Dem Wolf auf der Spur

Der My­thos vom Wil­den Os­ten, der in Po­len in der Bies­z­c­z­ady be­ginnt, ist nichts an­de­res als wil­de Na­tur

Delmenhorster Kreisblatt - - AUF REISEN - Von Heidrun Lan­ge

Der Wind rauscht über den Baum­wip­feln, er kommt von den Wald­kar­pa­ten her­über, die von der Slo­wa­kei und der Ukrai­ne be­grenzt wer­den. Es ist die Bies­z­c­z­ady.

Der 1973 ge­grün­de­te Park ist 292 Qua­drat­ki­lo­me­ter groß und das reins­te Na­tur­pa­ra­dies. Das Schutz­ge­biet be­fin­det sich im pol­ni­schen Kar­pa­ten­vor­land. „4000 Tier­ar­ten leben im Na­tio­nal­park, dar­un­ter Wöl­fe, Luch­se, Bä­ren, Groß­wild und Wi­sen­te“, zählt Rei­se­lei­ter Les­zek je­ne Tie­re auf, nach de­nen Be­su­cher im­mer als Ers­tes fra­gen.

Ei­ne Ge­gend nur für Na­tur­lieb­ha­ber? Nicht nur. Es ist für Out­door­freaks und Kul­tur­lieb­ha­ber al­les da. Die al­ten Holz­kir­chen zum Bei­spiel in Hac­zów und Bliz­ne ge­hö­ren zum Unesco-Welt­kul­tur­er­be. Von Sa­nok gibt es Wan­der- und Rad­tou­ren in die Berg­re­gio­nen des Bies­z­c­z­ady-Ge­bir­ges. Kurz nach Sa­nok ver­schwin­den die letz­ten Häu­ser. Das Grün ge­winnt die Ober­hand. Vie­le Bu­chen und ei­ni­ge Tan­nen wach­sen bis 60 Me­ter hoch, da­zwi­schen ge­dei­hen manns­ho­he Blatt­kräu­ter.

Über al­len Baum­wip­feln und Ber­gen er­hebt sich der Tar­ni­ca, mit 1346 Me­tern der höchs­te Berg der pol­ni­schen Kar­pa­ten. Da­hin­ter fol­gen bis zur ukrai­ni­schen Gren­ze 300 Qua­drat­ki­lo­me­ter un­be­rühr­te Na­tur. Es ist das ei­gent­li­che Kern­stück des klei­nen, aber ein­zig­ar­ti­gen Parks, ei­ne idea­le Ge­gend, um auf Ei­gen­bröt­ler zu tref­fen.

Wal­de­mar Wi­kow­sky ver­bringt vie­le Ta­ge im Jahr hier in sei­ner Hüt­te bei Wet­li­na. Hüt­te? Der Künst­ler lacht: „Dann se­hen sie sich mal um.“Die­se Ab­ge­schie­den­heit ist sein liebs­ter Fleck. Zehn Jah­re ist es her, seit sich ei­ni­ge Holz­schnit­zer zu­sam­men­schlos­sen und die Ga­le­rie ins Leben rie­fen. Mit Werk­statt im Frei­en. Lin­den­holz, Ho­bel, Schraub­zwin­gen in al­len Grö­ßen lie­gen auf dem Tisch. Holz­spä­ne krin­geln sich auf dem Fuß­bo­den. Im In­nern ste­hen Skulp­tu­ren und an­de­re Schnit­ze­rei­en, je­de ein Uni­kat.

Hin­term Holz­haus grast Hirsch Ka­ro. So nennt ihn Wal­de­mar. Denn er ist ei­ner, der mit den Hir­schen re­den kann. Ka­te­ri­ne, die Hirsch­kuh, die in zehn Me­ter Ent­fer­nung die Si­tua­ti­on zu be­ob­ach­ten scheint, re­agiert auf das Ru­fen ih­res Na­mens. Fut­ter be­kom­men die Wild­tie­re kei­nes. Spricht er auch mit Wöl­fen und Bä­ren? Wal­de­mar zieht die Stirn in Fal­ten und lacht spitz­bü­bisch. Wöl­fe hat er fast noch nie zu Ge­sicht be­kom­men. Still und heim­lich zie­hen sie durch die Ber­ge. Um die Hüt­te strei­chen sie so man­che Nacht, ja und da hört er sie oft heu­len. Mor­gens sieht man die fri­schen Ab­drü­cke. Aber an­ge­grif­fen

ha­ben sie in den zehn Jah­ren, die er hier her­kommt, noch kei­nen. Und Braun­bä­ren sind eben­falls eher vor­sich­ti­ge Tie­re. Ganz of­fen­sicht­lich ha­ben sich Mensch und Tier hier an­ge­passt. Nur wenn die Wöl­fe wie­der mal ein Schaf ge­ris­sen ha­ben, dann sind sie ver­är­gert. Tou­ris­ten, die sich an die mar­kier­ten Wald­we­ge hal­ten, wer­den Wolf & Co. kaum zu Ge­sicht be­kom­men.

Die­se Ab­ge­schie­den­heit hat die Ge­gend der Ak­ti­on Weich­sel zu ver­dan­ken. Ein un­rühm­li­ches Ka­pi­tel der pol­ni­schen Ge­schich­te und ei­ne schreck­li­che Zeit. Nach der Zwangs­um­sied­lung der Be­woh­ner die­ser Ge­gend wur­den Häu­ser und Kir­chen ver­brannt, Fried­hö­fe zer­stört. En­de der Vier­zi­ger­jah­re war Bies­z­c­z­ady fast ent­völ­kert. Und ge­nau dar­um steht man plötz­lich vor ei­ner Kir­chen­wand oder um­ge­stürz­ten Gr­ab­stei­nen. Auf Kar­ten von Bies­z­c­z­ady sind die eins­ti­gen Dör­fer ver­zeich­net, ins­ge­samt 60 000 Menschen leb­ten hier.

An den Berg­hän­gen sind Ter­ras­sen er­hal­ten, auf de­nen einst Ap­fel- und Kirsch­bäu­me stan­den. Jetzt ha­ben sich Bir­ken­wäl­der, Ro­bi­ni­en und Ahorn breit­ge­macht. Ein Schrei­ad­ler sitzt auf ei­nem der Bäu­me. Der Greif­vo­gel ist in Eu­ro­pa fast aus­ge­stor­ben, doch hier in die­sem Schutz­ge­biet in den Au­en und Laub­höl­zern hat er kaum Fein­de. Am So­li­na-Stau­see, wo auch der Künst­ler Wal­de­mar wohnt, hat sich in den letz­ten Jah­ren vie­les ver­än­dert. Die Gäs­te kom­men zwar noch nicht in Scha­ren, aber Jach­ten, Jol­len und ein klei­ner Aus­flugs­damp­fer pen­deln im Ha­fen. Es gibt Cam­ping­plät­ze und or­dent­lich aus­ge­stat­te­te Fe­ri­en­ob­jek­te. Vom See aus schlän­gelt sich der Fluss San durch ei­ne dicht be­sie­del­te, aber durch­weg fla­che Ge­gend. Bes­tens ge­eig­net für Fa­mi­li­en. Ob beim Raf­ting oder Ka­nu­fah­ren, pad­deln kann man auf dem Was­ser präch­tig. Die Be­wäl­ti­gung von Strö­mun­gen for­dert al­ler­dings sport­li­chen Ehr­geiz her­aus.

FO­TO: HEIDRUN LAN­GE

Idyl­lisch: Den Bies­z­c­z­ady-Na­tio­nal­park kann man un­ter an­de­rem mit der Kut­sche er­kun­den.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.