26 Jah­ren fei­ne Schals und De­cken. Nur we­ni­ge Häu­ser wei­ter fer­tigt We­be­rin Ul­ri­ke Isen­see hand­ge­web­te Sei­den­schals in schril­len Far­ben und ver­kauft sie in ih­rem La­den für 100 bis 160 Eu­ro.

An pro­mi­nen­ter Stel­le sitzt Ham­burgs be­kann­tes­ter Stand­ort­pro­du­zent für Ex­klu­siv­fa­shion. Tho­ma­si- Punkt zen­tral in der Ci­ty. Dort hef­ten Prei­se an Män­teln und Ho­sen, die bei Nor­mal­ver­die­nern Schwin­del er­re­gen. Doch da­mit wer­den 25 Ar­beits­plät­ze in der Stri­cke­rei und Nä­he­rei in Ro­then­burg­sort ge­si­chert. „Wir fer­ti­gen al­lein in Ham­burg über 5000 Tei­le im Jahr. Ten­denz stei­gend. Al­ler­dings sind wir an un­se­ren Pro­duk­ti­ons­gren­zen von den Te­am­grö­ßen und un­se­ren Rä­um­lich­kei­ten“, bi­lan­ziert Che­fin Iris Frie­se. Doch ih­re Ma­xi­me lau­tet: „Klein blei­ben, um groß zu wer­den.“Qua­li­tät statt Mas­se.

FO­TO: WEB­MA­NU­FAK­TUR

Pro­du­ziert wird zu Hau­se: Mai­ke Scham­bach an ih­rem ei­ge­nen Web­stuhl.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.