Mit Tier­fa­beln ge­gen Frem­den­hass

War­um Sa­ti­ri­ker Ja­e­ni­cke in der Stadt­kir­che das Pu­bli­kum Deutsch­land­fah­nen schwen­ken lässt

Delmenhorster Kreisblatt - - DELMENHORST - Von Vin­cent Buß

Ob Da­ten­klau oder Pa­trio­tis­mus, Frie­de­mann Ja­e­ni­cke ana­ly­siert sa­ti­risch das Zeit­ge­sche­hen. Und ver­steckt da­bei sei­ne kau­zi­ge Art nicht, wie das Pu­bli­kum am Sams­tag in der Stadt­kir­che er­leb­te.

DEL­MEN­HORST „Ich un­ter­hal­te mich nicht ger­ne mit Men­schen“– so be­grüß­te der Künst­ler Fi­re­de­mann Ja­e­ni­cke sein Pu­bli­kum. Ob das nun der Wahr­heit ent­sprach oder Teil sei­ner Show war, war schwie­rig zu be­ant­wor­ten. Dass es in dem fol­gen­den Lied um Selbst­ge­sprä­che als Al­ter­na­ti­ve ging, sprach eher für Letz­te­res.

Ja­e­ni­cke war durch­aus red­se­lig, was auch ei­nen Teil des Charmes sei­ner Show „Ab­stiegs­kar­rie­re“aus­mach­te. Selbst­iro­nisch be­zeich­ne­te er sein erstes Stück als „Alt­her­renSwing“. Wie auch in fast al­len fol­gen­den Lie­dern tob­te sich der Pia­nist Ja­e­ni­cke da­bei am Flügel aus, ab und zu griff er aber auch zum Ak­kor­de­on. Be­glei­tet wur­de er von Frank Mat­tu­tat an Schlag­zeug und Gi­tar­re und der Kla­ri­net­tis­tin Birgit Kmie­cin­ski.

„Frank kann aber auch an­ders“, kün­dig­te Ja­e­ni­cke nach dem „Alt­her­renSwing“an, als er ei­ne HipHop-Num­mer an­stimm­te. Dass Mat­tu­tat da­bei zu­nächst an die Tri­an­gel wech­sel­te, sorg­te für Ki­chern im Pu­bli­kum. Ja­e­ni­cke rapp­te dann über ein Kind­heits­trau­ma: den Kauf von Ho­sen. Da­bei wur­de deut­lich, wo­durch sich der Bre­mer aus­zeich­net: Wort­witz, Text­last, Tem­po. Und sei­ne Kla­vier­küns­te in ver­schie­dens­ten Gen­res. So folg­ten Reg­gae, Shan­ty, Volks­mu­sik und Gos­pel.

Nach­dem die ers­ten Stü­cke noch die Pro­ble­me des All­tags the­ma­ti­sier­ten, wid­me­te sich Ja­e­ni­cke bald dar­auf Grö­ße­rem. Et­wa der Com­pu­ter­sucht. Men­schen wür­den heu­te lie­ber on­li­ne das Wet­ter prü­fen, als kurz mal aus dem Fens­ter zu bli­cken, ver­mu­te­te er. Was das Pro­blem dar­an ist, er­klär­te er im nächs­ten Lied: „Da­ten­klau“.

Als der Künst­ler dann er­zähl­te, wie er neu­lich drei gro­ße Schnit­zel für 3,95 Eu­ro ge­kauft hat­te, ahn­te man schon, dass das kei­ne bei­läu­fi­ge An­ek­do­te war. „Was ist so ein Schwein­ele­ben ei­gent­lich wert?“, frag­te sich Ja­e­ni­cke und stimm­te ein Lied über das gu­te Bio-Ge­fühl an. Na­tür­lich wie­der als Sa­ti­re.

Des­halb wuss­ten die Zu­schau­er si­cher auch, dass kein Lob­lied auf Deutschland fol­gen wür­de, als Mat­tu­ta schwarz-rot­gol­de­ne Fah­nen zum Schwen­ken aus­teil­te. Die Hym­ne „Welt­meis­ter­land“ent­pupp­te sich dann auch schnell als Song über un­be­rech­tig­ten Na­tio­nal­stolz, dank Zei­len wie „Das Rad ist ei­ne deut­sche Er­fin­dung“.

Zu deut­lich und da­mit ober­leh­rer­haft wur­de Ja­e­ni­cke al­ler­dings nie. Die erns­ten Themen wur­den meist in be­tont fröh­li­che Me­lo­di­en und Tex­te ver­packt, was nur be­ton­te, wie ab­surd sie ei­gent­lich wa­ren. Das Lied „Tau­ben in Ber­lin“war ei­ne Fa­bel über Frem­den­hass un­ter Vö­geln. „Die Moral von der Ge­schich­te kann ich Ihnen auch nicht sa­gen“, er­klär­te Ja­e­ni­cke im An­schluss. Das muss­te er auch nicht.

Wäh­rend des fast zwei­stün­di­gen Kon­zerts wa­ren die un­te­ren Bän­ke der Kir­che et­wa zur Hälf­te be­setzt. Das über­wie­gend äl­te­re Pu­bli­kum blieb eher ru­hig, fand dem Schmun­zeln zu­fol­ge aber Ge­fal­len am Kon­zert.

Im Lau­fe sei­nes mitt­ler­wei­le vier­ten Pro­gramms wur­de klar, dass Ja­e­ni­cke mehr ein Mu­si­ker und Dich­ter als ein Sän­ger war, was al­ler­dings auch an der nicht im­mer per­fek­ten Akus­tik ge­le­gen ha­ben könn­te. Sei­ne ver­ein­zelt auf­tre­ten­den Text­hän­ger wa­ren an­ge­sichts der Wort­last ver­zeih­bar.

Und wur­den von dem Bre­mer in sei­ner ei­ge­nen Art kom­men­tiert: „Ich müss­te mir mal ein Text­blatt ma­chen – aber dann wür­de ich auch das noch ver­ges­sen.“

FO­TO: VIN­CENT BUß

Auch zum Ak­kor­de­on griff Frie­de­mann Ja­e­ni­cke wäh­rend sei­nes Kon­zerts in der Del­men­hors­ter Stadt­kir­che. Er be­vor­zug­te aber den Flügel.

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