Mit dem Ni­ko­laus ge­gen Ras­sis­mus

Wie der tür­kisch­stäm­mi­ge Ali Can bei Pe­gi­da auf­trat

Delmenhorster Kreisblatt - - DELMENHORST - Von Ma­rie Bus­se

Der 25-jäh­ri­ge Ali Can hat sich Pe­gi­da-De­mons­tran­ten ge­stellt. Er hat ei­ni­ge Schlüs­se für ein ge­sell­schaft­li­ches Mit­ein­an­der aus den Ge­sprä­chen für sich ge­zo­gen.

DEL­MEN­HORST Ali Can hält ger­ne her als Mus­ter­mi­grant. Als Bei­spiel für ge­lun­ge­ne In­te­gra­ti­on. Der heu­te 25-Jäh­ri­ge kam mit zwei Jah­ren als Asyl­be­wer­ber aus der Tür­kei nach Deutsch­land. „Wenn ein Pe­gi­da-De­mons­trant sagt, ,Ich kenn‘ ei­nen Ali, der sieht auch aus wie ein Ali und der ist in­te­griert‘, ist das doch toll“, sagt der 25-Jäh­ri­ge. Can gibt den vie­len Asyl­be­wer­bern ein Ge­sicht und ist sich si­cher: Im In­ne­ren wis­se der Mensch doch, dass es falsch sei, Hass zu ver­brei­ten.

Das mag na­iv klin­gen, doch Can kommt zu die­ser An­sicht nicht ein­fach so, wie er am Mitt­woch vor den 35 Be­su­chern der De­mo­kra­tie­kon­fe­renz der Dia­ko­nie in der Markt­hal­le er­klär­te. Er hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren Ost­deutsch­land be­reist, war in Baut­zen, Leip­zig und Dres­den – Städ­te, die vie­le mit Frem­den­hass in Ver­bin­dung brin­gen. Der 25-Jäh­ri­ge be­such­te AfD-Ver­an­stal­tun­gen und ging auf Pe­gi­da-De­mos. Ei­nen Os­ter­ha­sen oder ei­nen Scho­ko-Ni­ko­laus hat­te er da­bei. Die­se Zei­chen christ­lich­a­bend­län­di­scher Kul­tur ent­pupp­ten sich als Tür­öff­ner bei Pe­gi­da.

Da bot ein De­mons­trant an, ein Kin­der­zim­mer frei­zu­ma­chen für Ge­flüch­te­te. Da er­zähl­te ei­ne Mut­ter, dass sie nach den Vor­fäl­len der Sil­ves­ter­nacht in Köln Angst um ih­re Toch­ter hat. Da be­klag­te ein Rent­ner, dass er die Di­gi­ta­li­sie­rung nicht ver­ste­he und um sei­nen Wohl­stand fürch­tet. Ein an­de­rer Pe­gi­da-De­mons­trant leg­te den Arm schüt­zend um Cans Schul­ter, als er an­ge­pö­belt wur­de. „Die über­trei­ben es ein­fach“, sag­te der Pe­gi­da-An­hän­ger in Rich­tung sei­ner Mit­strei­ter. Can: „Nicht al­le De­mons­tran­ten sind Ras­sis­ten. Da gibt es vie­le Grau­stu­fen.“

Für den Ak­ti­vis­ten wa­ren die­se Mo­men­te kost­bar: We­der Can, der ehe­ma­li­ge Asyl­be­wer­ber, noch die De­mons­tran­ten, die „Rech­ten aus dem Os­ten“, wur­den zu Ge­sprächs­stoff, zu Spiel­bäl­len der De­bat­ten. „Wir ha­ben mit­ein­an­der, nicht über­ein­an­der ge­re­det“, fass­te er zu­sam­men. Aus die­sen Er­fah­run­gen er­wuchs die Idee, ei­ne „Hot­li­ne für be­sorg­te Bür­ger“ an­zu­bie­ten. Bis heu­te ru­fen ihn zwei­mal in der Wo­che Men­schen an, die mit­un­ter die AfD wäh­len oder bei Pe­gi­da mit­lau­fen.

Und Ali Can hört zu, oh­ne zu be­leh­ren. „Ich gie­ße nur Öl ins Feu­er, wenn ich Fak­ten zi­tie­re und recht­ha­be­risch bin“, sag­te er. Viel­mehr ver­sucht er, den kleins­ten ge­mein­sa­men Nen­ner zu fin­den, wie den Os­ter­ha­sen. Can: „Und ein gu­tes Ge­spräch braucht Zeit. Es kann sich nicht mal schnell im Fahr­stuhl ent­wi­ckeln.“

Nicht al­len Gäs­ten in der Markt­hal­le ge­fiel die­se Vor­ge­hens­wei­se. Es sei doch ein­deu­tig, dass mit ei­nem Ein­zel­nen ein ver­nünf­ti­ges Ge­spräch mög­lich sei. Doch in ei­ner Grup­pe ver­än­de­re sich die Dy­na­mik, die Men­schen sei­en viel emo­tio­na­ler und kaum zu er­rei­chen. Au­ßer­dem könn­ten doch die zum Teil ras­sis­ti­schen Hal­tun­gen nicht ein­fach igno­riert wer­den. Doch Can blieb da­bei, nur Ge­sprä­che auf Au­gen­hö­he könn­ten für ei­ne wert­schät­zen­de Streit­kul­tur sor­gen.

Er selbst er­zäh­le An­ek­do­ten, um Ver­trau­en zu schaf­fen. Der 25-Jäh­ri­ge ist in Wa­ren­dorf auf­ge­wach­sen. Da ha­be Li­sa Mül­ler, die Frau von Na­tio­nal­spie­ler Tho­mas Mül­ler, ihr Pferd ge­kauft, er­zähl­te Can.

FO­TO: MA­RIE BUS­SE

Der 25-jäh­ri­ge Ali Can be­zeich­net sich als „Asyl­be­wer­ber Ih­res Ver­trau­ens“und tritt mit be­sorg­ten Bür­gern in Kon­takt.

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